Gerhardt Richter – einer der wichtigsten Künstler unserer Zeit

Gerhard Richter und die Phänomenologie des Sichtbaren in der zeitgenössischen Malerei

Gerhard Richter gilt heute unbestritten als einer der bedeutendsten lebenden Künstler der Welt. Sein Einfluss auf die zeitgenössische Kunst ist kaum in Worte zu fassen doch seine Marktpräsenz liefert deutliche Indikatoren für die immense kulturelle Relevanz seines Schaffens. Im Jahr 2012 setzte er bei einer Auktion in London einen Meilenstein als sein Werk mit dem Titel Abstraktes Bild für die astronomische Summe von 26,4 Millionen Euro den Besitzer wechselte. Dieser Rekordpreis unterstrich nicht nur den materiellen Wert seiner Arbeit sondern vor allem seine Ausnahmestellung im globalen Kanon der Moderne. Richter ist ein Künstler der es geschafft hat die Malerei in einer Zeit zu behaupten und grundlegend zu erneuern in der viele Theoretiker bereits das Ende dieses Mediums prophezeiten. Er begegnet der Leinwand nicht mit der naiven Geste des Genies sondern mit einer tiefen Skepsis die zur eigentlichen Triebfeder seiner Produktivität wird. Sein Werk ist eine fortlaufende Untersuchung der Frage wie Bilder entstehen wie sie uns täuschen und welche Wahrheit sie in einer Welt der medialen Überflutung überhaupt noch transportieren können.

Die biografische Zäsur zwischen den politischen Systemen des zwanzigsten Jahrhunderts

Die Biografie von Gerhard Richter ist tief in der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts verwurzelt und spiegelt die Zerrissenheit einer ganzen Epoche wider. Geboren am 9. Februar 1932 in Dresden verbrachte er seine prägenden Jahre in der Oberlausitz unter den Vorzeichen der nationalsozialistischen Diktatur und des anschließenden Aufbaus des Sozialismus. Sein künstlerischer Weg begann an der Kunstakademie in Dresden wo er von 1951 bis 1956 Malerei studierte. In der Deutschen Demokratischen Republik war die Kunst jedoch stark reglementiert und dem Dogma des Sozialistischen Realismus verpflichtet. Ein entscheidender Wendepunkt markierte das Jahr 1959 als Richter die Documenta 2 in Kassel besuchte. Dort kam er zum ersten Mal umfassend mit der westlichen Abstraktion in Berührung was einen tiefen Eindruck bei ihm hinterließ und seinen Blick auf die Möglichkeiten der Kunst radikal veränderte. Er begriff dass die Malerei jenseits der Illustration politischer Inhalte existieren konnte.

Die Provokation des Kapitalistischen Realismus

Wenige Monate vor dem Bau der Berliner Mauer traf Richter im Jahr 1961 die lebensverändernde Entscheidung die DDR zu verlassen. Er floh in den Westen und ließ sich in Düsseldorf nieder wo er seine Ausbildung von 1961 bis 1963 an der Düsseldorfer Kunstakademie fortsetzte. Diese Zeit war geprägt von einem radikalen Neuanfang und dem intensiven Austausch mit Gleichgesinnten wie Sigmar Polke und Blinky Palermo. Gemeinsam mit Konrad Fischer-Lueg organisierten sie 1963 in einem Düsseldorfer Möbelhaus das heute legendäre Event Leben mit Pop — Eine Demonstration für den Kapitalistischen Realismus. Es war eine ironische Antwort auf den Pop-Art-Trend aus den USA und den Sozialistischen Realismus des Ostens zugleich. Inmitten von Polstermöbeln und Konsumgütern präsentierte Richter erstmals seine markanten Grauen Fotobilder die seinen Weltruhm begründen sollten. Auch Peter Doig hat die Fotografie als Ausgangspunkt für eine Malerei gewählt, die das fotografische Bild durch den malerischen Prozess in etwas fundamental Anderes verwandelt — doch während Doig die Fotografie in tropische Traumlandschaften von fast halluzinatorischer Farbigkeit übersetzt, unterzieht Richter sie dem Akt des Verwischens und entzieht dem Bild systematisch die Eindeutigkeit, die die Kamera zu versprechen scheint.

Die Ästhetik der Unschärfe als erkenntnistheoretische Skepsis

Was das Schaffen von Gerhard Richter so einzigartig macht ist die bewusste Verweigerung einer eindeutigen Handschrift oder eines festen Stils. Oft wird in Bezug auf sein Werk vom Prinzip des Stilbruchs gesprochen da er scheinbar mühelos zwischen fotorealistischer Genauigkeit und radikaler Abstraktion wechselt. In seinen Fotobildern nutzt er Vorlagen aus Zeitungen privaten Alben oder Werbeprospekten und überträgt diese Motive auf die Leinwand. Der entscheidende Akt ist jedoch das anschließende Verwischen der noch feuchten Farbe mit einem Pinsel oder einem Rakel was die Motive in eine atmosphärische Unschärfe überführt. Damit entzieht er dem Bild die eindeutige Lesbarkeit und stellt die fundamentale Frage was wir eigentlich sehen wenn wir ein Bild betrachten. Die Unschärfe fungiert als Schutzschild gegen die Behauptung von Wahrheit und macht die Distanz zwischen dem Betrachter und dem dargestellten Objekt physisch spürbar. Richter rettet die Malerei in die Moderne indem er sie permanent selbst hinterfragt und ihr jede dogmatische Sicherheit entzieht.

Die radikale Indifferenz der Grauen Bilder

In den Serien der Vermalungen oder der Grauen Bilder die schwerpunktmäßig zwischen 1967 und 1975 entstanden radikalisierte Richter seinen analytischen Ansatz. Das Grau war für ihn die Farbe der Indifferenz und des Nichts eine vollkommene Verweigerung von Emotionalität Räumlichkeit und Komposition. In diesen Arbeiten wird die Malerei auf ihren absoluten Nullpunkt zurückgeführt. Parallel dazu entstanden jedoch farbgewaltige Farbtafeln die an industrielle Farbmusterkarten erinnern und die Malerei auf ihre physikalischen Grundbestandteile reduzierten. Diese Gleichzeitigkeit von völlig gegensätzlichen Ansätzen macht sein Werk extrem komplex und intellektuell herausfordernd. Richter verweigert sich der Rolle des Künstlers der Gefühle ausdrückt und agiert stattdessen als ein Forscher der die Mechanismen der visuellen Wahrnehmung seziert. Auch Anselm Kiefer hat die Last der deutschen Geschichte zum zentralen Sujet seiner Malerei gemacht — doch während Kiefer die Leinwand mit Blei, Stroh und Asche beschwert und die Narben der Vergangenheit in Material verwandelt, entleert Richter seine Bilder systematisch von jeder emotionalen Geste und sucht die Wahrheit nicht im Pathos sondern im Grau der Indifferenz.

Die dekonstruierte Porträtkunst im deutschen Pavillon der Biennale von Venedig

Trotz seiner zeitweiligen Hinwendung zur radikalen Abstraktion kehrte Richter immer wieder zu klassischen Motiven zurück die er in umfangreichen Werkgruppen untersuchte. Ein historischer Höhepunkt seiner Karriere war das Jahr 1972 als er als erster Einzelkünstler den deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig gestaltete. Er schuf dafür den Zyklus der Achtundvierzig Porträts bestehend aus konformen Schwarz-Weiß-Bildnissen nach Fotografien berühmter Gelehrter Dichter und Wissenschaftler des 19. und 20. Jahrhunderts. Diese Arbeiten untersuchten das bürgerliche Rollenverständnis die Darstellung von Autorität und die Macht der Enzyklopädie. Durch die einheitliche Grautönung und die distanzierte Malweise beraubte Richter die Porträtierten ihrer individuellen Heroisierung und verwandelte sie in ein Archiv von Gesichtstypen.

Die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte im Zyklus 18. Oktober 1977

Ein Werkkomplex der die politische Dimension in Richters Schaffen auf besondere Weise verdeutlicht ist der Zyklus 18. Oktober 1977 der sich mit den Mitgliedern der Rote Armee Fraktion auseinandersetzt. In fünfzehn Bildern verarbeitete Richter die Ereignisse um den Tod von Andreas Baader Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Gefängnis Stuttgart-Stammheim. Er nutzte dafür Polizeifotografien und Pressebilder die er in seine charakteristische Unschärfe überführte. Diese Bilder lösten bei ihrer ersten Präsentation heftige Debatten aus da sie das nationale Trauma auf eine Weise visualisierten die weder anklagend noch heroisierend wirkte. Die Unschärfe wirkt hier wie ein Schleier der Trauer und des Unvermögens die Gewalt der Geschichte gänzlich zu begreifen. Dieser Zyklus markiert einen Moment in dem die Malerei zur Geschichtsschreibung wird ohne ihre ästhetische Autonomie aufzugeben.

Der Atlas als lebenslanges Archiv der visuellen Rohmaterialien

Hinter dem malerischen Werk von Gerhard Richter steht ein monumentales Projekt das als Atlas bekannt geworden ist. Es handelt sich um eine stetig wachsende Sammlung von Fotografien Zeitungsausschnitten Skizzen und Entwürfen die Richter seit den sechziger Jahren systematisch auf Kartons montiert hat. Der Atlas ist weit mehr als ein reines Vorlagenarchiv er ist ein eigenständiges Kunstwerk das die visuelle Ordnung der Welt nachvollziehbar macht. Hier finden sich Familienfotos neben Aufnahmen von Konzentrationslagern Landschaftsaufnahmen neben Farbmustern. Durch die Reihung und Kategorisierung dieser Bilder schafft Richter einen Kontext der die Herkunft seiner Motive offenlegt und gleichzeitig die Willkürlichkeit jeder Bildauswahl betont. Der Atlas ist das Fundament seines Schaffens und dokumentiert seinen unermüdlichen Drang die Wirklichkeit in all ihrer Vielfalt und Grausamkeit zu erfassen.

Die Alchemie des kontrollierten Zufalls in den monumentalen Rakelbildern

In seinem Spätwerk das ihn bis heute beschäftigt konzentriert sich Richter verstärkt auf die monumentalen Abstrakten Bilder. Hier nutzt er große Rakel aus Holz oder Metall um die Farbe in dicken Schichten über die Leinwand zu ziehen. Dabei entstehen komplexe Texturen die teilweise wieder abgekratzt oder überlagert werden sodass tieferliegende Farblagen in unerwarteter Weise zum Vorschein kommen. Es ist ein Prozess des kontrollierten Zufalls bei dem der Künstler zwar den Rahmen setzt aber das endgültige Ergebnis der physikalischen Dynamik der Farbe überlässt. Diese Bilder von unglaublicher Tiefe und Farbgewalt wirken wie Landschaften der Materie in denen sich der Blick des Betrachters verlieren kann. Richter hat mit dieser Technik eine Form der Abstraktion geschaffen die frei von jeder spirituellen oder symbolischen Aufladung ist und stattdessen die reine Präsenz der Malerei feiert.

Gerhard Richter als ewiger Suchender und Bewahrer der Malerei

Wer das Lebenswerk von Gerhard Richter heute in seiner Gesamtheit betrachtet erkennt eine Konsistenz die in der Verweigerung von Gewissheiten liegt. Richter hat bewiesen dass die Malerei auch im Zeitalter der digitalen Bilderflut und der technischen Reproduzierbarkeit ein unverzichtbares Medium bleibt um über die Wirklichkeit nachzudenken. Er ist kein Dogmatiker sondern ein Suchender der die Malerei nicht als Bestätigung sondern als Werkzeug der Erkenntnis nutzt. Ob in den stillen Kerzenbildern den monumentalen Kirchenfenstern im Kölner Dom oder den radikalen Birkenau-Bildern Richter stellt sich stets den großen Themen der Menschheit ohne jemals ins Pathos zu verfallen.

Die globale Anerkennung die er erfährt ist das Resultat einer kompromisslosen Redlichkeit gegenüber dem eigenen Tun. Richter hat sich nie von den Moden des Marktes verführen lassen auch wenn er heute einer seiner größten Profiteure ist. Er bleibt der stille Arbeiter in seinem Kölner Atelier der mit der Präzision eines Wissenschaftlers und der Leidenschaft eines Malers an der Entschlüsselung der Welt arbeitet. Sein Vermächtnis liegt in der Befreiung der Malerei von der Pflicht zur Eindeutigkeit. In der Stille seiner Grauen Bilder und in der Wucht seiner Abstraktionen finden wir eine Antwort auf die Komplexität unserer Existenz die uns kein anderes Medium in dieser Form geben kann. Gerhard Richter hat die Malerei unsterblich gemacht indem er ihr erlaubt hat zu zweifeln.

Mehr Informationen unter: www.gerhard-richter.com

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die die Malerei als Werkzeug der Erkenntnis und des Zweifels begreifen.