Die Gründung der Galerie Meyer Riegger im Jahr 1997 markierte einen Wendepunkt in der deutschen Galerienlandschaft der weit über die Grenzen des Standorts Karlsruhe hinausstrahlte. Jochen Meyer und Thomas Riegger traten mit einem Anspruch an die Öffentlichkeit der sich radikal von der rein marktkonformen Ausrichtung vieler Zeitgenossen unterschied. Bereits die erste Ausstellung mit dem programmatischen Titel AND THEN THERE WERE NONE signalisierte dass es hier nicht um die bloße Dekoration von Wänden ging sondern um eine tiefgreifende Befragung der Existenzbedingungen von Kunst. Durch die Einbeziehung von Leihgaben aus der renommierten Sammlung Marzona wurde ein intellektuelles Fundament gelegt das die Galerie bis heute trägt. Diese Verbindung zu einer Sammlung die für ihre Konzentration auf Concept Art und Minimalismus bekannt ist war kein Zufall sondern eine bewusste Setzung. Der Fokus liegt dabei konsequent auf Ansätzen die das emanzipatorische Potenzial der Kunst betonen und ihre Fähigkeit zur Transzendenz unterstreichen ohne dabei die materiellen Bedingungen ihrer Entstehung aus den Augen zu verlieren.
Das Erbe der konzeptionellen Strenge seit der Gründungsphase
Der Kern des Programms von Meyer Riegger lässt sich als eine fortwährende Untersuchung der Schnittstellen zwischen Idee und Materialität begreifen. Die Galerie vertritt die Auffassung dass Kunst stets ein Produkt menschlicher Arbeit ist und somit zwangsläufig die gesellschaftlichen Abhängigkeitsverhältnisse und den Zustand der Welt widerspiegelt. In den Ausstellungen wird deutlich dass konzeptionelle Kunst nicht trocken oder rein intellektuell sein muss sondern eine enorme sinnliche Kraft entfalten kann wenn sie die richtigen Fragen stellt. Dabei wird die Geschichte der Kunst nicht als abgeschlossenes Kapitel betrachtet sondern als ein Werkzeugkasten der es ermöglicht die brennenden Themen der Gegenwart zu sezieren. Die Galerie schafft es immer wieder Brücken zu schlagen zwischen Positionen die auf den ersten Blick gegensätzlich erscheinen mögen aber in ihrer Radikalität vereint sind. Diese kuratorische Präzision hat Meyer Riegger zu einer der profiliertesten Adressen für anspruchsvolle Kunst in Deutschland gemacht.
Im Spannungsfeld zwischen Karlsruher Identität und Berliner Weltläufigkeit
Die geografische Entwicklung der Galerie ist eng mit der Suche nach neuen Diskursräumen verknüpft. Während Karlsruhe als Herkunftsort und Sitz der Akademie eine wesentliche Rolle für die Identität der Gründer spielt markierte der Umzug nach Berlin im Jahr 2008 eine strategische Erweiterung des Horizonts. Die Entscheidung eine zweite Galerie in der Hauptstadt zu eröffnen entsprang dem Wunsch aktiv am pulsierenden Zentrum der internationalen Kunstwelt teilzuhaben. Die Wahl des Standorts in der Nähe des Checkpoint Charlie direkt an der ehemaligen Grenze zwischen West- und Ostberlin war dabei hochgradig symbolisch. Dieser Ort der über Jahrzehnte hinweg das Sinnbild der Teilung und später des Aufbruchs war bietet den idealen Rahmen für eine Galerie die sich mit Grenzen und deren Überwindung beschäftigt. Die Dualität der Standorte ermöglicht ein permanentes Oszillieren zwischen konzentrierter Arbeit in der Provinz und dem lautstarken Austausch in der Metropole was dem Programm eine besondere Dynamik verleiht.
Miriam Cahn als Sinnbild der existenziellen Radikalität
Eine der zentralen Positionen der Galerie ist zweifellos das Werk von Miriam Cahn. Ihre Malerei und Zeichnung ist von einer existenziellen Wucht die den Betrachter unmittelbar und oft schmerzhaft berührt. Cahn setzt sich in ihren Arbeiten mit Themen wie Gewalt Sexualität Krieg und der Verletzlichkeit des menschlichen Körpers auseinander. Ihr Arbeitsprozess ist geprägt von einer hohen körperlichen Intensität und einer Unmittelbarkeit die in der zeitgenössischen Kunst selten geworden ist. Bei Meyer Riegger erhält ihr Werk den Raum den es benötigt um seine volle Kraft zu entfalten. Cahns Kunst ist zutiefst politisch ohne jemals plakativ zu wirken. Sie nutzt das Medium der Malerei um das Unsagbare sichtbar zu machen und fordert eine empathische Auseinandersetzung ein die weit über die Grenzen der reinen Ästhetik hinausgeht.
Björn Braun und die Transformation des Materials
Ein weiterer Künstler der die konzeptionelle Tiefe der Galerie Meyer Riegger verdeutlicht ist Björn Braun. Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine faszinierende Verbindung von natürlichen Prozessen und künstlerischer Intervention aus. Braun nutzt Materialien wie Holz Erde Wolle oder sogar die Nester von Vögeln um Objekte zu schaffen die von Transformation und Zeitlichkeit erzählen. Dabei geht er oft so subtil vor dass die Grenze zwischen dem was von der Natur geschaffen wurde und dem was der Künstler hinzugefügt hat verschwimmt. Diese Form der Kunstproduktion hinterfragt das herkömmliche Verständnis von Autorschaft und rückt die Materialität selbst in das Zentrum des Interesses. Die Arbeiten von Björn Braun sind ein Beweis dafür dass konzeptionelle Ansätze eine hohe ästhetische Anziehungskraft besitzen können.
Überwindung medialer Grenzen in der räumlichen Installation
Das Ausstellungsprogramm von Meyer Riegger zeichnet sich durch eine bemerkenswerte mediale Vielfalt aus. Es gibt keine Hierarchie zwischen den verschiedenen künstlerischen Disziplinen. Malerei und Zeichnung stehen völlig gleichberechtigt neben komplexen Rauminstallationen Fotografie Videofilm Performance und Skulptur. Besonders in den Gruppenausstellungen und Sonderprojekten zeigt sich die Fähigkeit von Meyer Riegger verschiedene Positionen in einen Dialog zu bringen der über die bloße Addition der Einzelwerke hinausgeht. Die Besucher werden eingeladen sich auf diese multimedialen Erfahrungen einzulassen und die Kunst als ein fluides Feld der Möglichkeiten zu begreifen.
Brücke zwischen historischer Reflexion und globaler Marktoffenheit
In der heutigen globalisierten Kunstwelt ist es für eine Galerie unerlässlich auf internationalem Parkett präsent zu sein. Meyer Riegger hat diese Herausforderung früh angenommen und durch die regelmäßige Teilnahme an den bedeutendsten Kunstmessen weltweit ein stabiles Netzwerk aufgebaut. Die Kontinuität in der Zusammenarbeit mit etwa zwanzig Künstlern über verschiedene Generationen hinweg ist ein wesentliches Merkmal der Galeriearbeit. Meyer Riegger begleitet viele Karrieren von den ersten Schritten an bis hin zur Etablierung im globalen Kontext.
Die Auseinandersetzung mit dem Begriff der menschlichen Arbeit in der Kunst ist ein Aspekt der bei Meyer Riegger immer wieder thematisiert wird. Kunstwerke werden nicht als vom Himmel gefallene Geniestreiche betrachtet sondern als Resultate von Prozessen die Zeit Energie und materielle Ressourcen erfordern. Wenn wir über die Kunst von Uwe Henneken Anna Lea Hucht oder Henrik Håkansson sprechen bewegen wir uns in Feldern die von der Romantik über die Ökologie bis hin zur Psychologie reichen. Die Galerie Meyer Riegger fungiert hierbei als Moderatorin die diese unterschiedlichen Fäden zusammenführt und zu einem dichten Gewebe verwebt.
Die Rolle der Zeichnung innerhalb des Galerieprogramms verdient eine besondere Erwähnung da sie oft als das unmittelbarste Medium der Ideenfindung gilt. Bei Künstlern wie Jamie Isenstein oder Anna Lea Hucht wird die Zeichnung zum Schauplatz komplexer Erzählungen und surrealer Szenarien. Es ist diese Liebe zum Detail gepaart mit dem Blick für das große Ganze die das kuratorische Schaffen von Jochen Meyer und Thomas Riegger so einzigartig macht.
Die Galerie hat bewiesen dass es möglich ist im kommerziellen Kunstmarkt zu bestehen ohne die eigenen Ideale zu verraten. Dieser Erfolg basiert auf einer tiefen Leidenschaft für die Sache und einem unermüdlichen Einsatz für die Belange der Künstler. Meyer Riegger ist mehr als eine Galerie sie ist ein intellektuelles Projekt das die deutsche Kunstlandschaft nachhaltig geprägt hat. Der Dialog zwischen der Geschichte der Kunst und den Visionen der Zukunft wird hier mit einer Intensität geführt die ihresgleichen sucht. Wer die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst verstehen will kommt an Meyer Riegger nicht vorbei. Die Kraft der Bilder und die Stärke der Konzepte vereinen sich an diesem Ort zu einer Erfahrung die den Geist weitet und das Herz berührt.
Galerie Meyer Riegger
Friedrichstraße 235, 10969 Berlin
Telefon: +49 30 315 665 80
Öffnungszeiten: Di–Sa 11–18 Uhr
E-Mail: info@meyer-riegger.de
Webseite: www.meyer-riegger.de
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die wichtigsten Galerien in Berlin vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen Positionen, die das emanzipatorische Potenzial der Kunst betonen und die Schnittstellen zwischen Idee und Materialität befragen.