Wenn man auf die kartografische Entwicklung der zeitgenössischen Kunst blickt wird deutlich dass kaum ein Akteur die Strukturen des Kuratierens so nachhaltig geprägt hat wie Massimiliano Gioni. Der 1973 in Busto Arsizio geborene Italiener verkörpert jenen Typus des intellektuellen Weltbürgers der die Brücke zwischen der europäischen Tradition und der Dynamik des nordamerikanischen Kunstmarktes mit spielerischer Leichtigkeit schlägt. Gioni ist weit mehr als nur ein Organisator von Ausstellungen; er ist ein Geschichtenerzähler und ein Archivar der Träume der es versteht die verborgenen Strömungen unserer Kultur sichtbar zu machen. Sein Lebensmittelpunkt in New York City dient ihm dabei als strategische Basis von der aus er die Fäden eines globalen Netzwerks zieht das von Mailand bis Berlin und von Venedig bis Bozen reicht. In einer Branche die oft von schnellen Trends und oberflächlichem Spektakel dominiert wird setzt Gioni auf eine tiefe Recherche und eine fast schon obsessive Beschäftigung mit dem Material.
Der Weg des Mailänder Wunderkindes von der Kritik zur Weltbühne
Die Initialzündung für diese beispiellose Laufbahn fand bereits in der frühen Jugend statt als der erst dreizehnjährige Gioni ein Buch über Pop Art in die Hände bekam. Sein akademischer Weg und sein unbändiger Wissenshunger führten ihn schließlich im Jahr 2000 nach New York wo er zum Herausgeber des renommierten Magazins Flash Art ernannt wurde. Er schrieb nicht nur für Flash Art sondern bereicherte auch Zeitschriften wie Parkett oder Domus mit seinen Analysen. Doch das reine Schreiben über Kunst genügte seinem Gestaltungswillen bald nicht mehr. Dieser Übergang vom Kritiker zum Kurator vollzog sich organisch und mit einer Brillanz die die Fachwelt in Erstaunen versetzte.
Die Nicola Trussardi Stiftung und die Kunst der nomadischen Präsenz
Ein wesentlicher Pfeiler seines Erfolgs ist seine langjährige Tätigkeit für die Nicola Trussardi Stiftung in Mailand bei der er seit dem Jahr 2003 als Kurator wirkt. Gemeinsam mit der Stiftungspräsidentin Beatrice Trussardi entwickelte er ein Modell das in der Kunstwelt als revolutionär gilt: das Museum ohne festen Standort. Anstatt Unsummen in den Bau und den Unterhalt eines statischen Gebäudes zu investieren nutzt die Stiftung die gesamte Stadt Mailand als Spielfläche. Gioni besetzt mit seinen Projekten vergessene Paläste ehemalige Kinos oder öffentliche Plätze und schafft so eine unmittelbare Begegnung zwischen der zeitgenössischen Kunst und der historischen Architektur. Er brachte Weltstars wie Maurizio Cattelan oder Paul McCarthy in Kontexte die ihre Werke völlig neu aufluden. Die Nicola Trussardi Stiftung wurde unter seiner Leitung zu einem Leuchtturm der Innovation der zeigt wie private Förderung und städtische Identität produktiv verschmelzen können.
Der Palast der Träume und die historische Zäsur in Venedig
Das Jahr 2013 markierte den endgültigen Aufstieg von Massimiliano Gioni in den Olymp der Kunstwelt. Er wurde zum Direktor der 55. Biennale von Venedig ernannt und war damit der jüngste Kurator der jemals diese monströse Aufgabe übernahm. Sein Konzept für die Hauptausstellung trug den Titel Il Palazzo Enciclopedico — Der Enzyklopädische Palast. Inspiriert wurde er durch den italienisch-amerikanischen Autodidakten Marino Auriti der in den fünfziger Jahren ein Patent für ein fiktives Museum anmeldete das alles Wissen der Menschheit beherbergen sollte. Gioni nahm diese größenwahnsinnige Idee als Ausgangspunkt um über das menschliche Bedürfnis nach Ordnung und Erkenntnis nachzudenken. Er präsentierte eine Schau die die Grenzen zwischen professioneller Kunst und Außenseiterkunst zwischen wissenschaftlicher Dokumentation und spiritueller Vision radikal auflöste. Er integrierte das Rote Buch von Carl Gustav Jung ebenso wie die Zeichnungen von Hilma af Klint und schuf so einen Parcours der die Besucher auf eine Reise durch das kollektive Unbewusste mitnahm. Diese Biennale ging als eine der bedeutendsten in die Geschichtsbücher ein.
Das New Museum und die visionäre Rolle der künstlerischen Direktion
Parallel zu seinen internationalen Projekten hat Massimiliano Gioni seine Position in New York City kontinuierlich ausgebaut. Als künstlerischer Direktor des New Museum of Contemporary Art hat er die Institution durch eine Phase des rasanten Wachstums und der globalen Vernetzung geführt. Er war maßgeblich an Ausstellungen beteiligt die heute als wegweisend gelten wie etwa After Nature im Jahr 2008 oder The Keeper im Jahr 2016. Im New Museum setzt er seine Untersuchung über das Sammeln das Bewahren und das Erzählen fort. Gioni begreift das New Museum als einen Ort der Reibung und der Entdeckung an dem die Kunst nicht nur präsentiert sondern in ihrer gesellschaftlichen Relevanz ständig neu verhandelt wird.
Die verborgene Mutter und die literarische Dimension der Kunstkritik
Trotz seiner Erfolge als Kurator ist Massimiliano Gioni im Herzen immer auch ein schreibender Kritiker geblieben. In Büchern wie The Hidden Mother aus dem Jahr 2013 geht er der Frage nach wie Bilder entstehen und welche emotionalen oder psychologischen Kräfte hinter der Produktion von Kunst stehen. Ein weiteres bedeutendes Werk ist Good Dreams Bad Dreams — American Mythologies aus dem Jahr 2017 in dem er sich mit der Konstruktion nationaler Mythen und der dunklen Seite des amerikanischen Traums auseinandersetzt. Gioni schreibt mit einer Klarheit und einer Leidenschaft die verrät dass er die Kunst nicht als ein abstraktes System sondern als eine existenzielle Notwendigkeit begreift.
Kooperationen und die Förderung der künstlerischen Infrastruktur
Massimiliano Gionis Einfluss erstreckt sich auch auf innovative Modelle der Kunstförderung. Er arbeitet unter anderem beim Artist Pension Trust in Berlin einer Initiative die Künstlern eine finanzielle Absicherung durch den Aufbau eines gemeinsamen Kunstpools ermöglicht. Zudem ist er Mitglied im künstlerischen Beirat des Museion in Bozen. Berühmt wurde etwa die Wrong Gallery ein winziger Ausstellungsraum in New York der niemals geöffnet war und dennoch internationale Aufmerksamkeit erregte. Solche humorvollen und zugleich tiefgründigen Projekte zeigen seine Fähigkeit die Regeln des Kunstmarktes zu parodieren während er gleichzeitig in dessen Zentrum agiert.
Massimiliano Gioni hat die Rolle des Kurators im 21. Jahrhundert neu definiert. Er hat bewiesen dass man durch eine Kombination aus intellektueller Strenge emotionaler Intelligenz und einem Sinn für das Wunderbare die Welt der Kunst verändern kann. Er ist ein Brückenbauer der keine Angst vor der Komplexität hat und der den Mut besitzt auch jene Stimmen zu hören die am Rande des etablierten Systems stehen. In einer Welt die zunehmend von Algorithmen und binären Logiken bestimmt wird setzt er auf die Unvorhersehbarkeit des Menschlichen und auf die Kraft der enzyklopädischen Neugier. Massimiliano Gioni bleibt das Wunderkind das erwachsen geworden ist ohne das Staunen zu verlieren.
Mehr Informationen unter: en.wikipedia.org — Massimiliano Gioni
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Kuratoren und Kulturmacher vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die die Grenzen zwischen professioneller Kunst und Außenseiterkunst radikal auflösen.
