Die Gründung der Galerie König im Jahr 2002 markierte den Beginn einer Ära in der Berliner Kunstlandschaft die den klassischen Begriff der Galeriearbeit grundlegend erschüttern sollte. Johann König der Sohn einer Illustratorin und des legendären Kurators sowie Kunstprofessors Kasper König trat keineswegs als unbeschriebenes Blatt in die Arena der zeitgenössischen Vermittlung. Vielmehr trug er die Last und zugleich das Privileg eines Namens der in der internationalen Kunstwelt als Synonym für kuratorische Exzellenz und institutionelle Erneuerung gilt. Doch Johann König wählte nicht den bequemen Weg der Fortführung väterlicher Traditionen sondern schuf eine Institution die heute als eine der einflussreichsten Galerien Deutschlands für Gegenwartskunst wahrgenommen wird. Die globale Etablierung des Hauses wurde durch eine konsequente Präsenz auf den wichtigsten internationalen Kunstmessen sichergestellt wobei Namen wie Fiac Paris die Art Basel in Miami Beach sowie die klassische Art Basel und die Frieze Art Fair in London lediglich die Eckpfeiler einer weitreichenden Marktstrategie darstellen. In einem bemerkenswert offenen Interview mit der Süddeutschen Zeitung offenbarte König einst dass sein ursprünglicher Wunsch darin bestand selbst als schaffender Künstler tätig zu werden ein Vorhaben das er jedoch aus tiefem Respekt vor der Größe der Aufgabe und einer gewissen Selbstkritik wieder verwarf. Diese Entscheidung der Kunstwelt auf die Weise des Ermöglichers treu zu bleiben hat das kulturelle Gesicht Berlins nachhaltig geprägt.
Resultat einer existenziellen Wahrnehmungsverschiebung und familiären Prägung
Die Biografie von Johann König ist von einem Ereignis überschattet das seine Beziehung zur visuellen Welt auf eine Weise definierte die für Sehende kaum nachvollziehbar ist. Ein schwerer Unfall im Alter von elf Jahren bei dem eine Startpistole eine zentrale Rolle spielte kostete ihn für einen langen Zeitraum einen Großteil seines Augenlichts. Dieses traumatische Erlebnis zwang ihn dazu die Welt nicht mehr als bloßes Abbild sondern als räumliches und haptisches Kontinuum zu begreifen. Während andere Galeristen sich auf die oberflächliche Ästhetik des Bildes verlassen entwickelten sich bei König ein außergewöhnliches Gespür für visuelle Konzepte und eine Sensibilität für Raumwirkungen die weit über das Optische hinausgehen. Diese phänomenologische Qualität zieht sich wie ein unsichtbares Band durch das gesamte Galerieprogramm. Es ist kein Zufall dass die Galerie König Positionen vertritt die den Raum nicht nur als neutralen Behälter sondern als aktives Material begreifen. Johann König hat bewiesen dass die Kunstvermittlung eine Form der Vision erfordert die tiefer liegt als die reine Netzhautwahrnehmung. Sein Weg vom Rosa-Luxemburg-Platz bis in die monumentale Architektur von St. Agnes ist somit auch eine Reise der stetigen Rückeroberung des Sehens durch die Linse der Kunst.
Tatiana Trouvé und die Erschließung neuer Dimensionen innerhalb der medialen Grenzüberschreitung
Innerhalb des programmatischen Fokus der Galerie nimmt die Künstlerin Tatiana Trouvé eine zentrale Rolle ein da ihre Arbeiten die Grenzen zwischen Architektur Skulptur und Zeichnung vollkommen auflösen. Die Galerie König präsentiert ein Programm das sich konsequent gegen die Kategorisierung in klassische Gattungen sträubt. Trouvés Werke sind oft raumbezogene Interventionen die den Betrachter in eine Art Zwischenreich entführen in dem die physikalischen Gesetze der Architektur außer Kraft gesetzt scheinen. Dieser vielseitige Ansatz erlaubt es sowohl etablierten Größen als auch aufstrebenden jungen Talenten ihre Visionen in einem hochkarätigen Kontext zu realisieren. Neben Trouvé haben Künstler wie Michael Sailstorfer Jeppe Hein und Tue Greenfort maßgeblich zum internationalen Renommee des Hauses beigetragen. Der Ausstellungszyklus ist dabei von einer fast schon atemlosen Dynamik geprägt wobei etwa alle vier bis fünf Wochen neue Einzelausstellungen die Räume transformieren. Diese hohe Taktung wird regelmäßig durch thematische Gruppenausstellungen ergänzt die aktuelle gesellschaftliche Diskurse aufgreifen.
Die architektonische Transformation von der Industriehalle zur sakralen Wucht
Die Geschichte der Galerie ist untrennbar mit der Suche nach dem idealen Raum verbunden einer Suche die stets die tektonischen Verschiebungen der Berliner Kunstszene widerspiegelte. Die erste Station am Rosa-Luxemburg-Platz direkt gegenüber der geschichtsträchtigen Volksbühne war geprägt von der rauen Energie des Nachwendeberlins. Doch bereits im Jahr 2006 folgte die Expansion in eine ehemalige Industriehalle in der Dessauer Straße. Dieser Ort in unmittelbarer Nähe zum Martin-Gropius-Bau und zur Neuen Nationalgalerie verankerte die Galerie im institutionellen Kern der Stadt. Der spektakulärste Standortwechsel vollzog sich jedoch im Jahr 2013 als Johann König das Wagnis einging die ehemalige St. Agnes Kirche in Kreuzberg zu beziehen. Dieses brutalistische Meisterwerk des Architekten Werner Düttmann aus den sechziger Jahren bietet einen Raum von unvergleichlicher sakraler Wucht. Die Entscheidung Kunst in einer entweihten Kirche zu zeigen die durch ihren Sichtbeton und ihre kompromisslose Formensprache besticht stellt einen radikalen Bruch mit dem klassischen White Cube dar. In St. Agnes wird die Kunst nicht mehr nur ausgestellt sie wird in einem Raum verortet der durch seine Geschichte und seine Materialität eine eigene spirituelle und physische Autorität besitzt.
Arno Brandlhuber und die radikale Neuinterpretation des brutalistischen Kirchenraums
Für die Umgestaltung der St. Agnes Kirche in einen funktionalen Galerieraum zeichnete der Architekt Arno Brandlhuber verantwortlich der für seine innovativen und oft kontroversen Entwürfe bekannt ist. Brandlhuber gelang das Kunststück die sakrale Struktur subtil zu bewahren und dennoch eine transformative Veränderung herbeizuführen die den Anforderungen des zeitgenössischen Kunstbetriebs gerecht wird. Das Herzstück dieser Intervention ist eine massive Betonplatte die in das Kirchenschiff eingezogen wurde und nun als Hauptausstellungsfläche dient. Durch diesen Eingriff wird die vertikale Dimension des Düttmann-Baus physisch erfahrbar während die charakteristischen rauen Betonwände ihre ursprüngliche Ausstrahlung behalten. Die Galerie König nutzt diese Architektur als Bühne auf der die Kunst mit dem Beton in einen Dialog tritt der die Schwere des Materials und die Leichtigkeit der Idee kontrastiert.
Alicja Kwade und die physikalische Befragung der Realität
Zu den absoluten Höhepunkten des Programms gehören die Solo-Präsentationen von Alicja Kwade einer Künstlerin die wie kaum eine andere die physikalische Realität und unsere Wahrnehmung von Zeit und Raum hinterfragt. Kwades Arbeiten die oft aus schweren Materialien wie Stein Stahl oder Glas bestehen entfalten in der monumentalen Leere von St. Agnes eine ganz besondere Wirkung. Sie spielt mit den Erwartungen des Betrachters indem sie Naturgesetze scheinbar aushebelt und die Objekte in einen Zustand der Schwebe oder der Transformation versetzt. Kwades präzise Setzungen korrespondieren mit der mathematischen Strenge der brutalistischen Architektur und fordern den neugierigen Betrachter heraus seine eigene Position im Universum zu reflektieren.
Jeppe Hein und die spielerische Dekonstruktion der Wahrnehmung
Ein weiterer Eckpfeiler des Portfolios ist der dänische Künstler Jeppe Hein dessen interaktive Skulpturen oft spielerische und zugleich tiefgründige Elemente in den Raum bringen. Heins Arbeiten fordern die aktive Beteiligung des Publikums ein und brechen die Distanz zwischen Kunstwerk und Betrachter auf. Ob es sich um bewegliche Spiegel Wasserwände oder unsichtbare Labyrinthe handelt Heins Kunst nutzt den Raum als Spielfeld für soziale Interaktion und psychologische Selbsterfahrung. In der Galerie König wird deutlich wie Heins Werke die sakrale Ernsthaftigkeit von St. Agnes durchbrechen und eine menschliche Komponente hinzufügen die den Raum belebt.
Michael Sailstorfer und die Transformation des Industriellen im sakralen Kontext
Die Arbeiten von Michael Sailstorfer bringen eine fast schon physische Gewalt und eine tiefgreifende Lust an der Transformation von Materialien in die Galerie König ein. Sailstorfer nutzt oft Objekte aus dem industriellen oder alltäglichen Bereich wie Autoreifen Flugzeugteile oder ganze Bäume und überführt sie in einen neuen skulpturalen Zustand. In der ehemaligen Kirche St. Agnes entwickeln seine oft geruchsintensiven oder akustisch präsenten Installationen eine raumgreifende Präsenz die alle Sinne anspricht. Sailstorfer thematisiert die Vergänglichkeit und die Energie die in den Dingen steckt was in einem ehemaligen Gotteshaus eine zusätzliche metaphysische Ebene erhält. Die Galerie König bietet diesen radikalen Experimenten den notwendigen Freiraum und unterstreicht damit ihren Anspruch Kunst nicht nur zu zeigen sondern sie als physisches Ereignis erfahrbar zu machen.
Galerie König im globalen Gefüge
Trotz der starken lokalen Verwurzelung in der Berliner Architektur von St. Agnes agiert die Galerie König als globaler Player der die Regeln des internationalen Kunstmarktes souverän beherrscht. Johann König versteht es die spezifische Energie seines Berliner Standorts in die Messekojen von London Paris und Basel zu exportieren. Die Marke König steht international für eine Mischung aus Berliner Coolness architektonischer Radikalität und einem untrüglichen Gespür für Qualität. Diese internationale Vernetzung ermöglicht es der Galerie jungen Talenten wie Tue Greenfort eine Bühne zu bieten die weit über die Grenzen Deutschlands hinausreicht. Greenfort dessen Arbeiten sich oft mit ökologischen Fragen und der Beziehung zwischen Mensch und Natur befassen findet durch die Galerie König Eingang in bedeutende internationale Sammlungen.
Die Galerie König bleibt ein Ort der ständigen Neuerfindung der sich weigert in Routine zu erstarren. Johann König hat bewiesen dass ein Galerist mehr sein kann als ein reiner Händler nämlich ein Visionär der Räume schafft in denen das Unmögliche gedacht werden kann. Die Verwandlung einer Kirche in eine Kathedrale der Kunst ist das sichtbarste Zeichen dieses Gestaltungswillens. Wer St. Agnes betritt verlässt den profanen Alltag und taucht ein in eine Welt in der Beton fliegen kann und in der das Sehen zu einer Form der Erkenntnis wird. Die Auswahl der Künstler und die Radikalität der Präsentationen haben Standards gesetzt an denen sich andere Institutionen messen lassen müssen. Johann König hat es geschafft die Ernsthaftigkeit der akademischen Lehre seines Vaters mit der Agilität und dem Wagemut eines modernen Unternehmers zu verbinden. Die Stille des Betons und die Lautstärke der Ideen verschmelzen hier zu einer Erfahrung die man in dieser Form nirgendwo sonst findet.
Galerie Johann König
Alexandrinenstraße 118–121, 10969 Berlin
Telefon: +49 30 26 10 30 80
Öffnungszeiten: Di–So 11–18 Uhr
E-Mail: info@johannkoenig.de
Webseite: johannkoenig.de
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die wichtigsten Galerien in Berlin vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen Positionen, die den Raum als aktives Material begreifen und die Grenzen zwischen Architektur und Kunst auflösen.