Jimmie Durham war ein Künstler der die Welt nicht nur betrachtete sondern sie aktiv mit seinen Händen und seinem scharfen Verstand umformte. Der im Jahr neunzehnhundertvierzig in den USA geborene Durham entwickelte früh ein starkes Interesse an der Bürgerrechtsbewegung was ihn bereits im Jahr neunzehnhundertdreiundsechzig zu den Ausdrucksformen von Performance und Theater sowie Literatur führte. Ermutigt durch die afroamerikanische Dramatikerin Vivian Ayers gab er in jenem Jahr seine erste Vorstellung im Arena Theatre in Houston. Sein Weg war von Beginn an geprägt von einer Suche nach Wahrheit jenseits der offiziellen Erzählungen. Durham begann Gedichte in progressiven Zeitschriften zu veröffentlichen und schrieb sich schließlich an der University of Texas in Austin ein. Seine künstlerische Reise führte ihn im Jahr neunzehnhundertneunundsechzig nach Genf an die École nationale supérieure des beaux-arts wo er sich auf Performance und abstrakte Skulptur konzentrierte. Diese europäischen Erfahrungen bildeten den Kontrapunkt zu seiner tiefen Verwurzelung in der Geschichte Nordamerikas.
Aktivismus und die Rückkehr zur Kunst
In den siebziger Jahren rückte die Kunst vorübergehend in den Hintergrund als Durham in die USA zurückkehrte um sich ganz dem politischen Kampf zu widmen. Er wurde zu einem hauptamtlichen Organisator des American Indian Movement und übernahm im Jahr neunzehnhundertvierundsiebzig die Rolle des Exekutivdirektors des International Indian Treaty Council in New York. Diese Jahre des Aktivismus waren keine Unterbrechung seiner Kreativität sondern eine Vertiefung seines Verständnisses für Machtstrukturen und Repräsentation. Erst im Jahr neunzehnhundertachtzig entschied er sich den organisatorischen Dienst zu verlassen und sich wieder voll und ganz der künstlerischen Tätigkeit zuzuwenden. In Manhattan leitete er die Foundation for the Community of Artists und gab die monatliche Publikation Art and Artists Newspaper heraus. Sein Gedichtband Columbus Day aus dem Jahr neunzehnhundertdreiundachtzig markierte seine Rückkehr als literarische Stimme die die Mythen der Entdeckung Amerikas radikal hinterfragte. In dieser Verbindung von Kunst und politischem Aktivismus stand Durham neben Künstlern wie Ai Weiwei, der seine internationale Plattform ebenfalls für den Kampf um Menschenrechte und gegen staatliche Unterdrückung nutzt. Zusammen mit seiner Partnerin Maria Thereza Alves zog er später nach Mexiko wo er seine Arbeit in zahlreichen Einzelausstellungen weiterentwickelte und den Grundstein für seinen internationalen Ruhm legte.
Die Sprache der Materialien und die Dekonstruktion der Macht
Das Werk von Jimmie Durham zeichnet sich durch eine unglaubliche Vielfalt an Medien und Verfahren aus. Er nutzte skulpturale Assemblagen und Malerei sowie Zeichnung und Collage um die gängigen Bilder über amerikanische Ureinwohner durch ironische Subversion zu unterwandern. Durham war ein Meister darin Materialien zu verwenden die gerade zur Hand waren. In seinen Händen verschmolzen Stein und Holz sowie Tierknochen und Tierhäute mit den Abfällen der modernen Welt wie Autoteilen oder Rohren aus Plastik und Metall sowie Glas. Er zeigte uns dass ein Stein nicht nur ein Objekt der Natur ist sondern ein Werkzeug um die Architektur der Macht zu zertrümmern. In dieser Methode der skulpturalen Assemblage aus Fundstücken und Naturmaterialien berührt sich Durhams Arbeit mit der von Sheela Gowda, die in ihren Installationen ebenfalls Alltagsmaterialien — Kuhdung, menschliches Haar, Teer — zu politischen Aussagen verdichtet, und mit Thomas Hirschhorn, der aus Karton und Klebeband monumentale Denkmäler baut. Im Jahr neunzehnhundertvierundneunzig kehrte er dauerhaft nach Europa zurück und lebte in Städten wie Dublin und Rom sowie Berlin. Hier konzentrierte sich seine Arbeit auf die Analyse nationaler Identitäten und die Dekonstruktion der damit verbundenen Denkmäler. Er hinterfragte die Beständigkeit von Gebäuden und die Ideologien die sie repräsentieren indem er den Stein als störendes Element einsetzte das die Ordnung der Zivilisation herausfordert.
Wirkung und internationales Vermächtnis
Die Bedeutung von Jimmie Durham für die zeitgenössische Kunst spiegelt sich in seiner ständigen Präsenz auf den großen Biennalen und Ausstellungen wider. Von der Biennale in Venedig bis zur Documenta in Kassel blieb er eine kritische Stimme die niemals aufhörte die Mythen der europäischen Expansion und des westlichen Selbstverständnisses in Frage zu stellen. Im Jahr zweitausendfünf kuratierte er eine Ausstellung die die Erzählungen über den amerikanischen Westen herausforderte und damit einen wichtigen Beitrag zum postkolonialen Diskurs leistete. Retrospektiven in Antwerpen und Einzelausstellungen in Berlin sowie London würdigten sein lebenslanges Engagement für eine Kunst die sowohl poetisch als auch politisch ist. Für sein Schaffen erhielt er bedeutende Preise wie den Goslarer Kaiserring und den Robert Rauschenberg Award. Jimmie Durham verstarb am siebzehnten November zweitausendeinundzwanzig im Alter von einundachtzig Jahren in Berlin einer Stadt die ihm in seinen letzten Jahren zur Heimat geworden war. Er hinterlässt ein Werk das uns auch heute noch dazu auffordert die Steine die uns umgeben mit neuen Augen zu sehen und die Lieder der Freiheit niemals verstummen zu lassen.
Jimmie Durham war ein Wanderer zwischen den Welten der den Geist des Widerstands in die Schönheit der Materie übersetzte. Sein Erbe ist eine Aufforderung zur Wachsamkeit und zur Freude an der Subversion. Er hat bewiesen dass Kunst eine Angelegenheit von Leben und Tod sowie von Gesang ist und dass die Wahrheit oft in den Bruchstücken zu finden ist die wir im Alltag übersehen. Seine Stimme bleibt unverzichtbar für alle die an die Kraft der Veränderung durch das Bild und das Wort glauben. Er war der Architekt der ironischen Wahrheit dessen Visionen uns auch in Zukunft den Weg weisen werden.
Mehr Informationen unter: https://www.kunstforum.de/person/durham-jimmie/
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die Widerstand und Poesie verbinden — von Handle als wäre Rettung möglich bis Cataclysmic Change.
