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Adam Szymczyk und die radikale Transformation des Kuratorischen im Schatten der globalen Krisen

Adam Szymczyk der im Jahr 1970 in Piotrków Trybunalski geboren wurde gehört zweifellos zu den einflussreichsten und zugleich am heftigsten debattierten Figuren der globalen Kunstszene des 21. Jahrhunderts. Sein beruflicher Werdegang ist weit mehr als eine bloße Abfolge institutioneller Stationen; er spiegelt in seiner Komplexität die rasanten und oft schmerzhaften Umbrüche Osteuropas nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wider. Szymczyk begann seine akademische Laufbahn mit dem Studium der Kunstgeschichte an der Universität Warschau einer Stadt die in den neunziger Jahren zu einem brodelnden Laboratorium für neue künstlerische und gesellschaftliche Freiheiten wurde. Seine Ausbildung setzte er am renommierten De Appel in Amsterdam fort wo er sich zum Kurator ausbilden ließ und eine internationale Perspektive entwickelte die seinen Blick auf die Mechanismen des Kunstbetriebs für immer verändern sollte. Heute ist er ein Akteur der diesen Betrieb radikal hinterfragt obwohl er selbst tief in dessen Strukturen verwurzelt ist was seine Position so einzigartig wie angreifbar macht.

Der Aufbruch aus dem Warschauer Laboratorium der neunziger Jahre

Die frühen Jahre von Adam Szymczyk in Warschau waren geprägt von einer Atmosphäre des Hungers nach Weltläufigkeit und zugleich der Notwendigkeit einer eigenen authentischen Sprache. Die polnische Kunstszene der neunziger Jahre war ein Ort an dem die Grenzen zwischen Aktivismus Kritik und Markt noch fließend waren. Hier lernte Szymczyk dass Kunst niemals isoliert von den ökonomischen und politischen Bedingungen ihrer Entstehung betrachtet werden kann. In Amsterdam verfeinerte er dieses Bewusstsein und entwickelte eine kuratorische Methode die weniger auf der Repräsentation schöner Objekte als vielmehr auf der Initiierung von Diskursen basierte.

Die Ambivalenz der Foksal Gallery Foundation zwischen Markt und Manifest

Ein zentraler Wendepunkt in der Karriere von Szymczyk war die Mitbegründung der Foksal Gallery Foundation im Jahr 1997 in Warschau. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern schuf er ein Gebilde das in der internationalen Kunstwelt schnell als die sogenannte AAA-Polen-Mafia bekannt wurde. Obwohl die Stiftung offiziell als gemeinnützig deklariert war agierte sie nach Meinung vieler Beobachter höchst kapitalistisch und verhalf polnischen Künstlern mit bemerkenswerter Effizienz zu Markterfolg im Westen. Diese Phase seines Lebens bildet heute einen interessanten Kontrast zu seiner streng politisch motivierten Arbeit. Die Diskrepanz zwischen dem einstigen Marktstrategen und dem heutigen Systemkritiker sorgt in der Öffentlichkeit immer wieder für Skepsis. Doch gerade in dieser Wandlung liegt die Stärke seiner heutigen Argumentation da er die Mechanismen des Marktes aus einer intimen Inneneinsicht heraus kritisiert.

Architekt eines diskursiven Raumes in der Kunsthalle Basel

Von 2003 bis 2014 leitete Adam Szymczyk die Kunsthalle Basel als Direktor und erarbeitete sich dort den Ruf eines Kurators der keine Angst vor sperrigen Inhalten oder unkonventionellen Präsentationsformen hat. Unter seiner Leitung wurde Basel zu einem Ort an dem künstlerische Positionen gezeigt wurden die sich den schnellen Erwartungen des Marktes entzogen. Er förderte Künstler die politische und soziale Fragen in den Mittelpunkt stellten und forderte damit ein Publikum heraus das oft an eher konventionelle Sehgewohnheiten gewöhnt war. Dieser Erfolg und die internationale Anerkennung seiner Arbeit führten schließlich dazu dass er im Jahr 2013 zum künstlerischen Leiter der Documenta 14 ernannt wurde.

Die Dezentralisierung der Documenta 14 durch den Fokus auf Athen

Mit der Ankündigung die Documenta 14 unter dem programmatischen Titel Von Athen lernen fast zeitgleich in Kassel und in der griechischen Hauptstadt stattfinden zu lassen löste Szymczyk ein politisches und organisatorisches Beben aus. Erstmals in der über sechzigjährigen Geschichte der Weltkunstschau wurde der zentrale Standort Kassel zugunsten einer zweiten gleichberechtigten Stadt im Süden Europas erweitert. Die Kritik an diesem Mammutprojekt ließ nicht lange auf sich warten insbesondere im Hinblick auf die enormen logistischen und finanziellen Herausforderungen die sich am Ende mit einem Defizit und Gesamtkosten von über 40 Millionen Euro bewahrheiteten. Doch für Szymczyk war die Entscheidung für Athen keine bloße Provokation sondern eine kuratorische Notwendigkeit. Er wollte die Kunst direkt in das Epizentrum der europäischen Krise bringen um dort neue Dialogräume zu öffnen und die eurozentrische Perspektive der Documenta grundlegend zu hinterfragen.

Die politische Ökonomie des Lernens von Athen

Hinter der Entscheidung für den Doppelstandort steckte eine tiefgreifende politische und historische Analyse. Szymczyk sah in den Städten Kassel und Athen zwei Orte die trotz ihrer geografischen und ökonomischen Distanz auf unheilvolle Weise miteinander verwoben sind. In der aktuellen politischen Landschaft stand Deutschland oft als wirtschaftlicher Gewinner und Griechenland als Verlierer da. Szymczyk wollte mit der Verlagerung ein Zeichen setzen gegen die koloniale Attitüde des Nordens gegenüber dem Süden. Die Kunst diente hierbei als Medium um die Machtdynamiken innerhalb Europas sichtbar zu machen und die geteilte Verantwortung für die Zukunft des Kontinents zu betonen.

Im Kreuzfeuer der Kritik zwischen finanziellem Wagnis und Publikumserfolg

Trotz der heftigen finanziellen Turbulenzen war die Documenta 14 ein beispielloser Publikumserfolg. Mit über einer Million Besuchern wurde sie zur meistbesuchten Schau zeitgenössischer Kunst weltweit und in Griechenland brach sie alle Rekorde als die erfolgreichste Kunstausstellung in der Geschichte des Landes. Für Szymczyk war das Defizit der Documenta auch ein Symbol für das Defizit der demokratischen Teilhabe und der kulturellen Förderung in Zeiten der Austerität.

Die Neudefinition des Kurators als politisches Subjekt

Szymczyk versteht sich als politischer Kurator der die Kunst als Werkzeug zur Bewusstseinsbildung und zur Weltverbesserung nutzt. Für ihn ist der Ausstellungsraum kein neutraler Ort der ästhetischen Kontemplation sondern eine Arena für harte gesellschaftliche Auseinandersetzungen. Er nutzt seine einflussreiche Position um Themen wie globale Migration das koloniale Erbe und die Schattenseiten der globalisierten Verwertungslogik auf die Tagesordnung zu setzen. Ein Kurator nach dem Vorbild von Szymczyk ist kein bloßer Verwalter von Sammlungen sondern ein Akteur der aktiv in die Zeitgeschichte eingreift und die Institution Kunst dazu zwingt ihre eigene Rolle im Gefüge der Macht zu reflektieren.

Das Erbe einer unbequemen ästhetischen Praxis

Trotz der Kontroversen um seine Person bleibt das fachliche Ansehen von Adam Szymczyk in der Kunstwelt ungebrochen. Im Jahr 2011 erhielt er den renommierten Walter Hopps Award für kuratorische Leistung bei der Menil Foundation in Houston. Zudem engagiert er sich weiterhin intensiv in seinem Heimatland Polen als Mitglied des Vorstands des Museums für Moderne Kunst in Warschau. Szymczyk hat das Berufsbild des Kurators nachhaltig verändert und modernisiert. Er hat gezeigt dass eine Ausstellung mehr sein kann als eine bloße Ansammlung schöner Objekte; sie kann ein Manifest sein das zur Reflexion über Macht Geschichte und unsere gemeinsame Verantwortung in einer globalisierten Welt zwingt.

Die Radikalität mit der Szymczyk die Documenta dezentralisierte und sie in ein politisches Projekt verwandelte hat Spuren hinterlassen die noch lange in der Kunstgeschichte nachwirken werden. Er hat den Blick des Nordens auf den Süden korrigiert und die vermeintliche Überlegenheit des westeuropäischen Kunstbegriffs in Frage gestellt. In Warschau in Basel in Kassel und in Athen hat er Spuren hinterlassen die sich in das kollektive Gedächtnis der Kunstwelt eingebrannt haben. Adam Szymczyk ist ein Visionär der die Institution Kunst dazu gebracht hat über sich selbst hinauszuwachsen. Wer die Kunst in ihrer Tiefe begreifen will kommt an der radikalen Praxis von Adam Szymczyk nicht vorbei da er uns gelehrt hat dass das Sehen ein politischer Akt ist der Mut erfordert.

Mehr Informationen unter: Deutschlandfunk — Adam Szymczyk

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Kuratoren und Kulturmacher vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die den Ausstellungsraum als Arena für gesellschaftliche Auseinandersetzungen begreifen.