In der heutigen Kunstlandschaft des Jahres zweitausendsechsundzwanzig gibt es nur wenige Namen die eine so beklemmende und zugleich faszinierende Wirkung auf das Publikum ausüben wie der von Gregor Schneider. Wer sich mit seinem Werk befasst betritt keine Galerie im herkömmlichen Sinne sondern begibt sich auf eine Reise in die tiefsten Schichten der menschlichen Psyche die durch Wände und Decken sowie Böden und verborgene Hohlräume materialisiert wird. Gregor Schneider ist der Architekt des Unheimlichen ein Künstler der das Alltägliche so lange spiegelt und verdoppelt bis es seine Vertrautheit verliert und in eine verstörende Fremdheit umschlägt. Sein Schaffen ist untrennbar mit seiner eigenen Biografie und dem Ort seiner Herkunft verbunden. Geboren wurde er am fünften April eintausendneunhundertneunundsechzig in Rheydt einer Stadt die heute vor allem durch ihre unmittelbare Nähe zum gigantischen Braunkohletagebau Garzweiler bekannt ist. Diese Landschaft der Auslöschung und des ständigen Wandels wo ganze Dörfer verschwinden um Platz für gewaltige Erdlöcher zu machen prägte sein Verständnis von Raum und Beständigkeit zutiefst. In Rheydt lebt und arbeitet er bis heute und dieser Ort ist nicht nur sein Zuhause sondern das Epizentrum seines radikalsten Kunstprojektes.
Die frühen Jahre und der Aufbruch in die künstlerische Provokation
Schon früh in seinem Leben zeigte sich die außergewöhnliche Entschlossenheit mit der Gregor Schneider seinen künstlerischen Weg verfolgte. Bereits im zarten Alter von sechzehn Jahren im Jahr eintausendneunhundertfünfundachtzig hatte er seine erste Einzelausstellung in der Galerie Kontrast in Stockholm in Schweden. Dass ein Jugendlicher in diesem Alter bereits eine solche Plattform in einer europäischen Metropole erhielt unterstreicht die Frühreife und die Intensität seiner Visionen. Die achtziger Jahre in denen Schneider aufwuchs waren eine Ära der extremen Kontraste und tiefgreifenden politischen Umbrüche. Während die Welt den Fall der Berliner Mauer und das Ende des Kalten Krieges feierte beschäftigte sich Schneider mit der Enge des Privaten und der Konstruktion von Innenräumen. Diese Jahre des Umbruchs hinterließen bleibende Spuren bei einer Generation von Künstlern. Schneider sog diese Einflüsse auf während er von eintausendneunhundertneunundachtzig bis eintausendneunhundertzweiundneunzig verschiedene renommierte Institutionen besuchte darunter die Kunstakademie Düsseldorf und die Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Diese Lehrjahre waren entscheidend für die Schärfung seines Profils als Bildhauer der nicht mit Stein oder Erz arbeitet sondern mit der Substanz von Gebäuden.
Das Haus u r in Rheydt als lebenslange Obsession
Das Herzstück und zugleich das Fundament seines gesamten Schaffens ist das Haus u r in Rheydt. In den achtziger Jahren begann Schneider damit das Innere dieses gewöhnlichen Wohnhauses systematisch umzugestalten. Doch er renovierte es nicht im herkömmlichen Sinne; er baute Räume in Räume. Er zog neue Wände vor bestehende Wände und senkte Decken ab oder baute doppelte Böden ein. Hinter manchen Tapeten verbargen sich Hohlräume die nur so groß waren dass ein Mensch darin kauern konnte. Diese obsessive Rekonstruktion architektonischer Räume führte dazu dass das Haus zu einem Labyrinth aus Unsichtbarkeit und Materialität wurde. Das Haus u r ist eine Verkörperung der Idee dass Architektur kein statisches Gebilde ist sondern eine Haut die atmet und sich verändert. Schneider verbrachte Jahrzehnte damit Fenster so zu verbauen dass kein Tageslicht mehr eindrang und stattdessen künstliches Licht eine ewige Dämmerung simulierte. Besucher die das Haus betraten verloren schnell die Orientierung und spürten eine körperliche Beklemmung die aus der Diskrepanz zwischen dem vertrauten Anblick einer bürgerlichen Wohnung und der tatsächlichen räumlichen Enge resultierte. In dieser Verwandlung des Vertrauten ins Unheimliche steht Schneider neben Mike Nelson, dessen labyrinthische Installationen wie The Coral Reef ebenfalls den Betrachter in Räume der Desorientierung führen — wenn auch mit dem Vokabular des Fundobjekts und des Staubes, wo Schneider die klinische Präzision des Baumeisters bevorzugt. Für Schneider ist dieses Haus ein Ego-Tunnel ein Raum der Identität konstruiert und gleichzeitig auflöst. Es ist die radikalste Form der Selbsterforschung bei der das eigene Heim zum Käfig und zum Kunstwerk zugleich wird.
Der Triumph in Venedig und das tote Haus u r
Den internationalen Durchbruch und die höchste Anerkennung der Kunstwelt feierte Gregor Schneider im Jahr zweitausendeins auf der Biennale in Venedig. Er ging die Idee der Rekonstruktion noch einen entscheidenden Schritt weiter indem er Teile seines Hauses aus Rheydt abbaute und im deutschen Pavillon in Venedig originalgetreu wieder zusammensetzte. Er nannte diese Installation totes Haus u r. Die Wirkung war überwältigend und verstörend zugleich. Inmitten der sonnigen Lagunenstadt fanden sich die Besucher plötzlich in den düsteren und engen Räumen eines niederrheinischen Wohnhauses wieder. Der Kontrast zwischen der Pracht der Biennale und der klaustrophobischen Realität von Schneiders Räumen war so gewaltig dass die Jury ihm den Goldenen Löwen verlieh. Das tote Haus u r wurde zu einem Mahnmal für die psychologische Kraft der Architektur. Die Menschen wanderten durch Flure und Zimmer die sich anfühlten als trügen sie die Last einer unsichtbaren Geschichte in sich. Schneider hatte bewiesen dass man einen Ort nicht nur physisch transportieren kann sondern dass auch die Atmosphäre und das Unbehagen mit ihm reisen. Diese Arbeit zementierte seinen Ruf als einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit der die Grenzen zwischen privatem Raum und öffentlicher Ausstellung vollkommen auflöst.
Von den Zellen am Bondi Beach zum Tabu des Sterbens
Schneider ruhte sich nicht auf seinem Erfolg in Venedig aus sondern suchte weiterhin nach Wegen die menschliche Wahrnehmung herauszufordern. Im Jahr zweitausendsieben schuf er am berühmten Bondi Beach in Australien eine beeindruckende Installation die einen scharfen Kontrast zur entspannten Urlaubsatmosphäre bildete. Auf einer Fläche von vierhundert Quadratmetern errichtete er ein Ensemble aus einundzwanzig identischen Zellen. Diese Gitterboxen die an Gefängniszellen oder Quarantäneräume erinnerten standen verloren im Sand vor der Kulisse des Ozeans. Die Wiederholung der immer gleichen Form und die Kälte des Materials konfrontierten die Passanten mit Fragen der Isolation und der Überwachung inmitten eines Ortes der Freiheit — eine Intervention im öffentlichen Raum die zeigt, wie Kunst die gewohnten Funktionen eines Ortes radikal unterlaufen kann.
Doch im Jahr zweitausendacht erreichte die öffentliche Diskussion um Schneider eine neue Eskalationsstufe als er seinen Wunsch erklärte einen Ort zum Sterben zu schaffen. Er wollte einen Raum gestalten in dem ein Mensch in Würde und in einem künstlerischen Kontext sterben konnte. Diese Ankündigung löste eine weltweite Kontroverse aus und führte zu heftigen ethischen Debatten über die Grenzen der Kunst und die Heiligkeit des Todes. Im Jahr zweitausendelf präsentierte er schließlich seinen Sterbraum im Kunstraum Innsbruck in Österreich. Es war ein Raum der durch seine Stille und seine spezifische Gestaltung eine Atmosphäre der Kontemplation schuf ohne dabei jemals die Grenze zum Spektakel zu überschreiten. Diese Arbeit forderte die Besucher heraus sich ihrer eigenen Endlichkeit zu stellen — eine Konfrontation die auch zentrale Fragen im Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berührt: Wie weit darf Kunst gehen? Und welche Tabus muss sie brechen um zur Wahrheit vorzudringen?
Die akademische Lehre und die Weitergabe des Wissens
Parallel zu seinem künstlerischen Schaffen war Gregor Schneider immer auch ein leidenschaftlicher Vermittler und Lehrer. Von eintausendneunhundertneunundneunzig bis zweitausenddrei wirkte er als Professor an De Ateliers in Amsterdam sowie an der Akademie der bildenden Künste in Hamburg und an der Königlich Dänischen Akademie der Schönen Künste in Kopenhagen. Seine Expertise war weltweit gefragt was ihn als Gastredner an so renommierte Orte wie die AA School of Architecture in London oder die Yale School of Art in den USA führte. Im Jahr zweitausendneun folgte er dem Ruf an die Universität der Künste Berlin wo er als Professor für Bildhauerei wirkte bevor er zweitausenddreizehn an die Hochschule für bildende Künste in München wechselte. Seit dem Jahr zweitausendsechzehn bekleidet er eine Professur an der Akademie der bildenden Künste in Düsseldorf womit er an jene Stätte zurückkehrte an der er einst selbst als Student begann. Schneider nutzt seine Professuren um den Studierenden beizubringen dass Bildhauerei heute bedeutet Räume als soziale und psychologische Gefüge zu begreifen. Er fordert von seinen Schülern eine ebenso kompromisslose Auseinandersetzung mit der Realität wie er sie selbst seit Jahrzehnten vorlebt.
Ego Tunnel und die Erforschung der Identität in Luxemburg
Ein weiterer Meilenstein in seiner Ausstellungsgeschichte ist die Schau mit dem Titel Ego Tunnel in Luxemburg. Es war die erste große Präsentation seiner Werke in diesem Land und bot einen umfassenden Einblick in sein Universum. Schneider versammelte hier eine Auswahl aus seiner persönlichen Räume-Sammlung und ermöglichte es den Besuchern die Hauptwerke seiner Laufbahn an einem Ort zu entdecken. Die Ausstellung umfasste insgesamt einhundertfünfzig Werke darunter Filme und Fotografien sowie Skulpturen die alle um die Grundfragen von Identitätskonstruktion und Identitätsverlust kreisten. Die Art und Weise wie Schneider diese Räume im Museum anlegte schuf ein völlig neuartiges architektonisches Ensemble das die gewohnten Wege der Besucher durchbrach. Man tauchte ein in eine Welt die versuchte alltägliche Räume zu lösen und ihre festen Bedeutungen aufzuheben. Wer die Ausstellung verließ hatte oft das Gefühl einer unerwarteten Verwandlung. In dieser Fähigkeit den Ausstellungsraum selbst zum Kunstwerk zu machen steht Schneider neben Künstlern wie Cristina Iglesias, deren architektonische Skulpturen ebenfalls die Grenze zwischen Raum und Werk auflösen, und Do Ho Suh, dessen transluzente Stoffarchitekturen die Frage stellen was ein Zuhause ist — allerdings mit einer Leichtigkeit die Schneiders klaustrophobischer Schwere diametral entgegensteht.
Die Reflexion des Raumes am Rande des Abgrunds
Wenn man Gregor Schneiders Arbeit im Jahr zweitausendsechsundzwanzig betrachtet dann sieht man das Werk eines Mannes der keine Angst vor der Dunkelheit hat. Sein Leben in Rheydt direkt neben dem Tagebau Garzweiler ist ein Sinnbild für seine Kunst. Er baut seine Wände während direkt vor seiner Haustür die Welt im großen Maßstab abgerissen wird. Es ist ein verzweifelter und zugleich heroischer Akt der Konstruktion gegen die unaufhaltsame Zerstörung. Seine Räume sind Kapseln der Erinnerung und der Verdrängung die uns zeigen dass wir niemals wirklich wissen was sich hinter der nächsten Wand verbirgt. Schneider hat die Bildhauerei revolutioniert indem er sie von der Figur befreit und sie ganz in den Dienst des Raumes gestellt hat. Er erinnert uns daran dass wir alle Bewohner von Räumen sind die uns formen und die wir wiederum durch unsere Anwesenheit mit Bedeutung aufladen. Seine Arbeiten hinterlassen Spuren in der Seele des Betrachters die lange nachwirken weil sie einen Nerv treffen den wir im Alltag oft betäuben.
Gregor Schneider bleibt einer der bedeutendsten Künstler unserer Gegenwart weil er es wagt die Fragen zu stellen vor denen wir am liebsten davonlaufen würden. Er konfrontiert uns mit der Stille und der Enge sowie mit der Unausweichlichkeit des Todes und der Instabilität unserer Identität. Seine Räume sind keine Orte der Erholung sondern Orte der Prüfung. Wer bereit ist sich auf diesen Ego-Tunnel einzulassen wird mit einer Wahrheit konfrontiert die so schlicht wie erschütternd ist: Wir bauen uns unsere eigenen Gefängnisse und nennen sie Zuhause. Gregor Schneider hat diese Gefängnisse sichtbar gemacht und ihnen eine ästhetische Form verliehen die weltweit ihresgleichen sucht. In einer Zeit der flüchtigen digitalen Bilder ist die physische Schwere seiner Architektur ein notwendiges Korrektiv das uns zurück zu unserer eigenen Körperlichkeit und unseren ureigenen Ängsten führt.
Mehr Informationen unter: https://www.gregor-schneider.de
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die den Raum als psychologisches Gefüge begreifen — von Cave bis Dark Ages.
