Wollten wir heute gerade über unsere eigene Identitätskrise nachdenken oder versuchen einen Weg aus dieser zu finden um fehlerhafte Identitäten zu überwinden treffen wir bei den Skulpturen und Installationen des Künstlerduos Elmgreen und Dragset genau diesen Punkt. Es ist ein Zusammentreffen von beinahe klinischer Präzision und tiefem emotionalem Abgrund das uns in den Arbeiten von Michael Elmgreen der im Jahr 1961 in Kopenhagen geboren wurde und Ingar Dragset der im Jahr 1969 in Trondheim aufwuchs begegnet. Diese zwei Männer haben ihre nordische Heimat gegen einen Ort getauscht der wie kein zweiter für die Zerrissenheit des 20. Jahrhunderts steht nämlich Berlin. Im Stadtteil Neukölln dort wo die Gentrifizierung auf den rauen Beton der Industriegeschichte trifft finden wir ihre unkonventionellen Galerieräume in einer hohen Lagerhalle wieder. Es ist ein Ort der gleichermaßen als Kathedrale des zeitgenössischen Schaffens und als nüchterne Werkstatt fungiert. Diese Räume bieten Platz und Kulisse zugleich für ihre außergewöhnlichen und zumeist großformatigen Kunstinstallationen die uns oft den Boden unter den Füßen wegziehen während wir noch versuchen einen festen Standpunkt zu finden.
Der deformierte Asphalt der Sehnsucht
In einer ihrer zentralen Installationen finden sich großformatige schwarze Asphaltbrocken die mit eleganten Edelstahlgeländern versehen sind und einen beinahe schmerzhaften Kontrast bilden. Es scheint als ob eine zerstörerische Hand diesen Asphalt auseinandergerissen hat während die Geländer versuchen eine Ordnung aufrechtzuerhalten die längst keine Basis mehr besitzt. In dieser Installation bringen Elmgreen und Dragset die urbane Situation in Konflikt mit uns selbst da wir uns oft nichts sehnlicher wünschen als eine heile Konsumwelt die uns vor den Erschütterungen der Realität schützt. Die Künstler sagen dazu in einem bemerkenswerten Statement dass sich die Dinge ändern und wir uns alle ein bisschen verloren fühlen in dieser Welt. Wir wissen nicht wohin wir gehen sollen und es ist nicht so dass die Kunst hier fertige Antworten bereithält. Vielmehr versuchen die beiden in die Psychologie dessen einzudringen was viele von uns im Moment fühlen. Auch Mona Hatoum hat den vertrauten Alltagsgegenstand in ein Instrument der Verunsicherung verwandelt und zeigt in ihren Installationen wie das Heimische plötzlich bedrohlich wird doch während Hatoum die Exilerfahrung der Einzelnen in universelle Bilder der Entfremdung übersetzt arbeiten Elmgreen und Dragset mit der kollektiven Architektur der Stadt und machen den öffentlichen Raum selbst zum Schauplatz der Identitätskrise. Die Frage wohin wir als nächstes gehen werden bleibt im Raum stehen wie ein Echo in einer leeren Halle. Es ist die Darstellung einer Welt die ihre festen Wege verloren hat und in der die Geländer an denen wir uns festhalten wollen im Nichts enden.
Die Halle in Neukölln als Laboratorium der Vervielfältigung
Die Errichtung der Kunstwerke in der eigenen Halle in Berlin dient meist dazu diese später in anderen Galerien auszustellen und so einem noch größeren Betrachterkreis zuzuführen. Man spürt dort eine fast schon industrielle Melancholie wenn man sieht wie Werke für die Galerie Perrotin in Paris vorbereitet werden während parallel eine weitere Installation für die Londoner Whitechapel Gallery Gestalt annimmt. Auch Gregor Schneider hat in seiner Heimatstadt Rheydt ein ganzes Haus zum permanenten Kunstwerk umgebaut und darin über Jahrzehnte Räume in Räume geschachtelt doch während Schneiders Totes Haus u r eine klaustrophobische Verdichtung des Privaten ist fungiert die Neuköllner Lagerhalle von Elmgreen und Dragset als offener Produktionsort der seine Werke in die Berliner Galerienszene und in die Metropolen der Welt entsendet. Das Künstlerduo steigt also auch ganz bewusst in die Multiplikation ihrer eigenen Werke ein. Es ist ein Spiel mit der Aura des Einzigartigen das sie virtuos beherrschen. In Neukölln entsteht die Blaupause für den globalen Diskurs und man erkennt dass ihre Kunst nicht nur für den Moment des Ausstellens gemacht ist sondern als ein beständiger Kommentar zur globalen Verunsicherung fungiert. Diese Lagerhalle ist kein Rückzugsort sondern ein strategischer Knotenpunkt an dem die Realität seziert und für den Export in die Metropolen der Welt vorbereitet wird. Es ist faszinierend zu beobachten wie das Lokale in Berlin eine universelle Sprache findet die in Paris ebenso verstanden wird wie in London oder New York.
Die Statue of Liberty und der Preis der Freiheit
Für Elmgreen und Dragset ist ihre künstlerische Tätigkeit stets Ausdruck von Identitätssuche und von drängenden Fragen zu sozialen sowie kulturellen und politischen Strukturen. Seit dem Jahr 1995 treffen ihre Installationen immer wieder auf den Diskurs um Kunst und Gesellschaft oder um die Frage ob die Werke einen neuen Kontext herstellen können. In jedem Fall polarisieren die beiden Künstler und regen zur Reflexion und zur eigenen Standortbestimmung an. Auch mit der Skulptur Statue of Liberty stießen die Künstler eine politische Diskussion an die tief in das Fleisch der deutschen Geschichte schneidet. Vor dem ehemaligen Hamburger Bahnhof in Berlin Mitte der heute als Museum für Neue Kunst fungiert steht eine über 3 Meter hohe Freiheitsstatue die eine bittere Wahrheit verkündet. Sie besteht aus einem originalen und seltenen unlackierten Abschnitt der Berliner Mauer an dem ein voll funktionsfähiger Geldautomat befestigt ist. Diese Installation ist eine kritische Spiegelung der Situation nach der Öffnung der Mauer im Jahr 1989 als die Menschen aus der ehemaligen DDR die große Hoffnung auf einen besseren Lebensstandard hatten. Doch diese Hoffnung wurde für viele nicht wahr da sie teilweise ohne Arbeit und Würde allein zurückgelassen wurden während der Kapitalismus in Form des Geldautomaten zwar Einzug hielt aber keine soziale Heimat bot.
Die Kommerzialisierung der Erinnerung als Multiple
Die Künstler haben dieses Werk auch als Multiple geschaffen welches in Form eines hochwertigen Fine Art Prints in einem weißen Holzrahmen verkäuflich ist. Hier zeigt sich die Ironie ihres Schaffens erneut denn die Kritik am Geldsystem wird selbst zu einem Objekt das im Kunstmarkt zirkuliert. Es ist eine bewusste Entscheidung die Grenzen zwischen dem Mahnmal und dem Sammlerstück zu verwischen. Neben Installationen auf großen Kunstmessen wie der Biennale in Venedig im Jahr 2009 oder der Istanbul Biennale im Jahr 2017 sind beide Künstler immer wieder für Überraschungen gut. Sie verstehen es den Betrachter dort abzuholen wo er sich am sichersten fühlt nur um ihn dann mit der Absurdität der eigenen Existenz zu konfrontieren. Ob es ein schwimmendes Ferienhaus in den Kanälen von Venedig ist oder ein einsames Krankenhausbett inmitten einer Galerie stets geht es um die Zerbrechlichkeit des menschlichen Daseins und die Sehnsucht nach einer Identität die mehr ist als nur eine fehlerhafte Konstruktion der Gesellschaft.
Das Verschwimmen der Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem
Wenn man das Werk von Elmgreen und Dragset betrachtet erkennt man eine tiefe Melancholie die oft hinter einem Vorhang aus Humor und klinischer Ästhetik verborgen liegt. Sie thematisieren die Einsamkeit in einer hypervernetzten Welt und die Schwierigkeit echte Verbindungen einzugehen. Ihre Räume wirken oft verlassen als hätten die Bewohner sie gerade erst in großer Eile verlassen. Diese Abwesenheit des Menschen macht seine Identität erst recht spürbar da wir uns in den Objekten die er hinterlassen hat wiederfinden. Félix González-Torres hat diese Verschränkung von Verlust und Intimität mit seinen minimalistischen Installationen aus Bonbons und Glühbirnen auf die Spitze getrieben und das Private in eine universelle Sprache der Trauer übersetzt doch während González-Torres die Abwesenheit des geliebten Menschen in der Reduktion des Materials sichtbar macht inszenieren Elmgreen und Dragset die Abwesenheit als architektonisches Szenario in dem ein ganzes verlassenes Schwimmbad oder ein leerer Korridor zu Projektionsflächen für unsere eigenen Ängste und Wünsche werden. Die beiden Künstler verweigern sich einer einfachen Lesart und fordern uns stattdessen auf die Widersprüche auszuhalten. Es ist eine Kunst die nicht trösten will sondern die Wunden der Moderne offenlegt damit wir sie nicht vergessen. In Berlin haben sie den idealen Nährboden für diese Untersuchungen gefunden da die Stadt selbst eine einzige Installation aus Brüchen und Neuanfängen ist.
Die globale Resonanz einer nordischen Perspektive
Die internationale Karriere von Elmgreen und Dragset zeigt dass ihre Fragen nach Identität und politischer Macht universell gültig sind. Die Auszeichnungen und die Einladungen zu den wichtigsten Ausstellungen der Welt sind nur ein äußeres Zeichen für die Relevanz ihrer Arbeit. Im Kern geht es ihnen immer um den Menschen der versucht in einer Welt aus Stahl und Asphalt sowie aus Geld und Mauern seinen Platz zu finden. Sie zeigen uns dass die Identität kein Ziel ist das man erreicht sondern ein fortwährender Prozess des Scheiterns und des Wiederaufstehens. Ihre Installationen sind Markierungen auf diesem Weg und wir sind eingeladen uns darin zu verlieren um uns vielleicht am Ende ein Stück weit selbst wiederzufinden. Das Duo bleibt eine der wichtigsten Stimmen der Gegenwartskunst da sie es wagen das Unbehagen zu benennen das wir alle spüren wenn wir nachts durch die Straßen einer Großstadt gehen und uns fragen wohin wir als nächstes gehen sollen.
Mehr Informationen unter: https://www.artsy.net/artist/elmgreen-and-dragset/works-for-sale
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die das Verhältnis von Identität, Raum und gesellschaftlicher Konstruktion befragen — von Dramaturgien des Zwischenraums bis Light with no Sound.
