Künstliche Intelligenz und Kunst: Wer spricht, wenn die Maschine malt?

Künstliche Intelligenz und Kunst: Wer spricht, wenn die Maschine malt?

Im Herbst 2018 versteigerte Christie’s ein Porträt für 432.500 Dollar. Es zeigte einen Mann in dunkler Kleidung, die Konturen verschwommen, der Hintergrund nebulös. Das Besondere war nicht das Motiv. Das Besondere war der Künstler: ein Algorithmus. Das französische Kollektiv Obvious hatte ein Generative Adversarial Network mit Tausenden historischer Porträts trainiert und das Ergebnis in einen goldenen Rahmen gesetzt. In der unteren rechten Ecke stand als Signatur die mathematische Formel des Algorithmus.

Seitdem ist viel passiert. Midjourney, DALL-E, Stable Diffusion und ihre Nachfolger haben die Bildproduktion demokratisiert. Jeder Mensch mit einem Textprompt kann heute Bilder erzeugen, die vor zehn Jahren ein Team aus Designern, Fotografen und Retuscheuren erfordert hätten. Die Frage, ob das Kunst ist, wird mittlerweile weniger gestellt. Die Frage, die stärker drängt, ist eine andere: Was bedeutet das für die Menschen, die bisher Kunst gemacht haben?

Die Verschiebung des Schaffensbegriffs

KI-Bildgeneratoren produzieren keine Kunst. Sie produzieren Bilder. Der Unterschied ist nicht semantisch, er ist fundamental. Kunst entsteht aus einer Absicht, einer Haltung, einem Kontext. Ein Bild, das auf den Prompt „Oel auf Leinwand, Porträt, Rembrandt-Stil“ hin entsteht, hat keine Absicht. Es hat einen Auslöser. Das ist etwas anderes.

Aber die Grenze verschiebt sich. Künstler, die mit KI arbeiten, nutzen die Technologie als Werkzeug, nicht als Ersatz. Sie kuratieren Ergebnisse, sie iterieren, sie kombinieren maschinell erzeugte Elemente mit handwerklicher Arbeit, sie stellen Fragen, die die Maschine nicht stellen kann. In diesem Prozess verschiebt sich der Schaffensbegriff: Der Künstler ist nicht mehr nur derjenige, der die Hand führt. Er ist derjenige, der die Frage stellt, der die Auswahl trifft, der den Kontext schafft.

Diese Verschiebung ist nicht neu. Marcel Duchamp stellte 1917 ein industriell gefertigtes Urinal in eine Galerie und erklärte es zur Kunst. Damit war die Frage, ob der Künstler das Objekt selbst hergestellt haben muss, beantwortet: nein. Die Frage, die seitdem bleibt, ist: Was macht den Künstler zum Künstler, wenn nicht die handwerkliche Produktion?

Urheberrecht und Autorschaft

Die juristische Dimension ist ungeklärt und wird es noch lange bleiben. Wer ist der Urheber eines KI-generierten Bildes? Der Entwickler des Algorithmus? Der Nutzer, der den Prompt formuliert hat? Die Künstler, deren Werke als Trainingsdaten dienten? Oder niemand?

In den USA hat das Copyright Office entschieden, dass rein KI-generierte Werke keinen Urheberrechtsschutz genießen, weil Urheberrecht menschliche Kreativität voraussetzt. In Europa ist die Rechtslage anders und noch komplexer. Für Künstler, deren Werke ohne ihre Zustimmung als Trainingsdaten verwendet wurden, ist die Frage existenziell: Ist die Nutzung ihres Werks durch einen Algorithmus eine Verletzung ihres Urheberrechts oder eine zulässige Transformation?

Diese Frage ist nicht nur juristisch relevant. Sie betrifft das Selbstverständnis des gesamten Kunstbetriebs. Wenn das, was Künstler in Jahrzehnten erarbeitet haben, der persönliche Stil, die Handschrift, die unverwechselbare Art, die Welt zu sehen, von einem Algorithmus in Sekunden reproduziert werden kann, was bleibt dann?

KI als Spiegel des Kunstmarkts

Die Reaktion des Kunstmarkts auf KI ist aufschlussreich. Die meisten großen Galerien und Auktionshäuser halten Distanz. KI-generierte Bilder werden selten als Kunst verkauft, häufiger als Kuriosität oder Experiment. Gleichzeitig nutzen kommerzielle Designstudios, Werbeagenturen und Medienunternehmen KI-Bilder bereits im Alltag, für Illustrationen, Stimmungsbilder, Konzeptvisualisierungen.

Der Kunstmarkt reagiert auf KI wie er auf jede technologische Neuerung reagiert: mit Skepsis, gefolgt von selektiver Aneignung. Fotografie galt im neunzehnten Jahrhundert nicht als Kunst. Video galt in den sechziger Jahren nicht als Kunst. Digitale Kunst galt in den neunziger Jahren nicht als Kunst. Alle drei sind heute selbstverständliche Bestandteile des Kanons. Es ist wahrscheinlich, dass KI-basierte Kunst denselben Weg gehen wird, aber nur, wenn Künstler sie als Werkzeug nutzen, nicht als Abkürzung.

Die Rolle der Institutionen

Museen, Galerien und Ausstellungsinstitutionen stehen vor der Frage, wie sie mit KI-Kunst umgehen. Einige haben bereits Ausstellungen gezeigt, die sich explizit mit dem Thema auseinandersetzen. Andere warten ab. Die Herausforderung ist, eine Haltung zu entwickeln, die weder technophob noch unkritisch ist.

Für die Kommunikation von Institutionen ist das Thema KI in jedem Fall relevant, auch wenn sie keine KI-Kunst ausstellen. Denn KI verändert die Art, wie Ausstellungen produziert, kommuniziert und rezipiert werden. Besucherdatenanalyse, personalisierte Kommunikation, automatisierte Übersetzungen, KI-gestützte Katalogrecherche: Die Technologie ist längst im Museumsbetrieb angekommen, nur nicht im Ausstellungsraum.

Die Integration von KI in die Arbeitsabläufe einer Kulturinstitution ist dabei nicht nur eine technische, sondern eine organisatorische Herausforderung. Sie verändert Rollen, Prozesse und Kompetenzanforderungen. Kuratoren müssen verstehen, was KI kann und was nicht. Kommunikationsabteilungen müssen entscheiden, welche Aufgaben sie an KI delegieren und welche nicht. Führungskräfte müssen eine Strategie entwickeln, die über die Anschaffung eines Chatbots hinausgeht. Treiber Grossmann, ein Berliner Beratungsunternehmen für Organisationsentwicklung, hat mit dem Format „Service with(out) Comprehension“ einen Think Tank zur Frage entwickelt, was Verstehen und Nichtverstehen in der Kooperation mit Künstlicher Intelligenz bedeutet, eine Frage, die für Kulturinstitutionen besonders relevant ist.

Institutionen, die eine klare Haltung zu KI entwickeln und kommunizieren können, haben einen Vorteil: Sie werden als Orte wahrgenommen, die sich mit der Gegenwart auseinandersetzen, statt sie zu ignorieren.

Sammler, Galerien und die Frage des Werts

Für den Kunstmarkt stellt KI eine fundamentale Wertfrage. Der Preis eines Kunstwerks basiert auf Knappheit, Autorenschaft und der Geschichte, die das Werk trägt. Wenn ein Algorithmus in Sekunden tausend Bilder produzieren kann, die ästhetisch mit handgefertigter Kunst konkurrieren, was macht dann den Wert des einzelnen Werks aus?

Die Antwort, die der Markt bisher gibt, ist konservativ: Wert entsteht durch menschliche Autorschaft, durch die nachweisbare Verbindung zwischen einem Künstler und seinem Werk. Ein Gemälde von Gerhard Richter ist nicht teuer, weil es schön ist. Es ist teuer, weil Gerhard Richter es gemalt hat, mit seiner Hand, nach seinen Entscheidungen, als Ausdruck seiner künstlerischen Biografie. Diese Logik ist durch KI nicht bedroht, sie wird durch KI verstärkt: Je mehr maschinell erzeugte Bilder es gibt, desto wertvoller wird die menschliche Autorschaft.

Für junge Künstler, die noch keine Marktposition haben, stellt sich die Frage anders. Sie konkurrieren nicht nur mit anderen jungen Künstlern, sondern mit einer Technologie, die bestimmte visuelle Leistungen schneller und billiger erbringen kann. Das zwingt sie, sich auf das zu konzentrieren, was KI nicht kann: eine Haltung zu entwickeln, eine Geschichte zu erzählen, einen Kontext zu schaffen, der über das Bild hinausgeht.

Kommunikation über KI: Haltung statt Hype

Die meisten Organisationen kommunizieren über KI in einem von zwei Modi: Enthusiasmus oder Angst. Beides ist unzureichend. Enthusiasmus ohne Substanz („Wir sind KI-ready!“) sagt nichts. Angst ohne Haltung („KI bedroht die Kreativität!“) sagt auch nichts.

Was wirkt, ist Klarheit: Was bedeutet KI für diese spezifische Organisation? Wo nutzt sie die Technologie und warum? Wo nicht und warum nicht? Welche Fragen stellt sie sich, und welche Antworten hat sie noch nicht?

Diese Klarheit zu entwickeln, ist keine Kommunikationsaufgabe. Es ist eine Führungsaufgabe. Aber sie wird erst durch Kommunikation wirksam. Eine Galerie, die sagt: Wir zeigen KI-Kunst, wenn sie unseren kuratorischen Kriterien entspricht, und wir lehnen sie ab, wenn sie es nicht tut, hat eine Position. Diese Position ist kommunizierbar, glaubwürdig und differenzierend.

Die menschliche Frage

Am Ende ist die Frage, die KI an die Kunst stellt, keine technologische Frage. Es ist eine menschliche Frage: Was ist es, das nur ein Mensch tun kann? Was ist es an einem Kunstwerk, das uns berührt, und kann eine Maschine dasselbe?

Die ehrliche Antwort ist: Wir wissen es noch nicht. Wir wissen, dass Bilder, die von KI erzeugt wurden, ästhetisch ansprechend sein können. Wir wissen, dass sie technisch beeindruckend sind. Wir wissen nicht, ob sie jemals die Tiefe erreichen, die ein Werk hat, das aus einer menschlichen Erfahrung entstanden ist, aus Schmerz, Freude, Zweifel, Sehnsucht.

Es ist möglich, dass die Antwort auf die Frage, was Kunst von Bildern unterscheidet, am Ende genau dies ist: die Menschlichkeit des Schaffensprozesses. Nicht das Ergebnis, sondern der Weg. Nicht das Bild, sondern die Absicht. Wenn das so ist, dann ist KI keine Bedrohung für die Kunst. Sie ist eine Schärfung dessen, was Kunst eigentlich ist.

Weiterführende Perspektiven

Die Berliner Agentur kakoii begleitet Kulturinstitutionen und Unternehmen in der Kommunikation von Zukunftsthemen, von KI-Strategie bis zur digitalen Transformation des Kulturbetriebs. Der Kommunikationsberater Stefan Mannes berät Organisationen in Zukunftskommunikation: Wie kommuniziert man KI, digitale Transformation und gesellschaftlichen Wandel, ohne in Buzzwords zu verfallen? Seine Grundlagen zur Zukunftskommunikation zeigen, warum Haltung wichtiger ist als Hype. Für Kulturinstitutionen bietet sein Kulturmarketing-Hub einen breiteren Kontext.

Fachliteratur

Boden, Margaret A.: The Creative Mind. Myths and Mechanisms. London: Routledge 2004.

Manovich, Lev: AI Aesthetics. Moskau: Strelka Press 2018.

Zeilinger, Martin: Tactical Entanglements. AI Art, Creative Agency, and the Limits of Intellectual Property. Lüneburg: meson press 2021.

Crawford, Kate: Atlas of AI. Power, Politics, and the Planetary Costs of Artificial Intelligence. New Haven: Yale University Press 2021.