Alicja Kwade - eine der wichtigsten Künstlerinnen unserer Zeit

Alicja Kwade und die skulpturale Vermessung des Unendlichen zwischen Materie und Metaphysik

Alicja Kwade die im Jahr 1979 im polnischen Kattowitz das Licht der Welt erblickte gehört zweifellos zu den faszinierendsten und intellektuell forderndsten Stimmen innerhalb der zeitgenössischen globalen Kunstlandschaft. Ihre Biografie ist geprägt von einer frühen Zäsur als ihre Familie kurz nach ihrer Geburt den Weg aus Polen nach Deutschland einschlug was ihr Aufwachsen in einem Spannungsfeld zweier Kulturen und Identitäten tiefgreifend beeinflusste. Diese Erfahrung der Grenzüberschreitung scheint sich in ihrem gesamten künstlerischen Schaffen widerzuspiegeln in dem sie beständig die Demarkationslinien zwischen festen physikalischen Realitäten und abstrakten philosophischen Konstrukten auflöst. Heute lebt und arbeitet sie in Berlin einer Metropole die für sie weit mehr als nur ein Wohnort ist nämlich das pulsierende Zentrum ihrer künstlerischen Forschung. Bereits während ihres Studiums an der renommierten Universität der Künste in Berlin kristallisierte sich ihre Vorliebe für komplexe Fragestellungen heraus die weit über den rein ästhetischen Diskurs hinausgehen. Seit dem Jahr 2003 bespielt sie Galerien sowie Museen in ganz Europa und darüber hinaus.

Grundlegung einer neuen Ontologie der Dinge im Berliner Atelier

Die Vielfältigkeit von Alicja Kwade offenbart sich vor allem in der präzisen und zugleich poetischen Art und Weise wie sie Materialien transformiert und deren immanente Bedeutungsebenen umschichtet. Internationale Bekanntheit erlangte sie spätestens im Jahr 2012 mit ihrer wegweisenden Ausstellung The heavy weight of light in New York. Der Titel dieser Schau ist bezeichnend für ihr gesamtes bisheriges Œuvre da er das Paradoxon formuliert dem sie sich immer wieder widmet: Sie verleiht dem Immateriellen ein physisches Gewicht und macht das für das menschliche Auge Unsichtbare durch skulpturale Setzungen erfahrbar. Kwade nutzt die Gesetze der Astrophysik nicht als bloße Illustration sondern als Werkzeuge um die menschliche Existenz in den unendlichen Weiten des Kosmos zu verorten. Häuser wie das Künstlerhaus Dortmund das Max-Planck-Institut für molekulare Biologie oder die Bundeskunsthalle in Bonn erkannten schon früh das immense Potenzial ihrer Arbeiten welche die Naturwissenschaft und die Ästhetik auf eine Weise verknüpfen die den Betrachter zur Revision seiner eigenen Weltsicht zwingt.

Grenzgängerin zwischen astrophysikalischer Erkenntnis und künstlerischer Intuition

Ein besonderes Anliegen von Alicja Kwade ist die Zugänglichkeit von Kunst sowie deren Verankerung im alltäglichen Lebensraum. Im Jahr 2012 initiierte sie das Projekt Reise ohne Ankunft bei dem sie ein Kunstwerk unmittelbar im öffentlichen Raum positionierte. Die Resonanz auf diese Intervention war überwältigend positiv und bestätigte ihre feste Überzeugung dass Kunst eine gesellschaftliche Kraft entfalten kann wenn sie dort stattfindet wo die Menschen leben und sich bewegen. Ihre Arbeiten wirken auf den ersten Blick oft filigran und von einer zerbrechlichen Eleganz getragen doch sie transportieren eine enorme konzeptionelle Last. Kwade fordert uns auf die Welt nicht als gegeben hinzunehmen sondern als ein Konstrukt zu begreifen das durch unsere Wahrnehmung und durch physikalische Übereinkünfte erst stabilisiert wird.

Die visuelle Artikulation der Weltwirtschaftskrise durch materielle Transformation

Obwohl Alicja Kwade in Interviews oft betont dass sie politische Ereignisse nicht immer direkt in ihre Werke integrieren kann gelang ihr im Jahr 2008 ein kraftvoller Kommentar zur damaligen Weltwirtschaftskrise. Sie ließ exakt 412 Champagnerflaschen zu feinstem Staub zermahlen und schüttete das Resultat zu einem perfekten grünen Spitzkegel auf. In dieser Transformation wurde das ultimative Luxusgut buchstäblich pulverisiert. Der grüne Sandhaufen erinnert in seiner kühlen Ästhetik an die zerstörerische Kraft eines Systems das Werte in einem Augenblick in das Nichts auflösen kann. Kwade führt uns hier vor Augen dass Materie vergänglich ist und dass die Symbole unseres Wohlstands nur so lange Bestand haben wie die sozialen und ökonomischen Übereinkünfte die sie stützen.

Die phänomenologische Irritation der Wahrnehmung in der WeltenLinie auf der Biennale in Venedig

Ein aktueller Höhepunkt ihres internationalen Schaffens war ihre prominente Präsenz auf der 57. Biennale in Venedig im Rahmen der zentralen Ausstellung Viva Arte Viva. Hier präsentierte sie unter anderem die raumgreifende Installation WeltenLinie die zu einem der meistbesprochenen Werke der Schau avancierte. In dieser Arbeit nutzt Kwade Spiegel sowie exakt platzierte Objekte aus unterschiedlichen Materialien um die Wahrnehmung der Betrachter auf radikale Weise herauszufordern. Während man physisch durch die Installation geht scheinen sich Gegenstände wie Kieselsteine oder Gusseisenformen zu verdoppeln zu verwandeln oder plötzlich gänzlich zu verschwinden. Kwade thematisiert hier die Relativität von Raum und Zeit und stellt die existenzielle Frage ob das was wir sehen wirklich die einzige und absolute Realität darstellt. Die Spiegel dienen in diesem Kontext nicht der Eitelkeit des Betrachters sondern fungieren als Schwellen zwischen verschiedenen Dimensionen oder Parallelwelten.

Alchemistin der Moderne zwischen dem Mikrokosmos und den Weiten des Universums

Die Materialwahl von Alicja Kwade ist so vielfältig und unkonventionell wie die Themen die sie bearbeitet. Ob sie nun mit Kohle Gold Blei oder gewöhnlichen Kieselsteinen arbeitet: Sie behandelt jedes Element mit der gleichen wissenschaftlichen Neugier und einer tiefen Ehrfurcht vor der Materie an sich. In ihren Händen wird ein einfacher Stein oft zu einem kosmischen Objekt umgedeutet das die Geschichte des Universums in sich trägt. Dieser ständige Wechsel zwischen dem Mikrokosmos des Atoms und dem Makrokosmos der Galaxien verleiht ihrem Werk eine poetische Tiefe die den Betrachter staunend und oft auch demütig zurücklässt. Wenn sie etwa massive Granitblöcke so anordnet als würden sie den Gesetzen der Schwerkraft trotzen untergräbt sie unsere Gewissheiten über die Beschaffenheit der Welt und eröffnet einen Raum für das Wunderbare.

Etablierung einer universellen Sprache in den globalen Kunstmetropolen

Heute sind die Werke von Alicja Kwade in den großen Metropolen der Welt wie Miami Los Angeles Paris und New York zu finden wo sie in bedeutenden Sammlungen und Museen vertreten sind. Ihre Kunst ist eine ständige Einladung zum Mitdenken zum Zweifeln und zum Hinterfragen der eigenen vermeintlichen Gewissheiten. In einer Welt die zunehmend nach einfachen Antworten und schnellen Lösungen verlangt bietet Kwade komplexe Fragen an die keine einfache Auflösung erlauben.

In der Zusammenarbeit mit Institutionen wie der Galerie König in Berlin oder der Galerie Kamel Mennour in Paris hat sie ein Netzwerk geschaffen das ihre Visionen weltweit sichtbar macht. Die Ernsthaftigkeit mit der sie jedes Projekt angeht von der ersten Skizze bis zur finalen Installation im Raum ist beispielhaft für eine Kunstauffassung die keine Kompromisse eingeht. Die Art und Weise wie sie die Zeit dekonstruiert etwa indem sie Uhren in ihre Einzelteile zerlegt oder Pendelbewegungen einfriert zeigt ihre tiefe Beschäftigung mit der Chronometrie als menschlichem Kontrollinstrument. Für Kwade ist Zeit kein linearer Strahl sondern eine biegsame Dimension die durch Masse und Energie beeinflusst wird. Diese intellektuelle Durchdringung ihrer Sujets macht sie zu einer Künstlerin die sowohl das Herz als auch den Verstand anspricht. Alicja Kwade ist eine Visionärin die uns zeigt dass die Grenzen unserer Welt nur dort existieren wo unser Vorstellungsvermögen endet.

Mehr Informationen unter: alicjakwade.com

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die die Grenzen zwischen Physik und Poesie auflösen und dem Unsichtbaren eine skulpturale Form geben.