Die Geschichte der zeitgenössischen Kunst in Berlin ist oft eine Erzählung von Zweckentfremdung und Neubesetzung von Räumen die einst anderen Funktionen dienten. Doch selten ist die Verbindung zwischen der produktiven Vergangenheit eines Ortes und seiner künstlerischen Gegenwart so tiefgreifend und persönlich motiviert wie im Falle der Galerie PSM. Der Name selbst fungiert als ein semantisches Scharnier das eine Brücke zwischen der industriellen Tradition der Nachkriegszeit und der avantgardistischen Praxis der Gegenwart schlägt. Er ist untrennbar mit der Familiengeschichte ihrer Gründerin Sabine Schmidt verknüpft und zeugt von einem tiefen Respekt vor der Generation der Erbauer. Der Großvater der Galeristin legte nach dem Zweiten Weltkrieg den Grundstein für eine Fabrik namens Paul Schmidt Machineries deren Akronym PSM heute in einem völlig neuen Kontext weiterlebt. Wo einst Maschinen konstruiert und physische Werkstücke bearbeitet wurden wird heute an der Produktion von Sinn und ästhetischer Erfahrung gearbeitet.
Die prägende Aura der väterlichen Werkstatthallen
Das Verständnis für die Beschaffenheit der Welt beginnt oft in den Räumen der Kindheit. Für Sabine Schmidt waren dies die weitläufigen Hallen der familieneigenen Maschinenfabrik. In einer Umgebung geprägt von Metallgeruch dem Klang von arbeitenden Maschinen und der Präzision technischer Zeichnungen entwickelte sie früh ein Gespür für das was man als physische Präsenz bezeichnen kann. Sie lernte dass jedes Objekt eine Geschichte seiner Entstehung besitzt und dass die Form eines Gegenstandes immer das Ergebnis eines komplexen Prozesses aus Planung Kraftaufwand und Materialwiderstand ist. Diese frühe Prägung erklärt warum das Programm der Galerie PSM bis heute eine auffallende Vorliebe für skulpturale Positionen und raumgreifende Installationen zeigt. Die Entscheidung das Unternehmen nach der Fabrik des Großvaters zu benennen war somit weit mehr als eine nostalgische Geste. Es war ein Akt der Ehrerbietung der die Kontinuität des Schaffens betont und die Galerie als einen Ort definiert an dem die Arbeit am Objekt mit gleicher Hingabe fortgesetzt wird.
Im strategischen Kontext der Berliner Mitte des Jahres 2008
Der Zeitpunkt der Galeriegründung im September 2008 fiel in eine Phase globaler wirtschaftlicher Verunsicherung und gleichzeitig in eine Zeit des extremen Umbruchs für das Familienunternehmen Paul Schmidt Machineries. Während die klassische Industrieproduktion an ihr Ende gelangte und die Werkshallen stillgelegt werden mussten transformierte Sabine Schmidt die Energie dieses Abschieds in eine neue Vision. Die Eröffnung der Räumlichkeiten in der Saarbrücker Straße in Berlin Mitte markierte den Beginn eines neuen Kapitels. PSM brachte eine Nuance ein die sich von der oft sterilen Professionalität anderer Galerien unterschied. Es war eine Mischung aus Seriosität und einem fast schon handwerklichen Pragmatismus. Wer die Galerie betrat spürte dass hier jemand am Werk war der die Mechanismen der Kunstwelt ebenso genau verstand wie die Funktionsweise einer komplexen Maschine.
Ariel Reichman und die Untersuchung des Privaten
Eine der zentralen Positionen der Galerie die das Interesse an prozessualen und oft psychologisch aufgeladenen Arbeiten verdeutlicht ist das Werk von Ariel Reichman. Seine künstlerische Praxis ist geprägt von einer intensiven Auseinandersetzung mit den Themen Erinnerung Trauma und der Fragilität der menschlichen Existenz. Reichman nutzt oft alltägliche Materialien und überführt sie in einen Zustand der rituellen Wiederholung oder der existenziellen Belastung. Er operiert oft an der Grenze zwischen dem Sichtbaren und dem Verborgenen was wiederum an die verborgenen Mechanismen in den Maschinen der Vergangenheit erinnert. Die Galerie bietet ihm den notwendigen Rahmen um diese komplexen Fragestellungen in einer Umgebung zu präsentieren die sowohl die ästhetische Distanz als auch die emotionale Nähe zulässt.
Kuratorische Vorliebe für skulpturale Materialität
Die Auswahl der Künstler bei PSM folgt einem roten Faden der die physische Beschaffenheit des Kunstwerks in den Mittelpunkt rückt. Ob es sich um Arbeiten von Nathan Peter handelt der die Leinwand als skulpturales Material begreift und sie durch Zerschneiden und Neuformieren ihrer Zweidimensionalität beraubt oder um die Installationen von Anca Munteanu Rimnic die kulturelle Codes in objekthafte Metaphern übersetzt. Stets geht es um die Frage wie sich eine Idee im Raum materialisiert. Ein Kunstwerk bei PSM muss eine gewisse Schwere oder eine konstruktive Logik besitzen die es im Raum verankert. Die Ausstellungen sind oft so konzipiert dass sie die Architektur der Galerie herausfordern und den Besucher dazu zwingen seine eigene körperliche Präsenz im Verhältnis zum Werk zu reflektieren.
Anca Munteanu Rimnic und die poetische Dekonstruktion der Tradition
Anca Munteanu Rimnic ist eine weitere Künstlerin deren Werk die Identität der Galerie maßgeblich mitprägt. In ihren Arbeiten verbindet sie Einflüsse aus ihrer rumänischen Herkunft mit einer minimalistischen Formensprache. Sie nutzt traditionelle Handwerkstechniken oder folkloristische Objekte und überführt sie in den Kontext der zeitgenössischen Kunst. Dabei geht es ihr oft um die Frage der Identität und der kulturellen Verortung. Rimnics Arbeiten besitzen eine stille Autorität die aus der Einfachheit der Form und der Tiefe der Bedeutung schöpft. Sie dekonstruiert das Bekannte und setzt es zu neuen rätselhaften Gebilden zusammen. In diesem Prozess der Neuzusammensetzung spiegelt sich die Idee der Fabrik wider in der aus Einzelteilen ein funktionierendes Ganzes entsteht. Die Galerie PSM fungiert hierbei als ein Schutzraum für diese fragilen Konstruktionen.
Laboratorium für transdisziplinäre künstlerische Diskurse
Über die Jahre hat sich PSM zu weit mehr als einem reinen Verkaufsraum für Kunst entwickelt. Unter der Leitung von Sabine Schmidt ist die Galerie zu einem Ort des Austauschs und des Experiments geworden. Die Ausstellungen werden oft durch Gespräche Vorträge und Publikationen ergänzt die den theoretischen Unterbau der künstlerischen Positionen beleuchten. Obwohl die Skulptur ein Schwerpunkt ist finden auch Fotografie Video und Performance ihren Platz im Programm sofern sie die grundlegenden Fragen nach Raum und Materialität auf innovative Weise adressieren.
Räumliche Evolution von der Mitte zum Tiergarten
Die räumliche Veränderung der Galerie spiegelt auch die Verschiebungen innerhalb der Berliner Kunstszene wider. Nach den Jahren in der Saarbrücker Straße erfolgte der Umzug in neue Räumlichkeiten in der Nähe des Tiergartens. Dieser Standortwechsel ermöglichte es der Galerie sich in einem Umfeld zu positionieren das durch eine Mischung aus historischer Pracht und zeitgenössischer Dynamik geprägt ist. Der Geist von Paul Schmidt Machineries ist jedoch mit umgezogen. Auch am neuen Standort bleibt der Name PSM ein Symbol für die Verbindung von industrieller Energie und künstlerischer Vision.
Paolo Chiasera und die malerische Erforschung der Zeitlichkeit
Ein Künstler der die malerische Dimension im Programm von PSM auf besondere Weise vertritt ist Paolo Chiasera. Seine Arbeiten setzen sich intensiv mit der Geschichte der Malerei und dem Konzept der Zeitlichkeit auseinander. Chiasera entwickelt oft komplexe Systeme in denen verschiedene Ebenen der Realität und der Fiktion miteinander verwoben werden. Die Verbindung zur Galeriephilosophie liegt hier in der Konstruktion von Bedeutungssystemen. Chiasera baut seine Bilder und Installationen mit einer Akribie auf die an technische Konstruktionen erinnert während das Ergebnis eine poetische und oft melancholische Wirkung entfaltet. Sein Werk ist ein Beweis dafür dass Malerei bei PSM immer auch als ein räumliches und intellektuelles Ereignis verstanden wird.
Im Widerstand gegen die Flüchtigkeit des digitalen Zeitalters
In einer Zeit in der die Kunstwelt zunehmend durch digitale Bilder und schnelle Konsumtion geprägt ist setzt die Galerie PSM auf die Kraft der physischen Erfahrung. Die Werke die hier gezeigt werden fordern eine Präsenz ein die sich nicht durch einen Bildschirm vermitteln lässt. Es geht um die Haptik des Materials die Schwere des Objekts und die spezifische Wirkung des Lichts im Raum. Dieser Fokus auf die Körperlichkeit ist ein bewusster Gegenentwurf zur Entmaterialisierung der Kunst. Sabine Schmidt beharrt auf der Bedeutung des direkten Kontakts zwischen dem Betrachter und dem Werk. Diese Haltung ist zutiefst humanistisch und wurzelt in der Überzeugung dass wahre Erkenntnis nur durch die unmittelbare Begegnung mit der physischen Welt möglich ist.
Daniel Doebner und die skulpturale Untersuchung der funktionalen Form
Die Arbeiten von Daniel Doebner fügen sich nahtlos in dieses Programm ein da sie die Grenze zwischen Design Funktionalität und freier Kunst ausloten. Doebner nutzt oft Fundstücke oder industrielle Materialien und transformiert sie durch minimale Eingriffe in skulpturale Objekte. Seine Werke besitzen eine Klarheit und eine logische Struktur die unmittelbar an die Welt der Maschinen erinnert. Er dekonstruiert die Zweckmäßigkeit der Dinge und legt ihre ästhetische Essenz frei. Doebner zeigt uns dass in jeder funktionalen Form ein künstlerisches Potenzial schlummert das nur darauf wartet durch den richtigen Blick aktiviert zu werden. Diese Herangehensweise ist eine wunderbare Hommage an die Geschichte der Galerie und an die Vision ihres Namensgebers Paul Schmidt. Hier wird deutlich dass Kunst und Technik keine Gegensätze sind sondern verschiedene Ausdrucksformen desselben menschlichen Strebens nach Gestaltung und Ordnung.
Blickt man auf die Entwicklung der Galerie PSM seit ihrer Gründung wird deutlich dass Sabine Schmidt ein Projekt geschaffen hat das durch seine Authentizität und inhaltliche Tiefe besticht. Die Verbindung von Familiengeschichte und zeitgenössischer Kunstpraxis ist kein Marketinginstrument sondern das gelebte Fundament dieser Institution. PSM wird weiterhin eine Adresse bleiben an der die Materialität des Werkes und die intellektuelle Redlichkeit der künstlerischen Position im Vordergrund stehen. Die Maschinenfabrik Paul Schmidt ist Geschichte doch die Galerie PSM sorgt dafür dass der Geist der Konstruktion und die Leidenschaft für das Geschaffene lebendiger sind als je zuvor. Der Weg von der Produktion von Maschinen zur Produktion von Kunst ist eine Erfolgsgeschichte die zeigt wie aus einem Erbe eine Vision entstehen kann die die Kulturlandschaft einer ganzen Stadt bereichert.
Galerie PSM
Köpenicker Straße 126, 10179 Berlin
Telefon: +49 30 755 24 626
Öffnungszeiten: Di–Sa 11–18 Uhr
E-Mail: office@psm-gallery.com
Webseite: www.psm-gallery.com
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die wichtigsten Galerien in Berlin vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen Positionen, die die Materialität des Werkes und die Logik der Konstruktion ins Zentrum stellen.