Chris Burden und die Anatomie der extremen Erfahrung

Stellen Sie sich einen Moment vor in dem die Grenze zwischen dem Leben und der künstlerischen Geste vollkommen in sich zusammenbricht und nur noch die nackte Existenz eines Menschen im Raum verbleibt. Chris Burden war ein Visionär der genau diesen riskanten Pfad beschritt und dabei die Grundlagen der modernen Kunst erschütterte. Er gehört zu den radikalsten Vertretern der Body Art und hat bewiesen dass der menschliche Körper nicht nur ein Träger von Emotionen sondern das primäre Material einer unerbittlichen Untersuchung der Realität sein kann. Geboren im Jahr 1946 in Boston trug er die Neugier der Wissenschaft und die Präzision der Konstruktion bereits in seinen Genen. Sein Werk ist eine monumentale Reise von der vollkommenen Entäußerung des Fleisches bis hin zur gewaltigen Schwere von Stahlkonstruktionen.

Der Funke in der Bewegungslosigkeit

Chris Burden verbrachte Teile seiner frühen Jahre in China und Europa was seinen Blick für die Welt öffnete. Ein Unfall in Italien im Alter von zwölf Jahren stellte die Weichen für sein künftiges Schaffen. In dieser Phase der erzwungenen Immobilität entdeckte er die schöpferische Kraft der Stille und entwickelte eine Leidenschaft für die Fotografie und die Strukturen europäischer Kathedralen. Die Faszination für die Statik und die Erhabenheit von Bauwerken verband sich mit der Zerbrechlichkeit des eigenen Fleisches.

Die Verweigerung der Architektur und der Ruf des Augenblicks

Seinen Master machte er an der University of California in Irvine zu einer Zeit als der Minimalismus die akademischen Diskurse dominierte. Burden nahm den Gedanken dass die Idee wichtiger sei als das Objekt so ernst dass er die logische Konsequenz daraus zog: Er verzichtete konsequent auf die Produktion von Skulpturen und erklärte seinen eigenen Körper zum einzigen legitimen Werkzeug seiner Kunst. In dieser radikalen Konsequenz der Konzeptkunst — der Ersetzung des Objekts durch den eigenen Körper — steht Burden neben Marina Abramović, die ebenfalls den Körper als primäres Schlachtfeld ihrer Untersuchungen nutzt — wenn auch mit der spirituellen Methode der Ausdauer wo Burden die Methode der physischen Gefährdung bevorzugte.

Shoot: Wenn die Kunst zur realen Gefahr wird

Sein wohl bekanntestes Werk Shoot aus dem Jahr 1971 ist bis heute ein Synonym für die Radikalität der Body Art. Burden ließ sich von einem Freund mit einem Gewehr in den linken Arm schießen. In einer Zeit in der der Vietnam-Krieg täglich über die Bildschirme flimmerte brachte Burden die Kugel direkt in den sterilen Raum der Galerie. Er machte die Gefahr greifbar und zwang die Zuschauer Zeugen einer Tat zu werden die ihre moralischen Koordinaten durcheinanderbrachte — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren. In dieser Konfrontation des Galerieraums mit realer Gewalt steht Burden neben Santiago Sierra, der in seinen Performances ebenfalls die Strukturen der Gewalt in den Kunstraum überführt — wenn auch mit der kalten Distanz des Auftraggebers wo Burden den eigenen Körper als Ziel wählt.

Trans-Fixed: Das Martyrium auf dem Asphalt

Für Trans-Fixed aus dem Jahr 1974 legte sich Chris Burden mit weit ausgebreiteten Armen auf das Heck eines VW Käfer und ließ sich echte Nägel durch seine Handflächen in das Metall des Wagens schlagen. Dieses Bild eines modernen Märtyrers auf dem Symbol des Wirtschaftswunders war von einer ungeheuren symbolischen Wucht. Er verknüpfte religiöse Motive mit der technisierten Welt.

Die Flucht vor der Sensationslust und die Rückkehr zur Materie

Mitte der 1970er Jahre begann sich Burden von der reinen Performance abzuwenden. Er spürte wie der Erwartungsdruck und die Sensationsgier zunahmen. Getreu seiner tiefen Verbindung zur Architektur und Physik kehrte er zu den Wurzeln seiner Ausbildung zurück und begann monumentale Installationen zu schaffen die die Gesetze der Schwerkraft und der Statik herausforderten. Die Rückkehr zur Skulptur war keine Resignation sondern eine Erweiterung — eine Verbindung von Kunst und Wissenschaft die sein gesamtes Spätwerk durchzieht. In dieser Fähigkeit den eigenen Körper durch monumentale Konstruktionen aus Stahl und Beton zu ersetzen und dabei dieselbe physische Wucht beizubehalten steht Burden neben Anish Kapoor, dessen gewaltige Skulpturen ebenfalls die Gesetze der Physik herauszufordern scheinen.

Brücken aus Kindheitsträumen

In seiner späteren Schaffensphase nutzte Burden die Teile der Spielzeug-Bausätze von Erector um riesige Brücken und Hochhaus-Modelle zu konstruieren. Die fast 20 Meter hohe Skulptur What My Dad Gave Me aus dem Jahr 2008 vor dem Rockefeller Center in New York war eine Hommage an seinen Vater den Ingenieur. Aus Millionen von winzigen Einzelteilen entstand ein Gigant der die Architektur der Umgebung reflektierte — ein eindrucksvolles Beispiel für Kunst im öffentlichen Raum.

Chris Burden verstarb im Jahr 2015 doch sein Einfluss auf die Kunstwelt ist ungebrochen. Er hat den Körper geheilt indem er ihn verwundete und er hat die Skulptur befreit indem er ihr die Schwere der Verantwortung aufbürdete. Er bleibt der Architekt der Extremsituation dessen Werke uns daran erinnern dass wir aus Fleisch und Blut bestehen aber Träume aus Stahl und Licht bauen können. Sein Vermächtnis ist eine Ästhetik der unbedingten Konsequenz die uns zeigt dass man die Welt nur dann verändern kann wenn man bereit ist sich ihr mit jeder Faser des eigenen Seins entgegenzustellen.

Mehr Informationen unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Chris_Burden

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler und ihre Vorläufer vor. Entdecken Sie auch unsere Übersicht der Galerien in Berlin, unsere Porträts der wichtigsten Kuratoren und unsere eigenen Ausstellungen.