Wenn man heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig durch die Metropolen der Welt streift ist es beinahe unmöglich den leuchtenden Farben und den grinsenden Blumen von Takashi Murakami zu entkommen. Was einst in den Hinterhöfen der Tokioter Kunstszene begann hat sich zu einer globalen Supermarke entwickelt die die Grenzen zwischen hoher Kunst und kommerziellem Merchandising vollkommen aufgelöst hat. Murakami ist nicht bloß ein Maler oder Bildhauer er ist der Architekt einer völlig neuen visuellen Ordnung die er selbst als Superflat bezeichnet. Spätestens seit seine Designs die ikonischen Taschen von Louis Vuitton zierten und er das visuelle Erscheinungsbild von Rap Größen wie Kanye West prägte ist sein Name auch jenen ein Begriff die normalerweise keinen Fuß in ein Museum setzen würden. Doch hinter der bunten Fassade aus lächelnden Blumen und niedlichen Manga Gestalten verbirgt sich ein tiefgründiges philosophisches System das die Geschichte Japans und die Traumata der Nachkriegszeit sowie die Konsumwut der Gegenwart reflektiert. Takashi Murakami hat es geschafft die Popkultur zu infiltrieren ohne dabei seine künstlerische Integrität zu verlieren wobei er gleichzeitig das westliche Verständnis von Originalität und Handwerk radikal in Frage stellt.
Wurzeln in Tokio und der akademische Aufbruch gegen die Tradition
Der im Jahr neunzehnhundertzweiundsechzig in Tokio geborene Künstler wuchs in einer Zeit auf in der Japan sich in einem rasanten wirtschaftlichen Aufschwung befand während die kulturellen Wunden des Zweiten Weltkriegs noch tief saßen. Murakami erinnert sich lebhaft an seine frühe Kindheit die geprägt war von Besuchen in Kunstmuseen die seine Eltern mit ihm unternahmen. Schon damals faszinierte ihn weniger das Harmonische oder das Klassische sondern vielmehr das Bizarre und das Verwunderliche. Diese frühe Vorliebe für das Unkonventionelle sollte seinen gesamten weiteren Weg bestimmen. Er entschied sich für ein Studium an der Tokyo National University of Fine Arts and Music einer der begehrtesten und zugleich konservativsten Institutionen des Landes. Dort spezialisierte er sich auf Nihonga die traditionelle japanische Malerei die strenge Regeln und eine lange handwerkliche Ausbildung erfordert. Obwohl er dieses Studium mit einer Promotion abschloss fühlte er sich in dem starren System zunehmend eingeengt. Ihn störte die kategorische Ablehnung von Neuem und Experimentellem sowie der krampfhafte Versuch eine Tradition zu bewahren die für ihn keine Antworten auf die Fragen der modernen Welt bot. Schon in diesen frühen akademischen Jahren wurde klar dass Murakami einen radikal anderen Weg wählen würde um die japanische Kunst in das einundzwanzigste Jahrhundert zu führen.
Die Philosophie von Superflat als Spiegel der japanischen Identität
Oft wird der Stil von Takashi Murakami mit dem von Andy Warhol verglichen und er wird als der japanische König der Pop Art bezeichnet. Doch während die amerikanische Pop Art der sechziger Jahre sich auf die Massenmedien und die Warenwelt des Westens konzentrierte ist Murakamis Kunst tief in der spezifisch japanischen Ästhetik verwurzelt. Das Besondere an seinen Werken ist die Verbindung klassischer japanischer Kunst mit der modernen Otaku Kultur also jener Szene die von Mangas und Animes sowie Videospielen besessen ist. Seine Kunst ist jedoch weit mehr als eine einfache Verflechtung zweier Welten sie ist eine Fusion aus niedlichen Gestalten und gewaltsam grinsenden Mündern. Den Begriff Superflat erfand Murakami um die Zweidimensionalität der japanischen Kunstgeschichte zu beschreiben die keine klassische Zentralperspektive wie die westliche Renaissance kennt. Für ihn ist diese Flachheit jedoch nicht nur ein stilistisches Merkmal sondern eine Metapher für die japanische Gesellschaft in der es nach dem Krieg keine klaren Hierarchien zwischen Hochkultur und Populärkultur mehr gab. Alles ist flach alles ist Oberfläche und alles ist gleichermaßen konsumierbar. Diese radikale Einebnung aller Werte spiegelt sich in seinen Bildern wider die durch aussagekräftige Farben und illustrative Grafikelemente bestechen. Er nutzt fluoreszierendes Pink und Kobaltblau um eine visuelle Intensität zu erzeugen die den Betrachter förmlich anspringt und ihn in eine Welt zieht die ebenso süß wie bedrohlich wirkt.
Die Evolution des Mr DOB und die Symbiose der Gegensätze
Eines der wichtigsten Motive im Universum von Murakami ist seine Schöpfung Mr DOB eine Figur die als sein Alter Ego fungiert. Mr DOB mit seinen großen Augen und den runden Ohren erinnert auf den ersten Blick an westliche Ikonen wie Mickey Mouse doch sein Name leitet sich von einer japanischen Phrase ab die so viel bedeutet wie Warum oder Wozu. Diese Figur hat über die Jahrzehnte eine bemerkenswerte Wandlung vollzogen von einer niedlichen Maskotte zu einem monströsen Wesen mit messerscharfen Zähnen und multiplen Augen. Hier zeigt sich Murakamis Talent Gegensätze zu fusionieren: Das Kawaii also das Niedliche kippt in das Groteske um. Diese Ambivalenz ist charakteristisch für seine gesamte Arbeit. Seine Kunst ist geprägt von einer tiefen psychologischen Ebene die oft das Verhältnis von Japan zum Westen und die eigene Identitätssuche thematisiert. Während die Oberfläche seiner Bilder perfekt und glatt wirkt brodelt darunter eine Welt aus Chaos und Zerstörung. Dies wird besonders deutlich in seinen Skulpturen die oft Figuren in angespannten oder übertriebenen Posen darstellen und die physische Präsenz seiner flachen Bilder in den dreidimensionalen Raum übersetzen. Diese Skulpturen sind wie gefrorene Momente aus einem Anime der außer Kontrolle geraten ist und fordern den Betrachter heraus die Grenze zwischen Spielzeug und Kunstwerk neu zu definieren.
The 500 Arhats und die monumentale Rückbesinnung auf die Spiritualität
Ein Wendepunkt in seinem Schaffen war die Fertigstellung seines bisher größten Werkes mit dem Titel The 500 Arhats im Jahr zweitausendzwölf. Dieses monumentale Gemälde ist einhundert Meter lang und stellt eine gewaltige Leistung sowohl in künstlerischer als auch in logistischer Hinsicht dar. Inspiriert wurde das Werk durch die verheerende Naturkatastrophe des Tsunami und des Erdbebens in Japan im Jahr zweitausendelf. Murakami wandte sich hier den Arhats zu den erleuchteten Jüngern Buddhas die in der traditionellen japanischen Kunst oft als Heiler und Beschützer dargestellt wurden. In diesem Werk verschmelzen seine Superflat Ästhetik und seine Manga Elemente mit einer tiefen religiösen Symbolik. Es ist eine Reflexion über Leben und Tod sowie über die Hoffnung in Zeiten der Zerstörung. Die schiere Größe des Bildes zwingt den Betrachter in eine physische Interaktion und zeigt dass Murakami trotz seines kommerziellen Erfolgs in der Lage ist Themen von existenzieller Schwere zu bearbeiten. The 500 Arhats bewies dass seine Kunst nicht nur auf Taschen und CD Covern funktioniert sondern auch im musealen Kontext eine überwältigende spirituelle Kraft entfalten kann. Es war ein Signal an seine Kritiker dass die flache Welt von Murakami eine ungeahnte Tiefe besitzt wenn man bereit ist hinter das Grinsen seiner Figuren zu blicken.
Kaikai Kiki Co und das Imperium der Kunstproduktion
Um seine gigantischen Projekte und seine weltweite Präsenz zu steuern gründete Murakami seine eigene Firma mit dem Namen Kaikai Kiki Co. Dieses Unternehmen fungiert nicht nur als Produktionsstätte für seine Kunstwerke sondern auch als Agentur für junge Talente und als Motor für sein umfangreiches Merchandising. In seinen Studios in Tokio und New York arbeiten hunderte von Assistenten an der Perfektionierung seiner Visionen was oft zu Vergleichen mit Andy Warhols Factory führt. Seit dem Jahr zweitausendeins nutzt Murakami dieses System um seine Kunst in Form von kleinen Produkten und Kissen sowie Fußbällen und Taschen unter die Leute zu bringen. Sein Motto lautet Art innovation und er sieht in der kommerziellen Nutzung seiner Motive keinen Verrat an der Kunst sondern deren konsequente Fortführung. Für Murakami ist ein Schlüsselanhänger mit einer lächelnden Blume ebenso ein Kunstwerk wie ein millionenteures Gemälde im Museum. Diese Einstellung hat ihm viel Kritik eingebracht da viele Experten die Frage aufwerfen ob dies noch Kunst oder schon reiner Konsum sei. Doch Murakami begegnet diesen Vorwürfen mit einer Gelassenheit die aus seinem Verständnis der japanischen Kultur rührt in der die Trennung zwischen Handwerk und Kunst nie so streng war wie im Westen. Er hat den Kunstmarkt als das erkannt was er ist: ein Teil der globalen Unterhaltungsindustrie.
Kooperationen mit Louis Vuitton und Kanye West als kulturelle Meilensteine
Den endgültigen Durchbruch in die absolute Spitze der Popkultur schaffte Takashi Murakami durch seine strategischen Kooperationen mit Marken und Künstlern außerhalb der klassischen Kunstwelt. Im Jahr zweitausendzwei begann seine Zusammenarbeit mit dem Luxushaus Louis Vuitton unter der Leitung von Marc Jacobs. Er gestaltete das berühmte Monogramm neu und brachte bunte Farben und verspielte Motive auf die prestigeträchtigen Taschen. Diese Kollektion wurde zu einem weltweiten Verkaufsschlager und veränderte die Art und Weise wie Modehäuser mit zeitgenössischen Künstlern zusammenarbeiten dauerhaft. Plötzlich war Murakami nicht mehr nur ein Geheimtipp für Sammler sondern ein Name der in den exklusiven Boutiquen der Welt ebenso präsent war wie in den Magazinen für Streetwear. Nur wenige Jahre später im Jahr zweitausendsieben gestaltete er das Cover für das Album Graduation von Kanye West. Die Darstellung eines bärenartigen Charakters der in den Himmel katapultiert wird wurde zu einem ikonischen Bild der Musikgeschichte und festigte Murakamis Status als ein Künstler der den Zeitgeist prägt. Diese Kooperationen zeigten dass seine visuelle Sprache universell verständlich ist und über alle kulturellen und sozialen Grenzen hinweg funktioniert.
Zwischen globalen Ausstellungen und der Kritik der Kommerzialisierung
Obwohl seine erste Ausstellung im Jahr neunzehnhundertzweiundneunzig in der Mars Gallery in Tokio noch relativ klein war finden seine Schauen heute in den bedeutendsten Institutionen weltweit statt. Von der großen Retrospektive im Museum of Contemporary Art in Los Angeles bis hin zu Ausstellungen in Frankfurt und Bilbao oder Doha hat Murakami die globale Kunstlandschaft erobert. Seine Sammlung mit dem Titel Summon Monsters Open the Door Heal Or Die im Jahr zweitausendeins in Tokio setzte neue Maßstäbe für die Präsentation von zeitgenössischer Kunst in Japan. Dennoch bleibt die Kritik an seinem Merchandising ein ständiger Begleiter. Viele werfen ihm vor die Kunst zu einer reinen Ware degradiert zu haben. Doch für Murakami ist genau dieser Prozess die Erfüllung seines Mottos der Kunstinnovation. Er sieht sich selbst als einen Unternehmer der die Spielregeln des Kapitalismus nutzt um die Kunst dorthin zu bringen wo die Menschen sind: in ihren Alltag. Ob auf einem Kissen in einem Wohnzimmer oder auf einer Leinwand in einem Museum die Botschaft bleibt die gleiche. Er ist ein König des Stilmixes der es geschafft hat die klassische japanische Tradition mit der schrillen Energie der Moderne zu versöhnen.
Takashi Murakami als Ikone des einundzwanzigsten Jahrhunderts
Wenn wir heute auf das bisherige Lebenswerk von Takashi Murakami blicken wird deutlich dass er weit mehr als nur ein populärer Künstler ist. Er ist eine Ikone die das visuelle Gedächtnis unserer Generation maßgeblich mitgestaltet hat. Seine auffallende und aus dem Raster fallende Kunst hat die Art und Weise wie wir über Originalität und Produktion sowie über den Wert von Kunstwerken denken grundlegend verändert. Er hat bewiesen dass man mit knalligen Farben und niedlichen Figuren tiefgreifende soziale und politische Kritik üben kann. Takashi Murakami wird als derjenige in die Geschichte eingehen der die japanische Kunst aus ihrer Isolation befreit und sie zum festen Bestandteil der globalen Popkultur gemacht hat. Seine lächelnden Blumen sind heute ebenso erkennbar wie das Logo von Coca Cola oder die Silhouetten von Walt Disney. Murakami hat seine Vision einer flachen Welt konsequent umgesetzt und uns gezeigt dass die Schönheit oft an der Oberfläche liegt während die Wahrheit in den Abgründen darunter verborgen ist. Er bleibt ein Innovator der niemals aufhört die Grenzen seines eigenen Schaffens zu erweitern und uns immer wieder mit neuen bizarren Welten zu überraschen.
In einer Welt die immer komplexer und unübersichtlicher wird bietet die Kunst von Murakami einen visuellen Anker der uns mit seiner Farbenfreude tröstet während er uns gleichzeitig mit seinen gewaltsam grinsenden Mündern vor der eigenen Oberflächlichkeit warnt. Er ist der Alchemist der Gegenwart der den Kitsch in Gold verwandelt und den Konsum zur Religion erhebt. Wir dürfen gespannt sein welche Grenzen er als nächstes einreißen wird um seine Mission der Kunstinnovation weiter voranzutreiben. Takashi Murakami ist längst keine bloße Erscheinung des Kunstmarktes mehr sondern ein fester Bestandteil unserer kulturellen Identität im Jahr zweitausendsechsundzwanzig.
Mehr Informationen unter: http://www.takashimurakami.com
Signums sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler unserer Zeit vor. Als Galerie für zeitgenössische Kunst fördern und publizieren wir Künstler aus allen Bereichen modernen Schaffens.
