In der weit verzweigten und oft rätselhaften Landschaft der zeitgenössischen Medienkunst gibt es kaum eine Figur die so konsequent die Grenzen zwischen Biologie und Mythologie sowie zwischen physischer Belastung und ästhetischer Vollendung verwischt wie Matthew Barney. Wer sich heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig mit seinem Werk befasst betritt ein Universum das gleichermaßen fasziniert und abstößt eine Welt in der der menschliche Körper nicht nur als Motiv sondern als plastisches Material und Schauplatz epischer Kämpfe fungiert. Matthew Barney hat eine eigene hochkomplexe Bildsprache entwickelt die tief in Metaphern und Symbolen verwurzelt ist und den Betrachter oft in Zustände des Unbehagen oder gar des Entsetzens versetzt. Seine horrorartigen Darstellungen sind dabei kein Selbstzweck sondern Teil einer tiefgreifenden Untersuchung über die Formwerdung und die Widerstände denen Materie und Geist unterworfen sind. Barney ist ein Künstler des Gesamtkunstwerks dessen Schaffenszyklen oft über viele Jahre andauern und bei dem die verschiedenen Medien wie Skulptur und Performance sowie Zeichnung und Fotografie untrennbar mit seinen provokativen Filmen verknüpft sind.
Von der Sehnsucht nach Chirurgie zur Anatomie der Kunst
Der künstlerische Weg von Matthew Barney begann keineswegs mit dem klassischen Griff zum Pinsel sondern war geprägt von einer tiefen Faszination für die Funktionsweise und die Veränderbarkeit des menschlichen Körpers. Geboren wurde er am fünfundzwanzigsten März neunzehnhundertsiebenundsechzig in der pulsierenden Metropole San Francisco doch seine akademische Prägung erhielt er an der renommierten Yale Universität in New Haven. Es ist eine aufschlussreiche biografische Randnotiz dass Barney ursprünglich den Wunsch hegte Schönheitschirurg zu werden. Diese Begeisterung für die Anatomie und die medizinische Manipulation des Fleisches sollte später zum zentralen Motor seiner Kunst werden. Anstatt jedoch Skalpelle an echten Patienten anzusetzen begann er die Grenzen des Körpers durch sportliche Höchstleistungen und künstlerische Experimente zu dehnen. Nach seinem Abschluss zog es ihn nach New York City wo er bis heute das Zentrum seines Schaffens hat und von wo aus er die internationale Kunstwelt im Sturm eroberte.
Sein Aufstieg war rasant und von einer bemerkenswerten frühen Anerkennung begleitet. Bereits im Jahr neunzehnhunderteinundneunzig im Alter von nur vierundzwanzig Jahren konnte er sich über eine Einzelausstellung im San Francisco Museum of Modern Art freuen was in diesem Alter eine absolute Ausnahme darstellt. Die Kunstwelt erkannte sofort dass hier jemand am Werk war der die Themen Biologie und Sexualität sowie Sport und Geschichte auf eine völlig neue und verstörende Weise miteinander verknüpfte. Auch Paul McCarthy hat den menschlichen Körper als Schauplatz grotesker Transformationen inszeniert und mit seinen drastischen Performances und Skulpturen die amerikanischen Mythen von Konsum und Patriotismus dekonstruiert doch während McCarthy den Körper mit der Trash-Ästhetik von Ketchup und Schokolade in eine Orgie der Zerstörung treibt und den amerikanischen Traum als Albtraum entlarvt baut Barney ein privates Mythos-System von industrieller Präzision auf in dem der athletische Körper nicht zerstört sondern in immer komplexere Formen getrieben wird. Eine Wanderausstellung die Mitte der neunziger Jahre vom Museum Boymans van Beuningen in Rotterdam organisiert wurde trug seinen Ruf weiter nach Europa und festigte seinen Status als einer der innovativsten Köpfe seiner Generation.
Der Cremaster Zyklus und die muskuläre Logik der Form
Das Werk das Matthew Barney endgültig in den Olymp der Medienkunst hob ist ohne Zweifel der fünfteilige Cremaster Zyklus. Der Name bezieht sich auf den Musculus cremaster jenen Muskel der die Hoden als Reaktion auf Temperatur oder Erregung hebt und senkt und dient Barney als zentrale Metapher für den Zustand der Geschlechtsdifferenzierung und die Spannung zwischen Aufstieg und Abstieg. Interessanterweise erstellte Barney die einzelnen Teile der Filmserie nicht in ihrer numerischen Reihenfolge was den zyklischen und nicht linearen Charakter seines Denkens unterstreicht. In diesen Filmen erschafft Barney eine Welt voller barocker Opulenz und verstörender Hybridwesen. Er selbst tritt oft in verschiedenen Rollen auf wobei Athletik und körperliche Selbstbeherrschung stets im Vordergrund stehen. Die Filme sind geprägt von einer Detailverliebtheit die an medizinische Schauobjekte erinnert und gleichzeitig die Erhabenheit antiker Mythen heraufbeschwört.
Der Prozess der Materialisierung und die Rolle des Films
Ein wesentliches Merkmal von Matthew Barneys Arbeitsweise ist die Hierarchie der Medien innerhalb seines Prozesses. Der Film steht für ihn immer am Anfang und dient als der primäre Raum in dem die Geschichten und Mythen verhandelt werden. Während der oft Jahre dauernden Produktion entstehen Skulpturen und Requisiten die speziell für die Kamera entworfen werden. Nach Abschluss der Dreharbeiten werden diese Objekte jedoch nicht einfach entsorgt sondern transformieren sich in eigenständige Kunstwerke. Die Zeichnungen und Fotografien sowie die großformatigen Installationen sind also direkt aus der filmischen Handlung extrahiert. Das führt dazu dass der Betrachter der nur die Skulpturen in einem Museum sieht oft das Gefühl hat vor rätselhaften Relikten einer verlorenen Zivilisation zu stehen.
Die Materialien die Barney verwendet sind dabei oft ebenso ungewöhnlich wie seine Bildsprache. Er arbeitet mit Substanzen die an die Medizin oder den Sport erinnern wie etwa Vaseline oder thermoplastische Kunststoffe sowie Prothesenmaterialien. Diese Stoffe besitzen eine haptische Qualität die oft zwischen organisch und künstlich schwankt was das Unbehagen beim Betrachten verstärkt.
River of Fundament und die Oper des Todes
Mit seinem Werk River of Fundament das im Jahr zweitausendvierzehn erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde erreichte Barneys Filmschaffen eine völlig neue fast schon größenwahnsinnige Dimension. In diesem fast sechsstündigen Epos setzt er sich intensiv mit den Themen Tod und Auferstehung auseinander. Auch Bill Viola hat das bewegte Bild zum Medium einer monumentalen Meditation über Tod und Wiedergeburt gemacht und in seinen Videoarbeiten die spirituelle Dimension der menschlichen Existenz mit einer Intensität erforscht die an mittelalterliche Andachtsbilder erinnert doch während Viola die Zeitlupe und das reine Licht als Instrumente einer kontemplativen Stille nutzt und den Betrachter in eine sakrale Versenkung führt stürzt Barney ihn in einen sechsstündigen Strudel aus Oper und Exkrementen in dem die Auferstehung nicht als stiller Übergang sondern als gewaltsamer physischer Akt inszeniert wird. Als erzählerisches Motiv dient ihm dabei der Fluss Lethe aus der antiken Mythologie der als Verbindungsweg zwischen dem Reich der Lebenden und dem Reich der Toten fungiert. River of Fundament ist jedoch weit entfernt von einer klassischen Nacherzählung antiker Sagen. Der Film ist eine radikale und oft schockierende Mischung aus Oper und Performance bei der Fäkalien und körperliche Ausscheidungen eine zentrale symbolische Rolle spielen. Ergänzt wird dieses filmische Monument durch vierzehn großformatige und teils extrem schwere Skulpturen die oft aus gegossenem Metall oder anderen industriellen Materialien bestehen.
Der Körper als ewiges Schlachtfeld der Symbole
Hauptthema aller Arbeiten von Matthew Barney bleibt der menschliche Körper in all seiner Pracht und seiner Hinfälligkeit. Er betrachtet den Leib als ein System das durch Training und Disziplin geformt werden kann das aber gleichzeitig den unerbittlichen Gesetzen der Biologie und des Verfalls unterworfen ist. Athletik und Sexualität sind bei ihm keine rein ästhetischen Kategorien sondern Ausdrucksformen eines tiefer liegenden Überlebenskampfes. Barneys Figuren sind oft bis an die Grenze der Belastbarkeit gefordert sie klettern an Decken kriechen durch enge Schächte oder unterziehen sich schmerzhaften Transformationen. In seinen Werken verschmelzen medizinische Präzision und mythologische Fantasie zu einer Legierung die in der aktuellen Kunstwelt ihresgleichen sucht. Barney nutzt die Geschichte und die Medizin als Steinbruch um daraus Symbole zu hauen die unsere moderne Existenz hinterfragen. Matthew Barney ist einer der wenigen zeitgenössischen Künstler der heutigen Zeit der es geschafft hat sein eigenes privates Mythos System zu einer globalen Marke der Avantgarde auszubauen.
Hinter der Provokation und dem Horror verbirgt sich bei Barney eine tiefe Ernsthaftigkeit und ein unbedingter Wille zur Form. Er ist ein Konstrukteur von Welten der keine Kompromisse eingeht und der von seinem Publikum eine ebenso große Hingabe fordert wie er sie selbst in seine jahrelangen Produktionszyklen investiert. Sein Werk bleibt eine Herausforderung für die Wahrnehmung und ein Plädoyer für die unendliche Verwandlungskraft des menschlichen Geistes im Dialog mit der Materie. Matthew Barney hat die Medienkunst revolutioniert indem er sie zurück zum Körper und zurück zum Mythos geführt hat und dabei Bilder geschaffen hat die man niemals wieder vergisst sobald man sie einmal gesehen hat.
Mehr Informationen unter: http://matthewbarney.net/
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die den menschlichen Körper als Schauplatz existenzieller Fragen begreifen — von Cave bis Cataclysmic Change.
