David Hammons, der im Jahr 1943 in Springfield, Illinois, geboren wurde, nimmt innerhalb der zeitgenössischen Kunst eine Position ein, die man am ehesten als die eines urbanen Alchemisten und zugleich scharfzüngigen Gesellschaftskritikers bezeichnen kann. Er gilt heute als einer der einflussreichsten afroamerikanischen Künstler der USA, was vor allem auf seine unermüdliche Weigerung zurückzuführen ist, sich den glatten Mechanismen des kommerziellen Kunstmarktes unterzuordnen. Hammons ist ein Künstler der Straße im wahrsten Sinne des Wortes. Sein Werk ist tief in der politischen Realität Amerikas verwurzelt und fungiert als ein permanenter Fingerzeig auf soziale Missstände. Er behandelt Themen wie Bürgerrechte, die philosophische und politische Kraft von Black Power sowie die tiefen, schmerzhaften Gräben der Klassenunterschiede zwischen Schwarz und Weiß. Seine Inspiration zieht er dabei maßgeblich aus Harlem, jenem New Yorker Stadtteil, der für ihn weit mehr als nur ein Wohnort ist. Seit 1970 wird sein Werk international ausgestellt, wobei er 1992 mit seiner Teilnahme an der Documenta 9 in Kassel endgültig den Status eines globalen Superstars der Konzeptkunst zementierte.
Die formativen Jahre und die Schule des Charles White
Der Weg von David Hammons in die Kunstwelt begann an der Westküste der USA. Ab 1963 studierte er Kunst am Los Angeles City College sowie am Los Angeles Trade and Technical College, bevor er seine Ausbildung 1968 am renommierten Chouinard Art Institute abschloss. Diese Zeit in Los Angeles war für seine künstlerische DNA von entscheidender Bedeutung, da er dort auf Charles White traf. White, ein bedeutender Aktivist und Realist, wurde zu einem Mentor und einer moralischen Instanz. White lehrte ihn, dass Kunst kein Selbstzweck ist, sondern ein Werkzeug zur Sichtbarmachung menschlicher Würde inmitten von Unterdrückung. Hammons übersetzte den sozial engagierten Geist seines Mentors in eine zeitgenössische, oft abstrakte Formsprache. Er ersetzte den Zeichenstift durch gefundene Objekte und Materialien der Straße, was ihn in die Nähe der europäischen Arte Povera rückte. Diese Kunst der Armut nutzt das Banale — weggeworfene Flaschendeckel, Haare vom Boden eines Barbershops oder schmutzigen Schnee —, um monumentale Aussagen über den Wert des menschlichen Lebens zu treffen.
Der Körper als Druckstock und die Intimität der Body Prints
In den späten 1960er Jahren entwickelte David Hammons eine Technik, die heute als einer der radikalsten Beiträge zur Druckgrafik des 20. Jahrhunderts gilt: die sogenannten Body Prints. Er fettete seine Haut oder seine Kleidung mit Margarine oder Öl ein, presste sich anschließend mit vollem Gewicht auf großformatige Papierbögen und bestreute die fettigen Abdrücke danach mit Pigmenten, Graphit oder Holzkohle. Das Ergebnis waren geisterhafte, oft lebensgroße Abbildungen. Diese Werke waren eine physische Behauptung schwarzer Präsenz in einem Kunstraum, der diese Präsenz oft ausschloss. Durch die Kombination des physischen Abdrucks mit symbolischen Elementen wie der amerikanischen Flagge oder religiösen Motiven schuf Hammons Ikonen des Widerstands.
Jesse Jackson und die Provokation der weißen Maske
Internationale Berühmtheit erlangte Hammons durch sein Werk How Ya Like Me Now?, das 1988/1989 entstand. Es zeigt den afroamerikanischen Bürgerrechtler Jesse Jackson mit blondem Haar, blauen Augen und heller Haut — als weißen Mann. Hammons fragte sarkastisch, ob der Politiker für das weiße Amerika akzeptabler wäre, wenn er dessen äußere Merkmale tragen würde. Das Bild war eine beißende Kritik an der Oberflächlichkeit der Medien und an den rassistischen Strukturen der Macht.
Higher Goals und der fast unmögliche Traum vom Aufstieg
Ein weiteres ikonisches Beispiel für Hammons‘ konzeptuelle Stärke ist die Installation Higher Goals aus dem Jahr 1983. In Harlem errichtete er über neun Meter hohe Basketballkörbe, die weit über die normale Spielhöhe hinausragten. Diese Masten waren über und über mit Tausenden von Metallkappen verziert, die in filigranen Mustern angeordnet waren und wie Kaurimuscheln wirkten — ein traditionelles Symbol für Reichtum und Handel in vielen afrikanischen Kulturen. Hammons thematisierte das fast unmögliche Streben danach, durch den Sport der Armut zu entfliehen. Die Körbe waren so hoch, dass kein Mensch sie jemals mit einem Ball erreichen könnte. Higher Goals war eine Mahnung zur Bescheidenheit und zugleich ein Monument für die übermenschlichen Anstrengungen, die von jenen verlangt werden, die am Rande der Gesellschaft stehen.
In the Hood und die Ikonografie des Verdachts
Im Jahr 1993 schuf David Hammons mit In the Hood eine Skulptur, die in ihrer Einfachheit erschütternd aktuell geblieben ist. Das Werk besteht aus einer abgetrennten Kapuze eines gebrauchten Sweatshirts, die mit einem Drahtgestell so an der Wand montiert ist, dass sie wie eine afrikanische Maske oder ein religiöses Relikt wirkt. Diese kleine Arbeit ist ein hochkonzentrierter Kommentar zu den Vorurteilen und der Kriminalisierung schwarzer Jugendlicher in den USA. Indem er die Kapuze wie eine Trophäe oder eine zeremonielle Maske präsentiert, erhebt er das alltägliche Kleidungsstück in den Rang eines kulturhistorischen Objekts. In the Hood ist ein Werk, das die Macht des Blicks dekonstruiert und den Betrachter zwingt, seine eigenen Vorurteile über Kleidung, Hautfarbe und soziale Zugehörigkeit zu hinterfragen.
Das Erbe der Straße und die Verweigerung des Marktes
David Hammons ist heute mehr denn je eine moralische Instanz in einer Kunstwelt, die oft mehr an Auktionsrekorden als an sozialen Wahrheiten interessiert ist. Er wird oft als schwer greifbar beschrieben, als jemand, der keine reguläre Galerievertretung sucht und der seine Werke bisweilen lieber auf den Straßen Harlems anbietet als in den weißen Räumen der Upper East Side. Für Hammons ist der Wert einer Arbeit nicht an einen Preis gekoppelt, sondern an die Resonanz, die sie in den Menschen auslöst. Er hat der amerikanischen Konzeptkunst eine Tiefe und eine politische Schärfe gegeben, die ohne seine Perspektive undenkbar wäre. David Hammons erinnert uns daran, dass Kunst dort am stärksten ist, wo sie wehtut, wo sie Unruhe stiftet und wo sie die Stimme jener erhebt, die zu oft ungehört bleiben. Sein Werk bleibt eine unaufhörliche Suche nach Wahrheit in einem Land, das noch immer mit den Geistern seiner Vergangenheit ringt.
Mehr Informationen unter: MoMA — David Hammons
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die die Stimme jener erheben die zu oft ungehört bleiben und das Banale in monumentale Aussagen über menschliche Würde verwandeln.
