Es gibt Momente, in denen die Grenze zwischen Kunst und Wissenschaft verschwindet. Wenn ein Physiker über die Schönheit einer Gleichung spricht, meint er etwas, das ein Künstler sofort versteht. Wenn eine Bildhauerin mit Materialien arbeitet, deren Eigenschaften sie erst durch Experiment entdeckt, arbeitet sie wie eine Forscherin. Die Trennung zwischen den beiden Welten ist historisch gewachsen, aber sie ist nicht naturgesetzlich. Und sie löst sich auf, schneller als die Institutionen beider Seiten es wahrhaben wollen.
Die spannendsten Projekte der letzten Jahre entstehen genau an dieser Schnittstelle. Ausstellungen, die physikalische Phänomene erfahrbar machen. Symposien, bei denen Künstler und Wissenschaftler gemeinsam auftreten. Filme, die wissenschaftliche Ideen in Bilder übersetzen, ohne sie zu vereinfachen. Diese Projekte haben ein gemeinsames Problem: Sie passen in keine Schublade. Und was in keine Schublade passt, ist schwer zu kommunizieren.
Das Kommunikationsproblem interdisziplinärer Projekte
Ein Projekt, das Kunst und Wissenschaft verbindet, hat mindestens zwei Zielgruppen, die unterschiedliche Sprachen sprechen. Das Kunstpublikum erwartet ästhetische Erfahrung und emotionale Resonanz. Das Wissenschaftspublikum erwartet inhaltliche Präzision und methodische Klarheit. Die breite Öffentlichkeit erwartet Verständlichkeit. Und alle drei Gruppen haben unterschiedliche Kanäle, unterschiedliche Mediengewohnheiten und unterschiedliche Aufmerksamkeitsspannen.
Die meisten interdisziplinären Projekte lösen dieses Problem, indem sie eine Zielgruppe priorisieren und die anderen vernachlässigen. Eine Ausstellung über Quantenphysik im Kunstkontext spricht das Kunstpublikum an, aber die Physiker schütteln den Kopf über die Ungenauigkeiten. Ein wissenschaftliches Symposium mit künstlerischem Rahmenprogramm spricht die Forscher an, aber die Künstler fühlen sich als Dekoration.
Die bessere Lösung ist eine Kommunikationsstrategie, die alle Zielgruppen ernst nimmt und für jede eine eigene Ansprache entwickelt, die aber auf dasselbe Grundnarrativ zurückführt. Das erfordert ein Verständnis beider Welten und die Fähigkeit, zwischen ihnen zu übersetzen.
David Bohm und die Einheit des Wissens
Der Physiker David Bohm war einer der radikalsten Denker des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Arbeit zur Quantenmechanik stellte die Kopenhagener Deutung in Frage und schlug eine Interpretation vor, die das Universum als ungeteilte Ganzheit versteht. Bohm war auch ein leidenschaftlicher Verfechter des Dialogs zwischen Disziplinen: Er sprach mit dem Dalai Lama über Bewusstsein, mit Krishnamurti über Wahrnehmung und mit Künstlern über Kreativität.
Der Dokumentarfilm „Infinite Potential“ über Bohms Leben und Ideen ist ein Beispiel dafür, wie wissenschaftliche Inhalte für ein breites Publikum zugänglich gemacht werden können, ohne sie zu trivialisieren. Die Kommunikationskampagne für diesen Film musste gleichzeitig Physiker, Philosophen, spirituell Interessierte und Dokumentarfilm-Liebhaber ansprechen. Das gelang durch eine Strategie, die den Menschen Bohm in den Mittelpunkt stellte, nicht die Physik. Die Physik kam über die Person, nicht umgekehrt.
Bohms Idee der „impliziten Ordnung“, einer verborgenen Struktur hinter der sichtbaren Wirklichkeit, hat Künstler in aller Welt inspiriert. Sie ist gleichzeitig eine physikalische These und eine ästhetische Intuition. Die Kommunikation dieser Idee erfordert die Fähigkeit, beide Dimensionen zu vermitteln, ohne die eine auf die andere zu reduzieren.
Roger Penrose und die Schönheit der Mathematik
Roger Penrose, Nobelpreisträger für Physik, ist bekannt für seine Arbeiten zu Schwarzen Löchern, aber auch für seine Überzeugung, dass mathematische Strukturen eine eigene Schönheit besitzen, die der ästhetischen Erfahrung von Kunst verwandt ist. Seine Penrose-Parkettierungen sind in Architektur und Design rezipiert worden. Seine Ideen zum Bewusstsein haben Künstler inspiriert.
Ein Symposium mit Penrose zu organisieren und zu kommunizieren, bedeutet: einem Publikum, das nicht aus Physikern besteht, verständlich zu machen, warum die Ideen dieses Mannes relevant sind, ohne sie zu verfälschen. Das ist Wissenschaftskommunikation im anspruchsvollsten Sinne: nicht Popularisierung, sondern Übersetzung. Der Unterschied ist, dass Popularisierung vereinfacht und Übersetzung die Komplexität bewahrt, aber in einer anderen Sprache ausdrückt.
Die Herausforderung liegt im Detail. Ein Plakat für ein Symposium über Quantenphysik muss in einer Sekunde kommunizieren, dass es sich um etwas Relevantes handelt. Der Programmtext muss in zwei Minuten Lesezeit erklären, warum jemand seinen Samstagvormittag diesem Thema widmen sollte. Die Pressearbeit muss Journalisten überzeugen, die weder Physik- noch Kunstexperten sind. Jede dieser Kommunikationsebenen erfordert eine andere Sprache, aber alle müssen auf dasselbe Narrativ zurückführen.
Metascience und die Selbstreflexion der Wissenschaft
Das Metascience-Symposium 2019 in Stanford brachte Forscher zusammen, die sich mit der Frage beschäftigen, wie Wissenschaft selbst funktioniert: Welche Anreize setzen wir? Welche Fehler machen wir systematisch? Wie können wir Forschung besser, zuverlässiger, offener machen? Unter den Sprechern waren Daniel Kahneman und Brian Nosek, zwei der einflussreichsten Forscher im Bereich der Replikationskrise und der Verhaltensforschung.
Ein solches Symposium zu kommunizieren, ist eine besondere Herausforderung. Das Thema ist meta: Es geht nicht um eine bestimmte Entdeckung, sondern um die Bedingungen, unter denen Entdeckungen gemacht werden. Das ist für ein breites Publikum schwer greifbar. Die Kommunikationsstrategie muss also den Bogen schlagen von der abstrakten Frage zur konkreten Relevanz: Warum betrifft es jeden, wie zuverlässig Forschung ist? Warum ist Replikation wichtig? Was bedeutet es, wenn Studien nicht reproduzierbar sind?
Die Antwort auf diese Fragen liegt oft in Geschichten: Ein Medikament, das auf einer fehlerhaften Studie basiert. Eine politische Entscheidung, die auf Daten beruht, die nicht repliziert werden konnten. Metascience wird relevant, wenn die Menschen verstehen, dass es um ihr Leben geht, nicht um akademische Selbstreferenz.
Ausstellungen als Orte des Denkens
Die interessantesten Ausstellungsformate der Gegenwart sind solche, die Denken ermöglichen, nicht nur Betrachten. Wenn eine Ausstellung physikalische Phänomene erfahrbar macht, wenn sie den Besucher zwingt, seine Wahrnehmung zu hinterfragen, wenn sie Fragen aufwirft, die nach dem Besuch weiterarbeiten, dann hat sie etwas erreicht, was weder ein Lehrbuch noch ein Laborexperiment leisten kann.
Für die Kommunikation solcher Ausstellungen gilt: Der Zugang muss niedrigschwellig sein, aber das Versprechen darf nicht trivial sein. Nicht: Hier lernen Sie etwas über Quantenphysik. Sondern: Hier erleben Sie etwas, das Ihr Verständnis von Realität verändert. Der Unterschied ist nicht semantisch. Er ist strategisch.
Institutionen wie Science Center haben diese Lektion früh gelernt. Die Experimenta in Heilbronn etwa hat sich als Ort positioniert, an dem Wissenschaft nicht erklärt, sondern erfahren wird. Klassische Museen tun sich schwerer damit, weil die Tradition des stillen Betrachtens tief verankert ist. Aber die Grenze verschiebt sich. Immersive Ausstellungen, interaktive Formate, partizipative Projekte: All das eröffnet neue Möglichkeiten, Kunst und Wissenschaft in einem Raum zusammenzubringen.
Die institutionelle Herausforderung
Projekte an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft scheitern häufig nicht an der künstlerischen oder wissenschaftlichen Qualität. Sie scheitern an der institutionellen Logik. Universitäten belohnen Publikationen in Fachzeitschriften, nicht Kunstausstellungen. Museen zeigen Kunst, nicht Forschungsergebnisse. Fördertöpfe sind nach Disziplinen sortiert. Wer dazwischen arbeitet, findet oft weder die richtige Förderung noch die richtige Plattform.
Diese institutionelle Herausforderung hat auch eine kommunikative Dimension. Ein Projekt, das in keine bestehende Kategorie passt, muss seine eigene Kategorie schaffen. Es muss erklären, was es ist, bevor es erklären kann, warum es relevant ist. Das erfordert eine Kommunikation, die selbstbewusst genug ist, die eigene Andersartigkeit als Stärke zu formulieren, und bescheiden genug, die Verbindungen zu bestehenden Traditionen herzustellen.
Die Rolle der Kommunikation
Projekte an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft brauchen eine Kommunikation, die beide Welten versteht. Die weiß, wie man Fachmedien anspricht und wie man ein breites Publikum erreicht. Die Geschichten erzählen kann, die komplex genug sind, um ernst genommen zu werden, und einfach genug, um verstanden zu werden.
Das erfordert Erfahrung in beiden Bereichen. Wer nur Kunst kennt, unterschätzt die Präzision, die Wissenschaftler von Kommunikation erwarten. Wer nur Wissenschaft kennt, unterschätzt die emotionale Kraft, die Kunst entfalten kann. Die besten Ergebnisse entstehen, wenn beide Perspektiven zusammenkommen.
Weiterführende Perspektiven
Die Berliner Agentur kakoii hat langjährige Erfahrung in der Kommunikation an der Schnittstelle von Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft: von der Arbeit mit Forschungseinrichtungen wie WISTA Adlershof über Wissenschaftsevents bis zu Filmkampagnen. Der Kommunikationsberater Stefan Mannes hat Projekte an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft kommunikativ begleitet: vom Metascience-Symposium in Stanford über ein internationales Quantenphysik-Symposium in London bis zur digitalen Kampagne für den David-Bohm-Film „Infinite Potential“. Seine Grundlagen zur Wissenschaftskommunikation bieten einen Einstieg für Institutionen, die komplexe Themen verständlich kommunizieren wollen. Einen Überblick gibt die Übersichtsseite Wissenschaft, DeepTech & Innovation.
Fachliteratur
Bohm, David: Wholeness and the Implicate Order. London: Routledge 1980.
Penrose, Roger: The Emperor’s New Mind. Concerning Computers, Minds, and the Laws of Physics. Oxford: Oxford University Press 1989.
Wilson, Stephen: Art + Science Now. How Scientific Research and Technological Innovation Are Becoming Key to 21st-Century Aesthetics. London: Thames & Hudson 2010.
Ede, Siân: Art and Science. London: I.B. Tauris 2005.
