Das Bröhan-Museum in Berlin hat ein ausgesprochen gutes Argument gegen die Vorstellung, Kunst müsse grundsätzlich an der Wand hängen: eine Tortenplatte. Oder einen Stuhl. Oder eine Vase, deren Form mehr über eine Epoche verrät als mancher historische Überblick. In Charlottenburg bekommen solche Gegenstände die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Hier geht es um Jugendstil, Art Déco und Design, um Malerei und die erstaunlich ehrgeizige Frage, wie Menschen leben wollten. Wer Gebrauchskunst noch immer für die hübsche kleine Schwester der großen Kunst hält, sollte diesem Haus einen Besuch abstatten. Der Irrtum lässt sich dort angenehm korrigieren.
Bröhan-Museum Berlin: Kunst mit Sitzfläche, Henkel und Haltung
Ein Möbel hat es im Museum manchmal schwer. Vor einem Gemälde darf man ehrfürchtig schweigen; bei einem Stuhl schleicht sich sofort die Frage ein, ob er bequem wäre. Genau diese Nähe zum eigenen Leben macht angewandte Kunst so interessant. Wir kennen den Gebrauch und können deshalb besonders genau beobachten, was eine Gestaltung verändert. Eine Lehne lenkt den Körper, ein Griff führt die Hand, ein Dekor organisiert den Blick. Schönheit wird dabei zur Entscheidung, die unseren Alltag berührt.
Das Bröhan-Museum verbindet angewandte und bildende Kunst vom späten 19. Jahrhundert bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs. Seine Sammlungsschwerpunkte sind Jugendstil, Art Déco mit Funktionalismus und die Berliner Secession. Diese Nachbarschaft lohnt sich: Wer Möbel und Malerei gemeinsam betrachtet, entdeckt verschiedene Antworten auf dieselbe Zeit. Wie viel Schmuck verträgt ein Gegenstand? Wie sieht ein modernes Zimmer aus? Welche Stadt erscheint im Bild? Solche Fragen brauchen keine kunsthistorische Vorbildung. Ein wacher Blick reicht für den Anfang völlig aus.
Karl H. Bröhan und die Kunst des genauen Hinsehens
Hinter dem Museum steht der Sammler Karl H. Bröhan, der von 1921 bis 2000 lebte. 1965 zog er mit seiner Familie nach Berlin. Aus seiner Beschäftigung mit Kunst und Kunsthandwerk entstand eine Sammlung, für die er 1973 in einer Dahlemer Villa ein privates Museum eröffnete. An seinem 60. Geburtstag schenkte er seine Bestände dem Land Berlin. Am 14. Oktober 1983 öffnete das Museum am heutigen Standort beim Schloss Charlottenburg; seit 1994 ist es ein Landesmuseum.
Diese Geschichte hat etwas Ermutigendes. Ein Museum beginnt hier mit der Aufmerksamkeit eines Einzelnen, der einen Bereich ernst nimmt und öffentlich zugänglich macht. Sammeln ist schließlich eine praktische Form des Argumentierens. Jedes ausgewählte Objekt sagt: Schau noch einmal hin, daran könnte mehr hängen, als du zunächst denkst. Bröhan machte aus dieser Haltung eine Institution. Dass das Haus seinen Namen trägt, erinnert an die Initiative, aus der es hervorgegangen ist.
Auch der Standort passt zu einem Museum, das gerne zwischen verschiedenen Ordnungen vermittelt. Das Gebäude gehört zum Ensemble des Charlottenburger Schlosses und wurde ursprünglich für das Garderegiment genutzt. Die historische Hülle liefert einen reizvollen Rahmen für Gegenstände, in denen sich Aufbruch und Veränderung ausdrücken. Wer den Museumsbesuch plant, darf dabei ruhig einen Spaziergang durch Charlottenburg einbauen. Kunstbetrachtung profitiert gelegentlich davon, zwischendurch wieder vor die Tür zu gehen.
Jugendstil: Wenn eine Linie ihren eigenen Kopf bekommt
Zum Jugendstilbestand gehören unter anderem Möbel von Hector Guimard und Entwürfe von Henry van de Velde sowie Glas von Émile Gallé. Solche Namen eröffnen unterschiedliche Zugänge zu Gestaltung. Besonders lohnend ist der Blick auf Übergänge: Wie geht eine Fläche in eine Kante über? Wo setzt ein Ornament an? Wie verändert Material die Wirkung einer Form? Wer nur nach dem vertrauten floralen Muster sucht, übersieht leicht die eigentliche Raffinesse.
Man kann diese Kunst zunächst ganz unbefangen anschauen. Einer Linie mit den Augen folgen, eine Oberfläche mit einer anderen vergleichen, auf Abstand treten und wieder näher kommen. Das ist keine vereinfachte Form der Betrachtung, sondern ihre Grundlage. Gerade Gegenstände belohnen diese Geduld. Ihr Maßstab bleibt oft körpernah. Wir stellen uns vor, wie wir an ihnen vorbeigehen oder sie in die Hand nehmen würden, und bemerken dabei Proportionen, die auf einer schnellen Abbildung verschwinden.
Einen anderen Umgang mit historischem Ambiente beschreibt unser Beitrag zur Galerie Köppe Contemporary. Dort bildet eine Jugendstilvilla den Rahmen für Gegenwartskunst. Der Vergleich ist reizvoll: Einmal interessieren die Gestaltungsobjekte selbst, einmal verändert historische Architektur den Blick auf zeitgenössische Werke. In beiden Fällen lohnt es sich, den Raum mitzusehen.
Art Déco und Funktionalismus: Geschmack darf widersprüchlich sein
Im Art-Déco-Bestand stehen etwa französische Möbel von Jacques Émile Ruhlmann neben weiteren Beispielen einer anspruchsvollen Gestaltungskultur. Der funktionalistische Teil umfasst unter anderem Entwürfe von Wilhelm Wagenfeld. Diese Vielfalt lädt dazu ein, den eigenen Geschmack etwas zu ärgern. Vielleicht begeistert ein Gegenstand durch seine ausgesuchte Wirkung, ein anderer durch seine Zurückhaltung. Vielleicht gefallen sogar beide. Das ist erlaubt. Ein Museum ist kein Einrichtungshaus, in dem man sich auf eine einzige Stilrichtung festlegen müsste.
Spannend wird es, sobald man über das bloße Gefallen hinausfragt. Was wirkt kostbar, und weshalb? Welche Details erscheinen selbstverständlich, obwohl sie gestaltet wurden? Wo ist eine Form überzeugend, wo lediglich eindrucksvoll? Solche Unterschiede schärfen das Urteil. Sie helfen auch außerhalb des Museums, wenn das nächste Produkt mit angeblich zeitlosem Design wirbt. Zeitlos ist ein ziemlich großes Versprechen für etwas, das womöglich schon beim zweiten Blick langweilig wird.
Berliner Secession: Bilder, die den Gegenständen Gesellschaft leisten
Die Gemäldesammlung des Bröhan-Museums setzt einen eigenen Akzent. Zu ihren wichtigen Namen gehören Hans Baluschek, Walter Leistikow, Karl Hagemeister und Willy Jaeckel. Ein Beispiel aus dem Bestand ist Baluscheks Tingeltangel von 1900. Mit diesen Arbeiten bekommt die Betrachtung von Gestaltung eine zweite Ebene: Zu den Dingen treten Bilder, zu Einrichtung und Material treten malerische Entscheidungen. Es lohnt sich, beide Bereiche gedanklich miteinander ins Gespräch zu bringen.
Wie verändert sich die Stimmung, wenn man von einem Möbel zu einem Gemälde wechselt? Welche Farben bleiben im Gedächtnis? Wo richtet sich die Aufmerksamkeit auf eine Oberfläche, wo auf einen dargestellten Menschen oder einen Ort? Solche Vergleiche müssen keine endgültige Antwort ergeben. Ihr Wert liegt darin, das Sehen beweglicher zu machen. Das Museum gibt dafür Material; die Verbindungen entstehen beim Betrachten.
Wer die Berliner Moderne weiter verfolgen möchte, findet in unserem Porträt der Berlinischen Galerie einen passenden Anschluss. Der Beitrag behandelt ebenfalls die Secession und erweitert den Blick auf weitere Bereiche der Berliner Kunstgeschichte. Zwei Museumsporträts nebeneinander zu lesen, zeigt außerdem, wie unterschiedlich Sammlungen eine Stadt erzählen können.
Keramik und Glas: Große Ideen für die kleinen Dinge
Die Tortenplatten im Sammlungsbestand liefern ein besonders vergnügliches Beispiel dafür, wie Gestaltung in den Alltag hineinwirkt. Viele stammen aus der Weimarer Republik. Ihre geometrischen Dekore und kräftigen Farben zeigen, wie selbstverständlich sich moderne Formen auf dem gedeckten Tisch behaupten konnten. Kunsthistorisch lässt sich daran viel entdecken, gesellschaftlich ebenso: Geschirr dient dem Essen und zugleich der Selbstdarstellung. Wer Gäste empfängt, präsentiert mit der Kaffeetafel auch eine Vorstellung vom guten Leben. Die avantgardistische Tortenplatte verdient also ihren Platz im Museum. Der Kuchen wäre hier tatsächlich die Nebensache.
Industrielle Serienfertigung gab solchen Entwürfen eine besondere Reichweite. Eine Form konnte vielfach produziert und Teil unterschiedlicher Haushalte werden. Das wirft eine Frage auf, die jedes Designmuseum spannend macht: Wodurch gewinnt ein Gegenstand seine Qualität? Durch Seltenheit, sorgfältige Verarbeitung, eine überzeugende Idee oder den gelungenen Gebrauch? Eine bezahlbare Platte kann gestalterisch erheblich mutiger sein als ein kostbares Einzelstück. Der Preis allein ist ein erstaunlich schlechter Kunstkritiker.
Bei Glas und Keramik lässt sich außerdem wunderbar beobachten, wie Form und Oberfläche zusammenspielen. Ein Gefäß kann durch seinen Umriss überzeugen, ein anderes durch Farbe und Dekor. Manche Details erkennt man erst, wenn man verschiedene Ansichten gedanklich zusammenfügt. Für die Betrachtung lohnt deshalb ein kleiner Umweg: zunächst das Ganze erfassen, danach den Rand, den Fuß oder den Wechsel zwischen glänzenden und matten Partien beachten. Aus einem vermeintlich einfachen Objekt wird so ein Entwurf voller Entscheidungen.
Das Bröhan-Museum als Schule des Sehens
Ein guter Zugang zu dieser Sammlung ist der Vergleich. Zwei Gegenstände ähnlicher Funktion können völlig verschiedene Vorstellungen von Eleganz ausdrücken. Bei einem bestimmt die Silhouette den Eindruck, bei einem anderen die Ausarbeitung eines Details. Man darf sich fragen, welcher Entwurf im eigenen Alltag bestehen würde und welcher gerade durch seine Fremdheit fasziniert. Diese Nähe zum Gebrauch macht die Betrachtung persönlich, ohne sie auf eine Geschmacksfrage zu reduzieren.
Für einen Kunsttag in Charlottenburg bietet das Museum einen anregenden Ausgangspunkt. Weitere Anregungen liefert unser Überblick über Galerien und Kunstorte in Berlin. Die Auswahl sollte zum eigenen Interesse passen. Ein aufmerksam betrachtetes Haus kann ergiebiger sein als fünf Stationen, die man lediglich abhakt. Besonders produktiv ist es, eine Frage mitzunehmen: Wie behandeln andere Kunstorte Material, Raum und die Beziehung zwischen Werk und Publikum? Damit wird aus einer Folge von Besuchen ein eigener gedanklicher Zusammenhang.
Warum sich der Blick auf die kleinen Dinge lohnt
Das Bröhan-Museum bietet einen schönen Anlass, die eigene Aufmerksamkeit neu zu verteilen. Auf eine Kante, einen Farbauftrag, das Verhältnis von Form und Gebrauch. Man muss dazu weder Sammler sein noch sein Wohnzimmer neu einrichten wollen. Neugier reicht, dazu die Bereitschaft, einem Gegenstand ein paar Minuten zu geben. Vielleicht erscheint danach die heimische Tasse überraschend interessant. Vielleicht auch verdächtig lieblos. Beides wäre ein brauchbares Ergebnis. Gute Kunstbetrachtung endet schließlich selten an der Museumstür.
Weiterführende Informationen zu Sammlung, Ausstellungen und Besuch bietet die offizielle Website des Bröhan-Museums.
