Moll Töne und Prunk Jachten: Ein Überlebensguide für die 61. Biennale di Venezia

Moll Töne und Prunk Jachten: Ein Überlebensguide für die 61. Biennale di Venezia

Venedig im März ist eine einzige ästhetische Zumutung. Der Wind peitscht die Kälte durch die engen Gassen wie ein enttäuschter Kunstkritiker nach einer misslungenen Performance. Aber wir sind ja nicht zum Vergnügen hier. Wir sind hier, weil die Kunstwelt gerade ihre Koffer packt, ihre Leinentaschen bügelt und sich mental auf die 61. Biennale di Venezia vorbereitet. Wer behauptet, es ginge nur um die Kunst, der lügt sich in die eigene handgewebte Seidentasche. Es geht um Sehen und Gesehenwerden, um überteuerte Wassertaxis und die ewige Frage, wie viel Konzeptkunst man verträgt, bevor man schreiend in den Canal Grande springt.

Die Stille nach dem Sturm

Das diesjährige Motto lautet In Minor Keys. In Moll also. Das klingt erst mal nach melancholischen Abenden und leisen Tönen. Die leider verstorbene Kuratorin Koyo Kouoh wollte weg vom lauten Geschrei der letzten Jahre. Sie wollte das Flüstern, die Untertöne und die feinen Nuancen. Ein mutiger Plan in einer Welt, die eigentlich nur noch in Großbuchstaben kommuniziert und bei der jeder zweite Post auf Social Media eine digitale Ruhestörung ist. Kouoh hat uns eine Vision hinterlassen, die nun von ihrem Team mit fast schon religiöser Hingabe umgesetzt wird. Es ist ein Erbe, das schwer wiegt. Ein bisschen wie eine Skulptur aus massivem Blei, die man im Handgepäck nach Venedig schmuggeln will.

Die Idee hinter dem Konzept ist so simpel wie bestechend: In einer Zeit der weltweiten Erschütterungen brauchen wir keine Megafone mehr. Wir brauchen die leisen Harmonien derer, die Schönheit trotz der Tragödien schaffen. Das ist natürlich wahnsinnig poetisch. Aber seien wir ehrlich: In Venedig wird flüstern schwierig, wenn gleichzeitig die Kreuzfahrtschiffe wie schwimmende Plattenbauten am Markusplatz vorbeiziehen und die Touristenströme alles unter sich begraben. Die Spannung zwischen dem zarten Konzept und der brutalen Realität des Massentourismus wird der eigentliche Star der Schau sein.

Der deutsche Pavillon und das Ende der Gemütlichkeit

Kommen wir zum deutschen Pavillon. In den Giardini ist dieser Bau ja ohnehin ein Klotz am Bein der Geschichte. Kathleen Reinhardt hat das Ruder übernommen und schickt Henrike Naumann sowie Sung Tieu ins Rennen. Naumann ist die unangefochtene Königin der ostdeutschen Schrankwandästhetik. Wer dachte, man könne aus alten Möbeln aus Presspappe keine Weltkunst machen, hat ihre Arbeit noch nicht gesehen. Sie wühlt in den Ruinen der Nachwendezeit und hält uns den Spiegel vor. Das ist scharf, das ist politisch und es tut ein bisschen weh. Genau das, was wir von einem deutschen Beitrag erwarten. Wir wollen ja schließlich nicht nur schauen, wir wollen kollektiv leiden.

Sung Tieu wiederum bringt eine ganz andere Kälte mit. Ihre Arbeiten sind oft so klinisch und präzise, dass man sich fragt, ob man in einer Galerie oder in einem Hochsicherheitsgefängnis steht. Diese Kombination verspricht eine Atmosphäre, die so gemütlich ist wie ein Zahnarztbesuch bei Stromausfall. Aber genau das ist der Punkt. Wer Harmonie will, soll in den Streichelzoo gehen oder sich eine Decke über den Kopf ziehen. In Venedig wollen wir die intellektuelle Ohrfeige, die uns aus dem Dornröschenschlaf der Konsumgesellschaft reißt.

Nackte Tatsachen bei den Nachbarn

Wenn man schon mal in den Giardini ist, muss man natürlich rüber zu den Österreichern. Florentina Holzinger bespielt den Pavillon. Falls Sie den Namen noch nie gehört haben: Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem behüteten Leben unter einem sehr großen Stein. Holzinger ist bekannt für Performances, bei denen Blut, Schweiß und eine beachtliche Menge Nacktheit eine Rolle spielen. Es wird gemunkelt, dass sie den Pavillon in einen Ort der existenziellen Körpererfahrung verwandelt.

Die Gerüchteküche in der Lagune brodelt bereits heftiger als ein Topf Spaghetti. Wird es Stunts geben? Wird es nass? Wird die konservative Kunstclique kollektiv in Ohnmacht fallen? Wahrscheinlich alles gleichzeitig. Holzinger ist die perfekte Wahl für eine Biennale, die eigentlich leise sein will, aber insgeheim nach Radikalität lechzt. Es ist die Rückkehr des Körpers in seiner völlig ungeschönten Form. Ein krasser Kontrast zu den perfekt gefilterten Instagram Selfies, die draußen vor den Toren am laufenden Band produziert werden. Hier wird Fleisch zur Kunst und Schmerz zur Ästhetik.

Der Elefant im grünen Pavillon

Und dann ist da noch die Sache mit Russland. Nach der langen Abwesenheit seit der Vollinvasion in der Ukraine ist der grüne Pavillon wieder besetzt. Der Titel der Schau dort: The Tree is Rooted in the Sky. Das klingt fast schon spirituell, wenn man geflissentlich ignoriert, dass das Ganze von Personen organisiert wird, die der Rüstungsindustrie deutlich näherstehen als dem Pinsel.

Es ist die große Kontroverse dieser Ausgabe. Die Biennale Leitung pocht auf ihre Neutralität. Ein schönes Wort, das in der Realität oft wie ein Schutzschild für Unbequemlichkeiten wirkt. Während die Hauptausstellung In Minor Keys leise flüstert, wird der russische Beitrag für viele wie ein schriller Fehlton wirken. Die internationale Kunstszene diskutiert bereits hitzig über Boykotte. Es wird also nicht nur in Moll gesungen, sondern auch kräftig gestritten. Venedig wäre nicht Venedig, wenn es keinen ordentlichen Skandal gäbe, der beim Abendessen auf der Giudecca ausführlich zerpflückt werden kann. Kunst ist eben nie unpolitisch, egal wie sehr man versucht, sie hinter poetischen Titeln zu verstecken.

Überlebensstrategien für den Kunstmarathon

Wer plant, in diesem Jahr nach Venedig zu pilgern, sollte sich auf einiges gefasst machen. Hier sind ein paar Tipps für den modernen Kunstblogger von Welt:

Erstens: Vergessen Sie die Designer Slipper. Sie werden Kilometer fressen. Trinken Sie lieber einen Aperol Spritz weniger und investieren Sie in orthopädische Einlagen. Ihre Füße werden es Ihnen danken, wenn Sie zum zehnten Mal durch das endlose Arsenale stolpern. Wer schön sein will, muss leiden, aber wer Kunst sehen will, muss laufen können.

Zweitens: Benutzen Sie Begriffe wie diskursiv, narrativ oder performative Intersektionalität. Niemand weiß genau, was das im Kern bedeutet, aber es klingt enorm wichtig und verschafft Ihnen Respekt beim Schlangenstehen. Wenn Sie vor einem Haufen Müll stehen, sagen Sie einfach: Die Dekonstruktion der materiellen Endlichkeit berührt mich zutiefst. Das zieht immer.

Drittens: Der Spritz Index. Ein Glas Aperol Spritz sollte in Venedig nicht mehr kosten als ein kleiner Gebrauchtwagen. Falls doch, sind Sie definitiv zu nah am Markusplatz. Gehen Sie tiefer in die Gassen von Castello. Dort schmeckt der Wein besser, die Preise sind menschlich und die Leute starren Sie nicht so an, als wären Sie eine wandelnde Geldtasche.

Warum wir uns das Ganze trotzdem antun

Man könnte jetzt zynisch sein und sagen: Das ist doch alles nur ein riesiger Zirkus für die Eliten. Und ja, das stimmt natürlich zu einem gewissen Teil. Aber es ist eben ein verdammt schöner Zirkus. Venedig bietet die Bühne für die großen Fragen unserer Zeit. Auch wenn die Antworten manchmal in Form von flackernden Neonröhren, unverständlichen Manifesten oder verstörenden Soundcollagen daherkommen.

Die 61. Biennale ist ein Experiment. Kann Kunst wirklich leise sein und trotzdem die Welt verändern? In Minor Keys fordert uns auf, genauer hinzuhören. Es ist eine Einladung zur Demut in einer Ära der grenzenlosen Selbstdarstellung. Ob wir das als Gesellschaft wirklich schaffen, bleibt abzuwarten. Spätestens wenn die ersten Superjachten vor Anker gehen, wird sich zeigen, wie viel Platz für echte Moll Töne in dieser Welt wirklich bleibt.

Ich für meinen Teil freue mich auf die Momente, in denen mich ein Werk völlig unvorbereitet trifft. Wenn das Flüstern zum Schrei wird, den man nur im eigenen Kopf hört. Und wenn alles nichts hilft, gibt es immer noch die Cicchetti und den Blick auf das glitzernde Wasser der Lagune. Denn am Ende des Tages ist Venedig selbst das größte Kunstwerk. Ein sinkendes, bröckelndes, wunderschönes Mahnmal für unsere eigene Vergänglichkeit. Wir sehen uns am Vaporetto Anleger. Ich bin der mit der schwarzen Brille und dem leicht überforderten Gesichtsausdruck.

Alle Informationen zum Programm und den Tickets finden Sie hier: https://www.labiennale.org