Maurizio Cattelan und die subversive Ästhetik des heiligen Taugenichts

In der schillernden und oft selbstgerechten Welt der zeitgenössischen Kunst gibt es nur wenige Akteure die es wagen den Spiegel so unverblümt und gleichzeitig so humorvoll zu präsentieren wie Maurizio Cattelan. Der im norditalienischen Padua geborene Künstler ist eine Figur der Widersprüche und ein Meister der Provokation der seine Wurzeln niemals verleugnet hat. Wenn man heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig auf seine Karriere blickt erkennt man in ihm den archetypischen Rebellen der aus der finanziellen Not und der sozialen Randständigkeit zu einem der teuersten und einflussreichsten Schöpfer unserer Epoche aufgestiegen ist. Seine Herkunft war geprägt von der harten Realität der arbeitenden Klasse wobei sein Vater als Lastwagenfahrer und seine Mutter als Dienstmädchen den Lebensunterhalt für die Familie sicherten. In diesem bescheidenen Umfeld wuchs Cattelan als ein permanenter Außenseiter auf der das Bildungssystem und die starren Regeln der Schule zutiefst verachtete. Als er schließlich die Highschool abbrach um die prekäre finanzielle Lage seiner Familie durch eigene Arbeit zu stützen begann eine Odyssee durch unbefriedigende Berufsfelder. Er arbeitete in Postämtern und Küchen sowie in Leichenhallen wobei gerade diese Berührung mit dem Tod und der Bürokratie seinen künstlerischen Blick schärfte. Die Entscheidung Künstler zu werden wurde von seiner Familie zunächst mit Unverständnis und Ablehnung quittiert da sie diesen Weg mit der Existenz eines faulen Taugenichts gleichsetzten. Doch genau diese Verweigerung der bürgerlichen Arbeitsethik wurde zu seinem größten Kapital.

Der geniale Betrug als Geburtsstunde einer beispiellosen Karriere

Der eigentliche Startschuss für Cattelans Aufstieg in den Olymp der Kunstwelt war ein Akt der dreisten Fälschung und der medialen Unterwanderung. Im Jahr neunzehnhundertneunundachtzig fasste er den Entschluss das renommierte und damals überaus populäre Magazin FlashArt für seine Zwecke zu kapern. Anstatt darauf zu warten entdeckt zu werden gestaltete er einfach sein eigenes Cover für die Zeitschrift. Er konstruierte eine Skulptur in Form eines Kartenhauses die aus Reproduktionen des Magazins bestand und fotografierte dieses Arrangement ab. Dieses Bild klebte er anschließend so geschickt auf die Vorderseite echter Exemplare des Magazins dass täuschend echte Fälschungen entstanden. Mit dieser Guerillaaktion drang er in Zeitschriftenläden und Galerien vor und vertrieb seine eigene Wahrheit direkt an das Fachpublikum. Auch Banksy hat die Kunstwelt von außen infiltriert und den Betrieb mit anonymen Aktionen unterwandert die zwischen Street Art und konzeptueller Intervention pendeln doch während Banksy seine Identität dauerhaft verbirgt und die Anonymität zum Schutzschild gegen den Markt macht hat Cattelan den umgekehrten Weg gewählt: Er wurde selbst zur Kunstfigur und machte seinen Aufstieg vom Außenseiter zum Insider zum eigentlichen Werk. Dieser Geniestreich legte den Grundstein für seine gesamte künstlerische Identität denn er bewies damit dass man kein Diplom und keinen akademischen Hintergrund benötigt um die Mechanismen des Kunstbetriebs zu durchschauen und für sich zu nutzen.

Die Identität des Kunstarbeiters und der Triumph der kleinen Mäuse

Trotz seines weltweiten Ruhms und der astronomischen Preise die seine Werke heute erzielen hat sich Maurizio Cattelan immer als ein einfacher Arbeiter innerhalb der Kunstwelt gesehen. Er meidet die Wertschätzung die dem traditionellen Bild des genialen Künstlers oft entgegengebracht wird und lehrt uns dass Kunst vor allem eine Form der konzeptionellen Arbeit ist. Seit seiner frühen Kindheit schöpft er aus einem Werkzeugkasten der weniger auf handwerkliche Perfektion als vielmehr auf die Kraft der Idee ausgerichtet ist. Er verfolgte beharrlich das Ziel seine Arbeiten eines Tages in der prestigeträchtigen Marian Goodman Gallery zu präsentieren. Dieser Traum wurde im Sommer neunzehnhundertsiebenundneunzig mit der Ausstellung seines Werkes Untitled Wirklichkeit. Das Bild das dieses Ziel schließlich besiegelte war so einfach wie genial denn es zeigte zwei kleine präparierte Mäuse die in Liegestühlen unter einem winzigen Sonnenschirm saßen. Auch Damien Hirst hat mit seinen in Formaldehyd konservierten Tieren — dem Hai in The Physical Impossibility of Death und dem Kalb in Away from the Flock — das tote Tier zum Gegenstand der Kunst erhoben und damit den Kunstmarkt elektrisiert doch während Hirst das Tier als monumentales Vanitas-Symbol inszeniert und die Konfrontation mit dem Tod in die kalte Ästhetik des Laboratoriums kleidet schrumpft Cattelan das Motiv auf das Format eines Kinderspiels und macht aus dem Tod eine zärtlich-absurde Miniatur die gerade in ihrer Winzigkeit eine entwaffnende emotionale Kraft entfaltet.

Die neunte Stunde und die heilige Respektlosigkeit der Satire

Ein wesentliches Merkmal von Cattelans Werk ist die bissige und oft surreale Satire die sich deutlich an den Bewegungen des Dadaismus und des Surrealismus inspiriert. Er versteht es Ikonen der Macht und der Religion auf eine Weise zu dekonstruieren die sowohl schockiert als auch zum Nachdenken anregt. Sein wohl bekanntestes Werk in diesem Zusammenhang ist La Nona Ora aus dem Jahr neunzehnhundertneunundneunzig. In dieser hyperrealistischen Skulptur wird Papst Johannes Paul II von einem Meteoriten getroffen und zu Boden gedrückt während er sich krampfhaft an seinem Kruzifix festhält. Die Installation löste weltweite Kontroversen aus und wurde oft als ein Akt der Respektlosigkeit gegenüber der katholischen Kirche gewertet. Auch Marc Quinn hat mit seinen hyperrealistischen Skulpturen die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers und die Fragilität der Macht sichtbar gemacht und in Self ein Selbstporträt aus gefrorenem Eigenblut geschaffen das den Kreislauf von Leben und Tod in einem einzigen Objekt verdichtet doch während Quinn die Vergänglichkeit des Leibes mit einer fast schon wissenschaftlichen Nüchternheit untersucht nutzt Cattelan den hyperrealistischen Körper als Vehikel der Satire und stürzt den mächtigsten Mann der katholischen Welt mit einem kosmischen Witz zu Boden. Doch für Cattelan geht es nicht um bloße Blasphemie sondern um eine Auseinandersetzung mit der Zerbrechlichkeit der Macht und der Unvorhersehbarkeit des Schicksals. Der Papst wird hier als leidender Mensch gezeigt der trotz seiner göttlichen Stellvertretung den Gesetzen der Physik und der Natur nicht entkommen kann.

Von verhüllten Elefanten und der Angst vor der Liebe

Im Jahr zweitausend schuf Cattelan mit Not Afraid of Love ein weiteres Werk das seine tiefe Verwurzelung im Surrealismus unter Beweis stellte. Die Skulptur zeigt einen lebensgroßen Elefanten der vollständig unter einem weißen Laken verborgen ist wobei lediglich zwei neugierige Augen aus ausgeschnittenen Löchern in die Welt blicken. Dieses Bild erzeugt eine unmittelbare emotionale Reaktion da es die Verletzlichkeit eines gewaltigen Tieres mit dem kindlichen Spiel des Versteckens kombiniert. Der Elefant im Raum der oft als Metapher für ein offensichtliches aber ignoriertes Problem verwendet wird erhält hier eine physische Form die sowohl komisch als auch melancholisch wirkt. Die Arbeit spielt mit der Wahrnehmung des Zuschauers und evoziert Gefühle von Neugier und Beschützerinstinkt sowie eine gewisse Unbehaglichkeit. Cattelan beweist hier erneut sein Talent komplexe psychologische Zustände in einfache und kraftvolle visuelle Metaphern zu übersetzen. Sein Werk ist durchdrungen von einer Respektlosigkeit gegenüber traditionell verehrten Figuren und Institutionen was ihm oft den Vorwurf der Oberflächlichkeit eingebracht hat. Doch hinter der Maske des Clowns verbirgt sich ein scharfsinniger Analytiker der Gesellschaft der die Mechanismen der Aufmerksamkeit perfekt beherrscht.

Der Künstler als Spiegel der menschlichen Unvollkommenheit

Maurizio Cattelan bleibt ein Phänomen das sich jeder endgültigen Deutung entzieht. Er ist der Kunstarbeiter der uns daran erinnert dass die Welt ein absurder Ort ist an dem wir alle nur versuchen unsere Rolle so gut wie möglich zu spielen. Seine Biographie vom Highschool Abbrecher zum Weltstar ist eine Geschichte der Selbstbehauptung gegen alle Widerstände. Er nutzt die Komik nicht als Flucht vor der Realität sondern als den einzigen Weg diese Realität überhaupt erträglich zu machen. In einer Zeit in der die Kunst oft dazu neigt sich in intellektueller Schwere zu verlieren bietet Cattelan eine erfrischende Leichtigkeit an die jedoch niemals den Ernst der zugrunde liegenden Themen verrät. Er bleibt der Außenseiter aus Padua der es genießt die Eliten der Kunstwelt zu verwirren und gleichzeitig zu begeistern.

Sein Werk ist ein ständiger Dialog mit der Geschichte der Kunst wobei er die Traditionen des Surrealismus nutzt um die Gegenwart zu sezieren. Cattelan zeigt uns dass wir vor der Liebe und vor dem Schmerz keine Angst haben müssen wenn wir bereit sind über uns selbst zu lachen. In jedem seiner Werke steckt ein Stück seiner eigenen Geschichte seiner Armut und seines Kampfes um Anerkennung. Maurizio Cattelan hat bewiesen dass man mit einem Kartenhaus aus Zeitschriften ein Imperium errichten kann wenn man nur mutig genug ist die Regeln des Spiels neu zu definieren. Sein Einfluss auf die Kunst des einundzwanzigsten Jahrhunderts ist unbestreitbar und sein Name wird auch in Zukunft für eine Kunst stehen die unter die Haut geht und die Seele aufwühlt.

Mehr Informationen unter: https://www.madeincatteland.com

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die den Mut besitzen die Absurdität der Gegenwart mit Humor und Schärfe zu befragen.