Carsten Nicolai nimmt einem Geräusch die Tarnkappe ab. Was eben noch unsichtbar durch den Raum ging, bekommt bei ihm Kontur: eine Lichtspur, ein flimmerndes Muster, eine Architektur, die auf elektronische Musik reagiert. Das klingt nach Labor. Es sieht oft auch danach aus. Aber die entscheidende Versuchsperson steht vor dem Werk und fragt sich plötzlich, ob den eigenen Augen überhaupt zu trauen ist. Genau dort wird seine Kunst aufregend.
Als Alva Noto gehört Nicolai zugleich zu den markanten Stimmen der elektronischen Musik. Zwischen Konzertbühne und Museum wechselt er mit einer Selbstverständlichkeit, die das übliche Gerangel um Zuständigkeiten ziemlich alt aussehen lässt. Wer darf hier eigentlich Künstler sein, wer Musiker, wer Forscher? Nicolai arbeitet längst weiter, während andere noch die Schilder an den Türen sortieren. Seine Biografie erzählt von einem Landschaftsarchitekten aus Sachsen, der aus Frequenzen, Licht und präzisen Eingriffen eine eigene künstlerische Sprache entwickelt hat.
Carsten Nicolai: von Chemnitz in die internationale Kunstwelt
1965 wurde Carsten Nicolai in Karl-Marx-Stadt geboren, dem heutigen Chemnitz. Von 1985 bis 1990 studierte er Landschaftsarchitektur in Dresden. Diese Ausbildung ist eine interessante Spur in seinem Werk. Wer Landschaft plant, denkt in Abständen, Blickachsen und Wegen. Eine einzelne Form gewinnt ihre Bedeutung durch das, was sie umgibt. Auch Nicolais Installationen lassen sich kaum auf ein hübsches Objekt reduzieren, das irgendwo herumsteht. Sie beanspruchen einen Raum und verändern die Bedingungen, unter denen wir ihn wahrnehmen.
1992 war Nicolai Mitbegründer des Chemnitzer Kultur- und Kommunikationszentrums VOXXX. Die eigene Laufbahn begann also auch mit der Arbeit an einem Ort für andere. Das passt zu einem Künstler, der immer wieder gemeinsam mit Musikern, Architekten und Technikern neue Möglichkeiten erprobt. Internationale Aufmerksamkeit brachten ihm die documenta X 1997 und die Biennalen von Venedig 2001 und 2003. Nicolai lebt und arbeitet in Berlin. Seit 2015 lehrt er an der Hochschule für Bildende Künste Dresden im Bereich digitaler und zeitbasierter Medien.
Diese Stationen erklären seinen Erfolg allerdings nur zur Hälfte. Interessanter ist die Beharrlichkeit, mit der er eine Frage verfolgt: Wie lassen sich Vorgänge erfahrbar machen, die sich dem flüchtigen Blick entziehen? Bei ihm kann eine winzige Verschiebung mehr ausrichten als eine große Geste. Das ist eine erfreuliche Zumutung für einen Kunstbetrieb, der gern schon beim ersten Blick alles verspricht.
Wenn die Sinne ihre Gewissheiten verlieren
Frequenzen, Schwingungen und die Beziehungen zwischen akustischen und visuellen Signalen beschäftigen Nicolai seit Langem. Naturwissenschaftliche Verfahren liefern ihm Anregungen. Daraus baut er Situationen, die den Körper direkt erreichen. Man kann eine Erscheinung zunächst sauber einordnen und kurz darauf merken, dass diese Ordnung nicht mehr trägt. Ein Muster flimmert. Eine Fläche scheint sich zu bewegen. Das Auge meldet etwas, das sich mit dem vermeintlich einfachen Aufbau des Werks nicht recht verträgt.
Für solche Erfahrungen braucht es kein Physikstudium. Es reicht, aufmerksam zu bleiben und die eigene Irritation nicht sofort wegzuerklären. Darin liegt eine Qualität seiner Kunst: Sie nimmt Wahrnehmung ernst, mitsamt ihren kleinen Unzuverlässigkeiten. Die Forschung liefert Begriffe und Verfahren, das Werk macht daraus eine Begegnung. Unser Beitrag über Kunst und Wissenschaft führt diesen Austausch weiter. Nicolai zeigt besonders anschaulich, wie viel künstlerischer Spielraum in einer präzisen Versuchsanordnung steckt.
Alva Noto und die Lust am genauen Hören
Unter dem Namen Alva Noto arbeitet Nicolai mit elektronischen Klängen. Die Reihen Xerrox und HYbr:ID gehören zu seinem veröffentlichten Werk; auch raster-noton und später NOTON sind wichtige Stationen seiner musikalischen Arbeit. Hier lohnt sich das genaue Hören. Ein kurzer Impuls, ein Rest von Rauschen oder eine Wiederholung kann die gesamte Gewichtung eines Stücks verändern. Das vermeintlich Kleine bekommt plötzlich erstaunlich viel Macht.
Album, Konzert und Installation fordern dabei jeweils eine andere Aufmerksamkeit. Eine Aufnahme kann man wiederholen, unterbrechen und nebenbei hören. Im Konzert gibt die gemeinsame Dauer einen Rahmen vor. Im Museum entscheidet die eigene Bewegung mit. Nicolai arbeitet mit diesen Unterschieden, statt jedes Format gleich zu behandeln. Gerade deshalb trägt seine Doppelrolle. Die Musik ist ein eigenständiges Arbeitsfeld mit eigenen Möglichkeiten, und ihre Erfahrungen reichen bis in die Ausstellungsräume hinein.
Carsten Nicolai und Ryuichi Sakamoto
Mit Ryuichi Sakamoto fand Nicolai einen bedeutenden musikalischen Partner. Vrioon erschien 2002, Insen folgte 2005. Sakamotos Klavier und Nicolais elektronische Klänge begegnen sich darin mit bemerkenswerter Zurückhaltung. Der Anschlag einer Taste steht neben einem elektronischen Impuls, der Nachklang neben einer präzisen Unterbrechung. Gerade weil diese Musik ihren Mitteln Raum lässt, lohnt es sich, den einzelnen Ereignissen nachzuhören.
Eine Pause ist hier keineswegs verlorene Zeit. Sie gibt dem vorausgegangenen Ton Gewicht und verändert die Erwartung an den nächsten. Wer ständig auf den großen Effekt wartet, verpasst womöglich das Beste. Diese Zusammenarbeit erklärt viel über Nicolais Haltung: Genauigkeit darf empfindsam sein. Elektronik muss niemandem das Gefühl austreiben. Im Gegenteil, sie kann einen vertrauten Instrumentalklang so umstellen, dass man ihn mit frischen Ohren hört.
syn chron: ein Haus für Licht und Klang
2005 zeigte Nicolai syn chron in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Gemeinsam mit dem Architekturbüro LIN und dem Ingenieur Werner Sobek entwickelte er einen kristallinen architektonischen Körper mit durchscheinender Kunststoffhaut. Elektronische Musik und projiziertes Laserlicht trafen auf diese Struktur. Schon die Beschreibung macht deutlich, weshalb das Projekt in einem Haus für bildende Kunst zu Hause war: Klang bekam einen räumlichen Partner.
Bei syn chron lässt sich schwer bestimmen, wo die Architektur aufhört und das eigentliche Werk beginnt. Diese Unschärfe macht den Reiz aus. Die Hülle, das Licht und die Musik gehören zur selben Anordnung. Auch die Zeit, die jemand darin verbringt, verändert die Erfahrung. Ein Gebäude kann also weit mehr leisten, als einer Vorführung ein Dach zu geben. Nicolai nutzt seine Form als aktiven Bestandteil des Geschehens.
unidisplay und das eigensinnige Auge
Im Mailänder Pirelli HangarBicocca präsentierte Nicolai 2012 unidisplay, eine Installation von ungefähr fünfzig Metern Länge. Visuelle Module erzeugten Flimmereffekte, optische Täuschungen und kaum merkliche Bewegungen. Eine monumentale Ausdehnung traf auf reduzierte Formen. Man stelle sich diese Größenordnung vor: viel Raum für Bilder, die ihre Wirkung aus feinsten Veränderungen beziehen. Zurückhaltung kann offenbar ziemlich groß auftreten.
Die Dauer gehört zur Arbeit. Ein kurzer Blick registriert Formen; längeres Schauen bemerkt ihre Verschiebungen. Das Auge bekommt zu tun. Eine spannende Nachbarschaft ergibt sich zu Christian Marclays Kunst aus Klang, Bildern und Zeit. Bei Marclay tragen häufig erkennbare Bilder und kulturelle Erinnerungen das Geschehen. Nicolai setzt stärker auf abstrakte Vorgänge. Beide machen erfahrbar, wie sehr Zeit eine Wahrnehmung verändern kann.
tele: Licht hält Abstand aus
Für die Berlinische Galerie entstand 2018 die Installation tele. Zwei fast drei Meter hohe Spiegelskulpturen bildeten einen geteilten archimedischen Körper; Laserstrahlen setzten sie miteinander in Beziehung. Nicolai bezog sich dabei auf die Quantenverschränkung. Der physikalische Bezug gibt der Arbeit einen gedanklichen Hintergrund. Vor dem Werk stehen zunächst jedoch zwei Körper, ein Abstand und eine sichtbare Verbindung.
Aus dieser knappen Konstellation lässt sich viel gewinnen. Eine Trennung im Raum muss eine Beziehung nicht aufheben. Licht markiert einen Zusammenhang, ohne den Zwischenraum mit schwerer Materie zu füllen. In unserem Porträt von James Turrell lässt sich eine andere künstlerische Verwendung von Licht verfolgen. Turrell und Nicolai stellen unterschiedliche Fragen, doch beide geben einem Material Gewicht, das man nicht einfach in die Hand nehmen kann.
Parallax Symmetry: der Standpunkt bleibt beweglich
Die Ausstellung Parallax Symmetry im K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen versammelte 2019 ungefähr vierzig multimediale Arbeiten. Sie gliederte sich in einen hellen und einen dunklen Bereich. Ihr Titel verwies auf die Parallaxe, also auf die scheinbare Positionsänderung eines Gegenstands bei einem Wechsel des Beobachtungsstandpunkts. Schon dieser Hinweis ist ein guter Schlüssel zu Nicolais Werk: Der Platz, von dem aus wir schauen, gehört zur Sache.
Wer eine Installation betrachtet, bringt einen Körper mit, eine Blickrichtung und eine bestimmte Aufenthaltsdauer. Alles beeinflusst die Begegnung. Nicolai arbeitet mit diesen Voraussetzungen so präzise, dass Selbstverständliches plötzlich fragwürdig wird. Das kann ein außerordentlich produktiver Moment sein. Die Kunst verlangt einen zweiten Blick, und der zweite Blick stellt womöglich den ersten auf den Kopf.
Warum Carsten Nicolai unsere Aufmerksamkeit verdient
Die Gegenwart liefert Signale im Überfluss. Umso interessanter ist ein Künstler, der Unterschiede hörbar und sichtbar macht, die im Gedränge leicht untergehen. Carsten Nicolai zeigt, welche Energie in Konzentration steckt. Seine Arbeiten dürfen kühl aussehen und trotzdem eine sinnliche Wucht entfalten. Entscheidend ist die Präzision, mit der sie unsere gewohnte Wahrnehmung in Bewegung bringen.
Innerhalb der zeitgenössischen Kunst hat er damit eine eigenständige Position. Seine Biografie verbindet räumliches Denken, kulturelle Zusammenarbeit und elektronische Musik mit einer konsequenten Untersuchung der Sinne. Ein guter Einstieg ist ein einzelnes Werk oder eine Aufnahme, der man etwas Zeit zugesteht. Die Belohnung kann unscheinbar beginnen: ein Geräusch, das plötzlich anders klingt; eine Fläche, die ihren sicheren Halt verliert. Für einen Künstler ist das ein ziemlich schöner Erfolg.
Weiterführende Informationen: Carsten Nicolai beim ZKM, Zentrum für Kunst und Medien.
