Jake und Dinos Chapman und die radikale Dekonstruktion der Moral

In der schillernden und oft absichtlich provokanten Welt der zeitgenössischen Kunst gibt es kaum eine Erscheinung die so konsequent an den Grundfesten des guten Geschmacks rüttelt wie das Duo Jake und Dinos Chapman. Wer sich im Jahr 2026 mit ihrem Schaffen befasst begegnet einer Ästhetik die den Betrachter nicht nur herausfordert sondern ihn oft physisch und psychisch an seine Grenzen treibt. Sie sind die unbestrittenen Meister des Makabren und die Chirurgen der visuellen Grausamkeit. Ihr Ruf eilt ihnen voraus denn sie haben auf Originaldrucke von Goya gekritzelt und alte Porträts mutwillig zerstört was ihnen in der Fachwelt eine Sonderstellung eingebracht hat. Man könnte fast behaupten dass sie die einzigen Künstler ihrer Generation sind die der Kunst der Vergangenheit wirklich etwas Bedeutendes und zugleich Zerstörerisches entgegenzusetzen haben. Ihr Werk ist eine einzige große Verweigerung gegenüber der Gefälligkeit und eine tiefe Untersuchung der menschlichen Abgründe die wir im Alltag so gerne hinter zivilisatorischen Masken verbergen.

Ein Werdegang zwischen Rebellion und akademischer Verachtung

Die Wurzeln dieses dynamischen und oft bösartigen Duos liegen in einer familiären Umgebung die bereits früh den Keim für die künstlerische Auseinandersetzung legte. Jake wurde im Jahr 1962 in London geboren während sein jüngerer Bruder Dinos 1966 in Cheltenham das Licht der Welt erblickte. Dass ihr Vater als Kunstlehrer tätig war gab ihnen sicherlich das technische Werkzeug an die Hand doch die Brüder nutzten dieses Wissen bald um die Traditionen der Kunstpädagogik auf den Kopf zu stellen. Dinos absolvierte sein Studium am Ravensbourne College of Art in den Jahren 1980 bis 1983 und Jake folgte ihm ein paar Jahre später mit einem Studium an der North East London Polytechnic von 1985 bis 1988. Der entscheidende Wendepunkt war jedoch das Jahr 1988 als die beiden Brüder beschlossen ihre individuellen Ambitionen zu bündeln und fortan als Kollektiv aufzutreten. Sie schrieben sich gemeinsam am Londoner Royal College of Art ein doch ihre Meinung über diese renommierte Institution war gelinde gesagt vernichtend. Sie beschrieben die Zeit dort später als völlige Zeitverschwendung und nutzten sehr vulgäre Begriffe um ihren Unmut über das akademische System auszudrücken. Diese Phase der Rebellion prägte ihren Geist und festigte ihre Entschlossenheit sich niemals den Erwartungen des Kunstmarktes unterzuordnen. Während dieser Zeit arbeiteten sie zudem als Assistenten für das legendäre Künstlerpaar Gilbert und George eine Rolle die Jake später als völlig unbedeutend für ihre eigene künstlerische Entwicklung einstufte. Er verbrachte seine Zeit lieber als Galerietechniker für Victoria Miro was ihm wertvolle Einblicke in die praktischen Abläufe der Kunstwelt bescherte die oft weniger glanzvoll sind als es den Anschein hat.

Die Symbiose des Schreckens und die Faszination für Goya

Im Jahr 1991 begannen Jake und Dinos Chapman ernsthaft mit ihrer gemeinsamen Arbeit und trafen den Nerv einer Zeit die nach neuen Extremen lechzte. Eines ihrer ersten großen Werke das bei den Kritikern einschlug wie eine Bombe war Disasters of War. Diese skulpturale Installation bestand aus 83 winzigen Folterszenen die akribisch nach den Gemälden und Grafiken von Francisco Goya gestaltet waren. Goya war für die Chapmans schon immer eine zentrale Bezugsfigur da er wie kaum ein anderer Künstler vor ihm die Grausamkeit des Krieges und die Bestialität des Menschen ungeschminkt darstellte. Die Brüder übertrugen Goyas zweidimensionale Alpträume in die dritte Dimension und schufen damit eine Welt aus Miniaturqualen die den Betrachter zur voyeuristischen Zeugenschaft zwangen. Dies markierte den Beginn einer lebenslangen Faszination für den spanischen Meister dessen blutige Thematik sie immer wieder als Material für ihre eigenen Dekonstruktionen nutzten. Ihre Ausstellungen führten sie in der Folgezeit um den gesamten Globus von Liverpool über London und Mailand bis hin nach Stockholm und Tokio. Überall hinterließen sie eine Spur der Verstörung und der Faszination da sie bewiesen dass der Schrecken eine ganz eigene ästhetische Anziehungskraft besitzt wenn er nur radikal genug inszeniert wird.

Schaufensterpuppen und die medizinischen Warnungen der Sensation

Im Jahr 1994 präsentierten sie das Werk Fuck Face eine Arbeit die bis heute als Inbegriff der Chapman-Provokation gilt. Es handelt sich dabei um eine Schaufensterpuppe die ein Kleinkind darstellt jedoch mit grotesken Mutationen versehen wurde. Anstelle einer Nase besitzt die Figur einen Penis und der Mund wurde durch einen Anus ersetzt. Solche Arbeiten sind keine bloßen Witze sondern gezielte Angriffe auf unsere Vorstellungen von Unschuld und körperlicher Integrität. Sie nutzen die Form der Schaufensterpuppe um die Kommerzialisierung des menschlichen Körpers und die Absurdität der modernen Begehrlichkeiten bloßzustellen. Ein weiterer Höhepunkt ihrer Karriere war die Teilnahme an der legendären Sensation-Ausstellung im Jahr 1997 die von Charles Saatchi organisiert wurde und die Young British Artists weltweit bekannt machte. Neben den Chapmans waren dort unter anderem Damien Hirst mit seinem Hai in Formaldehyd, Tracey Emin mit ihrem berüchtigten Bett, Marcus Harvey mit seinem skandalösen Myra-Porträt, Sarah Lucas und Chris Ofili vertreten — eine Generation, die den britischen Kunstbetrieb auf den Kopf stellte. In der Royal Academy durften die Arbeiten der Chapmans nur von Personen über 18 Jahren besichtigt werden was den Mythos der Gefährlichkeit ihrer Kunst nur noch befeuerte. Als die Ausstellung im Jahr 1999 nach New York City wanderte gingen die Kuratoren noch einen Schritt weiter und gaben den Besuchern eine schriftliche Warnung mit auf den Weg. Es wurde davor gewarnt dass der Inhalt Schock und Erbrechen sowie Panik und euphorisierte Angstzustände hervorrufen könne. Menschen mit Bluthochdruck oder Nervenerkrankungen sollten vor dem Besuch ihren Arzt konsultieren. Diese Warnung war ein genialer Marketingzug der die Chapmans endgültig als die Enfant Terribles der globalen Kunstszene etablierte.

Vandalismus als kreativer Akt und die Entstellung der Aristokratie

Die Chapmans haben Jahre damit verbracht Goyas verstörendste Bilder nicht nur zu studieren sondern sie physisch zu besetzen. In einem Akt der als Sakrileg empfunden werden konnte kauften sie einen kompletten Satz von Originaldrucken von Goya nur um sie zu verunstalten. Für ihre Ausstellung im Jahr 2003 mit dem Titel Insult to Injury nahmen sie diese 80 Grafiken und malten mit großer Akribie Welpenköpfe und Clownsgesichter auf die gepeinigten Figuren. Was für Kunsthistoriker wie ein Akt des barbarischen Vandalismus wirkte war für die Chapmans eine notwendige Aktualisierung. Sie argumentierten dass die Bilder von Goya in ihrer musealen Erstarrung ihren Schrecken verloren hatten und dass die Übermalung mit lächerlichen Motiven den eigentlichen Schmerz erst wieder spürbar mache. Sie wollten die Distanz zwischen dem Betrachter und dem Leid der Vergangenheit aufbrechen. Diese Methode der destruktiven Aneignung steht in einer Tradition die Robert Rauschenberg begründete, als er 1953 eine Zeichnung von Willem de Kooning ausradierte und das Ergebnis als eigenes Werk ausstellte — doch wo Rauschenberg subtil löschte, übermalen die Chapmans mit brachialer Freude. Ein ähnlicher Ansatz findet sich in ihrer Reihe One Day You Will No Longer Be Loved aus dem Jahr 2008. Hier nahmen sie anonyme aristokratische Porträts aus dem 18. und 19. Jahrhundert und entstellten die Gesichter der Dargestellten mit fauligem Fleisch und monströsen Zügen. Sie verwandelten die Symbole der Macht und des Stolzes in Bilder des Verfalls und erinnerten uns daran dass hinter jeder glänzenden Fassade die Endlichkeit lauert. Diese Arbeiten sind ein Kommentar auf die Heuchelei der Geschichte und die Unausweichlichkeit des Todes der keine Standesunterschiede kennt.

Wenn Hitler ein Hippie gewesen wäre und die Drohungen der Neonazis

Im Jahr 2008 setzten Jake und Dinos Chapman einen weiteren Meilenstein der Provokation mit ihrer Ausstellung die den provokanten Titel Wenn Hitler ein Hippie gewesen wäre wie glücklich wären wir trug. Kernstück dieser Schau waren 13 Aquarelle die tatsächlich von Adolf Hitler persönlich gemalt worden waren. Diese Werke die an sich von einer erschreckenden Dilettantität und Kitschigkeit geprägt sind wurden von den Brüdern Chapman einer radikalen Umgestaltung unterzogen. Sie malten Regenbogenhimmel und Smileys sowie bunte Sterne und Blumen auf die ödnisvollen Landschaften des Diktators. Die Intention war klar: Sie wollten den Schöpfer dieser Bilder in seinem Grab rotieren lassen und die Banalität des Bösen durch die Banalität des Kitschigen lächerlich machen. Diese Aktion führte zu massiven Drohungen von Neonazis die das Andenken ihres Führers beschmutzt sahen. Die Chapmans jedoch blieben unbeeindruckt und nutzten die mediale Aufmerksamkeit um über die Natur des Bösen und die Macht der Bilder zu diskutieren. Sie zeigten dass die Kunst die Fähigkeit besitzt selbst das dunkelste Erbe der Menschheit durch den Kakao zu ziehen und ihm damit die Macht über unsere Angst zu nehmen. Es war ein Spiel mit dem Undenkbaren das die Grenzen der moralischen Belastbarkeit weit überschritt — und damit zentrale Fragen berührt, die auch das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft insgesamt durchziehen: Wie weit darf Kunst gehen? Wem gehört die Geschichte? Und wer bestimmt, was zeigbar ist?

Töpfchentraining für Erwachsene und die Rolle als Gebrüder Grimm

Dinos Chapman beschrieb ihre Kunst einmal sehr treffend als Töpfchentraining für Erwachsene. Dieser Vergleich zielt darauf ab dass wir als zivilisierte Wesen lernen müssen unsere instinktiven Reaktionen von Abscheu und Entsetzen zu kontrollieren. Die Chapmans konfrontieren uns mit dem Unappetitlichen und dem moralisch Verwerflichen um unsere eigene Toleranzgrenze zu testen. Sie sind die Gebrüder Grimm der Gegenwart die uns die Grausamkeit der Welt in einer Form präsentieren die so übertrieben ist dass sie fast schon wieder komisch wirkt. Dieser schwarze Humor ist ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit und verhindert dass ihre Werke in reinem Nihilismus versinken. Sie nutzen das Lachen als eine Form der Notwehr gegen den Wahnsinn der menschlichen Geschichte. In dieser Verbindung von Ekel und Komik stehen sie neben Paul McCarthy, der mit Ketchup und Schokolade die amerikanischen Mythen demontiert, und Maurizio Cattelan, der den Kunstbetrieb mit absurden Gesten ad absurdum führt. Trotz oder gerade wegen der heftigen Reaktionen die sie hervorrufen finden sie große Anerkennung in der Fachwelt. Der Kritiker Matthew Collings bezeichnete sie als die klügsten Köpfe der jungen britischen Künstlerbewegung da sie eine theoretische Tiefe besitzen die über den bloßen Schockeffekt hinausgeht. Ihre Kunst ist ein philosophisches Projekt das die Mechanismen der Wahrnehmung und die Konstruktion von Moral seziert.

Die unendliche Hölle und das Erbe der Montage

Ein weiteres monumentales Projekt das hier erwähnt werden muss ist ihre Installation Hell die aus neun riesigen Schaukästen bestand und tausende von handbemalten Miniaturfiguren enthielt die in apokalyptischen Szenarien gefangen waren. Dieses Werk das Jahre an Arbeit erforderte wurde im Jahr 2004 bei einem Brand im Lagerhaus von Momart zerstört. Die Reaktion der Chapmans war bezeichnend für ihren Geist: Sie erklärten dass sie das Werk einfach noch einmal bauen würden und nannten die neue Version Fucking Hell. Diese Beharrlichkeit im Angesicht der Zerstörung zeigt ihren unerschütterlichen Glauben an ihre Vision. Sie schaffen Welten die so detailreich und komplex sind dass man Stunden damit verbringen kann die verschiedenen Ebenen der Grausamkeit zu entdecken. Ihre Kunst ist eine einzige große Montage aus Versatzstücken der Geschichte und der Popkultur sowie der Religion und der Pornografie. Sie weigern sich die Welt in Gut und Böse aufzuteilen und zeigen stattdessen ein amoralisches Universum in dem alles möglich ist. Damit sind sie auch für unsere Ausstellung Myths of the Unknown die im Sommer 2028 in Berlin starten wird von zentraler Bedeutung — ebenso wie die Tjipetir Platte und der Arumbaya Fetisch, die wir für dieselbe Ausstellung suchen. Ihre Arbeiten passen perfekt in ein Konzept das die verborgenen und oft unheimlichen Strömungen unserer Kultur erforscht. Sie zeigen uns dass die wahren Mythen des Unbekannten oft in unserem eigenen Inneren liegen und nur darauf warten durch die Kunst ans Licht geholt zu werden.

Jake und Dinos Chapman bleiben die unangefochtenen Provokateure die uns daran erinnern dass die Kunst nicht dazu da ist uns zu beruhigen. Sie ist ein Stachel im Fleisch der Bequemlichkeit und eine ständige Aufforderung die eigene Position in der Welt zu hinterfragen. Ihr Werk ist eine Feier der Freiheit auch wenn diese Freiheit manchmal schmerzhaft und ekelerregend sein kann. Wer sich auf die Chapmans einlässt muss bereit sein seine moralischen Gewissheiten an der Garderobe abzugeben und sich auf ein Abenteuer einzulassen dessen Ausgang ungewiss ist. Sie haben der Kunst der Vergangenheit ein neues Leben eingehaucht indem sie sie gnadenlos zerstört haben und genau darin liegt ihre größte Leistung. Sie sind die Architekten einer neuen Art von Ehrlichkeit die keine Tabus kennt und die uns in all unserer Unvollkommenheit spiegelt. Auch in den kommenden Jahren werden sie zweifellos weiterhin für Skandale sorgen und uns mit neuen Alpträumen beschenken die wir eigentlich gar nicht sehen wollen aber dennoch nicht ignorieren können. Sie bleiben die klügsten Köpfe einer Generation die erkannt hat dass die einzige Antwort auf den Wahnsinn der Welt eine noch wahnsinnigere Kunst sein muss.

Mehr Informationen unter: https://jakeanddinoschapman.com

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die keine Scheu vor dem Unbequemen haben — von Auf Teufel komm raus bis Demons.