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Hans Ulrich Obrist und die Kunst des unendlichen Dialogs im globalen Netzwerk

Der im Jahr 1968 in Weinfelden in der Schweiz geborene Hans Ulrich Obrist stellt eine Figur dar, die in der zeitgenössischen Kunstwelt ihresgleichen sucht. Er ist weit mehr als ein herkömmlicher Kurator; Obrist ist vielmehr ein rastloser Vermittler, ein intellektueller Marathonmann und eine nimmersatte Netzwerkmaschine, die das Gefüge der globalen Kunstszene seit den 1990er Jahren maßgeblich mitgeformt hat. Heute leitet er als künstlerischer Direktor die Serpentine Galleries in London, eine der einflussreichsten Institutionen für moderne Kunst weltweit. Obrist ist ein Mann, der das Netzwerken nicht nur als Mittel zum Zweck begreift, sondern als eine eigenständige Kunstform praktiziert. Er ist ein Kurator, der nicht darauf wartet, dass die Kunst zu ihm kommt, sondern der sich unermüdlich zu ihr begibt. In seinen frühen Jahren war er berühmt dafür, Künstler kreuz und quer durch Europa mit dem Nachtzug zu besuchen. Es gibt heute kaum einen namhaften Kunstschaffenden, den er nicht interviewt, ausgestellt oder in sein gigantisches globales Beziehungsgeflecht integriert hat.

Die Genese einer Netzwerkmaschine zwischen Nachtzügen und Küchentischen

Obrists Weg in die Kunstwelt begann nicht in den heiligen Hallen einer Akademie, sondern auf den Schienen des europäischen Eisenbahnnetzes. Sein großes Vorbild war der legendäre Kurator Harald Szeemann, dessen Visionen eines Gesamtkunstwerkes Obrist tief beeindruckten. Es wird erzählt, dass er Szeemanns berühmte Zürcher Schau über dessen private Mythen und Visionen insgesamt 41 Mal besuchte.

Seine erste eigene Ausstellung veranstaltete der damals erst 23-jährige Autodidakt im Jahr 1991 in der Küche seiner Studentenwohnung in St. Gallen. Unter dem Titel World Soup präsentierten Künstler wie das Duo Fischli & Weiss, Hans Peter Feldmann oder Roman Signer ihre Werke zwischen dem Kühlschrank und dem Spülbecken. Obrist schaffte es, die Grenze zwischen der sakralen Aura des Museums und der Banalität des Alltags radikal zu verschieben. Auch wenn zu dieser Schau lediglich 29 Besucher kamen, war der Grundstein für seine kuratorische Philosophie gelegt: Kunst muss dort stattfinden, wo das Leben ist. Diese Küchenausstellung war der Startschuss für eine Karriere, die ihn über Stationen in Wien und Paris schließlich nach London führen sollte, wo er 2006 an die Serpentine Gallery geholt wurde.

Harald Szeemann und die Obsession des Sehens als Initialzündung

Die Beziehung zu Harald Szeemann war für Obrist prägend, da er in ihm einen Kurator fand, der das Ausstellen als einen poetischen und zugleich hochpolitischen Akt begriff. Szeemann hatte mit seiner Documenta 5 im Jahr 1972 das Bild des Kurators als Ausstellungsmacher und Autor revolutioniert. Obrist übernahm diesen Staffelstab und trieb ihn in das Zeitalter der globalen Vernetzung. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung betonte er einmal, dass es ihm zutiefst unangenehm sei, wenn Menschen nicht miteinander ins Gespräch kommen. Obrist begreift sich als Kurator im ursprünglichen Sinne des Wortes: als jemand, der Sorge trägt, nicht nur für die Objekte, sondern vor allem für die Beziehungen zwischen den Subjekten.

Die Serpentine Galleries als Epizentrum des kuratorischen Marathons

Seit seinem Amtsantritt in London im Jahr 2006 hat Hans Ulrich Obrist die Serpentine Galleries zu einem Ort gemacht, der niemals stillzustehen scheint. Eines der bekanntesten Formate sind die Serpentine Marathons, bei denen über 24 Stunden hinweg hunderte von Künstlern, Wissenschaftlern und Denkern zu einem bestimmten Thema referieren, performen und diskutieren. Ein weiteres bedeutendes Format ist der jährliche Serpentine Pavilion, bei dem ein international renommierter Architekt einen temporären Pavillon im Kensington Gardens entwirft.

Der Kurator als Multiversum: Sprachen, Assoziationen und die Ablehnung des White Cube

Hans Ulrich Obrist spricht sechs Sprachen fließend, was es ihm ermöglicht, in den meisten Ländern der Welt ohne Barrieren mit Künstlern zu kommunizieren. Er hält sehr wenig von der Tradition des White Cube. Der Kurator ist der festen Überzeugung, dass man Kunst erleben muss, um sie wirklich zu verstehen. Ein prominentes Beispiel für sein innovatives Denken ist das Projekt Do It, bei dem Künstler Anleitungen für Werke verfassten, die von den Besuchern selbst ausgeführt werden konnten. Damit dezentralisierte er die Autorschaft und machte die Kunst zu einem globalen Mitmach-Experiment. Seine Auszeichnungen durch das Magazin ArtReview als einflussreichster Akteur des Kunstbetriebs in den Jahren 2009 und 2015 sind die äußeren Zeichen einer Macht, die auf Wissen und Vernetzung basiert.

Das Interview als Archiv der Zukunft

Ein wesentlicher Teil seines Schaffens ist das Interviewprojekt. Seit Jahrzehnten führt Obrist Gespräche mit den bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Zeit. Es ist ein gigantisches Archiv des Wissens entstanden. Obrist begreift diese Gespräche als ein Archiv der Zukunft. Er stellt oft die Frage nach den unrealisierten Projekten, nach jenen Träumen, die Künstler aufgrund von Geldmangel oder Zensur nicht verwirklichen konnten. Damit öffnet er einen Raum für das Mögliche.

Die Macht, die er im Kunstbetrieb ausübt, ist eine weiche Macht. Sie basiert nicht auf dem Besitz von Kapital, sondern auf dem Zugang zu Information und Menschen. Obrists Einfluss auf die Biennale-Kultur ist ebenfalls nicht zu unterschätzen. Er hat zahlreiche Biennalen weltweit organisiert und dabei stets darauf geachtet, lokale Traditionen mit globalen Diskursen zu verknüpfen. Von der Küche in St. Gallen bis zum Hyde Park in London hat er bewiesen, dass die Größe einer Idee nicht vom Ort ihrer Präsentation abhängt, sondern von der Intensität, mit der sie verfolgt wird. Er bleibt der staunende Beobachter, der uns alle dazu einlädt, die Welt als ein unendliches Netzwerk voller Möglichkeiten und Wunder zu sehen.

Mehr Informationen unter: SZ-Magazin — Hans Ulrich Obrist

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Kuratoren und Kulturmacher vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die die Grenzen des Ausstellungsraums sprengen und den Dialog als eigenständige Kunstform begreifen.