Weiße Leinwand mit dem Namen Hauser & Wirth in schwarzer Pinselschrift über einer Holzbank

Hauser & Wirth und die Kunst der guten Nachbarschaft

Die Kunst hat ihre eigenen Vorstellungen von Nachbarschaft. Eine Skulptur kann neben einer Pflanze anders wirken als vor einer makellosen Wand. Ein Künstlerbuch verändert ein Gespräch, ein Garten die Dauer eines Besuchs. Hauser & Wirth hat aus solchen Beziehungen ein bemerkenswert weit gespanntes Galeriemodell entwickelt. Das einzelne Werk bleibt der Ausgangspunkt, doch um dieses Werk entstehen Orte, Publikationen und Gelegenheiten, sich länger aufzuhalten. Die Galerie verkauft Kunst und entwickelt zugleich eine Vorstellung davon, wie Kunst in ein Leben hineinreichen kann. Darin liegt ihr besonderer Reiz.

Diese Offenheit ist anspruchsvoller, als das freundliche Wort Begegnung vermuten lässt. Wo Kunst, Architektur, Landschaft und Gastlichkeit zusammenkommen, droht leicht ein allzu harmonisches Gesamtbild. Dann wäre das Werk bloß der kostbarste Bestandteil einer gelungenen Atmosphäre. Die interessantere Möglichkeit besteht darin, die verschiedenen Erfahrungen füreinander durchlässig zu machen, ohne ihre Unterschiede einzuebnen. Hauser & Wirth ist besonders dort überzeugend, wo die Aufmerksamkeit für einen Ort die Eigenständigkeit seiner Kunstwerke erhöht. Ein schöner Garten darf den Blick schärfen. Er muss ihn nicht einlullen.

Hauser & Wirth und die Bedeutung des gemeinsamen Anfangs

Gegründet wurde Hauser & Wirth 1992 in Zürich von Iwan Wirth, Manuela Wirth und Ursula Hauser. Bereits die erste Ausstellung verband Alexander Calder und Joan Miró. Der historische Bezug gehörte damit von Beginn an zum Programm. Zugleich verweist die Gründung auf ein gemeinschaftliches Unternehmen, in dem Sammeln, Vermitteln und die Zusammenarbeit mit Künstlern ineinandergreifen. Diese Herkunft ist für das Verständnis der Galerie ergiebiger als die bloße Aufzählung späterer Standorte. Sie erklärt einen Anspruch: Kunst soll in sorgfältig entwickelten Beziehungen sichtbar werden.

Eine Galerie, die über Generationen arbeitet, muss sehr unterschiedliche Formen von Verantwortung zusammenbringen. Ein lebender Künstler braucht Freiräume für neue Entscheidungen. Ein Nachlass verlangt die genaue Beschäftigung mit bereits entstandenen Werken, ihrer Geschichte und ihrer Überlieferung. Beides erfordert Zeit. Das Programm von Hauser & Wirth gewinnt seine Stärke aus dieser Gleichzeitigkeit. Es kann historische Arbeiten neu zugänglich machen und gegenwärtige Praktiken in einen größeren Zusammenhang stellen. Die Geschichte wird dabei zu einem Gesprächspartner, der Widerspruch durchaus vertragen sollte.

Louise Bourgeois und die Widerständigkeit des Vertrauten

Wie wenig Behaglichkeit mit Vertrautheit zu tun haben muss, zeigt Louise Bourgeois. Ihr Werk berührt Körper, Erinnerung und die Räume persönlicher Beziehungen. Stoffe und Gegenstände können Nähe versprechen und zugleich eine empfindliche Unruhe auslösen. Die handwerkliche Beschaffenheit bleibt dabei wichtig. Eine Naht ist eine wirkliche Verbindung, bevor sie zu einem Bild für Zusammenhalt werden kann. Gerade diese materielle Genauigkeit verhindert, dass die Arbeiten in einer allgemeinen Rede über Gefühle verschwinden.

Für eine Galerie ergibt sich daraus eine schöne Schwierigkeit. Sie muss Nähe ermöglichen, ohne ein Werk zu domestizieren. Bourgeois lässt sich weder in ein angenehm verständliches Bekenntnis noch in eine dekorative Vorstellung weiblicher Sensibilität einsperren. Ihre Arbeiten verlangen einen Blick, der die Spannung zwischen verletzlicher Oberfläche und eigensinniger Form bestehen lässt. Hauser & Wirth bietet für diese Auseinandersetzung einen produktiven Zusammenhang, weil die Beschäftigung mit Sammlungsgeschichte, Archiv und Material über das einzelne Ausstellungsereignis hinausführt. Das Werk bekommt Dauer, ohne zur höflichen Erinnerung zu erstarren.

Somerset: Ein Ort bekommt Zeit

Besonders anschaulich wird die räumliche Vorstellung des Hauses in Somerset. 2014 eröffnete Hauser & Wirth auf der restaurierten Durslade Farm bei Bruton ein Kunstzentrum. Zum Gelände gehört der von Piet Oudolf entworfene Garten Oudolf Field. Aus der Verbindung landwirtschaftlicher Bauten, neuer Ausstellungsräume und einer sich verändernden Pflanzenwelt entsteht eine andere Besuchsdramaturgie als in einer städtischen Galerie. Man tritt aus einem Raum hinaus und befindet sich in einem Zusammenhang, dessen Erscheinung durch Jahreszeiten und Wachstum mitbestimmt wird.

Das ist für die Betrachtung von Kunst mehr als eine angenehme Unterbrechung. Ein Garten besitzt keine vollkommen feststellbare Endfassung. Pflanzen wachsen, verlieren ihre Blüten und bleiben als Strukturen im Raum gegenwärtig. Wer mit dieser Erfahrung in eine Ausstellung zurückkehrt, kann auch dort genauer auf zeitliche Vorgänge achten. Wie hält ein Material eine Veränderung fest? Welche Spuren werden sichtbar? Was erscheint abgeschlossen und arbeitet doch weiter? Der Ort legt solche Fragen nahe, ohne jedem Kunstwerk dieselbe Antwort aufzuzwingen.

Selbstverständlich macht eine landschaftlich schöne Umgebung aus jeder Ausstellung noch keine bedeutende. Gerade das Pathos der Eleganz verdient gelegentlich einen nüchternen Zwischenruf. Ein vorzüglich gestalteter Aufenthalt kann Urteile begünstigen, bevor ein Werk sie verdient hat. Die Stärke des Somerset-Modells zeigt sich deshalb dort, wo die Kunst ihre eigene Reibung behauptet. Die Umgebung darf großzügig sein, während ein Bild, eine Installation oder eine Skulptur die Betrachtenden weiterhin fordert. Eine Galerie muss nicht ungemütlich aussehen, um dem allzu schnellen Einverständnis zu widersprechen.

Mark Bradford und die Stadt im Material

Mit Mark Bradford kommt eine andere Form von Umgebung ins Spiel. Seine Arbeiten gewinnen ihre Dichte aus Schichtungen und der Bearbeitung von Material. Die Oberfläche kann an Karten, Verkehrswege oder beschädigte urbane Gefüge erinnern. Entscheidend ist, wie sich gesellschaftliche Erfahrung in eine malerische Konstruktion übersetzt. Das Bild illustriert keine fertige soziologische Behauptung. Es lässt Zusammenhänge zwischen Spur, Unterbrechung und räumlicher Ordnung sichtbar werden, die erst im Sehen ihre konkrete Gestalt erhalten.

Die Verbindung solcher Arbeiten mit einem international angelegten Galerieprogramm ist produktiv, weil sie die unterschiedliche Bedeutung von Orten erkennbar macht. Eine Stadt ist kein neutraler Hintergrund. Ein Ausstellungsraum ist es ebenso wenig. Beide bestimmen Zugänge, Bewegungen und Möglichkeiten der Aufmerksamkeit. Bradford lenkt den Blick auf die materiellen Folgen dieser Ordnungen. Eine sorgfältige Präsentation muss dafür genügend Distanz zur Gesamtansicht und genügend Nähe zur bearbeiteten Oberfläche anbieten. Die vermeintlich technische Frage der Hängung erhält damit eine inhaltliche Schärfe.

Die Sammlungsgeschichte von Ursula Hauser bietet dafür einen weiteren Zugang. In einem von der Galerie veröffentlichten Essay beschreibt Manuela Wirth, wie das gemeinsame Sehen und Diskutieren die Sammlung und das spätere Interesse des Hauses prägten. Das ist eine aufschlussreiche Erinnerung an die konkrete Arbeit des Geschmacks. Eine Überzeugung entsteht durch Begegnungen, Vergleiche und wiederholte Aufmerksamkeit. Sie muss sich an einem Werk bewähren. Im günstigsten Fall bleibt sie dabei neugierig genug, die eigene Auswahl später um etwas zu erweitern, das zunächst außerhalb des gewohnten Blicks lag.

Das Buch als beständige Form der Aufmerksamkeit

Zur Identität von Hauser & Wirth gehört seit der Gründung die publizistische Arbeit. Monografien, Künstlerbücher, Ausstellungskataloge und Texte aus Künstlerarchiven schaffen eine eigene Öffentlichkeit. Ein gutes Buch lässt sich nicht durch ein paar schön reproduzierte Höhepunkte ersetzen. Es erlaubt, einer Frage durch verschiedene Werkphasen zu folgen. Es hält auch die Stellen fest, die sich einer raschen Zusammenfassung widersetzen. Für die Entwicklung eines eigenständigen Blicks ist diese langsamere Form der Begegnung besonders wertvoll.

Sammler können darin einen wesentlichen Maßstab für die Arbeit einer Galerie finden. Wie wird ein Werk dokumentiert? Welche Zusammenhänge werden nachvollziehbar? Welche Stimmen kommen zu Wort? Eine überzeugende Vermittlung belässt dem Kunstwerk seinen Überschuss über die Erklärung. Sie stattet das Publikum mit genauerem Wissen aus und macht es dadurch unabhängiger im Urteil. Diese Unabhängigkeit gehört zu einer guten Beziehung zur Kunst. Dauerhafte Begeisterung braucht schließlich die Möglichkeit, Fragen zu stellen und eine erste Überzeugung auch einmal zu verändern.

Eine Galerie als offene Konstellation

Auch das Werk von Pipilotti Rist bietet einen treffenden Bezug zu diesem Modell. Ihre Verbindungen von bewegten Bildern, Klang und körperlicher Orientierung machen die Betrachtung selbst zum räumlichen Geschehen. Die Umgebung ist Teil dessen, was wahrgenommen wird. Gerade deshalb darf eine Präsentation nicht in ein unverbindliches Wohlgefühl ausweichen. Die Bilder müssen ihre Eigenart behalten. Für eine Galerie bedeutet das, den Raum als mitwirkende Bedingung zu behandeln und zugleich den künstlerischen Entscheidungen konsequent zu folgen.

Hauser & Wirth ist für die internationale Kunstwelt interessant, weil hier zahlreiche Formen der Vermittlung aneinander anschließen. Das Haus kann Ausstellungen zu Orten des längeren Aufenthalts machen und Bücher zu dauerhaften Gegenübern. Die entscheidende Qualität liegt in der Genauigkeit dieser Beziehungen. Wo sie gelingt, entsteht eine besondere Großzügigkeit: Man bekommt Zeit, eine Kunst zu mögen, die man noch nicht vollständig verstanden hat. Für Sammler wie für neugierige Besucher ist das ein ziemlich guter Anfang.

Die Geschichte und die verschiedenen Tätigkeitsfelder dokumentiert die offizielle Galerievorstellung von Hauser & Wirth.