Pierre Huyghe - einer der wichtigsten Künstler unserer Zeit

Pierre Huyghe und die Ökologie der Unvorhersehbarkeit im posthumanen Zeitalter

Der im Jahr 1962 in der französischen Metropole Paris geborene Künstler Pierre Huyghe nimmt innerhalb der zeitgenössischen Kunst eine Position ein die man am ehesten als die eines radikalen Systemgestalters bezeichnen kann. Er ist ein Schöpfer von Welten die sich einer einfachen Kategorisierung entziehen da sie die Grenzen zwischen Biologie Technologie und ästhetischem Objekt permanent verwischen. Sein akademischer Weg begann an der Ecole Nationale Supérieure des Arts in Paris wo er die theoretischen und praktischen Grundlagen für eine Karriere legte die ihn heute als einen der bedeutendsten Akteure der globalen Kunstszene ausweist. In Paris lebt und arbeitet er bis heute wobei sein Wirkungskreis längst alle Kontinente umfasst. Huyghe ist ein Künstler der die Komplexität nicht nur sucht sondern sie als die einzig adäquate Ausdrucksform für unsere heutige Realität begreift. Er strebt nach einer absoluten Perfektion die er nach eigenen Angaben jedoch nie erreicht hat und niemals erreichen wird was seinem Werk eine faszinierende melancholische Tiefe verleiht. In seinen Arbeiten geht es oft um die verschiedenen Ebenen der Realität und die Frage wie wir uns als Menschen in einem Gefüge positionieren das zunehmend von nichtmenschlichen Akteuren und intelligenten Systemen geprägt wird. Sein internationaler Durchbruch wurde spätestens im Jahr 2001 besiegelt als er die Ehre hatte Frankreich auf der renommierten Biennale in Venedig zu vertreten. Mit seinem Pavillon der den Titel Le Château de Turing trug gewann er den begehrten Sonderpreis der Jury. Dieses Werk war eine komplexe Untersuchung über Logik Berechenbarkeit und die Spuren die der Mensch in der Welt hinterlässt.

Die Transformation der Skulptur und das lebendige System von After A Life Ahead

Pierre Huyghe ist zwar für seine Skulpturen weltbekannt doch er definiert diesen klassischen Begriff auf eine Weise um die das herkömmliche Verständnis von Kunstobjekten grundlegend erschüttert. Während Skulpturen in der Kunstgeschichte meist als leblos starr und statisch gelten zeigt Huyghe mit seinen Arbeiten dass ein Kunstwerk auch ein atmender pulsierender Organismus sein kann. Ein monumentales Beispiel für diesen Ansatz ist seine Arbeit After A Life Ahead die er für die Skulptur Projekte in Münster im Jahr 2017 erschuf und die im Kontext der Documenta 14 weitreichende Beachtung fand. Für dieses Vorhaben nutzte er einen ehemaligen Eissportpalast in Münster der bereits seit vielen Jahren geschlossen war und in einem Zustand des Verfalls verweilte. Huyghe erweckte diese tote Architektur wortwörtlich zu neuem Leben indem er sie in ein vernetztes System aus verschiedenen Organismen und technologischen Schnittstellen verwandelte. Gemeinsam mit seinem Team grub er sich buchstäblich durch den Betonboden der Halle bis sie auf Sand stießen der noch aus der Zeit des letzten Gletschers in Deutschland stammt. Dieser Fund aus der Eiszeit bildete das Fundament für eine zeitliche Tiefenbohrung die die geologische Vergangenheit mit der technologischen Zukunft verknüpfte. Aus diesem uralten Sand formte er Strukturen die an Sendemasten erinnerten und in denen er lebende Bienenkolonien ansiedelte.

Diese Bienen waren jedoch nicht nur dekorative Elemente sondern zentrale Akteure innerhalb eines komplexen kybernetischen Kreislaufs. Mithilfe modernster Sensortechnik wurden die Bewegungen und die Aktivität der Bienen permanent registriert und in Datenströme übersetzt. Diese Informationen wurden an einen Kasten gesendet in dem sich menschliche Krebszellen befanden. Die Zellen wurden auf der Grundlage der von den Bienen generierten Daten stimuliert was zu unterschiedlichen Teilungsraten führte. Hughes Team dokumentierte diese biologischen Prozesse akribisch und nutzte die so gewonnenen Daten wiederum um ein großes Aquarium im Raum zu steuern. Die Glasscheiben dieses Aquariums veränderten ihre Transparenz je nach den Impulsen die aus dem Zusammenspiel von Insekten und Krebszellen entstanden. Der Besucher der den Eissportpalast betrat fand sich somit in einer Umgebung wieder die nicht mehr statisch war sondern die auf geheimnisvolle Weise auf sich selbst reagierte. Es war eine Erfahrung die alle Sinne ansprach da man die Kälte der Halle die Feuchtigkeit des Bodens und das Summen der Bienen unmittelbar wahrnehmen konnte. After A Life Ahead war kein bloßes Bild sondern eine existenzielle Erfahrung die die Hybris des Menschen gegenüber der Natur und der Technologie thematisierte.

Die Philosophie der Antikontrolle und das Verschwinden des Autors

Huyghe reflektiert mit seiner künstlerischen Praxis den tiefgreifenden Umbruch in unserer Gesellschaft der durch die Allgegenwart von immer intelligenter werdenden Technologien hervorgerufen wird. Seine Arbeiten stellen unsere herkömmliche Wahrnehmung und unseren Begriff von Realität radikal in Frage. Er ordnet Bilder neu an oder erschafft sie gänzlich neu wobei er eine methodische Nähe zum Dadaismus aufweist der bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Logik der bürgerlichen Welt zertrümmerte. Huyghe liebt die Dynamik und hält wenig von statischen Installationen die lediglich betrachtet werden wollen. Dies ist auch der Grund warum Tiere wie Hunde Bienen oder Krebse so oft ein integraler Bestandteil seiner Werke sind. Diese Lebewesen sind weder ruhig noch kann man ihre Handlungen gänzlich voraussehen oder kontrollieren. Huyghe geht es um den echten Dialog zwischen unterschiedlichen Akteuren wobei er sich selbst als Autor oft zurücknimmt. Er sucht gezielt nach Situationen und Materialien die es ihm unmöglich machen eine absolute Autorität über das zu haben was er erschafft. So kreiert er seine eigenen Werkzeuge der Antikontrolle um sich der totalen Beherrschbarkeit der Welt zu widersetzen.

Der Künstler ist getrieben von der Perfektion des digitalen Bildes doch gleichzeitig misstraut er der Reinheit dieser Ästhetik. Er möchte dass die eingesetzten Mittel das Geschehen übernehmen und er als kontrollierendes Subjekt gänzlich verschwindet. In dieser Hinsicht ist sein Werk ein Vorbote einer Zeit in der die Grenzen zwischen organischer Intelligenz und künstlicher Steuerung verschmelzen. Pierre Huyghe zeigt uns dass die Kunst nicht mehr dazu da ist die Welt abzubilden sondern dass sie selbst zu einer neuen Welt werden kann die nach eigenen unberechenbaren Gesetzen funktioniert. Seine Ausstellungen sind oft wie Labors in denen die Evolution im Zeitraffer abläuft oder in denen die Zeit selbst eine plastische Qualität annimmt. Wer ein Werk von Huyghe betrachtet muss die Erwartung aufgeben alles verstehen oder kontrollieren zu können. Stattdessen wird man eingeladen Teil eines Systems zu werden das uns an unsere eigene Zerbrechlichkeit und unsere Einbindung in größere ökologische Zusammenhänge erinnert. Damit bleibt Pierre Huyghe einer der radikalsten Vordenker einer Kunst die sich ihrer Verantwortung gegenüber dem Lebendigen und dem Technologischen gleichermaßen bewusst ist. Seine Perfektion liegt paradoxerweise gerade darin dass er den Fehlern und den Zufällen des Lebens einen Raum in der Galerie gibt.

In seinen neueren Projekten vertieft er diese Ansätze noch weiter indem er künstliche Intelligenzen erschafft die in der Lage sind eigene Bildwelten auf der Grundlage von menschlichen Gehirnströmen zu generieren. Auch hier geht es ihm um das Sichtbarmachen von Prozessen die normalerweise im Verborgenen liegen. Huyghe nutzt die Technologie nicht als Werkzeug der Überwachung sondern als ein Medium der Befreiung von der menschlichen Perspektive. Er lädt uns ein die Welt durch die Augen einer KI oder durch die Bewegungen eines Insektenschwarms zu sehen. Diese Verschiebung des Fokus macht seine Arbeit so relevant für die aktuellen Debatten über den Anthropozän und das Überleben der Arten. Pierre Huyghe ist ein Architekt der Ungewissheit dessen Bauwerke aus Licht Daten und organischem Material bestehen. Wer seine Ausstellungen besucht verlässt sie meist mit mehr Fragen als Antworten was das höchste Ziel einer Kunst ist die den intellektuellen Diskurs ernst nimmt. Paris bleibt dabei sein Ankerpunkt doch die Themen die er verhandelt sind universell und betreffen die gesamte Menschheit in ihrem Verhältnis zur Umwelt. Er hat der Kunst eine neue Dimension der Tiefe gegeben die uns lehrt dass wir nur ein Teil eines viel größeren und unendlich komplexeren Ganzen sind.

Mehr Informationen unter:  https://www.guggenheim.org/artwork/artist/pierre-huyghe

Signums sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler unserer Zeit vor. Als Galerie für zeitgenössische Kunst fördern und publizieren wir Künstler aus allen Bereichen modernen Schaffens.