Flügel mit feinen Klanglinien und geometrischen Flächen: KI-Illustration zu Ryuichi Sakamoto

Ryuichi Sakamoto | seeing sound, hearing time: Berlin hört genauer hin

Ein Klavier, das einen Tsunami überstanden hat, bekommt im Museum eine neue Stimme. Schon diese Arbeit macht neugierig auf Ryuichi Sakamoto | seeing sound, hearing time im Hamburger Bahnhof in Berlin. Die Ausstellung läuft vom 11. September 2026 bis zum 20. Juni 2027. Sie richtet den Blick auf Sakamotos räumliche Klangkunst und versammelt sieben Werke in fünf großformatigen Installationen. Wer ihn vor allem als Komponisten kennt, bekommt hier einen guten Anlass, die vertraute Vorstellung zu erweitern.

Für den Besuch darf die To-do-Liste ruhig etwas kürzer ausfallen. Klangkunst braucht Zeit, und die lässt sich schlecht durch einen schnellen Rundgang ersetzen. Gerade darin liegt der Reiz: Ein Museum kann einen Ort zum Hören schaffen, an dem der nächste Eindruck einmal warten muss. Die Berliner Ausstellung verspricht dafür einen besonders vielschichtigen Zugang.

Ryuichi Sakamoto | seeing sound, hearing time in Berlin

Sakamoto wurde 1952 in Tokio geboren und starb 2023. Als Komponist, Produzent und Mitbegründer des Yellow Magic Orchestra erreichte er ein internationales Publikum. Der Hamburger Bahnhof stellt nun seine Arbeit mit Klang, Bildern und Raum in den Mittelpunkt. In den Rieckhallen entsteht ein Blick auf sein Schaffen, der weit über eine Folge bekannter Musikstücke hinausgeht.

Eine Aufnahme hört man an einem bestimmten Ort. Eine Klanginstallation macht diesen Ort selbst zur Sache. Der Abstand zu einer Quelle, die eigene Bewegung und das Verweilen können die Erfahrung verändern. Das klingt zunächst schlicht, berührt aber eine interessante Frage: Wie viel hören wir tatsächlich, wenn wir Musik nur als Hintergrund behandeln? Sakamotos Arbeiten geben dieser Frage Gewicht.

IS YOUR TIME: ein Klavier hört auf die Erde

IS YOUR TIME verwendet ein durch den Tsunami von 2011 beschädigtes Klavier. Digitale Übersetzungen seismologischer Daten weltweiter Erdbeben werden Teil seiner Klangerzeugung. Ein Instrument mit sichtbaren Spuren einer Katastrophe begegnet damit den Bewegungen der Erde. Das ist ein starkes Motiv, weil der Gegenstand eine Geschichte trägt und zugleich auf fortlaufende Vorgänge reagiert.

Man muss daraus keine fertige Botschaft pressen. Interessanter ist die Spannung zwischen Erinnerung und Messung. Eine Katastrophe hat ein Vorher und ein Nachher für die Menschen, die sie erleben. Eine Datenreihe folgt anderen Regeln. Sakamoto bringt diese Ebenen in eine künstlerische Beziehung. Das beschädigte Klavier wird zum Ausgangspunkt einer Arbeit, die den Maßstab über das einzelne menschliche Leben hinaus öffnet.

Die Begegnung mit Carsten Nicolai und Shiro Takatani

Weitere Arbeiten stehen im Zusammenhang mit Sakamotos Album async und entstanden mit Shiro Takatani sowie dem Filmemacher Apichatpong Weerasethakul. Takatani führt zu einer lohnenden Verbindung im Blog: Das japanische Kollektiv Dumb Type arbeitet ebenfalls mit Performance, Bildern und Medientechnologie. Wer diese Zusammenarbeit besser verstehen möchte, findet dort einen passenden nächsten Schritt.

Auch Carsten Nicolai ist beteiligt. Zwei seiner Filme verwenden Musik aus Sakamotos letztem Album 12. Die Begegnung von elektronischen Verfahren und Sakamotos musikalischer Sprache hat eine lange Geschichte. Sie zeigt, wie fruchtbar die Zusammenarbeit verschiedener künstlerischer Disziplinen sein kann. Bilder und Klänge dürfen sich gegenseitig verändern, ohne dass eines dem anderen bloß als Illustration dient.

Eine weitere Verbindung führt zu Christian Marclay. Auch in seinem Werk spielen Bild, Klang und Dauer eine zentrale Rolle. Der Vergleich hilft, verschiedene Zugänge zur Zeit in der Kunst zu entdecken. Für Berlin ist zudem unser Beitrag über Lina Lapelytė im Hamburger Bahnhof interessant. Er erweitert das Thema um Stimmen, gemeinsames Handeln und andere Formen des Hörens.

Mit Zeit im Gepäck in den Hamburger Bahnhof

Bei einer Ausstellung dieser Art ist die beste Vorbereitung vielleicht eine kleine Entscheidung: an einem Werk länger bleiben, als es die Gewohnheit vorsieht. Ein Klang kann sich verändern, ein Bild eine andere Bedeutung bekommen. Dazu braucht es keine ehrfürchtige Haltung. Neugier reicht völlig aus. Wer jedem Werk sofort seine Erklärung abverlangt, macht es sich womöglich unnötig schwer.

Ryuichi Sakamoto | seeing sound, hearing time ist deshalb ein reizvoller Vorschlag für einen Berliner Kunstbesuch. Die Ausstellung bietet einen Zugang zu einem bekannten Musiker und zu einer Praxis, die im Raum neue Möglichkeiten gewinnt. Das darf man sich durchaus mit Lust auf Ungewohntes ansehen und anhören.

Termine, Eintritt und Besuchsinformationen

Ort: Hamburger Bahnhof, Nationalgalerie der Gegenwart, Rieckhallen, Invalidenstraße 50, 10557 Berlin. Laufzeit: 11. September 2026 bis 20. Juni 2027. Kuratiert wird die Ausstellung von Ingrid Buschmann und Sachiko Namba.

Öffnungszeiten bis Ende November 2026: Dienstag, Mittwoch und Freitag 10 bis 18 Uhr; Donnerstag 10 bis 20 Uhr; Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr. Montags geschlossen. Ab 1. Dezember 2026: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Feiertagsregelungen vor dem Besuch prüfen.

Eintritt: Der Hamburger Bahnhof nennt einschließlich Sonderausstellungen 16 Euro, ermäßigt 8 Euro. Die Ausstellung ist barrierefrei zugänglich; beim Zugang über einen Treppenlift hilft das Kassenpersonal. Die Angaben wurden am 7. Oktober 2026 geprüft.

Weiterführende Informationen und Tickets: Offizielle Seite zu Ryuichi Sakamoto | seeing sound, hearing time.