Weiße Leinwand mit dem Namen Philipp Fürhofer in schwarzer Pinselschrift über einer Holzbank

Philipp Fürhofer und die wechselnden Innenwelten des Lichts

Das Licht geht an, und das Bild hält sein Versprechen nicht mehr. Eben noch schien eine Landschaft als verführerische Aussicht vor dem Betrachter zu liegen; nun treten andere Schichten hervor, fremde Materialien, Spuren eines Körpers, die technischen Bedingungen der Illusion. Philipp Fürhofer baut Bilder, die ihren eigenen Auftritt unterbrechen können. Die Schönheit bleibt dabei im Raum. Sie wird nur unzuverlässig. Wer sich auf diese Malerei einlässt, muss damit rechnen, dass der nächste Helligkeitswechsel den gerade gewonnenen Eindruck wieder kassiert.

Fürhofer, 1982 in Augsburg geboren, verbindet Malerei, Lichtinstallation und die Erfahrung des Bühnenbilds. Er lebt und arbeitet in Berlin. Seine leuchtenden Kästen und transparenten Bildträger besitzen eine eigentümliche Doppelbegabung: Sie können verführen und die Verführung zugleich untersuchen. Man braucht dafür keine technische Vorbildung. Der Wechsel zwischen Durchsicht, Spiegelung und beleuchteter Tiefe lässt sich körperlich erfahren. Allerdings lohnt sich etwas Geduld. Ein fotografischer Ausschnitt kann eine bestimmte Erscheinung festhalten; das eigentliche Werk besteht auch aus dem, was unmittelbar davor oder danach sichtbar wird.

Philipp Fürhofer zwischen Malerei und Bühne

Von 2002 bis 2007 studierte Fürhofer an der Universität der Künste Berlin bei Hans-Jürgen Diehl; 2008 schloss er als Meisterschüler ab. Neben der bildenden Kunst entwickelte sich die Arbeit für Oper und Theater zu einem wichtigen Tätigkeitsfeld. Zur Zusammenarbeit mit dem Regisseur Hans Neuenfels kamen Bühnenräume für unterschiedliche Häuser. Diese Erfahrung erklärt nicht jedes einzelne Bild, macht aber verständlich, warum Fürhofer das Sehen als zeitlichen Vorgang behandelt. Ein Raum kann seine Bedeutung wechseln, obwohl seine Abmessungen unverändert bleiben.

Das Bühnenbild muss mit Auftritten, Blickrichtungen und wechselnder Beleuchtung rechnen. Fürhofer überträgt solche Bedingungen in das einzelne Kunstwerk, ohne daraus ein verkleinertes Theater zu machen. Seine Kästen brauchen weder Darsteller noch eine erzählte Handlung. Das Publikum bringt beides teilweise selbst mit: einen Körper vor dem Bild und die Erwartung, etwas Bestimmtes erkennen zu können. Sobald die Oberfläche spiegelt, wird aus dieser scheinbar äußeren Position ein Bestandteil des Geschehens. Der Betrachter steht dann buchstäblich in jener Bildordnung, die er eben noch souverän zu überblicken glaubte.

Der Leuchtkasten als wechselnder Bildraum

Zu Fürhofers Materialien gehören Öl- und Acrylfarbe, Acrylglas, Spiegel und LED-Licht. Arbeiten wie Fluids von 2022 oder Wiederkehr von 2023 verknüpfen malerische Oberflächen mit der Tiefe eines konstruierten Kastens. Je nach Beleuchtung behauptet sich eine andere Ebene. Eine Fläche kann geschlossen wirken und kurz darauf den Blick weiterlassen. Diese Veränderlichkeit ist kein nachträglicher Effekt, mit dem eine fertige Malerei aufgepeppt würde. Sie bestimmt, wie das Bild aufgebaut ist und welche Beziehungen zwischen seinen Teilen überhaupt entstehen können.

Entscheidend ist, dass die einzelnen Zustände einander nicht einfach auflösen. Was zuvor sichtbar war, bleibt im Gedächtnis und konkurriert mit dem gegenwärtigen Eindruck. Daraus entwickelt sich eine ungewöhnliche Form von Bildtiefe. Sie misst sich in Zentimetern und ebenso in erinnerter Zeit. Das Auge trägt eine frühere Ansicht in die nächste hinein. Wer nach der einen endgültigen Erscheinung sucht, hat sich damit auf ein recht aussichtsloses Geschäft eingelassen. Fürhofer macht aus dieser Aussichtslosigkeit eine präzise organisierte Erfahrung.

Bei Dan Flavin erhält industriell erzeugtes Licht eine unmittelbare räumliche Autorität. Fürhofer führt es in eine verschachtelte Beziehung zur Malerei zurück. Es macht Flächen sichtbar, lässt andere zurücktreten und verändert das Gewicht der Gegenstände. Dabei wird die Technik nicht vollständig hinter einer makellosen Erscheinung versteckt. Das Kunstwerk darf als gebauter Apparat erkennbar bleiben. Gerade diese Offenheit verhindert, dass seine sinnliche Wirkung mit einem bloßen Versprechen auf technische Magie verwechselt wird.

Phantominseln und die Zumutung des Paradieses

Die Ausstellung Phantominseln im Städel Museum zeigte 2023 sechzehn Arbeiten und eine eigens auf den Ort bezogene Installation. Ihr Titel verweist auf Inseln, die auf historischen Karten auftauchten, deren Existenz sich später jedoch nicht bestätigen ließ. Fürhofers Landschaften erhalten dadurch eine treffende Nachbarschaft: Auch eine überzeugende Ansicht kann ein unsicheres Wissen produzieren. Tropische Vegetation und farbintensive Horizonte scheinen Verfügbarkeit zu versprechen. Man möchte hineinsehen, vielleicht sogar hineinreisen. Das Bild kennt diese Bereitschaft und nimmt sie ziemlich genau ins Visier.

Die raumbezogene Arbeit Phantominsel griff als nahezu sechs Meter hoher Vorhang in die Architektur ein. Man konnte hindurchtreten und die Anordnung von der anderen Seite erfahren. Das Motiv blieb damit keine fernliegende Aussicht. Es wurde zu einer Grenze, die der eigene Körper passierte. Fürhofer erklärte im Gespräch mit dem Museum, dass er solche Projekte mithilfe von Modellen entwickelt. Das ist ein hilfreicher Hinweis auf die Genauigkeit hinter der sinnlichen Wirkung: Der scheinbar mühelose Übergang ist das Ergebnis räumlicher Planung.

Ein passendes Wort für diese Gemengelage ist Palimpsest: eine Fläche, auf der frühere Eintragungen trotz einer neuen Schicht nicht vollständig verschwinden. Bei Fürhofer lässt sich der Begriff auf die Erfahrung des Betrachtens übertragen. Die Idylle wird von ihren Bedingungen durchzogen, die nächste Ansicht trägt die vorige weiter. Dabei wäre es zu bequem, jede schöne Landschaft sofort als Lüge zu entlarven. Seine Arbeiten verlangen die anspruchsvollere Reaktion: Schönheit wahrzunehmen und zugleich ihrer ökonomischen, körperlichen oder technischen Herstellung nachzugehen.

Warum die Spiegelung mehr als Selbstbespiegelung ist

Die eigene Erscheinung in einem Kunstwerk kann rasch zum beliebten Fotomotiv verkommen. Fürhofers Spiegelungen haben jedoch eine andere Konsequenz. Sie unterbrechen den sicheren Abstand zur dargestellten Welt. Wer sich in einem Landschaftsbild wiederfindet, kann dessen Bedingungen schwerlich noch einem fremden Publikum zuschreiben. Das betrifft auch den Wunsch nach einem unversehrten Naturraum. Die Betrachtenden gehören zu jener Gegenwart, aus der heraus ein solcher Wunsch entsteht. Das Bild liefert dafür keine moralische Absolution, aber eine ziemlich gute optische Gelegenheit zur Selbstprüfung.

Im Vergleich mit Olafur Eliasson lässt sich diese Beteiligung des Publikums genauer fassen. Beide künstlerischen Ansätze können Wahrnehmung als etwas erfahrbar machen, das unter konkreten Bedingungen zustande kommt. Fürhofer hält dabei an der besonderen Reibung zwischen gemalter Erscheinung und technischem Innenraum fest. Die Bildfläche bleibt wichtig, auch wenn sie durchlässig wird. Das unterscheidet seine Arbeiten von einer bloßen Umgebung, in der das Publikum vollständig aufgehen soll. Vor dem Kasten bleibt stets eine Grenze, über die hinweg wir sehen.

Ein Bild darf seine Beleuchtung überleben

Auch die Verbindung zu James Turrell führt zu einer fruchtbaren Unterscheidung. Während Turrell die Bedingungen des Lichts und des Sehens bis zur Unsicherheit über räumliche Grenzen treiben kann, belässt Fürhofer dem gemalten Motiv seine hartnäckige Rolle. Landschaft, Oberfläche und Spiegelbild müssen miteinander auskommen. Daraus entsteht ein gelegentlich üppiges, aber keineswegs gedankenloses Bildgeschehen. Die Lust am großen Auftritt gehört dazu. Sie setzt das kritische Vermögen des Werks nicht außer Kraft, sondern liefert ihm seinen verführerischen Gegenstand.

Philipp Fürhofers Kunst überzeugt dort besonders, wo eine Veränderung des Lichts auch die Verantwortung des Blicks verändert. Man hatte etwas gesehen, war sich seiner Sache sicher und muss noch einmal beginnen. Diese Zumutung ist genauer als jede pauschale Warnung vor trügerischen Bildern. Sie gibt dem Publikum Zeit, eine Illusion zu genießen, ihre Konstruktion zu erkennen und dennoch weiterzusehen. Dass dabei keine endgültig aufgeräumte Welt herauskommt, gehört zum Vergnügen. Fürhofers Bilder besitzen genügend innere Unruhe, um ihre eigene Wirkung immer wieder aufs Spiel zu setzen.

Biografische Angaben und zahlreiche Werkansichten finden sich auf der Künstlerseite von Philipp Fürhofer bei Galerie Judin.