Gillian Wearing ist eine Künstlerin der leisen Töne die eine ungeheure psychologische Sprengkraft entfalten können sobald man sich auf die Tiefe ihrer Arbeiten einlässt. In einer Welt die heute mehr denn je von der Inszenierung der eigenen Person und der permanenten Sichtbarkeit im digitalen Raum geprägt ist wirkt ihr Werk wie ein notwendiges Korrektiv. Sie beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Kluft zwischen dem was wir nach außen hin präsentieren und dem was tief in unserem Inneren vorgeht. Ihre Videos und Fotografien sind keine bloßen Abbildungen sondern tiefgreifende Untersuchungen der menschlichen Psyche die oft zwischen Ironie und Ergreifung sowie zwischen Beunruhigung und tiefer Konfession schwanken. Inspiriert von den Formaten des dokumentarischen Fernsehens schafft sie Zugänge zu den verborgenen Gedanken fremder Menschen und gewährt dabei gleichzeitig Einblicke in ihre eigene komplexe Identität. Als eine der bedeutendsten Vertreterinnen ihrer Generation hat sie die Art und Weise wie wir über das Porträt und die soziale Maskerade denken grundlegend verändert. Wo Barbara Kruger den öffentlichen Text als Waffe der Subversion einsetzt und die Sprache der Werbung gegen sich selbst wendet dreht Wearing die Richtung um: Sie gibt den Text an die Porträtierten zurück und lässt die Wahrheit aus dem Inneren der Menschen nach außen dringen. Ihr Werk erinnert uns daran dass die Wahrheit oft dort zu finden ist wo wir sie am wenigsten vermuten nämlich hinter den Schildern die wir hochhalten oder hinter den Masken die wir tragen um uns vor der Welt zu schützen.
Die frühen Jahre in Birmingham und der Aufbruch in die Anonymität
Die Geschichte von Gillian Wearing beginnt im industriell geprägten Birmingham wo sie in einer klassischen familiären Umgebung mit ihren Eltern und zwei Geschwistern aufwuchs. Schon früh zeigte sich bei ihr eine gewisse Distanz zu den herkömmlichen Bildungswegen was sich darin äußerte dass sie bereits im Alter von elf Jahren das Lesen von Büchern aufgab. Ihre Zeit an der Dartmouth High School beschrieb sie später in einem eher negativen Licht wobei sie sich kaum in das starre System der schulischen Anforderungen einfügen konnte. Eine wesentliche Ausnahme in dieser Zeit der Ablehnung bildete jedoch die Begegnung mit ihrem Kunstlehrer der ihr Talent erkannte und eine Maske lobte die sie als junges Mädchen hergestellt hatte. Dieser Moment der Anerkennung für ein Objekt das das Gesicht verbirgt sollte später zu einem zentralen Motiv ihres gesamten künstlerischen Schaffens werden. Dennoch entschied sie sich zunächst gegen eine akademische Laufbahn und verließ die Schule im Alter von sechzehn Jahren ohne einen formalen Abschluss. Dieser radikale Bruch mit der Herkunft führte sie direkt in die Anonymität der Metropole London wo sie nach neuen Wegen suchte um sich in der Welt zu verorten. Es war eine Zeit des Suchens in der sie sich in einer Amateur Schauspielgruppe ausprobierte und in einem Animationsstudio in Soho arbeitete wobei sie von der Fähigkeit fasziniert war Figuren Leben einzuhauchen. Diese Erfahrungen abseits der klassischen Kunstwelt schärften ihren Blick für die Konstruktion von Charakteren und die Macht der schauspielerischen Verwandlung.
Schilder der Wahrheit und die Eroberung des öffentlichen Raums
Der eigentliche Durchbruch für Gillian Wearing kam in den frühen neunzehnhundertneunziger Jahren als sie eine Arbeit schuf die heute als ein Meilenstein der Konzeptkunst gilt. Für ihre Serie mit dem Titel Signs That Say What You Want Them to Say and Not Signs That Say What Someone Else Wants You to Say hielt sie Passanten in den Straßen von London an und lud sie ein ihre innersten Gedanken auf eine weiße Karte zu schreiben. Anschließend fotografierte sie die Menschen während sie diese Schilder vor sich hielten. Das Ergebnis war eine erschütternde und zugleich berührende Dokumentation der menschlichen Verfassung. Eines der bekanntesten Bilder zeigt einen gut gekleideten jungen Mann im Anzug der ein Schild mit der Aufschrift I am desperate hochhält. Diese Diskrepanz zwischen der äußeren Erscheinung des beruflichen Erfolgs und der inneren Verzweiflung entlarvte die Oberflächlichkeit der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Wearing gab den Menschen eine Stimme die sie im öffentlichen Raum sonst nie erhalten hätten und schuf damit ein Format das heute in der Populärkultur und in den sozialen Medien allgegenwärtig ist. Die Geste des Schildhochhaltens ist zu einer universellen Methode der Wahrheitsfindung und des Bekenntnisses geworden. Auch Nan Goldin hat die Grenze zwischen dem Intimen und dem Öffentlichen radikal aufgelöst doch während Goldin ihre eigene Gemeinschaft von innen heraus dokumentiert wendet sich Wearing an vollkommen Fremde und verwandelt die flüchtige Begegnung auf der Straße in ein Bekenntnis von verstörender Tiefe. Für diese radikale Form der dokumentarischen Porträtfotografie erhielt sie im Jahr neunzehnhundertsiebenundneunzig den prestigeträchtigen Turner Preis was ihren Status als eine der führenden Künstlerinnen ihrer Generation endgültig festigte.
Maskeraden und die Suche nach dem wahren Gesicht
Ein wiederkehrendes Thema im Werk von Gillian Wearing ist die Verwendung von Masken um die eigene Identität zu verbergen oder die Identität anderer anzunehmen. In ihren Selbstporträts der frühen zweitausender Jahre trieb sie dieses Spiel mit der Maskerade auf die Spitze indem sie sich mithilfe von aufwendigen Silikonmasken in ihre eigenen Familienmitglieder oder in bewunderte Künstlerkollegen verwandelte. Sie wurde zu ihrem Vater oder zu ihrer Mutter und sogar zu ihrem jüngeren Ich wobei die Masken so perfekt gearbeitet waren dass nur die Augen der Künstlerin durch die Sehschlitze auf die Welt blickten. Cindy Sherman hat das Spiel mit der Maskerade und der multiplen Identität in der Fotografie begründet und sich in endlosen Verwandlungen in Filmstills und Gesellschaftsporträts aufgelöst doch Wearing geht einen entscheidenden Schritt weiter: Wo Sherman fiktive Typen erschafft schlüpft Wearing in reale Menschen aus ihrer eigenen Biografie und macht die Identitätsauflösung zu einer Familienangelegenheit. Diese Arbeiten sind zutiefst beunruhigend da sie die Grenze zwischen dem Selbst und dem Anderen vollkommen verwischen. Wearing untersucht hierbei wie sehr unsere Identität durch unsere Herkunft und durch die Menschen die uns geprägt haben geformt wird. Die Maske dient ihr dabei nicht als Versteck sondern als Werkzeug um eine tiefere psychologische Wahrheit über die Verbindung zwischen den Generationen freizulegen. Auch in ihren Videoarbeiten wie Confess All on Video nutzen die Teilnehmer Masken um anonym über ihre dunkelsten Geheimnisse und Begierden zu sprechen. Wearing zeigt dass die Anonymität oft die Voraussetzung für absolute Ehrlichkeit ist und dass wir uns erst dann trauen die Wahrheit zu sagen wenn unser Gesicht vor den Urteilen der Gesellschaft geschützt ist.
Institutionalisierung und die monumentale Skulptur in London
Trotz ihres Interesses an der Verborgenheit und der Anonymität ist Gillian Wearing heute eine der am meisten gefeierten zeitgenössischen Künstlerinnen in den Sammlungen der großen Museen weltweit. Ihre Arbeiten finden sich in der Tate Modern in London und im Museum of Modern Art in New York sowie im Guggenheim Museum und im Los Angeles County Museum of Art. Im Jahr zweitausendsieben wurde sie zum lebenslangen Mitglied der Royal Academy of Arts gewählt was eine der höchsten Auszeichnungen für einen Künstler in Großbritannien darstellt. Ihr Einfluss reicht weit über die Fotografie und das Video hinaus was sich auch in ihren skulpturalen Arbeiten zeigt. Eines ihrer jüngsten und bedeutendsten Werke ist die Statue der Suffragistin Millicent Fawcett die auf dem Parliament Square in London aufgestellt wurde. Es war die erste Skulptur einer Frau an diesem historisch so bedeutsamen Ort und ein kraftvolles Zeichen für die Gleichberechtigung und den politischen Aktivismus. Mit der Fawcett-Statue hat Wearing einen Beitrag zur Kunst im öffentlichen Raum geleistet der zeigt wie ein Denkmal zugleich politisches Statement und künstlerische Geste sein kann. Wearing schuf damit ein Denkmal das die Geschichte des Frauenwahlrechts ehrt und gleichzeitig ihre eigene Handschrift als Künstlerin trägt die sich stets für die Sichtbarkeit derer einsetzt die oft im Schatten der Geschichte stehen. Sie lebt und arbeitet heute in einem Studio in East London das sie mit ihrem Partner dem Künstler Michael Landy teilt wobei beide in einem ständigen Dialog über die Funktion der Kunst in der Gesellschaft stehen.
Gillian Wearing hat uns gelehrt dass das Porträt niemals nur eine Abbildung der Oberfläche ist sondern immer ein Kampf um die Wahrheit hinter der Fassade. Sie hat die Fotografie aus dem Bereich des dokumentarischen Realismus befreit und sie als ein Medium der psychologischen Tiefenbohrung etabliert. Ihre Schilder und Masken sind keine bloßen Requisiten sondern Instrumente einer radikalen Empathie die uns dazu auffordert die Menschen um uns herum mit anderen Augen zu sehen. In einer Zeit in der wir uns oft hinter digitalen Filtern verstecken erinnert uns ihr Werk an den Wert der ungeschönten Beichte und an die Schönheit der verletzlichen Existenz. Sie bleibt eine stille Beobachterin der menschlichen Natur deren Bilder uns noch lange verfolgen werden weil sie uns den Spiegel vorhalten ohne uns dabei zu belehren. Gillian Wearing ist die Chronistin der inneren Landschaften deren Werk uns zeigt dass die größten Geheimnisse oft direkt vor unseren Augen liegen wenn wir nur den Mut besitzen genau hinzusehen.
Mehr Informationen unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Gillian_Wearing
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion, zwischen Maske und Wahrheit befragen.
