Bruno Latour - einer der wichtigsten Künstler unserer Zeit

Bruno Latour und die Dekonstruktion der wissenschaftlichen Vernunft im Zeitalter der Hybride

Der im Jahr 1947 in Beaune, im Herzen der französischen Weinregion Burgund, geborene Bruno Latour hat die Landschaft der Sozialwissenschaften und der Philosophie in einer Weise umgepflügt, die bis heute für heftige Diskussionen sorgt. Als französischer Philosoph und Soziologe begann er seinen Weg mit einem tiefen Studium der Philosophie und Anthropologie, das er im Jahr 1975 mit einer Promotion an der Universität Tours abschloss. Doch anstatt sich in den Elfenbeinturm der reinen Theorie zurückzuziehen, zog es ihn dorthin, wo das Wissen der Moderne tatsächlich produziert wird: in die Laboratorien der Naturwissenschaften. Sein Werk markiert den Übergang von einer Zeit, in der man die Wissenschaft als einen unantastbaren Prozess der Wahrheitsfindung betrachtete, hin zu einer Ästhetik des Zweifels und der materiellen Vernetzung. Seit 1982 hielt er eine Professur für Soziologie an der École Nationale Supérieure des Mines in Paris inne, von wo aus er seine radikalen Thesen über die Beschaffenheit unserer Realität in die Welt trug. Latour war nie ein Denker, der sich mit einfachen Antworten zufriedengab. Er war ein Provokateur, ein Beobachter der Feinheiten und ein Architekt einer neuen Theorie des Sozialen, die auch die Dinge und Objekte als aktive Teilnehmer am Weltgeschehen begreift. Sein Schaffen ist eine einzige große Untersuchung der Frage, wie wir zu dem wurden, was wir heute als modern bezeichnen, und warum diese Bezeichnung vielleicht der größte Irrtum der Geistesgeschichte ist.

Laboratory Life und die Demystifizierung des wissenschaftlichen Elfenbeinturms

Der eigentliche Paukenschlag in Latours Karriere erfolgte im Jahr 1979 mit der Veröffentlichung seines ersten großen Buches mit dem Titel Laboratory Life. Dieses Werk, das er gemeinsam mit dem Soziologen Steven Woolgar verfasste, ist das Ergebnis einer für die damalige Zeit völlig ungewöhnlichen Methode. Latour und Woolgar begaben sich für mehr als ein Jahr als teilnehmende Beobachter in den molekularbiologischen Forschungsbereich des renommierten Salk-Instituts für biologische Wissenschaften in Kalifornien. Sie verhielten sich dort wie Anthropologen, die einen unbekannten Stamm im Regenwald beobachten. Anstatt die Wissenschaftler beim Wort zu nehmen und ihre Arbeit als einen rein rationalen Prozess der Entdeckung universeller Wahrheiten zu akzeptieren, sezierten sie die alltäglichen Praktiken der Wissensproduktion. Ihre Darstellung brach radikal mit der positivistischen Sichtweise, die bis dahin das Bild der Wissenschaft dominiert hatte. Für Latour war das Labor kein Ort, an dem die Natur einfach ihre Geheimnisse preisgibt, sondern eine Fabrik der Fakten.

In Laboratory Life präsentierten die Autoren wissenschaftliches Wissen als ein künstliches Produkt, das aus einer Vielzahl von sozialen, politischen und wirtschaftlichen Interaktionen hervorgeht. Ein Faktum war in ihren Augen nicht wahr, weil es einer objektiven Realität entsprach, sondern weil es im Labor erfolgreich konstruiert wurde. Sie beobachteten, wie Messgeräte, Papiere, Gespräche beim Kaffee und die Suche nach Forschungsgeldern untrennbar mit der Entstehung einer neuen Entdeckung verwoben waren. Diese Sichtweise war für viele Naturwissenschaftler ein Affront, da sie den Anspruch auf universelle Gültigkeit ihrer Ergebnisse zu untergraben schien. Doch Latour ging es nicht darum, die Wissenschaft zu diskreditieren, sondern ihre tatsächliche Komplexität sichtbar zu machen. Er wollte aufzeigen, dass Fakten mühsam stabilisiert werden müssen und dass sie ohne das Netzwerk aus Technik und Menschen, das sie stützt, sofort wieder in sich zusammenbrechen würden.

Wissenschaft als Schlachtfeld: Macht Strategien und die Immunisierung von Fakten

In den folgenden Jahren erweiterte Bruno Latour diese Ideen in wegweisenden Schriften wie Les Microbes: Guerre et Paix aus dem Jahr 1984. Hier untersuchte er die Entdeckungen von Louis Pasteur und kam zu dem Schluss, dass Pasteur die Mikroben nicht einfach gefunden hatte, sondern dass er sie in die Gesellschaft hineinverhandelt hatte. Latour verglich die wissenschaftliche Gemeinschaft oft mit einem Schlachtfeld, auf dem ein ständiger Kampf um die Deutungshoheit tobt. Seiner Ansicht nach besteht die Kunst eines erfolgreichen Wissenschaftlers darin, durch neue Theorien, Fakten und Technologien genügend Anwender und Unterstützer zu finden, um alle konkurrierenden Alternativen zu eliminieren. Es geht um die Rekrutierung von Alliierten, wobei diese Alliierten sowohl Menschen als auch nicht-menschliche Wesen wie Mikroben, Laborratten oder computergestützte Messgeräte sein können.

Dank dieses Kampfes um die Vorherrschaft erwiesen sich die wissenschaftlich festgelegten Fakten schließlich als wahr, weil niemand mehr über die Ressourcen verfügte, sie wirksam herauszufordern. Latour wies die Frage nach der universellen Gültigkeit wissenschaftlicher Fakten sowohl als unbeantwortbar als auch als irrelevant ab. Für ihn war ein Faktum dann wahr, wenn es immunisiert war gegen zukünftige Angriffe. Dieses Beharren darauf, wissenschaftliche Fakten als rein soziale Konstruktionen zu sehen, führte ihn manchmal zu Schlüssen, die außerhalb der Gemeinschaft der Sozialtheoretiker als absurd betrachtet wurden. Doch für Latour war dies die einzige ehrliche Art, über die Welt zu sprechen. Er wollte zeigen, dass wir in einem Netzwerk aus Beziehungen leben, in dem die Macht entscheidet, was als Realität gilt. In Nous n’avons jamais été modernes aus dem Jahr 1991 radikalisierte er diese Kritik an der wissenschaftlichen Objektivität weiter und wandte sie auf das gesamte Fundament der westlichen Identität an.

 

Das Paradoxon der Moderne: Warum wir nie modern gewesen sind

Das wohl berühmteste und zugleich umstrittenste Diktum Latours lautet: Wir sind nie modern gewesen. Mit dieser Aussage, die er in seinem gleichnamigen Buch von 1991 ausführlich begründete, griff er das Selbstverständnis der westlichen Zivilisation im Kern an. Nach Latours Analyse beruht das Projekt der Moderne auf einer strikten Trennung zwischen zwei Bereichen: auf der einen Seite die Natur, die objektiv, stumm und unabhängig vom Menschen existiert, und auf der anderen Seite die Kultur oder Gesellschaft, die subjektiv, politisch und menschengemacht ist. Die Modernen glaubten, dass sie durch diese Trennung die Welt rational beherrschen könnten. Doch Latour argumentierte, dass diese Trennung eine bloße Illusion war. Während wir theoretisch versucht haben, Natur und Kultur zu trennen, haben wir in der Praxis unaufhörlich Hybride produziert, die beide Bereiche vermischen.

Denken wir an den Klimawandel, an gentechnisch veränderte Organismen oder an die moderne Medizin. Diese Phänomene sind weder rein natürlich noch rein kulturell; sie sind beides zugleich. Latour warf den modernen Gesellschaftsforschern vor, dass sie durch ihr starres Denken in Kategorien die tatsächliche Vernetzung der Welt übersehen hätten. Er erhielt für diese Thesen massive Kritik von anderen Gesellschaftsforschern, die darin einen Verrat an den Werten der Aufklärung sahen. Doch für Latour war die Einsicht, dass wir nie modern waren, ein Befreiungsschlag. Sie erlaubte es ihm, eine neue Form der Ontologie zu entwerfen, in der die Grenze zwischen Mensch und Ding aufgehoben ist. Wenn wir akzeptieren, dass wir nie modern waren, können wir endlich damit beginnen, die Welt als ein Geflecht aus Akteuren zu begreifen, die alle eine Stimme haben, auch wenn sie nicht sprechen können.

Die Kritik an der Europapolitik und der Drang zur Vereinheitlichung

In seinen jüngeren Schriften wandte sich Bruno Latour verstärkt der politischen Realität der Gegenwart zu, insbesondere der Entwicklung der Europäischen Union. Er kritisierte scharf das Denken der EU Bürokratie und deren Drang, alles zu vereinheitlichen. Für Latour war dies eine überstürzte Handlung und ein fehlgeleiteter Versuch, Demokratie durch bloße Verwaltung und Standardisierung zu bewerkstelligen. Er sah darin eine Fortsetzung des modernen Irrtums, dass man komplexe soziale Netzwerke durch einfache rationale Vorgaben steuern könne. Latour plädierte stattdessen für eine Politik, die die Vielfalt der lokalen Bindungen und die Eigensinnigkeit der Dinge respektiert. Er sprach sich gegen eine Demokratie aus, die nur von oben verordnet wird, und forderte eine Rückbesinnung auf die tatsächlichen Versammlungen, in denen Menschen und Dinge gemeinsam um Lösungen ringen.

Diese politische Skepsis war eng mit seinem ökologischen Engagement verbunden. In seinen letzten Lebensjahren beschäftigte er sich intensiv mit der Klimakrise und der Frage, wie wir auf einer Erde leben können, die wir selbst grundlegend verändert haben. Er forderte eine neue Art der politischen Repräsentation der Natur, bei der die Erde nicht mehr als bloße Ressource, sondern als ein fragiler und aktiver Akteur begriffen wird. Latours Kritik an der EU war somit auch eine Kritik an einem politischen System, das die ökologische Realität unserer Existenz zugunsten einer abstrakten wirtschaftlichen Vereinheitlichung ausblendet. Er blieb bis zum Schluss ein Mahner, der uns dazu aufforderte, unsere arrogante Position als Herren der Natur aufzugeben und uns stattdessen als Teil eines verletzlichen Netzwerks zu begreifen.

Der Philosoph als Kurator: Iconoclash und die Macht der Bilder

Bruno Latour beschränkte seine Tätigkeit nicht nur auf das Schreiben von Büchern, sondern suchte auch den Weg in den Ausstellungsraum, um seine Ideen physisch erfahrbar zu machen. Im Jahr 2002 begleitete er als Kurator die Ausstellung Iconoclash am Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien, gefolgt von der Ausstellung Making Things Public im Jahr 2005. In diesen Projekten untersuchte er die Macht der Bilder und die Mechanismen der Repräsentation. Iconoclash war eine Auseinandersetzung mit der Zerstörung von Bildern und der Frage, warum wir Bilder gleichzeitig anbeten und fürchten. Latour zeigte auf, dass der Kampf um das Bild immer auch ein Kampf um die Wahrheit und die politische Macht ist. Er brachte religiöse Ikonen, wissenschaftliche Visualisierungen und zeitgenössische Kunstwerke zusammen, um die Universalität des bilderstürmerischen Impulses zu demonstrieren.

Mit Making Things Public wiederum versuchte er, seine Theorie der Versammlung zu visualisieren. Die Ausstellung war eine Suche nach neuen Formen der Demokratie, die über das Parlament hinausgehen. Er stellte die Frage, wie man Dinge öffentlich machen kann, ohne sie durch Repräsentation zu verzerren. Diese kuratorische Arbeit war für Latour eine notwendige Erweiterung seiner Philosophie, da er der Überzeugung war, dass man die Komplexität der Akteur Netzwerk Theorie nicht allein durch Worte vermitteln kann. Die Ausstellungen in Karlsruhe wurden zu Laboratorien einer neuen visuellen Soziologie, die den Betrachter unmittelbar in die Verantwortung nahm. Hier wurde deutlich, dass Latour die Kunst als ein wichtiges Werkzeug begriff, um die festgefahrenen Denkstrukturen der Moderne aufzubrechen und Raum für neue, hybride Wirklichkeiten zu schaffen.

Das Erbe einer radikalen Denkschule zwischen Soziologie und Metaphysik

Bruno Latour hinterlässt ein Werk, das in seiner Radikalität und seiner intellektuellen Breite kaum zu übertreffen ist. Er hat das Verständnis von Wissenschaft, Technik und Gesellschaft grundlegend verändert, indem er uns dazu zwang, die Welt aus der Perspektive der Netzwerke zu betrachten. Seine Akteur Netzwerk Theorie hat Einzug in fast alle Geisteswissenschaften gehalten und dient heute als Werkzeug, um die komplexen Verflechtungen unserer globalisierten Welt zu analysieren. Auch wenn seine Thesen oft als absurd oder provokant abgetan wurden, lässt sich ihre Wirkung kaum leugnen. Latour hat uns gezeigt, dass wir nicht allein sind in dieser Welt, sondern dass wir in einer ständigen Verhandlung mit den Dingen, den Mikroben und den Technologien stehen, die wir erschaffen haben.

Sein Beharren darauf, dass wir nie modern waren, bleibt eine ständige Mahnung zur Bescheidenheit. Er hat uns die Augen dafür geöffnet, dass unsere technologische Macht immer auch mit einer neuen Form der Abhängigkeit einhergeht. In einer Zeit der ökologischen Krise wirkt sein Denken aktueller denn je, da es uns die Werkzeuge an die Hand gibt, um über eine Politik nachzudenken, die der Erde und all ihren Bewohnern gerecht wird. Bruno Latour war ein Gigant des Denkens, der die Gabe besaß, die kleinsten Details im Labor mit den größten Fragen der Metaphysik zu verknüpfen. Er bleibt ein Vorbild für alle, die den Mut haben, die Welt jenseits der bequemen Kategorien der Moderne zu erkunden und die Schönheit in der Komplexität des Vernetzten zu finden. Wer Latour liest, begibt sich auf eine Reise, an deren Ende die Gewissheit steht, dass die Wahrheit niemals einfach ist, sondern immer das Ergebnis eines langen und mühsamen Prozesses der Konstruktion und der Verhandlung.

Mehr Informationen unter: http://www.bruno-latour.fr

Signums sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler unserer Zeit vor. Als Galerie für zeitgenössische Kunst fördern und publizieren wir Künstler aus allen Bereichen modernen Schaffens.