Florentina Holzinger: Wie eine österreichische Choreografin die Bühnenkunst der Gegenwart neu erfindet

Florentina Holzinger: Wie eine österreichische Choreografin die Bühnenkunst der Gegenwart neu erfindet

Wenige Namen elektrisieren die internationale Performance- und Tanzszene derzeit so stark wie Florentina Holzinger. Die in Wien geborene Künstlerin steht für eine kompromisslose Bildsprache, in der sich Ballett, Akrobatik, Stunts, Horror und feministische Körperpolitik zu einer unverwechselbaren ästhetischen Position verdichten. Ihre Arbeiten sprengen sowohl klassische Theaterformate als auch die Erwartungen eines konservativen Kunstpublikums. Mit ihrer jüngsten Großproduktion an der Berliner Bühne hat die österreichische Choreografin erneut bewiesen, dass sie die Diskussion über Körper, Geschlecht und Verfall in der Gegenwart wie kaum eine andere prägt. 2026 vertritt sie Österreich auf der 61. Biennale di Venezia, ihre Inszenierungen werden zum vierten Mal in Folge zum Theatertreffen eingeladen. Dieser Artikel zeichnet ihren Weg nach – von den frühen Soloarbeiten in Vienna bis zu den großen Spektakeln in Berlin und Venedig – und beleuchtet, warum die Künstlerin gegenwärtig zu den meistdiskutierten Stimmen der zeitgenössischen Bühnenkunst zählt. Holzingers Bilder polarisieren, ziehen Massen an und verschieben die Grenzen des Sagbaren.

Florentina Holzinger – Performancekünstlerin zwischen Schock und Schönheit

Die Performancekünstlerin gilt international als eine der profiliertesten Stimmen einer neuen Generation, die das Theater zugleich radikalisiert und um popkulturelle Codes erweitert. Ihre Bühnenarbeit vereint klassisches Ballett, Zirkusartistik, Stuntwork, Opern, Body-Modification und feministische Theorie zu einem dichten, oft schockierenden Bühnen-Kosmos. Anders als viele Kolleginnen vermeidet sie den belehrenden Gestus; stattdessen setzt sie auf physische Wucht, Humor, Verletzlichkeit und kollektive Ekstase. Ihre Welten sind bevölkert von Stuntfrauen, Opernsängerinnen, Akrobatinnen und Performerinnen aller Altersgruppen, deren Körper offen ausgestellt werden – jedoch nicht zur Befriedigung männlicher Blicke, sondern als Akt der Selbstermächtigung. Das renommierte Magazin Monopol kürte Florentina Holzinger 2024 zur einflussreichsten Künstlerin des Jahres, und kaum eine Vorstellung an der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ist nicht Monate im Voraus ausverkauft. Damit hat sie eine seltene Position erreicht: die einer Kulturschaffenden, die das große Spektakel und die theoretische Reflexion in einer Person vereint. Ihre Bilder sind extrem – und gerade deshalb begegnet ihnen ein breites Publikum mit ungebrochenem Interesse. Die Mischung aus dunklem Humor, comedy-haften Brüchen und Brutalität macht ihren Stil unverwechselbar.

Vienna, SNDO und die Anfänge der Choreografin Florentina Holzinger

1986 in Vienna geboren, studierte Holzinger zunächst kurz Architektur, bevor sie sich der zeitgenössischen Bühnenkunst zuwandte. Sie studierte Choreografie an der School for New Dance Development (SNDO) der Amsterdamse Hogeschool voor de Kunsten – jener legendären Ausbildungsstätte, an der seit Jahrzehnten formal experimentierende Choreografinnen ihren Weg beginnen. Ihre Diplomarbeit, das Solo Silk aus dem Jahr 2011, wurde 2012 beim Wiener Festival ImPulsTanz mit dem Prix Jardin d’Europe ausgezeichnet – eine bedeutende europäische Anerkennung für junge Tanzschaffende. Bereits während ihres Studiums entstand das Duo Kein Applaus für Scheiße mit dem niederländischen Performer Vincent Riebeek, mit dem sie in den Folgejahren eine viel beachtete Trilogie aus Spirit, Wellness und Schönheitsabend realisierte. Eine prägende Erfahrung war ein schwerer Bühnenunfall, der ihre Soloarbeit Recovery von 2015 nachhaltig inspirierte: Sie thematisierte darin Genesung, körperliche Belastbarkeit und weibliche Selbstinszenierung. Schon in dieser Zeit zeichnete sich ihre charakteristische Schnittstellenkunst zwischen Hochkultur und Entertainment ab. Die Sophiensaele in Berlin gehörten zu den frühen Spielstätten, die ihre Arbeiten regelmäßig zeigten und ihre Entwicklung mittrugen. Damit war früh eine Künstlerin sichtbar, die sich keinem Genre eindeutig verschreiben wollte.

Apollon, A Divine Comedy und Études by Florentina

Mit dem Stück Apollon wandte sich die Künstlerin 2017 erstmals dem klassischen Ballettkanon zu, indem sie auf Igor Strawinskys und George Balanchines neoklassisches Werk Apollon musagète Bezug nahm. Ihre Inszenierung konfrontierte den ikonischen Ballett-Körper mit einem Ensemble aus Artistinnen, Akrobatinnen und Freakshow-Elementen und legte so dessen normative Codes offen. 2019 folgte Tanz. Eine sylphidische Träumerei in Stunts, eine Auseinandersetzung mit der romantischen Tanzgeschichte um La Sylphide, die als Inszenierung des Jahres in der Kritikerumfrage von Theater heute ausgezeichnet wurde. Im selben Atemzug erhielt sie den Nestroypreis in der Kategorie Beste Regie und wurde 2020 zum Berliner Theatertreffen eingeladen – das pandemiebedingt nur digital stattfinden konnte. Für die Ruhrtriennale 2021 entwickelte sie A Divine Comedy, eine wuchernde Bilderparade nach Dante. Parallel begann sie die Reihe Études by Florentina – ortsspezifische Einzelperformances, die unter anderem an der Bergen Kunsthall, im Schinkel Pavillon Berlin, beim Atonal Festival und den Wiener Festwochen gezeigt wurden. Ab 2021 ist die Künstlerin zudem Associate Artist an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin, die ihre wichtigsten Projekte produziert oder koproduziert. Diese Doppelstruktur aus großen Repertoirestücken und intimen Études prägt ihre Praxis bis heute.

Ophelia’s Got Talent und das Berliner Theatertreffen 2023

Mit Ophelia’s Got Talent, das 2022 an der Volksbühne uraufgeführt wurde, etablierte sich Florentina Holzinger endgültig als zentrale Figur der europäischen Theaterlandschaft. Die Inszenierung greift die Figur der Ophelia aus Shakespeares Hamlet auf, schreibt deren ikonischen Gang ins Wasser jedoch in eine feministische Empowerment-Erzählung um. Ein rein weibliches Ensemble inszeniert in einer mehrstündigen Revue Apnoetauchen, Wasserballett, Stunt-Choreografien und akrobatische Höhepunkte rund um ein gigantisches Wasserbecken. 2023 wurde Ophelia’s Got Talent zum Berliner Theatertreffen eingeladen und zudem mit dem Theaterpreis der Faust als beste Tanzperformance ausgezeichnet. Saioa Alvarez Ruiz erhielt für ihre Performance den österreichischen Nestroy-Preis als beste Schauspielerin, das Bühnenbild von Nikola Knežević ebenfalls einen Nestroy. Die Arbeit ging anschließend auf eine Welttournee, die unter anderem das Hamburger International Summer Festival auf Kampnagel, das asphalt Festival Düsseldorf und mehrere Sommerfestival-Stationen in Europa umfasste. Saioa Alvarez wurde zu einer der zentralen Performerinnen in Holzingers Ensemble, eine Position, die sie auch in den folgenden Produktionen einnehmen sollte. Die Produktionsfirma Neon Lobster begleitete dabei die internationale Verwertung der Inszenierung.

Sancta 2024: Eine feministisch radikale Performance Inszenierung an der Staatsoper Stuttgart

Mit ihrer Opernproduktion vollzog Florentina Holzinger 2024 den Schritt in das Musiktheater. Sancta basiert auf Paul Hindemiths kontroversem Einakter Sancta Susanna von 1922, in dem eine Nonne ihre erotische Selbstbestimmung gegen die Gewalt religiöser Disziplinarmacht behauptet. Premiere feierte das abendfüllende Werk am 30. Mai 2024 am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin, anschließend gastierte die Inszenierung an der Staatsoper Stuttgart, an der Berliner Bühne, bei den Wiener Festwochen und an weiteren europäischen Häusern. Die Choreografin erweiterte Hindemiths Kurzoper durch Werke von Bach, Rachmaninow sowie metalmusikalische und elektronische Neukompositionen zu einem mehrstündigen Gesamtkunstwerk zwischen Ritus, Rockmusik und Body-Art. Saioa Alvarez Ruiz übernahm die Rolle einer lesbischen Gegenpäpstin, während weitere Performerinnen Kletterstunts an einer Sixtinischen Kapelle vollziehen, Wunder demonstrieren und religiöse Topoi auf den Kopf stellen. Sancta wurde 2025 zum Berliner Theatertreffen eingeladen und löste in kirchennahen Kreisen heftige Debatten aus; der Theologe Jan-Heiner Tück kritisierte das Stück, andere Stimmen feierten es als notwendige Aufarbeitung patriarchaler Strukturen. Damit setzte die Künstlerin einen weiteren Meilenstein in ihrem Werk und unterstrich ihre Fähigkeit, Hochkultur und Gegenkultur produktiv miteinander zu verschmelzen.

A Year Without Summer – Holzingers Debüt als a musical an der Volksbühne

„A Year Without Summer“, uraufgeführt 2025 an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin, markiert das Musical-Debüt von Florentina Holzinger und damit eine neue Entwicklungsstufe ihrer Bühnenarbeit. Die neue Inszenierung verbindet Tanz, a musical, Performance und Horror und greift auf das historische „Jahr ohne Sommer“ 1816 zurück, als der Vulkanausbruch des Tambora in Indonesien eine globale Klimakatastrophe auslöste. In jenem Sommer am Genfersee begann Mary Shelley mit gerade einmal 18 Jahren die Niederschrift ihres Romans Frankenstein, in dem die Wissenschaft die Schöpfung Gottes zu kopieren versucht. Holzinger verknüpft diese Erzählung mit zeitgenössischen Fragen nach Longevity, Bioengineering, künstlicher Intelligenz und Robotik zu einer dichten Reflexion über den Wahn der Selbstoptimierung. Ein Ensemble aus rund 30 Performerinnen – darunter Schauspielerinnen in ihren Achtzigern – wagt sich durch Szenen voller rüden Humors, fragiler Körperlichkeit und zeitloser Schönheit. Die Premiere im Mai 2025 wurde von Publikum und Kritik gleichermaßen umstritten gefeiert, viele Stimmen sprachen vom Höhepunkt ihres bisherigen Schaffens. Aufgrund von Spielplankonstellationen wird die Arbeit im Oktober 2026 als TT-Nachspiel am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin präsentiert. Damit kehrt das Stück in jenes Haus zurück, in dem es entstanden ist.

Performerinnen, Beatrice Cordua und das Ensemble der Holzingers

Die schiere Vielfalt des Ensembles bildet einen wesentlichen Teil von Florentina Holzingers künstlerischer Signatur. In „A Year Without Summer“ wirken neben Saioa Alvarez Ruiz auch Bärbel Warneke, Renée Eigendorff, Sue Shay, Sahel van K, Liane Jil Apel, Luz de Luna Duran und Gitti Ulm mit. Eine besondere Rolle spielte die Ballerina Beatrice „Trixie“ Cordua, die in den 1990er Jahren unter Johann Kresnik bereits am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin tanzte und in der neuen Arbeit als Matadorin zurückkehrte; nach ihrem Tod widmete das Haus ihr einen bewegenden Nachruf. Die musikalische Leitung übernahm Born In Flamez gemeinsam mit Stefan Schneider, Kompositionen stammen unter anderem von Josephinex Ashley Hansis und Noah Reis Ramma; einige Rechte wurden Courtesy of Neue Welt Musikverlag GmbH freigegeben. Geprägt vom Konzept eines „Body of Knowledge“ arbeitet Holzinger mit Performerinnen unterschiedlichster Disziplinen – von Akrobatinnen über Opernsängerinnen bis zu Magierinnen und Stuntfrauen. Diese kollaborative Praxis ist Programm: Sie eröffnet vielstimmige Erzählungen, anstatt einer einzelnen Heldenfigur zu folgen. Damit zeigt sich, dass das Spektakel niemals Selbstzweck ist, sondern dem kollektiven Aushandeln gemeinsamer Imaginationen dient. Das Ensemble wird so zur sichtbaren Verkörperung einer Ästhetik, in der Sichtbarkeit zur politischen Geste wird.

Seaworld Venice mit Nora-Swantje: Florentina Holzinger auf der Biennale di Venezia 2026

Den vielleicht spektakulärsten Auftritt der Saison liefert die Choreografin Florentina Holzinger auf der 61. Biennale di Venezia, wo sie ab dem 9. Mai 2026 den österreichischen Pavillon bespielt. Unter dem Titel Seaworld Venice – gemeinsam mit der Kuratorin Nora-Swantje Almes entwickelt – setzt sie den Josef-Hoffmann-Pavillon der Giardini buchstäblich unter Wasser. Performerinnen fahren Jetski durch das Bassin, eine weitere taucht in einem mit Urin gefüllten Osmose-Becken, und stündlich schlägt eine menschliche Glocke. Die Eröffnungs-Étude wurde Anfang Mai von Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler eröffnet und sofort zum Publikumsmagneten. Bis zum 22. November ist die Arbeit, die als Unterwasserthemenpark, Kläranlage und Sakralbau zugleich konzipiert ist, in Venedig zu erleben. Mit dieser Setzung gehört die Künstlerin zu den wenigen Performancekünstlerinnen, die jemals einen nationalen Pavillon der Biennale gestaltet haben. 2026 vertritt sie Österreich damit auf der bedeutendsten Kunstschau der Welt. Auch im Stadtraum Venedigs finden Études statt, die das Werk in den Dialog mit der zerbrechlichen Lagunenstadt bringen, und für 2027 sind angepasste Versionen im Gropius Bau Berlin und in der Kunsthalle Wien angekündigt.

Études by Florentina, Bergen Kunsthall, Sommerfestival und International Summer Festival

Über die großen Hausproduktionen hinaus bildet die Reihe Études by Florentina ein eigenständiges Format im Werk der Performancekünstlerin. Es handelt sich um ortsspezifische, oft einmalige Performances, in denen Florentina Holzinger und ihr Team Räume mit kurzen, bildmächtigen Eingriffen aufladen. Wichtige Stationen waren bislang die Bergen Kunsthall in Norwegen, wo 2024 die „Hafen-Étude“ als Vorarbeit zur Biennale entstand, der Schinkel Pavillon Berlin sowie die Wiener Festwochen, die mehrfach Études eröffneten. Diese Praxis erlaubt es ihr, schneller, riskanter und intimer zu arbeiten als in den großen Repertoire-Produktionen. Parallel ist sie regelmäßig zu Gast beim Hamburger International Summer Festival auf Kampnagel und beim Sommerfestival in weiteren europäischen Städten, die ihre Arbeiten koproduzieren. Auch das Festival Divine Comedy International Theater Festival in Krakau gehörte zu den frühen Partnern. Ihre Produktionsfirmen Spirit und Neon Lobster steuern die internationale Tournee; dazu kommt eine breite Förderkulisse, gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds und der Kulturabteilung der Stadt Wien sowie des Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport Österreich. Diese Strukturen tragen ein internationales Werk, das so kaum eine zweite Künstlerin organisieren würde.

Rising Melbourne, Antwerp – die Tour von Florentina Holzingers Performances

Der internationale Tourplan von „A Year Without Summer“ liest sich wie eine Landkarte zeitgenössischer Performance: Die Inszenierung gastiert unter anderem in Antwerp am DESINGEL, beim Festival Rising in Melbourne, beim asphalt Festival Düsseldorf, bei Factory International Manchester sowie an der Berliner Bühne. Damit reiht sich die Arbeit ein in das gewachsene internationale Netzwerk der Künstlerin, das ihre Stücke quer durch Europa, Australien und Nordamerika trägt. Parallel ist auch Ophelia’s Got Talent weiter unterwegs, etwa beim GREC Festival Barcelona und beim Festival TransAmériques in Montreal. Die wachsende mediale Aufmerksamkeit – etwa durch eine ausführliche Berichterstattung in der New York Times oder im Magazin Stage – belegt, dass die Künstlerin den Sprung in die globale Wahrnehmung längst geschafft hat. Ab der Spielzeit 2026/27 wird Matthias Lilienthal die Intendanz des Hauses am Rosa-Luxemburg-Platz übernehmen und Holzinger gemeinsam mit Marlene Monteiro Freitas in das künstlerische Leitungsteam aufnehmen. Holzinger’s Position im internationalen Diskurs scheint damit zementiert. Das Publikum von Berlin über Vienna bis Melbourne und Antwerp wird auch in den kommenden Jahren mit ihren radikalen Visionen versorgt werden. Wer die Bühnenkunst der Gegenwart verstehen will, kommt an dieser Stimme nicht vorbei.

Mehr unter: https://www.instagram.com/floholzinger/