Weiße Leinwand mit dem Namen Marion Eichmann in schwarzer Pinselschrift über einer Holzbank

Marion Eichmann und die Stadt aus geschnittenem Papier

Eine Waschmaschine hat selten Anspruch auf ungeteilte Aufmerksamkeit. Sie soll funktionieren, möglichst leise, und im Übrigen verschwinden. Bei Marion Eichmann gelingt ihr das Gegenteil. Aus Papier gebaut, geschnitten und gefügt, wird der alltägliche Apparat zu einem Gegenstand, dessen Einzelheiten plötzlich kostbar wirken. Das Bullauge, eine Beschriftung, die Ordnung der Knöpfe: Was gewöhnlich beiläufig registriert wird, verlangt jetzt ein genaues Gegenüber. Eichmanns Kunst betreibt diese Aufwertung ohne Andacht vor dem Konsumgut. Sie nimmt die sichtbare Welt beim Wort und zerlegt deren Selbstverständlichkeit mit einer Schere.

Die 1974 in Essen geborene, in Berlin lebende Künstlerin arbeitet mit Zeichnung, Collage und Installation. Papier ist dabei weit mehr als ein Untergrund. Es trägt Farbe, wirft Schatten, bildet Kanten, rückt in den Raum. Ihre Stadtansichten entwickeln aus diesem unscheinbaren Material eine erstaunliche körperliche Präsenz. Man erkennt Häuser, Geräte, Fassaden. Zugleich bleibt stets sichtbar, dass diese Welt gemacht wurde. Gerade die Unvereinbarkeit von Wiedererkennen und handwerklicher Verwandlung hält das Auge beschäftigt. Der Reiz ihrer Arbeiten erschöpft sich deshalb keineswegs im Staunen darüber, was aus Papier alles möglich ist.

Marion Eichmann: Eine Biografie des genauen Hinsehens

Eichmann studierte an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Zu ihrer künstlerischen Entwicklung gehören Reisen, ausgedehnte Beobachtungen und das Zeichnen vor den Dingen. Dass sich eine solche Praxis in einer rasch fotografierenden Gegenwart beinahe eigensinnig ausnimmt, liegt auf der Hand. Wer zeichnet, muss auswählen. Eine Linie entscheidet sich für einen Verlauf, ein Ausschnitt schließt anderes aus. Der Blick wird nicht einfach gespeichert, sondern während seiner Übersetzung geprüft. Bei Eichmann ist diese Zeit der Wahrnehmung später noch im fertigen Werk spürbar.

Die Zeichnung bildet das Gerüst ihrer Bildwelt, aber kein unantastbares Gesetz. Geschnittene Flächen und aufgesetzte Einzelheiten geben ihr neue Gewichte. Nähe und Entfernung werden durch Schichtungen organisiert; Farbe kann einen Gegenstand zusammenhalten oder seine Bestandteile auseinanderziehen. Es ist eine eigentümliche Verbindung aus Präzision und Freiheit. Man sieht, wie gut Eichmann die Dinge kennt, und ebenso, dass sie ihnen keinen fotografischen Gehorsam schuldet. Ihre Bilder besitzen die Verbindlichkeit einer Beobachtung und die Beweglichkeit einer Erfindung.

Metropolen ohne Postkartenpflicht

Tokyo, New York, Istanbul und Berlin waren die geografischen Stationen der 2020 in der Galerie Stihl Waiblingen gezeigten Ausstellung Follow M.E.. Schon diese Zusammenstellung macht deutlich, dass Eichmann keine einheitliche Stadtform sucht. Unterschiedliche Dichten, Bauweisen und Gebrauchsordnungen verlangen unterschiedliche zeichnerische Entscheidungen. Eine Fassade kann zur rhythmischen Folge von Fenstern werden; ein Straßenausschnitt zur Überlagerung konkurrierender Zeichen. Das Bild bietet Orientierung und versetzt sie zugleich in Bewegung. Die Stadt bleibt lesbar, ohne sich auf eine hübsche Ansicht reduzieren zu lassen.

An New Yorker Backsteinfassaden interessiert dabei mehr als die Wiedererkennbarkeit einer berühmten Metropole. Fenster, Fluchten und Vorsprünge bilden ein Gefüge, in dem sich Nutzung und Konstruktion gegenseitig erklären. Eichmann übersetzt solche Beziehungen in grafische und plastische Ordnungen. Dass auch David Hockney die vermeintliche Neutralität eines einzigen Blickpunkts misstrauisch behandelt, eröffnet einen aufschlussreichen Vergleich: Räumliche Erfahrung entsteht durch Entscheidungen im Bild. Eichmanns eigene Antwort liegt in der Verbindung von geschnittenem Material und gezeichneter Architektur.

Berlin wiederum braucht bei ihr keine repräsentative Kulisse. Die Fassaden gewöhnlicher Gebäude sind bereits reich genug an visuellen Ereignissen. Das Raster, oft als Inbegriff städtischer Gleichförmigkeit behandelt, wird zur Quelle feiner Unterschiede. Ein einzelnes Fenster, eine Unterbrechung, ein farblicher Akzent können den ganzen Aufbau verändern. Hier zeigt sich die politische Feinheit dieser Kunst: Aufmerksamkeit wird auch jenen Dingen gewährt, die keine kulturelle Prominenz besitzen. Das vermeintlich Nebensächliche erhält Raum, ohne dass es zur sentimentalen Kostbarkeit erklärt werden müsste.

Was das Papier der Wirklichkeit hinzufügt

Der Papierschnitt besitzt eine lange Geschichte zwischen Dekoration und radikaler Formfindung. Bei Henri Matisse wurde die geschnittene Farbe zu einer eigenständigen bildnerischen Kraft. Eichmann bindet diese Freiheit an die konkrete Welt zurück. Ihre Konturen geben Gegenstände zu erkennen, behaupten aber zugleich eine eigene Ordnung. Das Material verhält sich dabei keineswegs neutral. Seine Stärke, die kleinen Abstände zwischen den Ebenen und die entstehenden Schatten bringen etwas ins Bild, das die gezeichnete Linie allein nicht leisten könnte.

Man könnte von einer Topografie der Aufmerksamkeit sprechen. Gemeint ist keine kartografische Vollständigkeit, sondern eine Verteilung von Gewicht: Welche Kante tritt hervor, welche Fläche bleibt ruhig, welcher winzige Gegenstand hält das größere Gefüge zusammen? Eichmann beantwortet solche Fragen mit sichtbaren Entscheidungen. Die saubere Ausführung ist dabei kein Selbstzweck. Würde jedes Detail denselben Nachdruck erhalten, geriete das Bild zum Inventar. Gerade der Wechsel zwischen dichter Ausarbeitung und offeneren Partien bewahrt jene Lebendigkeit, die sich nicht durch die bloße Addition von Einzelheiten herstellen lässt.

Auch die körperliche Empfindlichkeit des Papiers spielt mit. Eine aus diesem Material gebaute Maschine bleibt als Maschine erkennbar und verliert doch ihre technische Härte. Das ist weder bloße Verniedlichung noch ein handwerklicher Scherz. Es verschiebt unser Verhältnis zu einem vertrauten Gegenstand. Wo sonst Leistung und Gebrauchswert zählen, werden jetzt Oberfläche, Konstruktion und Wahrnehmung wichtig. Die Kunst gibt die Sache gewissermaßen frei. Für eine Weile muss sie nichts verrichten und darf zeigen, wie merkwürdig sie eigentlich aussieht.

Demokratie, von ihren Nebenräumen aus betrachtet

Für Sight.Seeing Bundestag arbeitete Marion Eichmann im Auftrag des Kunstbeirats in den Gebäuden des deutschen Parlaments. Die 2022 gezeigten Arbeiten richten den Blick auf dessen Architektur und alltägliche Abläufe. Ein besonders sprechendes Motiv ist die Uhr mit Signalleuchten für Abstimmungen. Schon ein solches Detail führt weg vom feierlichen Bild politischer Repräsentation und hinein in die praktische Organisation eines Hauses. Demokratie benötigt Räume, Wege, Anzeigen, Arbeitsplätze. Eichmann betrachtet diese Voraussetzungen mit derselben Genauigkeit wie eine städtische Fassade.

Das ist ein kluger Perspektivwechsel. Politische Bilder bevorzugen Gesichter und Gesten, also jene sichtbaren Momente, die sich schnell personalisieren lassen. Eichmann beschäftigt sich mit dem weniger spektakulären Betrieb darum herum. Ihre Collagen erläutern keine parlamentarische Debatte; sie machen einen institutionellen Alltag anschaulich. Gerade darin liegt ihre Stärke. Ein Gebäude wird als benutzter Ort erfahrbar. Die Dinge besitzen eine Aufgabe, und die Betrachtenden können die Spuren dieser Aufgabe lesen, ohne dass ihnen eine fertige politische Auslegung vorgeschrieben wird.

Eine Kunst, die ihre Geduld weitergibt

Der Werkstoff Papier kann Wahrnehmung sehr unterschiedlich organisieren. In der Ausstellung Paperwork von Jumping He im Bröhan-Museum wird die Lesbarkeit von Schrift zum Problem des Sehens. Bei Eichmann entsteht eine andere Reibung: Das Auge erkennt ein vertrautes Ding und begegnet zugleich dessen vollständig veränderter materieller Existenz. Beide Ansätze verlangen, den ersten Eindruck noch einmal zu befragen. Der gemeinsame Nenner ist nicht eine Technik, sondern eine produktive Verzögerung.

Marion Eichmanns Kunst hat für das Übersehene ein bemerkenswert gutes Gedächtnis. Sie hält fest, was eine Stadt oder einen Arbeitsraum tatsächlich ausmacht, ohne den Dingen ihre Eigenheiten abzunehmen. Dabei bleibt ihr genauer Blick freundlich, gelegentlich trocken komisch und frei von jener gönnerhaften Haltung, die dem Alltag erst eine poetische Erlaubnis erteilen möchte. Ihre Arbeiten brauchen keine große Behauptung über die ganze Welt. Ein sorgfältig geschnittenes Stück dieser Welt genügt, um die Gewohnheiten unseres Sehens empfindlich zu verbessern.

Weitere Werkabbildungen und Informationen bietet die Künstlerseite von Marion Eichmann bei der Galerie Anja Knoess.