Cindy Sherman und die Dekonstruktion der Identität in der zeitgenössischen Fotokunst

Cindy Sherman die am 19. Januar 1954 als Cynthia Morris Sherman in Huntington New York geboren wurde gilt als eine der einflussreichsten Figuren der zeitgenössischen Fotografie. In ihren wegweisenden Fotoserien setzt sie sich intensiv mit den vielschichtigen Fragen der menschlichen Identität der Physis und den gesellschaftlichen Konstruktionen von Geschlechterrollen sowie sexuellen Begehrlichkeiten auseinander. Ihre Arbeiten haben den Kunstmarkt revolutioniert und gehören heute zu den teuersten fotografischen Werken weltweit. Ein deutliches Zeichen für ihre enorme Wertschätzung war die Versteigerung eines ihrer Werke bei Christies in New York das für die Rekordsumme von 3,80 Millionen Dollar den Besitzer wechselte. Doch hinter diesem finanziellen Erfolg verbirgt sich eine künstlerische Praxis die von einer tiefen Skepsis gegenüber der Oberfläche und einer unermüdlichen Neugier auf das Wesen der menschlichen Verwandlung getrieben ist. Sherman ist keine Fotografin die nach der Wahrheit sucht vielmehr konstruiert sie Lügen die uns helfen die Konstruiertheit unserer eigenen Realität zu begreifen.

Die Paradoxie des verschwindenden Subjekts in der Maskerade

Cindy Sherman ist ohne Zweifel ein Mensch mit unzähligen Gesichtern. Als herausragende Vertreterin der inszenierten Fotografie hat sie ein Werk geschaffen das den Betrachter permanent im Unklaren darüber lässt wer die Frau hinter der Maske eigentlich ist. Vielleicht rührt der enorme Widerhall ihrer Bilder gerade daher dass nur wenige Menschen wissen wie sie in Wirklichkeit aussieht. Sherman entzieht sich der klassischen Porträtfotografie indem sie sich selbst zum Verschwinden bringt. Schon als kleines Mädchen hegte sie eine tiefe Leidenschaft für die Kostümierung und die Kunst der Maskeraden. Dabei zog es sie keineswegs zu den lieblichen Prinzessinnen sondern vielmehr zu den hässlichen finsteren und skurrilen Figuren ihrer Lieblingsmärchen. Dieser Hang zum Absonderlichen und Grotesken zieht sich wie ein roter Faden durch ihr gesamtes künstlerisches Schaffen. Auch Nan Goldin hat den eigenen Körper und die eigene Biografie zum zentralen Medium der Fotografie erhoben — doch während Goldin sich schonungslos dokumentiert und die Kamera als Zeugin ihres realen Lebens einsetzt, nutzt Sherman den eigenen Körper als Leinwand für fremde Identitäten und verschwindet hinter der Maske gerade dadurch dass sie sich ständig zeigt. Ihr liebstes Terrain für die Suche nach neuen Identitäten war und ist der Flohmarkt. Dort findet sie die verschiedensten Accessoires die sie für ihre Inszenierungen benötigt.

Archivarin des Unheimlichen im Spiegel der Werkzeuge

Ein Blick in das Atelier von Cindy Sherman offenbart die Werkzeuge ihrer Verwandlungskunst. Die Räumlichkeiten sind vollgepackt mit unzähligen Requisiten darunter Masken Hüte und Perücken. Doch zwischen diesen eher klassischen Accessoires finden sich auch verstörendere Elemente wie künstliche Brüste oder Prothesen. Besonders intensiv wird die Atmosphäre wenn man die Behältnisse ihres Ateliers öffnet in denen Nachbildungen von Geschlechtsorganen Plastikbeine oder sogar ein künstlicher Uterus mit Fötus liegen. Trotz der bisweilen makabren Anmutung dieser Objekte betont Sherman dass sie durch die Verwendung dieser Requisiten keineswegs schockieren will. Vielmehr sieht sie darin eine Vorbereitung auf die Gewalt und die Absurditäten des Lebens. In dieser Umgebung wird deutlich dass ihr Schaffen weniger mit Narzissmus als vielmehr mit einer fast schon chirurgischen Untersuchung der äußeren Erscheinung zu tun hat. Jede Perücke und jede Prothese ist ein Baustein für eine neue Erzählung die das Individuum in einen Typus verwandelt. Das Atelier fungiert somit als Archiv menschlicher Möglichkeiten wobei die Grenze zwischen dem Belebten und dem Unbelebten durch die Verwendung von Puppenteilen und Masken bewusst verwischt wird.

Die Dekonstruktion des filmischen Blicks in den Untitled Film Stills

In ihrer Fotografie lässt Sherman ihre Kostümideen aufleben indem sie ihren eigenen Körper radikal in Szene setzt. Es ist ein häufiges Missverständnis ihre Bilder als Selbstporträts zu bezeichnen auch wenn sie auf den ersten Blick so wirken mögen. Vielmehr handelt es sich um ein hochkomplexes Rollenspiel bei dem die Künstlerin ihren Körper lediglich als Werkzeug und Leinwand empfindet. Dies zeigt sich besonders deutlich in ihrer berühmtesten Serie den Untitled Film Stills die zwischen 1977 und 1980 entstanden sind. In diesen Schwarzweißfotografien imitiert sie die Ästhetik von Standbildern aus fiktiven Filmen der fünfziger und sechziger Jahre. Sie spielt die einsame Frau in der Großstadt die wartende Geliebte oder das eingeschüchterte Mädchen vom Lande. Dabei zitiert sie Klischees der Filmgeschichte um die Sehgewohnheiten des Publikums zu hinterfragen. Der Betrachter erkennt die Szenen sofort wieder obwohl es die Filme dazu nie gab. Sherman macht hier deutlich dass unsere kollektive Erinnerung und unser Verständnis von Weiblichkeit maßgeblich durch mediale Bilder geprägt sind. Sie ist Regisseurin Maskenbildnerin Kostümdesignerin und Model in Personalunion. Auch Wolfgang Tillmans hat die Fotografie als ein raumgreifendes künstlerisches Medium etabliert das weit über die Dokumentation hinausgeht — doch während Tillmans die Realität in ihrer ganzen Beiläufigkeit einfängt und das Ungefilterte zum Sujet erhebt, konstruiert Sherman jedes Bild mit der Präzision einer Filmregisseurin und zeigt uns eine Wirklichkeit die es nie gegeben hat.

Im Dialog mit dem Abjekten und der Ästhetik des Schreckens

In späteren Werkphasen wie den Disasters oder den Fairy Tales verlässt Sherman den Bereich der filmischen Eleganz und taucht tief in die Welt des Abjekten ein. Hier wird der Körper nicht mehr nur verkleidet sondern deformiert. Erbrochenes Exkremente verwesende Lebensmittel und zerbrochene Puppen bevölkern diese Bilder. Sherman fordert den Betrachter heraus indem sie ihn mit dem konfrontiert was normalerweise aus dem Sichtfeld der bürgerlichen Gesellschaft verbannt wird. Der Körper wird hier zum Schauplatz einer Auflösung die gleichermaßen abstoßend wie faszinierend wirkt. Es ist eine radikale Absage an die Vorstellung dass Fotografie das Schöne abbilden müsse. In diesen Arbeiten zeigt sich die Konsequenz mit der Sherman ihren eigenen Körper dem künstlerischen Prozess unterwirft.

Kritik der sozialen Maskerade in den Society Portraits

Zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts wandte sich Sherman einer neuen Form des Porträts zu die heute als Society Portraits bekannt sind. In diesen großformatigen Farbfotografien verkörpert sie Frauen der amerikanischen Oberschicht die verzweifelt versuchen den Spuren des Alterns durch übermäßiges Makeup plastische Chirurgie und teure Kleidung zu entkommen. Diese Bilder sind gnadenlose Studien über Status Neid und die Angst vor dem sozialen Abstieg. Sherman nutzt hier eine subtile Form der Übertreibung um die Künstlichkeit dieser Existenzen offenzulegen. Hier schließt sich der Kreis zu ihren Kindheitserlebnissen auf dem Flohmarkt. Die Requisiten sind nun teure Juwelen und Designerkleider doch die Funktion bleibt dieselbe: die Konstruktion einer Identität die dem äußeren Erwartungsdruck standhalten soll. Sherman zeigt hier dass die Verkleidung nicht nur ein Privileg der Kunst ist sondern ein alltägliches Werkzeug des gesellschaftlichen Überlebens.

Pionierin der digitalen Verformung und der sozialen Medien

In ihren jüngsten Arbeiten die oft über Plattformen wie Instagram verbreitet werden nutzt Sherman die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung um ihre Verwandlungen in eine neue Dimension zu führen. Sie verwendet Filter und Apps um ihr Gesicht so zu verzerren dass es an die Grenzen des Menschlichen stößt. Diese Selbstaufnahmen sind ein direkter Kommentar auf die heutige Selfie-Kultur und den Drang zur ständigen Selbstinszenierung im digitalen Raum. Während die meisten Nutzer versuchen sich durch Filter schöner darzustellen nutzt Sherman dieselbe Technologie um sich ins Groteske zu steigern. Sie demaskiert den Wunsch nach digitaler Perfektion indem sie deren Mechanismen ad absurdum führt. Damit beweist sie dass ihr Werk auch im digitalen Zeitalter von ungebrochener Relevanz ist.

Die kunsthistorische Einordnung von Cindy Sherman führt zwangsläufig zur Erkenntnis dass sie das Porträt als Gattung endgültig gesprengt hat. Indem sie sich weigert ein wahres Selbst preiszugeben macht sie deutlich dass das Ich kein statischer Kern ist sondern ein permanentes Werden im Spiegel der anderen. Ihre Bilder sind Projektionsflächen für unsere eigenen Wünsche Ängste und Vorurteile. Die enorme Wertschätzung ihrer Werke auf dem Kunstmarkt ist somit auch ein Ausdruck der Sehnsucht nach einer Kunst die sich den einfachen Wahrheiten entzieht und stattdessen die Ambivalenz des Lebens feiert.

Das Werk von Sherman bleibt ein offenes System das sich ständig erweitert. Sie hat die Fotografie aus der Pflicht zur Dokumentation befreit und sie zu einem Werkzeug der philosophischen Untersuchung gemacht. Ihr Einfluss auf nachfolgende Generationen von Künstlern die sich mit Genderidentität oder der Kritik der Medien beschäftigen ist immens. Wer heute über die Darstellung des Körpers in der Kunst nachdenkt kommt an der Vision von Cindy Sherman nicht vorbei. Sie hat uns gezeigt dass die Maske nicht nur etwas verbirgt sondern oft das Einzige ist was wir von der Realität zu fassen kriegen. Ihre Bilder sind ein Fest der Verwandlung und eine ständige Erinnerung daran dass wir die Freiheit haben uns immer wieder neu zu erfinden jenseits der starren Rollenmuster der Vergangenheit.

Cindy Sherman bleibt das Phantom der Kunstwelt das uns immer wieder aufs Neue überrascht und herausfordert. Ihre Fotografie ist eine Schule des Sehens die uns dazu befähigt die Konstruktionen unserer Welt zu durchschauen und die Schönheit im Grotesken zu finden. Damit bleibt sie eine der wichtigsten Stimmen unserer Zeit die uns lehrt dass Identität kein Gefängnis sein muss sondern ein unendliches Spiel der Möglichkeiten sein kann.

Mehr Informationen unter: zeit.de/zeit-magazin — Cindy Sherman

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die die Konstruiertheit unserer Realität offenlegen und die Freiheit der Verwandlung feiern.