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Sheila Hicks und die skulpturale Poesie der Faser im globalen Raum der Moderne

Die im Jahr 1934 in Nebraska geborene Künstlerin Sheila Hicks nimmt innerhalb der zeitgenössischen Kunstlandschaft eine Position ein die man am ehesten als die einer textilen Alchemistin bezeichnen kann. Ihr Werk das sich über mehr als sieben Jahrzehnte erstreckt hat die Wahrnehmung von Fasern als reinem Kunstmaterial grundlegend transformiert und die einst starre Grenze zwischen dem Kunsthandwerk und der hohen bildenden Kunst endgültig eingerissen. Hicks ist eine Wanderin zwischen den Welten die es versteht die archaische Kraft des Webens mit der konzeptionellen Strenge der Moderne zu verknüpfen. Ihr Weg führte sie von der Weite des amerikanischen Mittleren Westens in die intellektuellen Zirkel der Eliteuniversitäten und schließlich in die entlegensten Regionen Südamerikas Asiens und Afrikas. Überall dort wo sie hinkam suchte sie nicht nach dem Exotischen sondern nach der universellen Sprache der Struktur und der Materie. Heute gilt sie als eine Pionierin die bewiesen hat dass ein Faden nicht nur eine Linie ist sondern ein dreidimensionales Volumen ein Träger von Farbe und ein architektonisches Element das ganze Räume definieren kann. Ihr Schaffen ist eine Hommage an die haptische Erfahrung in einer Welt die zunehmend durch digitale Oberflächen entfremdet wird.

Die formativen Jahre zwischen der Yale University und den Gipfeln der Anden

Die intellektuelle Grundlegung ihres Werkes fand in der Zeit von 1954 bis 1959 an der Yale University School of Arts and Architecture statt. In diesem Umfeld das von den Lehren des Bauhauses und der radikalen Moderne geprägt war entwickelte Hicks jene visuelle Intelligenz die ihre späteren Faserarbeiten so einzigartig macht. Im Jahr 1957 erlangte sie ihren Bachelor in Malerei und bereits 1959 schloss sie ihr Studium mit dem Master ab. Besonders prägend war der Einfluss von Lehrern wie Josef Albers der ihr ein tiefes Verständnis für die Interaktion von Farben vermittelte. Doch es war nicht allein die Theorie die ihr Schaffen definierte. Während eines entscheidenden Auslandsjahres von 1957 bis 1958 in Chile entdeckte Sheila Hicks ihre wahre Leidenschaft für die Arbeit mit Fasern. In den Anden begegnete sie einer jahrtausendealten Textiltradition die sie dazu veranlasste die Leinwand zu verlassen und die Konstruktion des Bildes direkt im Material zu suchen. Sie begriff dass das Weben eine Form des Denkens ist die eng mit der Architektur und der menschlichen Existenz verknüpft ist. Diese chilenische Erfahrung war die Geburtsstunde einer Künstlerin die fortan das Weben als eine skulpturale Praxis begreifen sollte die den Raum ebenso besetzt wie ein Stein oder eine Bronzeplastik.

Das textile Medium als Brücke zwischen den Kulturen und Kontinenten

Nach ihrer Rückkehr aus Südamerika begann für Sheila Hicks eine jahrzehntelange Odyssee der Vermittlung und der Erforschung. Sie war nie eine Künstlerin die sich in die Isolation eines Ateliers zurückzog sondern sie suchte stets den Austausch und das geteilte Wissen. Neben ihrer eigenen künstlerischen Arbeit betrieb sie über lange Zeiträume hinweg Workshops in Mexiko in Chile und in Südafrika. Auch in Marokko und Indien fand sie Partner für ihre Experimente mit Wolle Baumwolle Seide und synthetischen Fasern. In diesen Begegnungen ging es ihr nie um eine koloniale Aneignung fremder Muster sondern um die Untersuchung der materiellen Bedingungen der Textilproduktion weltweit. Sie lernte von den Weberinnen in Oaxaca ebenso wie von den Industriearbeitern in den modernen Spinnereien. Diese globale Perspektive spiegelt sich in der enormen Materialvielfalt ihrer Werke wider. Heute pendelt sie zwischen ihrem geschichtsträchtigen Pariser Studio und der Energie von New York hin und her wobei beide Orte als Resonanzräume für ihre Erfahrungen dienen. Ihr weitreichendes Talent das die Malerei die Skulptur die Fotografie und das Stoffdesign umfasst wird durch ihr Schreiben und ihre intensive Zusammenarbeit mit Architekten ergänzt. Hicks sieht in der Faser ein Bindemittel das in der Lage ist die Kühle moderner Architektur durch Wärme Textur und menschliche Dimension zu ergänzen.

Die Kritik der chromatischen Reizüberflutung und die Rückkehr zur materiellen Essenz

Ein zentrales Thema in der jüngeren Werkphase von Sheila Hicks ist die kritische Auseinandersetzung mit der Verwendung von Farbe in der heutigen Gesellschaft. Hicks die als Meisterschülerin von Albers die Farbe als ein heiliges Gut betrachtet äußert zunehmend ihren Unmut über die heutige Farbkultur. Sie ist der festen Überzeugung dass Farben heutzutage eine massive Reizüberflutung verursachen wodurch ihre ursprüngliche Kraft und ihre spirituelle Dimension nicht mehr wertgeschätzt werden. Diese Entwertung wird ihrer Ansicht nach durch den massenhaften und oft gedankenlosen Einsatz von Farben in der Industrie etwa auf Werbeplakaten in Büchern oder in der digitalen Welt hervorgerufen. Diese visuelle Verschmutzung verursacht nicht nur einen ästhetischen Schaden sondern hat auch reale ökologische Auswirkungen auf die Umwelt. In ihren eigenen Arbeiten versucht Hicks daher der Farbe wieder ihre physische Präsenz zurückzugeben. Farbe ist bei ihr nicht nur ein Anstrich sondern sie ist untrennbar mit der Faser verwoben. Wenn sie leuchtend rote Wolle oder tiefblaue Seide verwendet dann tut sie dies um die chromatische Energie direkt im Raum erfahrbar zu machen. Sie fordert den Betrachter auf die Farbe wieder als ein materielles Ereignis wahrzunehmen das man fast greifen kann anstatt sie als flüchtiges Signal auf einem Bildschirm zu konsumieren.

Monumentale Weichheit im Dialog mit der Architektur von Venedig bis Sydney

Die Fähigkeit von Sheila Hicks die Architektur durch textile Interventionen zu transformieren erreichte einen vielbeachteten Höhepunkt im Jahr 2017 auf der 57. Biennale in Venedig. Ihre monumentale Textilinstallation mit dem Namen Scalata al di là di terreni cromatici war ein kraftvolles Statement für die Verschmelzung von Raum und Farbe. In dieser Arbeit füllte sie riesige Farbkaskaden aus weichen Fasern in die architektonischen Gegebenheiten ein wobei sie die harte Struktur der Umgebung buchstäblich mit weichen Materiewellen flutete. Hicks ist bekannt dafür Fasern in bestehende Objekte oder sogar in Risse von Gebäuden zu integrieren um die Wunden der Architektur zu heilen oder deren Formensprache zu erweitern. Diese organische Herangehensweise war auch 2016 auf der 20. Biennale von Sydney zu sehen wo sie mit dem Werk The Embassy of Chromatic Delegates vertreten war. In dieser Installation nutzte sie eine komplexe Mischung aus Lianen Baumwolle Nylon Polyesterfasern und Holz um ein Geflecht zu schaffen das sowohl natürlich als auch künstlich wirkte. Diese Arbeiten zeigen dass Hicks die Welt als ein textiles Kontinuum begreift in dem jedes Detail mit dem Ganzen verbunden ist. Ihre Präsenz auf bedeutenden Plattformen wie der Whitney Biennial in New York im Jahr 2014 oder der Sao Paulo Biennial in Brasilien im Jahr 2012 unterstreicht ihre Rolle als eine Künstlerin die globale Trends nicht nur mitmacht sondern sie maßgeblich mitprägt.

Das Lebenswerk als lebendige Linie im Spiegel der großen Retrospektiven

Einen wichtigen Meilenstein in der Anerkennung ihres Lebenswerkes setzte die Retrospektive Sheila Hicks 50 Years im Jahr 2010. Diese Ausstellung die von der Addison Gallery für amerikanische Kunst in Andover organisiert und später am Institut für zeitgenössische Kunst in Philadelphia gezeigt wurde hob die Arbeit der klassisch ausgebildeten Modernistin besonders hervor. Die Schau fungierte als eine beeindruckende Hommage an eine damals bereits 50 Jahre andauernde Karriere und zeigte die Entwicklung von den frühen kleinen Webarbeiten den sogenannten Minimes bis hin zu den monumentalen Rauminstallationen. Diese Minimes die Hicks oft auf einem kleinen tragbaren Rahmen fertigt sind wie intime Tagebuchnotizen die ihre Gedanken und Entdeckungen auf Reisen festhalten. Dass sie im Jahr 2018 mit der Einzelausstellung Lignes de Vie im Centre Pompidou in Paris geehrt wurde markiert die endgültige Kanonisierung ihres Werkes im Herzen der europäischen Moderne. In Paris wo sie seit Jahrzehnten einen festen Ankerpunkt hat wurde die gesamte Breite ihres Schaffens vor einem internationalen Publikum ausgebreitet. Sheila Hicks bleibt eine Künstlerin die uns lehrt dass die wahre Innovation oft in der Rückbesinnung auf die fundamentalen Techniken der Menschheit liegt. Ihr Werk ist eine Aufforderung die Welt wieder mit den Händen zu begreifen und die Schönheit in der Wiederholung in der Struktur und in der reinen chromatischen Kraft der Faser zu finden.

Sheila Hicks hat gezeigt dass ein Medium das oft als häuslich oder weiblich konnotiert und damit abgewertet wurde eine ungeheure monumentale Wucht entfalten kann. Sie hat die Webarbeit von der Wand gelöst und sie als freistehende Skulptur in den Raum gestellt. Ihre Ballen aus Wolle ihre hängenden Lianen und ihre gewebten Reliefs sind Zeugen einer unbändigen Lebensfreude und einer tiefen intellektuellen Durchdringung des Materials. Wer vor einer Arbeit von Sheila Hicks steht spürt die Energie die in der manuellen Arbeit steckt. Es ist eine Form der Kunst die den Körper des Künstlers und des Betrachters gleichermaßen anspricht. In einer Zeit der zunehmenden Virtualisierung bietet Hicks eine Realität an die man nicht nur sehen sondern fast schon fühlen kann. Sie bleibt die große Vermittlerin zwischen der Tradition und der Avantgarde eine Künstlerin die uns zeigt dass der Faden der Geschichte noch lange nicht zu Ende gesponnen ist. Ihre Arbeit ist ein Geschenk an die Architektur und eine ständige Erinnerung daran dass wir in einer Welt leben die durch die Textur und die Farbe erst ihre Seele erhält.

Ihre unermüdliche Neugier hat dazu geführt dass sie bis heute neue Ausdrucksformen findet und dabei stets die Grenzen ihres Mediums erweitert. Die Lignes de Vie wie sie im Centre Pompidou genannt wurden sind nicht nur künstlerische Linien sondern Lebenslinien die Kulturen verbinden und die Geschichte des Handwerks in die Zukunft tragen. Hicks erinnert uns daran dass wir alle Weber unserer eigenen Realität sind und dass jedes Detail in diesem großen Gefüge zählt. Ihr Vermächtnis liegt in der Befreiung der Faser und in der Rückeroberung der Sinnlichkeit für die moderne Kunst. Es ist ein Privileg die Welt durch ihre Augen oder besser gesagt durch ihre Hände zu sehen und die unendlichen Möglichkeiten zu entdecken die in einem einfachen Bündel Garn verborgen liegen können.

Mehr Informationen unter: http://www.sheilahicks.com/bio

Signums sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler unserer Zeit vor. Als Galerie für zeitgenössische Kunst fördern und publizieren wir Künstler aus allen Bereichen modernen Schaffens.