Es gibt Bilder, die man betrachtet. Und es gibt Bilder, die einen ansehen. Dieses hier gehört zur zweiten Art.
Georg Pierdsas letztes vollendetes Bild hängt heute wie eine kleine Unverschämtheit im Raum. Nicht groß im akademischen Sinn. Nicht feierlich im Pathos der letzten Werke. Nicht versöhnlich, nicht abgeklärt, nicht altersmilde. Sondern wach, roh, fast kindlich und zugleich von jener Unruhe durchzogen, die man bei Pierdsa immer wieder findet: als hätte sich etwas Unsichtbares kurz auf der Leinwand materialisiert, um sofort wieder zu verschwinden.
„Das Zeitgeheuer kennt keine Gnade. Es frisst sie alle.“
Der Satz steht nicht unter dem Bild. Er steht im Bild. Er ist kein Titel, der etwas erklärt, sondern eine Spur, ein Kratzer, eine Warnung. In gelber Schrift taucht er im unteren linken Feld auf, fast beiläufig, als sei er nicht geschrieben, sondern in einem Moment plötzlicher Einsicht hingeworfen worden. Man könnte ihn übersehen, wenn nicht das ganze Bild auf ihn zuliefe. Dieses rote Wesen, kopfüber oder seitwärts, stürzend oder tanzend, mit großen gelben Augen, die weniger sehen als wissen. Es ist nicht eindeutig Tier, nicht Mensch, nicht Dämon, nicht Maske. Es ist eine Erscheinung.
Pierdsas Malerei war nie an Eindeutigkeit interessiert. Er hat, soweit man das von einem Künstler sagen kann, der die öffentliche Sichtbarkeit fast systematisch verweigerte, immer gegen die zu schnelle Benennung gearbeitet. Er wollte seinen Werken Publikum verschaffen, aber nicht seiner Person. Das war nicht Koketterie, sondern Haltung. Man begegnete ihm nicht als Künstlerfigur, sondern als jemandem, der die eigene Urheberschaft wie eine störende Geräuschquelle behandelte. Ein Mann, der anwesend war, indem er sich entzog.
Ich habe Georg Pierdsa gekannt. Nicht im Sinne jener lauten Nähe, aus der Anekdoten entstehen, die später den Werkkatalog beleben. Eher in jener vorsichtigen, tastenden Bekanntschaft, die bei ihm überhaupt möglich war. Er konnte freundlich sein, aber nie verfügbar. Zugewandt, aber nicht zugänglich. Wenn er sprach, hatte man oft den Eindruck, dass seine Sätze nicht aus einem Bedürfnis nach Mitteilung kamen, sondern aus einer langen inneren Prüfung, ob Mitteilung in diesem Moment überhaupt gerechtfertigt sei.
Dieses letzte Bild sehe ich deshalb nicht nur als Arbeit eines Malers. Ich sehe darin auch eine letzte Geste eines Menschen, der sein Leben lang mit dem Verschwinden gearbeitet hat und am Ende ein Bild hinterlässt, das vom endgültigen Verschwinden handelt.
Das Zeitgeheuer ist keine Allegorie im klassischen Sinn. Es trägt keine Sanduhr, keine Sense, keine Krone des Todes. Es ist viel näher, viel unordentlicher, viel heutig menschlicher. Es hat etwas von einem Nachtgedanken, der plötzlich über dem Bett hängt. Etwas von einer Kinderzeichnung, die zu lange angeschaut wurde. Etwas von einem Karnevalswesen, das den Witz vergessen hat. Die großen Augen sind fast komisch. Der rote Körper wirkt ungelenk, beinahe slapstickhaft verrenkt. Und genau darin liegt die Grausamkeit. Das Zeitgeheuer kommt nicht immer würdevoll. Es kommt auch lächerlich. Es kommt im Banalen, im Komischen, im zufälligen Geräusch des Alltags. Und irgendwann ist es da.
Die Farbigkeit des Bildes widerspricht jeder elegischen Lesart. Das Grün, das Blau, die violetten und dunklen Partien arbeiten nicht als Hintergrund, sondern als aufgewühlter Resonanzraum. Nichts ist ruhig. Selbst die Spirale links oben, dieses helle blaue Zeichen, das zunächst spielerisch wirkt, zieht den Blick in eine Bewegung, die nicht endet. Die Zeit erscheint hier nicht als Linie, sondern als Strudel. Nicht als Fortschritt, sondern als Wiederkehr. Sie läuft nicht ab. Sie kreist. Und während sie kreist, nimmt sie mit.
Man kann in diesem Bild Pierdsas Beschäftigung mit Spiritualität und Philosophie wiederfinden, ohne es damit beruhigen zu müssen. Es wäre zu einfach, das Zeitgeheuer buddhistisch als Vergänglichkeit zu lesen oder existenzialistisch als Todesbewusstsein. Das Bild ist gröber, körperlicher, wütender. Es kennt keine versöhnende Pointe. Seine Weisheit ist nicht mild. Sie hat Zähne, auch wenn man sie nicht sieht.
Vielleicht ist gerade das die Qualität dieses letzten Bildes. Es versucht nicht, den Tod schön zu machen. Es versucht nicht einmal, ihn groß zu machen. Es zeigt ihn als Energie, als Unruhe, als groteske Figur, als etwas, das uns nicht in einer feierlichen Stunde erwartet, sondern längst unter uns ist. Das Zeitgeheuer frisst nicht nur am Ende. Es frisst Zeit, Aufmerksamkeit, Körper, Erinnerungen, Möglichkeiten. Es frisst die Jahre, während wir noch glauben, sie zu besitzen.
Und doch ist das Bild nicht hoffnungslos. Denn es ist gemalt. Es ist da. Es widerspricht dem Verschwinden durch seine eigene Gegenwart. Pierdsa, der seine Person dem Blick entzogen hat, hinterlässt ausgerechnet ein Bild, das sich dem Blick fast aufdrängt. Es schreit nicht. Aber es bleibt. Es behauptet eine Form gegen die Formlosigkeit der Zeit. Es gibt dem Unfassbaren einen Körper und zwingt das Geheuer, wenigstens für einen Augenblick stillzuhalten.
Vielleicht ist das die letzte List der Kunst. Sie besiegt das Zeitgeheuer nicht. Sie weiß, dass es keine Gnade kennt. Aber sie hält ihm ein Bild entgegen. Und solange dieses Bild uns ansieht, sind wir noch nicht ganz gefressen.
