William Kentridge macht Furore. Entwürfe, Filme, Montagen — die Kreativität des südafrikanischen Allrounders scheint tatsächlich keine Grenzen zu kennen. In einer Kunstwelt, die oft nach Spezialisierung verlangt, bildet Kentridge die Ausnahme: Er ist Zeichner, Theaterregisseur, Filmemacher und Bildhauer in Personalunion. Seine Werke zeichnen sich dadurch aus, dass er Collagen aus Kohle, Pastellfarben und Farbstiften auf einfachem Papier mit Textabschnitten erstellt. Dabei beruft er sich in seinem künstlerischen Schaffen konsequent auf ein einziges menschliches Sinnesorgan — unser Auge — und dessen Fähigkeit, aus Fragmenten eine Geschichte zu weben.
Geboren wurde William Kentridge 1955 in Johannesburg, Südafrika, als Sohn zweier namhafter Anwälte, die sich gegen das Apartheid-Regime engagierten. Dieser familiäre Hintergrund prägte sein Verständnis für Gerechtigkeit und soziale Verantwortung von frühester Kindheit an. Heute zählt er zu den anerkanntesten internationalen Vertretern der gegenwärtigen Kunst. Sein monumentales Werk entstand vornehmlich in den letzten drei Jahrzehnten und ist untrennbar mit der Geschichte seines Heimatlandes verbunden. In der jüngsten Vergangenheit war Kentridge häufig bei der Documenta in Kassel sowie der Biennale in Venedig zu Gast, wo er das Publikum mit seiner fächerübergreifenden Vielseitigkeit beeindruckte.
Die Ästhetik des Ausradierens
Kentridges eigentlicher Durchbruch begann im Jahr 1989 mit einer handgezeichneten Filmserie, die heute als Meilenstein der Animationsgeschichte gilt. In diesen Filmen befasst er sich intensiv mit Südafrika während und nach der Apartheid. Seine Technik ist dabei ebenso simpel wie genial: Anstatt für jede Bewegung ein neues Blatt Papier zu verwenden animiert Kentridge seine Kohle- und Pastellzeichnungen auf einem einzigen Blatt. Er verändert die Zeichnung, löscht Teile aus und zeichnet sie neu. Durch diesen Prozess des ständigen Überarbeitens bleibt das Ausradierte als grauer Schatten, als sogenanntes Pentimento, auf dem Papier sichtbar.
Diese Spuren des Vorherigen sind keine technischen Mängel, sondern die zentrale Metapher seines Werks. Sie stehen für das Gedächtnis, das nie vollständig gelöscht werden kann, und für die Geschichte, die unter der Oberfläche der Gegenwart immer präsent bleibt. In Kentridges Filmen wird Zeit sichtbar gemacht. Seine Protagonisten, oft die Figuren Soho Eckstein und Felix Teitelbaum, fungieren als Allegorien für die Zerrissenheit des menschlichen Geistes zwischen kapitalistischer Gier und poetischer Melancholie.
Das Theater der Schatten und die Macht der Puppen
International ist Kentridge zudem für seine wegweisende Theaterarbeit bekannt. Er verbindet Puppen, Animation, Projektion und Live-Darsteller zu kniffligen Multimedia-Aufführungen, die die Grenzen der Bühne sprengen. Ein besonderes Merkmal seiner Regiearbeit ist, dass er fast immer auf die sichtbare Hand des Puppenspielers aufmerksam macht. Er versteckt die Mechanik nicht hinter einem Vorhang, sondern zeigt offen die Manipulation. Damit regt er den Zuschauer zum Nachdenken an und wirft die fundamentale Frage auf, inwieweit wir alle als Akteure von außen gesteuert werden.
Seine Inszenierungen, etwa von Mozarts Zauberflöte oder Schostakowitschs Die Nase, sind von einer großartigen Erzählcharakteristik geprägt. Kentridge nutzt die Opernbühne als einen Ort der politischen Reflexion. Die Puppen in seinen Stücken sind oft grob gezimmerte Wesen aus Holz und Papier, die dennoch eine erschütternde Menschlichkeit ausstrahlen. Durch die Verbindung von physischer Präsenz und projizierten Schattenrissen schafft er eine Welt, in der die Grenzen zwischen Realität und Einbildung verschwimmen.
Koloniale Traumata und die Black Box
Ein bedeutendes Werk, das speziell für das Deutsche Guggenheim in Berlin entstand, trägt den Titel Black Box / Chambre Noire. Diese Installation thematisiert auf bedrückende Weise die deutsche Kolonialherrschaft in Afrika, insbesondere den Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia. Kentridge nutzt hierfür ein mechanisches Schauspielhaus en miniature, das mit Animationsfilmen, kinetischen Gegenständen und Zeichnungen bestückt ist. Es ist ein Miniaturtheater des Schreckens, das die Grausamkeiten der Geschichte in eine ästhetische Form gießt, ohne sie zu verharmlosen.
Dieser Schlagabtausch mit Traumata und deren langanhaltenden Effekten führte Kentridge zur Auseinandersetzung mit Sigmund Freuds Auffassung von Trauerarbeit. In Black Box korrespondiert diese Arbeit mit seiner selbstreflektierenden Prüfung des Entstehungsprozesses von Kunst. Er fragt sich: Wie können wir das Unaussprechliche darstellen? Kentridge nutzt die Dunkelkammer (Chambre Noire) sowohl als fotografischen Raum als auch als Metapher für das Unbewusste.
Die Zeichnung als Denkprozess
Für William Kentridge ist die Zeichnung kein fertiges Endprodukt, sondern ein dynamischer Denkprozess. Seine Collagen entstehen oft auf alten Buchseiten oder technischen Zeichnungen, deren ursprünglicher Text durch die neuen Bilder hindurchscheint. Damit verbindet er die Welt des Wissens und der Ratio mit der Welt der Intuition und der Kunst. In seinen Videoinstallationen werden diese Zeichnungen oft zu raumgreifenden Erlebnissen. In Werken wie More Sweetly Play the Dance sehen wir eine endlose Prozession von Schattenfiguren, die über die Wände wandern — eine Mischung aus Totentanz, Flüchtlingsstrom und karnevaleskem Umzug. Kentridge zeigt uns hier die conditio humana: den Menschen, der beladen mit seinem Besitz und seiner Geschichte durch die Zeit marschiert. Es ist ein zutiefst humanistisches Werk, das die Würde des Individuums gegen die Anonymität der Geschichte verteidigt.
Einblicke in das Atelier: Die Welt als Baustelle
Wer William Kentridge in seinem Atelier in Johannesburg besucht, sieht keine glatte, saubere Werkstatt, sondern einen Raum des kreativen Chaos. Er glaubt nicht an die eine, absolute Wahrheit, sondern an die Vielstimmigkeit. Seine Kunst ist ein Plädoyer für die Ambivalenz. Nichts ist schwarz-weiß, alles existiert in Grautönen — passend zum Material der Zeichenkohle, die sein wichtigstes Ausdrucksmittel bleibt.
William Kentridge bleibt ein Künstler, der uns zeigt, dass die Kunst eine moralische Kraft besitzt. Sie kann keine Kriege verhindern oder politische Krisen lösen, aber sie kann die Wunden der Geschichte offenhalten und uns daran erinnern, wer wir sind und woher wir kommen. Durch seine unermüdliche Arbeit an den Bildern der Vergangenheit schafft er eine Brücke in eine Zukunft, in der wir hoffentlich besser gelernt haben werden, mit unseren Schatten zu leben. Sein Werk ist eine fortwährende Einladung zur Selbstreflexion und ein beeindruckendes Zeugnis dafür, dass wahre Kreativität keine Grenzen kennt, solange sie vom menschlichen Geist und dem wachen Auge getragen wird.
Mehr Informationen unter: zeit.de — William Kentridge
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die die Wunden der Geschichte offenhalten und das Ausradierte sichtbar machen.
