Ólafur Elíasson - einer der wichtigsten Künstler unserer Zeit

Olafur Eliasson: Der Alchemist der Sinne und der Naturphänomene

Olafur Eliasson ist ein dänisch-isländischer Künstler, der heute als einer der erfolgreichsten und einflussreichsten Akteure der globalen Gegenwartskunst gilt. Sein Schaffen entzieht sich einer einfachen Kategorisierung, da er die Grenzen zwischen Kunst, Wissenschaft, Architektur und Ökologie fließend überschreitet. In seinen Werken beschäftigt er sich primär mit der Untersuchung von Farbtönen, Bewegungen und Licht sowie dem komplexen Zusammenspiel dieser drei Grundelemente. Eliasson geht es jedoch um weit mehr als rein ästhetische Effekte. Er nutzt seine Installationen, um die kulturellen und physischen Anforderungen zu erforschen, die unser menschliches Empfinden leiten. Seine Arbeiten sind oft großformatige Erlebnismontagen, die Naturphänomene in einen völlig neuen, künstlichen Kontext überführen und den Betrachter zu einem bewussten Denken über seine eigene Wahrnehmung und seine Rolle in der Welt zwingen.

Die Eroberung des Raums: Licht und Wasser als Monumente

Eines seiner weltweit bedeutendsten Werke ist das Weather Project, das im Jahr 2003 im Rahmen der Unilever Series in der Tate Modern in London realisiert wurde. Diese Installation nahm die gesamte Fläche der gigantischen Turbinenhalle ein und verwandelte den industriellen Raum in eine meditative Sphäre. Die Decke der Halle wurde mit einem enormen Spiegel ausgekleidet, während ein künstlicher, halbkreisförmiger Lichtkörper im Zusammenspiel mit feinem Nebel die Illusion einer riesigen, glühenden Sonne erzeugte. Auch Mirosław Balka bespielte dieselbe Turbinenhalle mit seiner Installation How It Is — doch während Eliasson den Raum mit künstlichem Sonnenlicht flutete und die Besucher in eine kollektive Erfahrung der Wärme und des Staunens versetzte, wählte Balka den diametralen Gegenpol: absolute Dunkelheit und Isolation, ein gewaltiger Stahlkasten, der jeden Einzelnen auf sich selbst und seine eigenen Ängste zurückwarf. Und Carsten Höller verwandelte denselben Raum in einen Parcours korkenzieherförmiger Rutschen, die den kontrollierten Kontrollverlust zum Programm erhoben — drei diametrale Strategien für denselben monumentalen Raum, die zeigen, wie unterschiedlich zeitgenössische Künstler das Verhältnis von Körper, Wahrnehmung und Architektur verhandeln.

Fünf Jahre später, im Jahr 2008, sorgte Eliasson mit den New York City Waterfalls für weltweites Aufsehen — vier künstliche Wasserfälle mit einer Höhe von 27 bis 36 Metern im Hafen von New York. Auch Fujiko Nakaya hat die atmosphärische Verwandlung des öffentlichen Raums durch Naturelemente zum Kern ihrer Kunst gemacht und mit ihren Nebelskulpturen Architektur und Landschaft in immaterielle Erfahrungen aufgelöst, doch während Nakayas Nebel flüsternd und nahezu unsichtbar operiert und den Raum in eine intime Begegnung mit dem Verschwinden verwandelt, arbeitet Eliasson mit der monumentalen Wucht fallender Wassermassen, die den urbanen Raum nicht auflösen sondern ihn mit der Gewalt der Natur konfrontieren. Seine architektonischen Ambitionen manifestierten sich auch in der Gestaltung der Fassade der Harpa-Konzerthalle in Reykjavik, die 2011 fertiggestellt wurde.

Licht als soziale Mission: Das Projekt Little Sun

Ein wesentliches Merkmal von Eliassons Arbeit ist sein soziales Engagement, das über den klassischen Museumsbetrieb hinausgeht. Ein prominentes Beispiel hierfür ist das Projekt Little Sun, das er im Jahr 2012 in der Tate Modern vorstellte. Hierbei handelt es sich um kleine, solarbetriebene LED-Leuchten in Form einer gelben Blume, die Menschen in Regionen ohne stabilen Zugang zum Stromnetz eine saubere und erschwingliche Lichtquelle bieten. Little Sun ist somit Kunstwerk und Hilfsprojekt zugleich; es bringt das Thema der globalen Energieverteilung in den Kontext der Hochkultur und zeigt, dass künstlerisches Design eine direkte positive Wirkung auf das Leben von Millionen Menschen haben kann.

Die isländische Landschaft als konzeptuelles Laboratorium

Obwohl Eliasson 1967 in Kopenhagen geboren wurde, ist seine Verbindung zu Island durch seine Eltern tief verwurzelt. Während seiner häufigen Besuche in Island entwickelte er umfangreiche fotografische Serien, in denen er die einmalige und raue Landschaft des Landes dokumentiert. Er nutzt die Fotografie, um Seh- und Wahrnehmungsvorgänge zu erforschen und die Veränderungen der Umwelt über lange Zeiträume hinweg festzuhalten. Heute lebt und arbeitet Olafur Eliasson sowohl in Berlin als auch in Kopenhagen. In seinem Berliner Studio beschäftigt er ein großes Team aus Fachleuten verschiedenster Richtungen, von Architekten über Köche bis hin zu Wissenschaftlern, was seinen kollektiven und interdisziplinären Arbeitsansatz widerspiegelt.

Wahrnehmung als aktiver Prozess

In den letzten zwei Jahrzehnten hat Eliasson ein Œuvre geschaffen, das Gemälde, Montagen, Filme und diverse Projekte im öffentlichen Raum umfasst. Jedes dieser Werke fordert den Betrachter auf, nicht nur passiv zu konsumieren, sondern sich des eigenen Sehens bewusst zu werden. Wenn man durch seinen Rainbow Panorama auf dem Dach des ARoS Kunstmuseums in Aarhus geht, verändert sich die Welt mit jedem Schritt durch die farbigen Gläser. Eliasson macht deutlich, dass unsere Wahrnehmung niemals objektiv ist, sondern immer von unserem Standort, unserer Bewegung und den kulturellen Filtern abhängt, durch die wir blicken. Seine Kunst ist ein ständiges Experimentierfeld für die Sinne, das uns daran erinnert, wie wunderbar und fragil die natürlichen Phänomene sind, die uns umgeben.

Mehr Informationen unter: http://www.olafureliasson.net

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die das Verhältnis von Licht, Wahrnehmung und Natur befragen — von Light with no Sound bis Cataclysmic Change.