Dieter Mammel - einer der wichtigsten Künstler unserer Zeit

Dieter Mammel: Der Cineast der fließenden Leinwände

Dieter Mammel, ein deutscher Zeichner und Maler, wurde 1965 in Reutlingen geboren. Aufgewachsen im idyllischen Süddeutschland, erlebte er eine Kindheit, die von einem ständigen Wechselspiel zwischen spielerischem Abenteuer im Freien und dem bewussten persönlichen Rückzug geprägt war. Schon früh suchte sich Mammel kleine Verstecke und Nischen, in denen er ungestört zeichnen, lesen oder kleine Objekte konstruieren konnte. Diese frühen Rückzugsorte bildeten den Keim für seine spätere künstlerische Identität. Es war eine Form der frühen Selbstvergewisserung in einer Welt, die ihm oft zu laut oder zu direkt erschien. In diesen privaten Refugien entwickelte er eine Sensibilität für die Stille und die Beobachtung, die später zum Fundament seiner großformatigen Tuschearbeiten werden sollte. Als er das Kino für sich entdeckte, öffnete sich ihm eine neue Dimension: Die Phantasiewelten, die andere für die Leinwand erschufen, faszinierten ihn zutiefst. Dieser cineastische Einfluss zieht sich bis heute wie ein roter Faden durch seine Arbeiten und bestimmt nicht nur die Motive, sondern auch die dramaturgische Lichtführung seiner Bilder.

Sein akademischer Weg führte ihn von 1986 bis 1991 an die Kunstakademien in Berlin und Stuttgart, wo er Malerei studierte und schließlich als Meisterschüler abschloss. Diese Jahre waren geprägt von der Suche nach einem eigenen Ausdrucksmittel, das über die klassische Ölmalerei hinausging. Zahlreiche Stipendien würdigten schon früh sein außergewöhnliches Talent und ermöglichten ihm die Konzentration auf seine ganz eigene Bildsprache. Heute lebt und arbeitet Mammel in den Metropolen Frankfurt am Main und Berlin, wobei er sich selbst gleichermaßen als Maler und leidenschaftlichen Cineasten versteht. Die Dynamik dieser beiden Städte spiegelt sich auch in der Energie seiner Werke wider, die trotz ihrer Melancholie eine enorme vitale Präsenz besitzen.

Die Alchemie des Wassers und der Bruch mit der Tradition

Dieter Mammels malerisches Werk ist untrennbar mit seiner einzigartigen Arbeitstechnik verbunden, die den Entstehungsprozess fast zu einer Performance macht. Alle seine Arbeiten entstehen auf dem Boden. Er verwendet rohe, oft riesige Leinwände, die er in einem ersten Schritt komplett mit Wasser durchnässt. Dieser Akt des Wässerns ist entscheidend, da er die Leinwand in einen aufnahmebereiten, aber auch unberechenbaren Zustand versetzt. Auf diesen nassen Grund trägt er dann mit Tusche, Gouache oder Aquarell das eigentliche Motiv auf. Hier beginnt ein kontrolliertes Spiel mit dem Zufall: Die Farbe verläuft auf der nassen Oberfläche, sie verzweigt sich, bildet feine Äderchen und scheint auf dem Stoff regelrecht zum Leben zu erwachen. Es ist eine Technik, die keine Fehler verzeiht. Einmal aufgetragen, lässt sich die Tusche nicht mehr korrigieren oder übermalen wie Ölfarbe.

Mammel arbeitet physisch mit dem Bild, er läuft um die Leinwand herum, betrachtet sie von allen Seiten und steuert den Fluss der Pigmente durch gezielte Bewegungen. Er nutzt die Schwerkraft und die Kapillarwirkung des Gewebes als seine Assistenten. Das Ergebnis ist eine faszinierende optische Transformation, die den Betrachter herausfordert. Aus der Nähe betrachtet, lösen sich die Formen oft in eine abstrakte Ansammlung farbiger Wassertropfen und verwaschener Konturen auf. Das Auge verliert den Halt in einem Meer aus Nuancen. Erst wenn der Betrachter Distanz gewinnt und die riesigen Leinwände aus der Ferne auf sich wirken lässt, fügen sich die fließenden Elemente zu einem klaren Motiv zusammen. Dieser Prozess des Sehens spiegelt Mammels inhaltliche Auseinandersetzung mit den Themen Nähe und Distanz wider. Es ist eine Einladung, die eigene Position im Raum und gegenüber dem Motiv ständig neu zu überdenken.

Zwischen Menschlichkeit und politischer Resonanz

In seiner Kunst geht es Dieter Mammel vor allem um das Menschsein in all seinen Facetten. Er ist ein Beobachter der feinen emotionalen Nuancen, die das Individuum ausmachen. Im Jahr 2017 brachte er mit seiner Ausstellung „Nah und Fern“ auf sensible und feinfühlige Art seine ganz eigene Gedankenwelt in Wechselwirkung zu den politischen Ereignissen unserer Zeit. Er thematisiert darin existentielle Erfahrungen wie Suche, Flucht, Verortung und die Reise des Menschen. Es geht um die Sehnsucht nach Akzeptanz und das Ankommen in einer oft fremden Umgebung. Diese Themen sind heute aktueller denn je, und Mammel findet Bilder, die das Politische ins Private übersetzen. Er malt keine Schlagzeilen, sondern die emotionalen Abdrücke, die globale Krisen in der menschlichen Seele hinterlassen.

Seine Bilder zeigen Menschen, die gegen Wind und Wetter anrufen, die in dichten Wäldern eilen oder in einem Moment des Innehaltens sehnsüchtig in die Ferne blicken. Mammel stellt diese verletzlichen Charaktere einer oft blinden, lauten Wut gegenüber, die von Inszenierung und Selbstüberhöhung geprägt ist. Behutsam pendelt er zwischen diesen Seinszuständen und greift die emotionalen Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Extremen auf. Er zeigt uns, dass Schmerz und Hoffnung universelle Sprachen sind, die über Grenzen hinweg verstanden werden. Damit liefert er ein tiefsinniges Abbild unserer heutigen Welt, das trotz seiner politischen Schwere immer eine haptische und visuelle Leichtigkeit bewahrt. Die Transparenz der Wasserfarben unterstützt diesen Eindruck des Flüchtigen und Fragilen.

Der filmische Blick und die Dekonstruktion der Diva

Die Arbeiten von Dieter Mammel entstehen oft auf Basis von Spiegelbildern, Fotografien oder Skizzen. Dabei weisen sie häufig einen Charakter auf, der eher an Filmstills als an klassische Malerei erinnert. Besonders deutlich wurde dieser Einfluss in seinem „Diven Zyklus“ aus dem Jahr 2015. Hier porträtierte Mammel bekannte Leinwandikonen wie Marlene Dietrich oder Marilyn Monroe in ungewohnt privaten Situationen. Er zeigt sie in jenen flüchtigen Momenten, bevor sie die Bühne betreten oder „nach draußen“ ins grelle Licht der Öffentlichkeit treten. Es sind Momente der Maskierung und Demaskierung zugleich. Wir sehen nicht die unnahbaren Göttinnen der Kinoleinwand, sondern verletzliche Wesen, die sich auf ihre Rolle vorbereiten.

Hier greift der Maler das zutiefst menschliche Thema der Intimität auf. Für Mammel spiegelt sich in diesen Porträts auch ein Stück seiner eigenen Gefühlswelt wider. Indem er den Moment des Abkapselns der Diven von der Öffentlichkeit darstellt, porträtiert er im Grunde auch seinen eigenen künstlerischen Rückzug und seine frühen Verstecke. Es ist diese Eigenschaft, die allen seinen Menschenbildern innewohnt: Sie sind Porträts der Innerlichkeit, die durch das Spiel mit Licht und Schatten erst ihre volle Tiefe entfalten. Die Technik der nassen Leinwand unterstützt diese Intimität, da die Gesichter oft so wirken, als würden sie aus einem Traum oder einer fernen Erinnerung auftauchen. Die Konturen sind weich, fast so, als ob die Zeit selbst an ihnen nagen würde.

Monochromie und die Stille der Farbe

Dieter Mammel reduziert seine Farbpalette meist radikal. Seine Bilder sind oft monochrom und bestehen aus nur einer oder höchstens zwei Farben. Diese Reduktion ist kein Mangel, sondern eine enorme Konzentration der Mittel. Sie schärft den Blick für die Kontraste und die Komposition. Lichtflecken grenzen hart an tiefe Dunkelheit, was sowohl eine gewisse Irritation als auch eine unmittelbare Intimität schafft. Die Wahl von Blau oder Sepia verstärkt oft den melancholischen, zeitlosen Charakter seiner Werke. Mit großer Ernsthaftigkeit verleiht der Maler dabei selbst einfachen Objekten eine Bedeutung, die weit über das Alltägliche hinausgeht. Ein Stuhl, ein Baum oder ein einfacher Schatten wird bei Mammel zu einem Bedeutungsträger.

Die Schatten in seinen Bildern sind keine leeren Flächen, sondern Räume voller Möglichkeiten und Geschichten. In der Tradition des Film Noir nutzt er das Licht, um Dramatik zu erzeugen, ohne dabei theatralisch zu wirken. Seine Werke wurden bereits in zahlreichen Einzelausstellungen in Städten wie Bremen, Hamburg, Berlin, München, Frankfurt, Köln sowie Wien, Istanbul, Potsdam, Athen und St. Petersburg gewürdigt. Zu den bekanntesten Ausstellungsorten gehören die Galerie Corona Unger, das Museum am Ostwall oder die Albrecht Dürer Gesellschaft. Mammels Einfluss auf die Kunstwelt zeigt sich auch in seiner pädagogischen Tätigkeit: Vier Jahre lang leitete er die Fachklasse für Malerei und Kunstgeschichte an der Mediadesign Akademie in Berlin, wo er sein Wissen über die Verbindung von Bild, Film und Emotion an die nächste Generation weitergab. Er lehrte seine Schüler, dass ein Bild nicht nur eine Fläche ist, sondern ein Speicher für Zeit und Gefühl.

Die Reise des Menschen als ewiges Motiv

Das Werk von Dieter Mammel bleibt eine fortwährende Untersuchung des menschlichen Zustands. In einer Welt, die immer schneller und lauter wird, setzen seine fließenden Bilder einen Kontrapunkt der Stille und der Konzentration. Die Technik des Nass in Nass Malens ist dabei mehr als nur ein ästhetischer Kniff; sie ist ein Sinnbild für die Unbeständigkeit und die ständige Wandlung des Lebens. Nichts ist fest, alles fließt ineinander über – genau wie die Identitäten der Menschen, die er malt. Seine Figuren scheinen oft in einem Zwischenreich zu existieren, zwischen Erscheinen und Verschwinden.

Mammel erinnert uns daran, dass wir alle Reisende sind, die nach Verortung suchen. Seine Bilder sind wie Fenster in eine Welt, die uns gleichzeitig vertraut und fremd erscheint. Durch die Verbindung von cineastischer Dramaturgie und malerischer Sinnlichkeit schafft er Räume, in denen der Betrachter verweilen kann. Es ist eine Kunst, die nicht belehren will, sondern die dazu einlädt, die feinen Nuancen zwischen Nähe und Distanz neu zu entdecken und sich in den verwaschenen Konturen der eigenen Existenz wiederzufinden. Die Monumentalität seiner Leinwände korrespondiert dabei mit der Größe der Gefühle, die er darstellt. Er gibt den leisen Momenten des Lebens eine große Bühne.

Die Bedeutung der Unschärfe in der Moderne

Ein weiterer Aspekt, der Dieter Mammels Werk so bedeutend macht, ist sein Umgang mit der Unschärfe. In einer Ära der hochauflösenden digitalen Bilder, in der jedes Detail scharf und kontrolliert ist, feiert er das Diffuse. Die Unschärfe bei Mammel ist jedoch keine Nachlässigkeit, sondern ein präzises Werkzeug. Sie erlaubt es dem Betrachter, seine eigenen Erfahrungen und Bilder in das Werk zu projizieren. Ähnlich wie bei Gerhard Richter fungiert die Unschärfe als Schutzraum für das Motiv. Sie verhindert den schnellen, konsumierenden Blick und zwingt uns zum Verweilen. Bei Mammel ist diese Unschärfe organisch gewachsen aus dem Fluss des Wassers und der Tusche.

Es ist diese haptische Qualität des Wassers, die seine Bilder so lebendig macht. Wenn die Pigmente in die Fasern der Leinwand einsinken, entsteht eine Tiefe, die mit Öl oder Acryl kaum zu erreichen ist. Das Licht scheint nicht nur auf das Bild zu fallen, sondern aus der Tiefe des Gewebes herauszustrahlen. Dieser Effekt verstärkt den cineastischen Eindruck, als würde eine Projektion auf der Leinwand leuchten. Mammel hat es geschafft, die Flüchtigkeit des Films mit der Beständigkeit der Malerei zu versöhnen. Sein Werk ist eine Hommage an die Seherfahrung selbst und an die unendlichen Möglichkeiten, die entstehen, wenn man der Farbe erlaubt, ihren eigenen Weg zu finden.

Dieter Mammel bleibt ein Künstler, der das Risiko liebt. Jedes Mal, wenn er eine Leinwand wässert und den ersten Pinselstrich setzt, begibt er sich auf eine Reise mit ungewissem Ausgang. Er vertraut auf seine Intuition und auf die physikalischen Prozesse seines Materials. Diese Aufrichtigkeit und die tiefe Liebe zum Menschen machen seine Kunst so zeitlos und berührend. Er zeigt uns, dass die wahre Schönheit oft dort liegt, wo die Grenzen verschwimmen und wo das Herz beginnt, das zu sehen, was dem Auge allein verborgen bleibt. Sein Beitrag zur zeitgenössischen Malerei ist eine Erinnerung daran, dass wir in einer technisierten Welt die fließenden, weichen und intimen Momente unseres Daseins nicht vergessen dürfen.

Mehr Informationen unter: http://dieter-mammel.de

Signums sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler unserer Zeit vor. Als Galerie für zeitgenössische Kunst fördern und publizieren wir Künstler aus allen Bereichen modernen Schaffens.