Cy Twombly und die Poesie der geschriebenen Stille

In der weiten Landschaft der amerikanischen Kunstgeschichte nimmt Edwin Parker „Cy“ Twombly Jr. eine Position ein die sich jeder einfachen Einordnung entzieht. Er ist der große Magier der Linie und der Poet des scheinbaren Gekritzels sowie ein Meister der das kulturelle Gedächtnis der Menschheit in zarte grafische Zeichen übersetzt hat. Wer vor einem seiner monumentalen Gemälde steht begegnet keiner lauten Geste des Abstrakten Expressionismus sondern einer feinen und oft nervösen Spur die wie eine geheimnisvolle Schrift über die Leinwand wandert. Twombly hat die Malerei mit der Literatur und der Mythologie sowie mit der Geschichte der Schrift selbst verknüpft. Er war ein Künstler der die Stille suchte und dennoch eine gewaltige Resonanz in der Welt der Ästhetik erzeugte. Geboren wurde er im Jahr neunzehnhundertachtundzwanzig in Lexington Virginia als Sohn von Eltern die sein frühes Interesse an der Kunst tatkräftig förderten. Sein Weg führte ihn von der beschaulichen Enge des amerikanischen Südens bis in die ewige Stadt Rom wo er die Sonne und die Mythen des Mittelmeers in seine ganz eigene visuelle Sprache verwandelte. Twombly ist ein Künstler der Widersprüche der die wissenschaftliche Raffinesse mit einer ergreifenden Weite verband und der uns lehrte dass ein einzelner Strich auf einer Leinwand die ganze Schwere der Geschichte tragen kann.

Die Wurzeln in Virginia und der Einfluss von Pierre Daura

Die künstlerische Formung von Cy Twombly begann bereits in seiner frühen Kindheit. Ein entscheidender Faktor war die Begegnung mit dem spanischen Maler Pierre Daura der ebenfalls in Lexington Virginia lebte und wirkte. Daura war ein moderner Geist der Twombly bereits im Alter von zwölf Jahren in die Grundlagen der Malerei und des Sehens einführte. Unter seiner Anleitung entwickelte der junge Cy ein tiefes Verständnis für die Form und die Farbe sowie für die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks. Diese frühen Lehrjahre waren essenziell für sein späteres Selbstverständnis als Künstler der sich nicht scheute die akademischen Regeln zu brechen um zu einer wahrhaftigeren Aussage zu gelangen.

Der Aufbruch nach New York und die Begegnung mit der Moderne

Nach seiner Schulzeit zog es Cy Twombly in die großen Zentren der Kunstausbildung. Er begann sein Studium an der School of the Museum of Fine Arts in Boston wo er zwischen neunzehnhundertsiebenundvierzig und neunzehnhundertneunundvierzig die ersten intensiven Kontakte mit der zeitgenössischen Ästhetik knüpfte. Besonders die subversiven Ideen des Dadaismus und die traumartigen Welten des Surrealismus faszinierten ihn zutiefst. Nach einem Jahr im Kunstprogramm von Washington and Lee zog er schließlich im Jahr neunzehnhundertfünfzig nach New York um an der Art Students League zu studieren. Dies war eine Zeit des Umbruchs in der amerikanischen Kunstwelt. Der Abstrakte Expressionismus feierte seine größten Triumphe doch Twombly suchte bereits nach einem Ausweg aus der heroischen Geste. In New York traf er auf Gleichgesinnte wie Robert Rauschenberg und Jasper Johns mit denen ihn eine lebenslange Freundschaft und ein fruchtbarer künstlerischer Austausch verbinden sollte. Gemeinsam bildeten sie die Speerspitze einer neuen Generation die die Malerei radikal dekonstruierte und sie für neue Materialien und Konzepte öffnete.

Die Kryptologie als ästhetischer Wendepunkt

Ein oft übersehener aber zentraler Aspekt in der Biografie von Cy Twombly ist seine Zeit in der US-Armee. Für eine kurze Periode arbeitete er dort als Kryptologe was seine künstlerische Praxis nachhaltig und fundamental prägte. Die tägliche Beschäftigung mit Codes und verschlüsselten Botschaften sowie mit der Struktur von Zeichen die erst durch eine Dechiffrierung ihren Sinn preisgeben wurde zu seinem eigentlichen Markenzeichen. Twombly begann die Malerei als eine Form der Verschlüsselung zu begreifen — eine Verbindung von Kunst und Wissenschaft die sein gesamtes Werk durchzieht. Sein künstlerischer Stil entwickelte sich weg von der gegenständlichen Darstellung hin zu mühelosen grafischen Zeichen die oft wie eine Metaschrift wirken. Er verwendete gekürzte Zeichen und Zahlen sowie unkomplizierte Hieroglyphen die dem Betrachter eine Bedeutung suggerieren ohne sie jemals vollständig zu offenbaren. Diese kryptologische Ästhetik verleiht seinen Werken eine enorme intellektuelle Dichte und eine wissenschaftliche Raffinesse. Die Linie wurde bei Twombly zum Träger von Information und Emotion zugleich wobei der Akt des Schreibens und der Akt des Malens zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen.

Die Metaschrift und die Dekonstruktion der Sprache

Was Cy Twomblys Werk so einzigartig macht ist die Erfindung einer Sprache die nicht gelesen sondern gefühlt werden muss. Er entwickelte eine Metaschrift die weit über die konventionelle Semantik hinausreicht. Seine Leinwände sind oft übersät mit Kritzeleien und Schleifen die wie ein endloser Gedankenstrom wirken. In der Serie von Leinwänden die er zwischen neunzehnhundertsechsundsechzig und neunzehnhundertzweiundsiebzig schuf flossen helle Linien vor grauen Hintergründen herab als ob sie die flüchtige Natur der Erinnerung festhalten wollten. Diese Arbeiten werden oft als blackboard paintings bezeichnet da sie an die flüchtigen Notizen auf einer Schultafel erinnern. Twombly dekonstruierte die Sprache indem er sie auf ihre rein grafische Komponente reduzierte. In dieser Verwandlung von Schrift in reine Geste berührt sich seine Arbeit mit Christian Marclays grafischen Partituren, die ebenfalls visuelle Zeichen in eine nicht-sprachliche Bedeutung überführen — wenn auch im Medium des Klangs statt der Malerei. Twomblys Schrift ist ein Ausdruck von Energie und Rhythmus sowie von Zeit und Raum. Er nutzte die Leinwand als einen Speicher für die Bewegung der Hand und schuf so Bilder die eine unermessliche Beschäftigung mit dem kulturellen Gedächtnis widerspiegeln.

Das kulturelle Gedächtnis und die Welt der Mythen

Ein zentraler Pfeiler im Schaffen von Cy Twombly ist seine lebenslange Auseinandersetzung mit der antiken Mythologie. Er verstand die Mythen nicht als verstaubte Geschichten der Vergangenheit sondern als lebendige Fragmente des kulturellen Gedächtnisses die bis in die Gegenwart hineinwirken. In seinen Gemälden und Zeichnungen tauchen immer wieder Namen von griechischen Helden oder Göttern auf sowie Zitate aus der klassischen Literatur. Doch Twombly illustrierte diese Mythen nicht; er evozierte sie. Ein hingekritzeltes Wort wie Apollo oder Venus reicht aus um einen ganzen Kosmos an Assoziationen und Emotionen heraufzubeschwören. Seine Arbeiten über die Mythologie sind wie archäologische Ausgrabungen bei denen die Trümmer der Geschichte ans Licht gebracht werden. In dieser Verbindung von antiker Mythologie und zeitgenössischer Form steht er neben Anselm Kiefer, der ebenfalls die Schwere der Geschichte in monumentale Bilder übersetzt — wenn auch mit der materiellen Wucht von Blei und Stroh wo Twombly die Leichtigkeit des Bleistiftstrichs bevorzugt. Twombly zeigte dass die Kunst die Kraft hat die Zeit zu überbrücken und uns mit den Wurzeln unserer Kultur zu verbinden.

Die weiße Stille der skulpturalen Fundstücke

Neben der Malerei widmete sich Cy Twombly mit großer Leidenschaft der Bildhauerei. Schon früh begann er damit Statuetten aus weggeworfenen Materialien zu fertigen was sein Interesse an der Ästhetik des Dadaismus und des Surrealismus widerspiegelte. Seine Skulpturen sind oft Assemblagen aus Fundstücken wie Holz und Gips sowie Draht und Stoff die er meistens mit einer dicken Schicht aus weißer Farbe überzog. Diese weiße Bemalung verleiht den Objekten eine seltsame Zeitlosigkeit und eine fast schon sakrale Stille. Die Skulpturen wirken wie versteinerte Überreste einer untergegangenen Zivilisation oder wie votive Gaben aus einem antiken Tempel. Durch den Einsatz von Alltagsmaterialien die er in eine neue Form brachte hinterfragte er die traditionellen Begriffe von Monumentalität und Wert. Seine Skulpturen sind wie leise Kommentare im Raum die den Betrachter dazu einladen die Schönheit im Verachteten und im Vergessenen zu entdecken.

Die italienische Sonne und das Rauschen des Meeres

Ein Wendepunkt in seinem Leben und Werk war der Umzug nach Italien im Jahr neunzehnhundertsiebenundfünfzig. Die mediterrane Landschaft und das besondere Licht des Südens sowie die unmittelbare Nähe zur antiken Geschichte veränderten seine Farbpalette und seinen Stil grundlegend. Anfang der sechziger Jahre nahmen seine Werke lebhafte Farben und einen deutlich größeren Umfang an. Er ließ sich von den blühenden Gärten und der Hitze des Sommers sowie von der Weite des Meeres inspirieren. Besonders in den achtziger Jahren spiegeln viele seiner Gemälde seine Faszination für das Wasser und die Wellenbewegungen wider. Twombly fand in Italien eine neue Freiheit die es ihm erlaubte seine Expressivität mit einer fast schon barocken Üppigkeit zu verbinden. Er lebte und arbeitete bis zu seinem Tod am fünften Juli zweitausendelf vorwiegend in Rom einer Stadt die wie keine andere für die Schichtung der Geschichte steht. Italien wurde zu seiner geistigen Heimat in der er die Widersprüche seines Werkes zwischen amerikanischer Abstraktion und europäischer Tradition zu einer harmonischen Einheit führen konnte.

Ein Vermächtnis zwischen den Stühlen der Kunstgeschichte

Cy Twombly gilt heute als einer der wichtigsten Künstler die den Übergang vom Abstrakten Expressionismus zu neuen Formen der zeitgenössischen Kunst eingeleitet haben. Seine Bedeutung liegt vor allem in seiner unverwechselbaren Ästhetik die sich jeder modischen Strömung widersetzte. Obwohl er zeitlebens eine gewisse Anerkennung und den großen Ruhm eher missachtete wurde sein Einfluss auf nachfolgende Generationen von Künstlern immer deutlicher. Sein Werk war Teil einer der ersten Ausstellungen die sich mit den Ideen des Minimalismus auseinandersetzten wobei er jedoch gleichzeitig eine hochemotionale Expressivität bewahrte. Twomblys künstlerisches Unternehmen ist voller Widersprüche die genau die Spannung erzeugen die seine Arbeiten so fesselnd macht. Er blieb sich selbst treu indem er die Malerei als eine intime Geste der Suche begriff. Sein Vermächtnis ist eine Kunst die uns dazu auffordert die Welt nicht nur zu sehen sondern sie zu entziffern. Er hat uns gezeigt dass die einfachsten Mittel wie ein Bleistiftstrich oder ein Klumpen Gips ausreichen um die tiefsten Fragen der Menschheit zu stellen. Cy Twombly bleibt der unangefochtene Meister der grafischen Poesie dessen leises Flüstern auf der Leinwand noch lange in der Kunstwelt nachhallen wird.

Seine Werke laden uns ein die Hektik der Gegenwart zu verlassen und uns auf die langsamen Rhythmen der Geschichte und der Natur einzulassen. Er hat die Kunst von der Last der Repräsentation befreit und ihr eine neue Form der Freiheit gegeben die sowohl intellektuell herausfordernd als auch ästhetisch zutiefst befriedigend ist. Cy Twombly ist ein Leuchtturm der Individualität der uns zeigt dass wahre Größe oft in der Bescheidenheit und in der konsequenten Verfolgung der eigenen Vision liegt. Sein Werk ist ein Geschenk an die Sinne und an den Geist das uns auch in Zukunft immer wieder neue Entdeckungen ermöglichen wird.

Mehr Informationen unter: http://www.cytwombly.org

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler und ihre Vorläufer vor. Entdecken Sie auch unsere Übersicht der Galerien in Berlin, die Porträts der wichtigsten Kuratoren und unsere eigenen Ausstellungen.