Dumb Type und die Ästhetik des Schweigens in der technologischen Flut

Im Herzen der Stadt Kyoto formte sich Mitte der achtziger Jahre ein künstlerisches Beben das die herkömmlichen Vorstellungen von Bühne und Raum für immer verändern sollte. Eine Gruppe von Studierenden der Kyoto University of the Arts erkannte dass die traditionelle Kunst den rasanten Veränderungen der japanischen Gesellschaft nicht mehr gewachsen war. Sie schlossen sich zu einem Kollektiv zusammen das unter dem Namen Dumb Type weltweit bekannt wurde. Diese multidisziplinäre Gemeinschaft vereinte Spezialisten aus den Bereichen Bildkunst und Video sowie Musik und Choreographie und Sounddesign. Ihr gemeinsames Ziel war die Entwicklung einer Form des experimentellen Theaters das die Performance mit der Multimedia-Installation verschmolz. Der Name des Kollektivs verweist einerseits auf die konzeptionelle Stummheit der Bürger die in einer Flut von Informationen versinken. Andererseits ist er eine scharfe Kritik an der oberflächlichen Beschaffenheit der japanischen Konsumgesellschaft auf dem Höhepunkt der sogenannten Blasenwirtschaft.

Die Architektur des Kollektivs und der Verzicht auf das Ego

Die Arbeitsweise der Gruppe bricht radikal mit dem klassischen Verständnis des individuellen Künstlergenies. Die Entscheidung als Kollektiv zu agieren war für Dumb Type die erste und vielleicht wichtigste politische Geste überhaupt. In diesem horizontalen System werden Projekte entwickelt bei denen der hybride Charakter im Vordergrund steht. Besonders eindrucksvoll zeigt sich dieser Ansatz in den Werken von Gründungsmitgliedern wie Teiji Furuhashi sowie Ryoji Ikeda und Shiro Takatani. Diese Künstler schufen eine Ästhetik in der die Körper der Darsteller nicht mehr die alleinigen Träger der Handlung sind sondern als Unterstützung für digitale Bilder und komplexe Töne fungieren. In dieser Verschmelzung von menschlichem Körper und digitaler Technologie auf der Bühne steht Dumb Type neben Stan Douglas, dessen Theaterprojekt Helen Lawrence ebenfalls Live-Performance und Echtzeit-Videotechnik zu einem hybriden Gesamterlebnis verbindet — wenn auch mit der narrativen Methode des Film Noir wo Dumb Type die abstrakte Kälte des Datenscanners bevorzugt.

PH und die klinische Vermessung der menschlichen Existenz

Im Jahr neunzehnhundertneunzig setzte das Werk PH neue Maßstäbe für die Verbindung von Architektur und Performance. Die Theaterbühne wurde in eine klinisch reine Grube verwandelt in der die Darsteller wie unter einem Mikroskop beobachtet wurden. Eine gewaltige Maschine die an einen Scanner erinnerte fuhr über die Bühne und durchleuchtete die Körper der Akteure. Die begleitenden Texte evozierten das Bild einer Gesellschaft die sich zwischen einem potenziellen Paradies und einer potenziellen Hölle bewegt. In dieser Nutzung der Technologie als Instrument der Überwachung und Kontrolle berührt sich die Arbeit von Dumb Type mit der von Bruce Nauman, dessen klaustrophobische Korridore und aggressive Videoinstallationen ebenfalls den Betrachter in Situationen der Beobachtung und des Unbehagens zwingen — eine Verbindung von Kunst und Wissenschaft die das gesamte Werk des Kollektivs durchzieht.

S/N und der Traum von der grenzenlosen Identität

Die wohl persönlichste und zugleich politischste Arbeit des Kollektivs ist das Stück S/N aus dem Jahr neunzehnhundertvierundneunzig. In dieser Performance thematisierte Teiji Furuhashi seine eigene HIV-Infektion auf eine Weise die jegliche Sentimentalität vermied. Er brachte Etiketten an seinem Körper an die ihn als Mann oder Japaner sowie homosexuell und HIV-positiv kennzeichneten. Die auf die Bühne projizierten Sätze machten die Sehnsucht nach einer Identität jenseits dieser Kategorien sichtbar. In dieser radikalen Offenlegung der eigenen Verletzlichkeit als politisches Statement steht Furuhashi neben Félix González-Torres, der in seinen minimalistischen Installationen ebenfalls die AIDS-Krise und den Verlust des Geliebten zum Gegenstand einer Kunst machte die jede Sentimentalität verweigert, und neben Nan Goldin, deren fotografische Zeugenschaft der AIDS-Epidemie eine verwandte Verbindung von persönlicher Verletzlichkeit und politischem Widerstand praktiziert — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren.

Das Erbe der Stummheit in einer digitalen Welt

Betrachten wir die langfristige Wirkung von Dumb Type so wird deutlich dass sie den Weg für eine neue Generation von Medienkünstlern geebnet haben. Ryoji Ikeda entwickelte später seine eigene Ästhetik der Datenvisualisierung weiter. Shiro Takatani fokussierte sich auf die visuelle Reinheit und die architektonische Integration der Medien. In ihrer Pionierarbeit an der Schnittstelle von Performance, Technologie und immersiver Raumgestaltung steht das Kollektiv neben Olafur Eliasson, dessen immersive Lichtumgebungen ebenfalls die Grenze zwischen dem Betrachter und dem Kunstwerk aufheben, und neben Doug Aitken, dessen Multimedia-Installationen eine verwandte Verschmelzung von Bild, Klang und architektonischem Raum praktizieren. Die Gruppe hat bewiesen dass Kunst eine wirksame Waffe gegen den sozialen Konservatismus sein kann. Sie haben die Stummheit der Bürger in eine kraftvolle künstlerische Aussage verwandelt und gezeigt dass das Schweigen manchmal lauter sein kann als jedes geschriene Wort. Sie erinnerten uns daran dass hinter den glänzenden Displays immer noch ein verletzlicher menschlicher Körper existiert der nach echter Verbindung und Bedeutung sucht.

Mehr Informationen unter: http://dumbtype.com

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die Technologie und menschliche Erfahrung verschränken — von Light with no Sound bis Cave.