Georg Pierdsa gehörte zu den berühmtesten unbekannten Künstlern Deutschlands. Er wurde in Breslau geboren, flüchtete als Kind mit seiner Familie in den Schwarzwald und studierte an der Kunstakademie in Düsseldorf — unter falschem Namen, denn Kunst war für Pierdsa von Anfang an Privat- und Geheimsache. Tagsüber arbeitete er als Lehrer und später als Schulrektor in Freiburg im Breisgau, nachts ging er in sein Atelier und schuf ein Werk von beeindruckendem Umfang und stilistischer Bandbreite.
Bis zu seinem Tod 2018 verweigerte sich der Maler jeglichen Ausstellungen und Berichterstattungen. Galerien durften seine Werke nur in Hinterzimmern potenziellen Kunden zeigen. Kunden verpflichtete er beim Kauf seiner Bilder vertraglich zur Verschwiegenheit und behielt sich ein Vorkaufsrecht vor, sofern diese seine Werke weiterveräußern wollten. Bis heute ist er nur wenigen, ausgewählten Sammlern ein Begriff. Auch Banksy hat die Anonymität zur künstlerischen Methode erhoben — doch während Banksys Werke an den Wänden der Welt maximale öffentliche Wirkung entfalten, entzog Pierdsa nicht nur seine Person, sondern auch seine Werke dem öffentlichen Blick und machte die Abwesenheit selbst zum Prinzip.
Pierdsa beschäftigte sich intensiv mit Meditation, Spiritualität und östlicher Philosophie. Besonders prägend war seine Auseinandersetzung mit dem chinesischen Philosophen Meister Zhuang, die in einem dreijährigen Werkzyklus mit zahlreichen Begleittexten mündete. Seine Gemälde bewegen sich zwischen expressiver Abstraktion und meditativer Stille und lassen dem Betrachter bewusst Raum für eigene Interpretationen. Unter Künstlern hatte er viele Freunde, die ihn als Phantom schätzten und schützten — Briefwechsel mit Joseph Beuys und Martin Kippenberger sind überliefert.
Wir freuen uns sehr, aus seinem Nachlass mehrere Werke aus Pierdsas Demon-Zyklus erworben zu haben, die wir im Rahmen dieser Werkschau präsentieren. Der Demon-Zyklus entstand in den letzten Schaffensjahren und zeigt Pierdsa auf dem Höhepunkt seiner malerischen Kraft: Dunkle, vibrierende Farbflächen ringen mit figurativen Andeutungen, die zwischen Bedrohung und Transzendenz schweben. Es sind Werke, die man nicht betrachtet — man besteht sie.
Signum Sine Tinnitu zeigt in dieser Werkschau erstmals Arbeiten eines Künstlers, der die Unsichtbarkeit zum Programm erhob. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst in Berlin ist es uns ein besonderes Anliegen, Pierdsas Werk einem breiteren Publikum zugänglich zu machen — im vollen Bewusstsein, dass er selbst genau das zeitlebens verweigerte.
