Shea Hembrey, ein US-amerikanischer Künstler mit einer schier unerschöpflichen Vorstellungskraft, hat mit seinem Projekt Seek die Grenzen dessen gesprengt, was wir unter Autorenschaft und künstlerischer Identität verstehen. In seinem mittlerweile legendären TED Talk beschreibt er den Prozess, wie er innerhalb von zwei Jahren zu 100 verschiedenen Künstlern wurde. Geboren und aufgewachsen in einer ländlichen Gegend, war Hembreys Zugang zur Kunstwelt zunächst von einer gewissen Distanz geprägt. Doch genau diese Außenseiterrolle erlaubte es ihm, die Strukturen des globalen Kunstbetriebs mit einem ebenso scharfen wie humorvollen Blick zu analysieren und schließlich zu parodieren. Sein Projekt ist ein monumentaler Kraftakt, der die Frage aufwirft, wie viel Individualität in einer kuratierten Welt überhaupt noch möglich ist.
Die Vision einer Ein-Mann-Biennale
Die Initialzündung für Hembrey war die Beobachtung, dass große internationale Kunstausstellungen wie die Biennale in Venedig oft von einer gewissen Vorhersehbarkeit geprägt sind. Er störte sich an der Elitärheit und dem oft verkopften Zugang, der viele Menschen eher ausschließt als einlädt. Sein Ziel war es, eine eigene Biennale zu erschaffen, die jedoch völlig anders funktionieren sollte. Die Herausforderung war rein praktischer Natur: Er hatte keine 100 Künstler zur Hand. Also entschied er sich für den radikalen Weg, alle 100 Positionen selbst zu besetzen.
Dafür schuf er 100 fiktive Identitäten. Jede dieser Figuren erhielt eine eigene Biografie, eine spezifische Herkunft, eine individuelle Motivation und vor allem eine ganz eigene künstlerische Handschrift. Hembrey wurde zum Method Actor der Bildenden Kunst. Er versetzte sich in die Lebenswelten seiner Charaktere, um Werke zu schaffen, die so authentisch wirkten, als stammten sie tatsächlich von 100 verschiedenen Menschen aus allen Teilen der Welt.
Die Kriterien der Qualität: Das Drei-Punkte-System
Um sicherzustellen, dass sein Mammutprojekt nicht in Beliebigkeit abdriftet, legte Hembrey für jeden seiner 100 Künstler strenge Kriterien fest. Er entwickelte ein Drei-Punkte-System, das jedes Werk erfüllen musste. Erstens verlangte er handwerkliches Können auf höchstem Niveau. Zweitens musste jedes Werk eine tiefgreifende intellektuelle oder konzeptionelle Ebene besitzen. Drittens, und das war für ihn der wichtigste Punkt, musste das Kunstwerk eine gewisse Magie oder Faszination ausstrahlen, die über das rein Handwerkliche und Intellektuelle hinausgeht.
In seinem TED Talk präsentiert er Beispiele dieser Vielfalt. Da gibt es etwa den Künstler, der aus tausenden von winzigen Stöckchen riesige, filigrane Strukturen baut. Oder die Künstlerin, die sich mit der mikroskopischen Schönheit von Pollen befasst und diese in monumentale Skulpturen übersetzt. Hembrey nutzte Materialien, die von klassischer Ölfarbe bis hin zu organischen Fundstücken reichten. Er wurde zum Chamäleon, das die Sprache der Abstraktion ebenso fließend beherrscht wie den harten Realismus oder die verspielte Konzeptkunst.
Die Dekonstruktion des Geniekults
Mit Seek führt Shea Hembrey den Geniekult der Moderne ad absurdum. Wenn ein einziger Mensch in der Lage ist, 100 verschiedene, hochkarätige künstlerische Positionen glaubwürdig zu verkörpern, was bedeutet das dann für unsere Vorstellung von der einzigartigen, unersetzbaren Handschrift eines Künstlers? Hembrey zeigt auf humorvolle Weise, dass Kunst oft auch eine Form der Inszenierung ist.
Indem er sich als der alleinige Schöpfer hinter 100 Namen offenbarte, entlarvte er auch die Mechanismen des Marktes, der oft mehr an der Biografie und dem Namen eines Künstlers interessiert ist als am Werk selbst. Hembrey ist ein Geschichtenerzähler, der die Fiktion nutzt, um eine tiefere Wahrheit über die Kunstwelt ans Licht zu bringen. Sein Projekt ist eine Einladung, die Kunst wieder mit den Augen eines Entdeckers zu sehen, der bereit ist, sich auf das Unbekannte einzulassen, ohne vorher das Etikett zu lesen. Er beweist, dass Kreativität kein begrenztes Reservoir ist, sondern ein Muskel, den man durch den Wechsel der Perspektiven trainieren kann.
Ein Manifest für die Vielfalt und den Mut
Hembreys Vortrag ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Vielfalt in der Kunst. Er kritisiert die Homogenisierung des Geschmacks durch globale Trends und fordert dazu auf, die Nischen und die unkonventionellen Wege wieder mehr zu schätzen. Er zeigt, dass man sich seine eigene Welt erschaffen kann, wenn die vorhandene nicht ausreicht. Die Energie, mit der er über seine 100 Alter Egos spricht, ist ansteckend und lässt den Zuschauer mit der Frage zurück: Wie viele verschiedene Künstler stecken eigentlich in mir selbst?
Hembreys Projekt Seek bleibt ein Meilenstein, der uns lehrt, dass die größte Freiheit darin liegt, sich selbst immer wieder neu zu erfinden. In einer Welt, die nach Eindeutigkeit verlangt, ist seine Vielstimmigkeit ein notwendiges und erfrischendes Korrektiv.
Mehr Informationen unter: sheahembrey.com
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die die Grenzen der Autorenschaft sprengen und die Vielfalt der Kreativität feiern.