In der schillernden Welt der zeitgenössischen Ästhetik gibt es kaum eine Persönlichkeit die so sehr polarisiert und gleichzeitig so allgegenwärtig ist wie Jeff Koons. Er gilt als einer der umstrittensten und am meisten zitierten lebenden Künstler der Welt und hat das Verständnis von Kunst sowie Kommerz und Kitsch im späten zwanzigsten und frühen einundzwanzigsten Jahrhundert grundlegend verändert. Koons der im Jahr 1955 in York in Pennsylvania geboren wurde hat eine Karriere erschaffen die von einer beispiellosen Mischung aus handwerklicher Perfektion sowie marketingtechnischem Genie und einer tiefen Faszination für die Alltagskultur geprägt ist. Wer vor seinen Werken steht begegnet einer Welt die keine Grenzen zwischen hoher Kunst und populärer Kultur zu kennen scheint. Er ist ein Meister der Oberfläche der uns mit riesigen glänzenden Objekten konfrontiert die unsere eigene Eitelkeit und unsere Sehnsüchte widerspiegeln. Koons fordert den Betrachter heraus seine Vorurteile über den guten Geschmack abzulegen und sich auf eine visuelle Reise einzulassen die von Staubsaugern in Plexiglasboxen bis hin zu monumentalen blumengeschmückten Hunden reicht. Er ist der Architekt einer neuen Form des Monumentalismus der die Sprache der Werbung und des Konsums nutzt um universelle menschliche Emotionen und spirituelle Sehnsüchte zu verhandeln.
Die Anfänge in Pennsylvania und die surrealistische Ausbildung
Die biografische Reise von Jeff Koons begann in einer bürgerlichen Umgebung als Sohn von Henry und Gloria Koons. Sein Vater war ein Innendekorateur was vielleicht den frühen Sinn des Jungen für Ästhetik und die Gestaltung von Räumen prägte. Nach seinem Schulabschluss zog es Koons zum Studium an das Maryland Institute College of Art in Baltimore sowie an die School of the Art Institute of Chicago. In diesen formativen Jahren der 1970er Jahre beschäftigte er sich intensiv mit surrealistischen Traumlandschaften und suchte nach Wegen das Unbewusste in visuelle Formen zu übersetzen. Im Jahr 1976 schloss er sein Studium mit einem Bachelor of Fine Arts ab.
Der Verkäufer im Museum und der Aufstieg an der Wall Street
In Manhattan angekommen nahm Jeff Koons zunächst einen Job als Verkäufer von Mitgliedschaften im Museum of Modern Art an. Diese Tätigkeit schärfte seine Fähigkeiten in der Kommunikation und im Vertrieb. Im Jahr 1980 verließ er das Museum und wagte den Sprung in die Finanzwelt indem er begann Aktien und Investmentfonds zu verkaufen. Diese Phase als Börsenmakler war untrennbar mit seinem künstlerischen Aufstieg verbunden da er das verdiente Geld nutzte um seine ersten aufwendigen Kunstprojekte zu finanzieren. Koons begriff früher als viele andere dass die Produktion von zeitgenössischer Kunst enorme finanzielle Ressourcen erfordert und dass der Künstler auch ein Unternehmer sein muss. Er sah keinen Widerspruch zwischen der Welt des Geldes und der Welt der Schönheit sondern begriff sie als zwei Seiten derselben Medaille — eine Haltung die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berührt und die den Kunstmarkt bis heute prägt.
Staubsauger und die Ästhetik des Neuen
Sein eigentliches Debüt in der New Yorker Kunstszene feierte Jeff Koons im Jahr 1980 mit einer Ausstellung im New Museum. Die Präsentation war wie ein Showroom gestaltet und zeigte Staubsauger der Marke Hoover die in hell beleuchteten Plexiglasboxen arrangiert waren. Diese Serie die unter dem Namen The New bekannt wurde gehörte zur Neo-Geo-Bewegung und untersuchte das Konzept der Reinheit und der Unschuld. Die Geräte waren unbenutzt und wurden durch die Präsentation in den Status von Ikonen erhoben. Koons faszinierte die Idee dass ein Objekt in dem Moment in dem es neu ist eine vollkommene Integrität besitzt die durch den Gebrauch verloren geht. In dieser Erhebung des industriellen Alltagsobjekts zum Kunstwerk steht Koons in der direkten Nachfolge von Andy Warhol, dessen Factory-Prinzip und Brillo-Boxes die Grenze zwischen Konsum und Kunst erstmals radikal auflösten. Bereits im Jahr 1979 hatte er mit der Vinylobjektserie Inflatables experimentiert bei der er aufblasbare Blumen und Hasen auf Spiegeln platzierte.
Das Gleichgewicht und die Physikalität der Basketbälle
Im Jahr 1983 startete Koons die Serie The Equilibrium welche eine neue Ebene der technischen Komplexität und der symbolischen Tiefe erreichte. Die zentralen Werke bestanden aus Basketbällen die in Aquarien mit destilliertem Wasser schwebten. Koons arbeitete eng mit Wissenschaftlern zusammen um eine Lösung zu finden die es erlaubte die Bälle genau in der Mitte des Tanks im Gleichgewicht zu halten — eine Verbindung von Kunst und Wissenschaft die seine Arbeitsweise durchzieht. Diese Tanks wurden oft flankiert von gerahmten Postern bekannter Basketballstars der Zeit. Für Koons symbolisierten die schwebenden Bälle einen Zustand der vollkommenen Ruhe und des potenziellen Seins. Die Serie erregte in den frühen 1980er Jahren erhebliche Aufmerksamkeit bei den Kritikern da sie die Kühle des Minimalismus mit einer emotionalen Aufladung verband.
Der Sprung zum Weltruhm und die Michael Jackson Skulptur
Obwohl Jeff Koons bereits in Fachkreisen bekannt war gelang ihm erst im Jahr 1986 der endgültige Sprung in die breite Weltöffentlichkeit. Ein Schlüsselwerk dieser Phase war die Skulptur Michael Jackson and Bubbles aus dem Jahr 1988 die den King of Pop mit seinem Schimpansen zeigt. Das Werk das aus vergoldetem Porzellan gefertigt wurde erinnerte in seiner Ästhetik an religiöse Kitschfiguren oder Rokoko-Dekorationen. Koons thematisierte hier den Starkult und die Idealisierung von Prominenten als moderne Heilige. In den späten 1990er Jahren griff Paul McCarthy dieses Motiv in einer Reihe von Skulpturen auf — wenn auch mit einer grotesken Brutalität die Koons‘ glatter Perfektion diametral entgegensteht. Koons hatte eine Bildsprache gefunden die den Zeitgeist der späten 1980er Jahre perfekt einfing: eine Mischung aus Opulenz sowie Oberflächlichkeit und einer unterschwelligen Melancholie über die Flüchtigkeit des Ruhms.
Puppy und der monumentale Hund von Bilbao
Ein Wendepunkt in Richtung Monumentalismus war die Erschaffung des Werks Puppy im Jahr 1992. Hierbei handelt es sich um eine gigantische Skulptur eines West Highland Terriers die über zwölf Meter hoch ist und deren Oberfläche komplett mit Tausenden von lebenden Blumen bepflanzt ist. Puppy fand schließlich seinen dauerhaften Platz am Eingang des Guggenheim Museum in Bilbao in Spanien. Die Skulptur benötigt ein komplexes internes Bewässerungssystem um die Pflanzen am Leben zu erhalten was sie zu einem organischen Monument macht das sich mit den Jahreszeiten verändert. Puppy spricht die Sprache der Zuneigung und ist zu einem der beliebtesten öffentlichen Kunstwerke weltweit geworden. Koons bewies hier dass er in der Lage ist den öffentlichen Raum mit Objekten zu besetzen die zwar populär und leicht zugänglich sind aber dennoch eine enorme skulpturale Kraft besitzen.
Celebration und die Perfektion des Stahls
In den 1990er Jahren begann Koons mit der Arbeit an der Serie Celebration die einige seiner heute teuersten und bekanntesten Werke umfasst. Dazu gehören die Balloon Dogs und die riesigen Herzen sowie die Ostereier die alle aus hochglanzpoliertem Edelstahl gefertigt sind. Die Herstellung eines Balloon Dog dauerte oft Jahre da Koons auf einer absolut makellosen Oberfläche bestand. In dieser obsessiven Perfektion der Oberfläche berührt sich Koons‘ Arbeit überraschend mit der von Ron Mueck, dessen hyperrealistische Skulpturen ebenfalls eine technische Makellosigkeit anstreben — wenn auch im Dienst des menschlichen Körpers statt des aufgeblasenen Spielzeugs. Die Celebration-Serie festigte Koons‘ Status als ein Künstler der den Markt dominiert.
Der Einfluss auf Damien Hirst und die Young British Artists
Der Einfluss von Jeff Koons auf die nachfolgenden Generationen von Künstlern kann kaum überschätzt werden. Besonders deutlich wird dies in der Arbeit von Damien Hirst dem bekanntesten Mitglied der Young British Artists. Hirsts berühmtes Werk mit dem Hai in Formaldehyd aus dem Jahr 1991 kann als ein direkter Bezug zu Koons‘ Equilibrium-Serie gesehen werden. Beide Künstler nutzen das Prinzip des Objekts im Tank um Fragen nach Leben und Tod sowie nach der Konservierung von Zeit zu stellen. Koons hat den Weg geebnet für eine Kunst die sich ganz selbstverständlich der Strategien der Werbung und des Kommerzes bedient. Auch Künstler wie Takashi Murakami, der die japanische Otaku-Kultur in die Galerien der Welt brachte, setzen sich in ihren Arbeiten mit den Konzepten der Pop Art und des Readymade auseinander die Koons in den 1980er Jahren radikalisiert hat.
Jeff Koons als Spiegel der zeitgenössischen Gesellschaft
Abschließend lässt sich sagen dass Jeff Koons wie kaum ein anderer Künstler die Widersprüche unserer Zeit verkörpert. Er ist der Seismograph einer Gesellschaft die zwischen Konsumrausch und spiritueller Suche sowie zwischen Massenproduktion und dem Wunsch nach Einzigartigkeit schwankt. Seine Werke sind Spiegel in denen wir uns selbst in all unserer Pracht und Banalität erkennen können. Ob man seine Kunst liebt oder ablehnt man kommt an seiner visuellen Gewalt nicht vorbei. Er hat die Spielregeln der Kunstwelt verändert und die Grenze zwischen dem Museum und dem Marktplatz dauerhaft verwischt. Jeff Koons bleibt der unangefochtene König des Pop dessen Ballonhunde und Tulpensträuße auch in Zukunft die Plätze und Museen unserer Welt bevölkern werden. Er hat uns gelehrt dass die Banalität kein Feind der Kunst ist sondern ihr fruchtbarster Boden wenn man sie mit genug Glanz und Liebe zum Detail behandelt.
Mehr Informationen unter: www.jeffkoons.com
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die zwischen Oberfläche und Tiefe oszillieren — von Helden der Popkultur bis Demons.
