Marina Abramović und die radikale Entblößung der menschlichen Seele

Manchmal ist die bloße Anwesenheit eines Menschen die stärkste Form des Protests gegen die Flüchtigkeit unserer Zeit. Marina Abramović die im Jahr neunzehnhundertsechsundvierzig in Belgrad das Licht der Welt erblickte hat das Verständnis von Kunst in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Sie ist nicht bloß eine Künstlerin sondern eine Grenzgängerin die ihren eigenen Körper als das primäre Schlachtfeld ihrer Untersuchungen nutzt. In einer Welt die oft von glatten Oberflächen und digitalen Masken dominiert wird setzt sie auf die rohe Kraft der physischen Erfahrung und die spirituelle Tiefe der Stille. Marina Abramović hat die Performance aus den Nischen der Avantgarde geholt und sie zu einem globalen Phänomen gemacht das Millionen von Menschen berührt und herausfordert.

Die Wurzeln in Belgrad und der Mythos des Heldenvaters

Die Herkunft von Marina Abramović ist tief in der Geschichte des ehemaligen Jugoslawien verwurzelt. Ihre Mutter diente in der jugoslawischen Armee und brachte eine Disziplin in das Haus die Marinas frühes Leben maßgeblich bestimmte. Ihr Vater wird von ihr oft als ein serbischer Nationalheld beschrieben doch die historische Realität dieses Titels bleibt umstritten. Diese Diskrepanz zwischen Fakt und Fiktion zeigt bereits früh ihr Interesse an der Konstruktion von Narrativen und der Macht der persönlichen Legendenbildung.

Von der Leinwand zur Performance

Die künstlerische Ausbildung begann klassisch im Jahr neunzehnhundertfünfundsechzig an der Akademie der Bildenden Künste in Belgrad. Fünf Jahre lang studierte sie die Malerei doch bereits während dieser Zeit spürte sie dass die Leinwand eine Begrenzung darstellte. Im Jahr neunzehnhundertdreiundsiebzig vollzog sie den entscheidenden Schritt und begann künstlerische Performances zu zeigen. Hierbei wurde ihr eigener Körper zum Pinsel und die Zeit zum eigentlichen Material. In dieser Nutzung des eigenen Körpers als Ort der spirituellen Transformation steht Abramović neben Joseph Beuys, dessen schamanische Performances wie Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt ebenfalls den Körper des Künstlers als rituelles Medium begreifen — wenn auch mit der symbolischen Distanz von Filz und Fett wo Abramović die nackte physische Konfrontation bevorzugt.

Das nomadische Leben und die symbiotische Kunst mit Ulay

Das Jahr neunzehnhundertsechsundsiebzig markiert den Beginn eines der faszinierendsten Kapitel der modernen Kunstgeschichte als Marina Abramović die Zusammenarbeit mit ihrem Lebensgefährten Ulay begann. Die beiden bildeten eine künstlerische und private Einheit die über zwölf Jahre lang Bestand hatte. Sie führten ein nomadenhaftes Leben und reisten um die gesamte Welt wobei sie unter anderem Zeit bei den Aborigines in Australien und bei Eingeborenen in Tibet verbrachten. In ihren gemeinsamen Performances untersuchten sie die Grenzen von Partnerschaft und Identität. Sie banden ihre Haare zusammen oder atmeten die Luft des jeweils anderen ein bis zur Bewusstlosigkeit. Diese Jahre waren geprägt von einer tiefen Suche nach dem Ursprünglichen. In dieser radikalen Verschmelzung von Kunst und Leben steht Abramović neben Tracey Emin, die ebenfalls die Grenze zwischen privatem Erleben und öffentlicher Kunst aufhebt — wenn auch mit der autobiografischen Methode des Objekts wo Abramović die Methode der körperlichen Handlung bevorzugt.

Der Abschied an der Chinesischen Mauer

Die Trennung von Ulay im Jahr neunzehnhundertachtundachtzig wurde zu einem der poetischsten Momente ihres Schaffens. Von den beiden Endpunkten der Chinesischen Mauer aus liefen sie einander entgegen wobei jeder eine Strecke von etwa zweitausendfünfhundert Kilometern zurücklegte. Als sie sich schließlich in der Mitte trafen war dies der Punkt an dem sie sich endgültig verabschiedeten. Diese Performance verwandelte die Zeit und den Raum in eine emotionale Landkarte. Nach diesem Ereignis begann für Abramović eine neue Phase als Solokünstlerin.

The Artist is Present und die Tränen im MoMA

Im Jahr zweitausendzehn schuf Marina Abramović mit ihrer Performance im Museum of Modern Art in New York ein Werk das sie endgültig zur weltweiten Berühmtheit machte. Unter dem Titel The Artist is Present saß sie über drei Monate lang täglich auf einem Stuhl und bot den Besuchern an ihr gegenüber Platz zu nehmen und ihr in die Augen zu schauen. In dieser Stille entstand eine ungeheure emotionale Spannung die viele Teilnehmer zu Tränen rührte. In ihrer radikalen Reduktion der Kunst auf die reine Präsenz und den stillen Blickkontakt berührt sich diese Performance mit der Arbeit von On Kawara, dessen Date Paintings ebenfalls die bloße Tatsache der Anwesenheit zum eigentlichen Gegenstand der Kunst erheben — wenn auch mit dem Medium der Malerei statt des Körpers. Ein besonderer Moment ereignete sich als Ulay unerwartet Platz nahm. Marina weinte vor Rührung und brach für einen kurzen Augenblick die Regeln ihrer eigenen Performance. Dieses Bild ging um die Welt und zeigte die menschliche Verletzlichkeit hinter der Fassade der professionellen Künstlerin — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren.

Die Berufung zur Lehre

Marina Abramović hat zeitlebens großen Wert darauf gelegt ihr Wissen weiterzugeben. Sie war als Professorin an der Académie des Beaux-Arts in Paris und der Hochschule der Künste in Berlin tätig. In New York gründete sie die Independent Performance Group. Ihr pädagogisches Engagement ist ein wesentlicher Teil ihres Vermächtnisses da sie dazu beigetragen hat die Performance als eine akademisch anerkannte Disziplin zu etablieren. In dieser Verbindung von Kunst und Wissenschaft — der systematischen Erforschung von Bewusstseinszuständen durch körperliche Praktiken — steht sie neben Bill Viola, der in seinen Videoinstallationen ebenfalls die Grenzen zwischen physischer Realität und innerem Erleben erforscht.

Das Marina Abramović Institute und die Zukunft der Zeit

Marina Abramović erwarb ein altes Theatergebäude in New York um dort das Marina Abramović Institute kurz MAI unterzubringen. Dieses Institut widmet sich der Erhaltung und Vermittlung von zeitbasierten Künsten. Es ist ein Ort an dem die Zeit anders wahrgenommen werden soll und an dem Besucher lernen sich auf langsame Prozesse einzulassen. Das MAI ist Ausdruck ihres Wunsches die Kunst über ihre eigene physische Existenz hinaus zu bewahren.

Das Gesamtwerk von Marina Abramović ist eine tiefe Meditation über die großen Themen der Menschheit wie Liebe und Politik sowie Vergänglichkeit. Ob sie nun auf einem Berg von blutigen Rinderknochen sitzt um den Krieg in ihrer Heimat zu kommentieren oder ob sie sich den Gefahren des Feuers aussetzt um die Reinigung der Seele zu symbolisieren stets geht sie bis an das Äußerste. In dieser kompromisslosen Konfrontation mit dem eigenen Körper steht sie neben Santiago Sierra, dessen Performances ebenfalls die physische Belastung als politisches Statement nutzen — wenn auch mit der kalten Distanz des Auftragsgebers wo Abramović die intime Hingabe der Priesterin bevorzugt. Marina Abramović hat gezeigt dass die Kunst eine Form des Lebens ist die keine Kompromisse duldet. Sie bleibt eine der großartigsten und inspirierendsten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Kultur.

Mehr Informationen unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Marina_Abramović

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die den Körper und die Zeit als Material der Kunst begreifen — von Cave bis Cataclysmic Change.