Mit „Seaworld Venice“ hat die österreichische Choreografin und Performancekünstlerin Florentina Holzinger einen der spektakulärsten Beiträge der 61. Internationalen Kunstausstellung – La Biennale di Venezia – abgeliefert. Vom 9. Mai bis zum 22. November 2026 verwandelt sie den Österreich-Pavillon in den Giardini in einen radikal feministischen Erlebnisraum aus Maschinen, Körperflüssigkeiten und nackten Performerinnen. Die von Nora-Swantje Almes kuratierte Schau gilt schon nach den Pressetagen Anfang Mai als der meistdiskutierte nationale Beitrag dieses Jahrgangs. Vor dem Eingang stand das Publikum während der Preview-Tage zwischenzeitlich mehr als zwei Stunden Schlange, um einen Blick in das Innere zu erhaschen. Die Bilder, die im Anschluss durch die Feuilletons und sozialen Netzwerke gingen, dürften die Erinnerung an diese Ausgabe für lange Zeit prägen. Eröffnet wurde die Installation am 6. Mai 2026 durch Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler – mit einer entschiedenen Botschaft zur Freiheit der Kunst. Bereits in diesen ersten Tagen wurde klar: Hier verschiebt sich die Grenze zwischen Bildender Kunst, Tanz, Zirkus und ökologischer Intervention spürbar. Über sieben Monate hinweg wird der Pavillon nun zur lebenden Maschine – und zur internationalen Bühne für eine der prägendsten Performancekünstlerinnen Österreichs.
Seaworld Venice als Sakralbau, Kläranlage und Unterwasser-Themenpark
Der Titel verweist ironisch auf jene maritimen Vergnügungsparks, in denen dressierte Meeressäuger in viel zu kleinen Becken vorgeführt werden – eine Praxis, die Holzinger pointiert umkehrt. Statt Orcas oder Delfinen bewohnen rund fünfzehn Performerinnen den modernistischen Hoffmann-Bau, der vom Team buchstäblich unter Wasser gesetzt wurde. In den Seitenflügeln stehen die Räume etwa einen halben Meter hoch im Nass, während eine Akteurin auf einem Jetski Wellen erzeugt und eine andere in einem gläsernen Tank das Atmen unter der Oberfläche zelebriert. Gegenüber dient eine das Pavillondach durchbrechende, überdimensionale Wetterfahne als Klettergerüst für eine feministisch umgedeutete Kreuzabnahme. Das Konzept versteht sich, so die Künstlerin und ihre Kuratorin, gleichzeitig als Sakralbau, Kläranlage und „underwater amusement park“ – ein begehbares Aquarium für menschliche statt tierische Bewohner. Im Innenhof befindet sich ein zentraler Tank, der via Osmoseverfahren mit aufbereitetem Urin der Besucher:innen gespeist wird; ihren Beitrag können diese in eigens aufgestellten Toilettenkabinen leisten. Stündlich schlägt eine massive, eigens für das Ensemble gegossene Glocke vor dem Eingang, deren menschlicher Klöppel eine kopfüber hängende Performerin ist. So entsteht ein „maschinen-ähnlicher Organismus“, in dem Handlung und Konsequenz, Reinheit und Schmutz, Sakralität und Schund in steter Bewegung gehalten werden.
Florentina Holzinger zwischen Bühnenkunst und Bildender Kunst
Florentina Holzinger, geboren 1986 in Wien, gehört seit Jahren zu den international gefragtesten Stimmen der Performance- und Choreografieszene. Ihre Arbeiten wie „TANZ. Eine sylphidische Träumerei in Stunts“ (2019), „Ophelia’s Got Talent“ (2022) oder die Oper „SANCTA“ (2024) wurden mit dem Nestroy- und dem deutschen Faust-Preis ausgezeichnet und viermal in Folge zum Theatertreffen Berlin eingeladen. Mit der Übernahme des Pavillons wagt sie den vielbeachteten Sprung aus dem Bühnenbetrieb in die Bildende Kunst – seit Februar 2026 wird sie zudem von der Galerie Thaddaeus Ropac vertreten. Charakteristisch für ihre Handschrift ist die Kombination aus extremer Physikalität, Zirkuskunst, Stunts, Nacktheit und feministischer Theorie, die das weibliche Körperbild aus den Fängen patriarchaler Repräsentation befreien soll. Auch in Venedig arbeitet sie wieder mit einem rein weiblichen Ensemble, das Tauchsport, Stuntakrobatik, Live-Tätowierungen und musikalische Performance vereint. Im Vorfeld bezeichnete sie das Vorhaben selbst als „hirnrissige Idee“, einen Pavillon sieben Monate lang permanent zu bespielen – und setzte es dennoch um. Ihre Praxis schließt damit an die Tradition des Wiener Aktionismus und der feministischen Body-Art an, ohne deren historische Schwächen zu reproduzieren. Vielmehr verknüpft sie die radikale Körperarbeit mit ökologischen Fragen rund um water-cycles, Nachhaltigkeit und die Folgen des Übertourismus für die Lagunenstadt.
Biennale 2026: politischer Kontext und internationale Resonanz
Die 61. Internationale Kunstausstellung steht unter dem Leitmotto „In Minor Keys“, entworfen von der im Mai 2025 verstorbenen Kuratorin Koyo Kouoh, deren Vision von einem fünfköpfigen Team posthum umgesetzt wird. Überschattet ist die Schau in diesem Jahr von einem politischen Eklat: Wegen Streitigkeiten um die Teilnahme Russlands und Israels trat die internationale Jury wenige Tage vor Eröffnung geschlossen zurück, sodass die Goldenen Löwen 2026 nicht regulär vergeben werden. An ihrer Stelle wurden zwei „Leoni dei Visitatori“ angekündigt, die das Publikum am Ende der Schau im November vergibt. In diesem aufgeladenen Klima hat der österreichische Beitrag die Aufmerksamkeit der internationalen Fachpresse fast monopolisiert – Artforum, Artnet, der Standard und der Freitag widmeten ihm ausführliche Reportagen. Die Eröffnungs-Étude in der Lagune, bei der eine Glocke aus dem Wasser geborgen und Holzinger selbst nackt und scheintot aus den Fluten gehoben wurde, gilt schon jetzt als eine der prägenden Szenen des Biennale-Jahrgangs. Über die Giardini von Venedig hinaus wandert das Projekt mit weiteren Études zu den Wiener Festwochen, in die Nitsch Foundation, ins Kunsthaus Bregenz, zu TRANSART in Bozen und in die Hartwig Art Foundation nach Amsterdam. Adaptierte Versionen sind im März 2027 im Gropius Bau Berlin und im Juni 2027 in der Kunsthalle Wien angekündigt, eine Präsentation bei Amant in New York ist für 2028 vorgesehen. Dass „Seaworld Venice“ den nationalen Beitrag so konsequent als ökologische, körperliche und feministische Versuchsanordnung nutzt, macht ihn zu einem Pflichtprogrammpunkt jedes Biennale-Besuchs in dieser Saison.
Weitere Infos unter: https://www.seaworldvenice.at/
Foto: Copyright Nicole Marianna Wytyczak. https://www.seaworldvenice.at/de/presse/bilder
