Amar Kanwar und die Poesie des Zeugnisses in den Ruinen der Macht

In der weiten und oft von lautem Lärm dominierten Welt der zeitgenössischen Medienkunst gibt es eine Stimme die durch ihre Sanftheit und ihre unerbittliche Präzision eine fast soghafte Wirkung entfaltet. Amar Kanwar der im Jahr neunzehnhundertvierundsechzig in der indischen Metropole Neu-Delhi geboren wurde hat eine künstlerische Sprache entwickelt die weit über das hinausgeht was wir gemeinhin unter Dokumentarfilm verstehen. Kanwar lebt und arbeitet bis heute in seiner Geburtsstadt doch seine Themen sind universell da sie die dunklen Korridore der Macht und die verheerenden Folgen von Gewalt sowie die mühsame Suche nach Wahrheit untersuchen. Seine vielschichtigen Installationen sind keine bloßen Berichte aus Konfliktgebieten sondern poetische Rekonstruktionen von Geschichte die das Persönliche mit dem Politischen verweben.

Die Erschütterungen von neunzehnhundertvierundachtzig

Für den jungen Amar Kanwar war das Jahr neunzehnhundertvierundachtzig eine Zäsur. Als Geschichtsstudent an der Universität von Delhi wurde er mit der Ermordung der Premierministerin Indira Gandhi konfrontiert. Doch nur wenige Wochen später folgte die Katastrophe von Bhopal als aus der Union Carbide Pestizidfabrik ein giftiges Gas austrat das Tausende von Menschen tötete. Kanwar erlebte diese Katastrophe als ein fundamentales Versagen von Industrie und Staat gegenüber dem menschlichen Leben. Diese erschütternden Erfahrungen weckten in ihm ein tiefes soziales Engagement — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren und die zur treibenden Kraft hinter all seinen späteren Werken werden sollten.

Vom Studium der Geschichte zur Alchemie des bewegten Bildes

Er schrieb sich für ein Filmstudium am Mass Communication Research Centre der Jamia Millia Islamia University in Delhi ein. Hier begann er die formalen und poetischen Grenzen des Dokumentarfilms auszuloten. Er wollte sich nicht mit der oberflächlichen Faktizität zufrieden geben. Im Laufe der Zeit erweiterte er seine Praxis auf Mehrkanalvideoinstallationen bei denen er verschiedene audiovisuelle Elemente kombinierte. In dieser Methode der poetischen Überhöhung dokumentarischen Materials steht Kanwar neben Walid Raad, dessen fiktive Archive der Atlas Group ebenfalls die Grenze zwischen Dokumentation und künstlerischer Erzählung aufheben — wenn auch aus dem Kontext des libanesischen Bürgerkriegs wo Kanwar die indischen Landkonflikte erforscht. Beide Künstler teilen die Überzeugung dass die offizielle Geschichtsschreibung ergänzt werden muss durch Formen der Zeugenschaft die das Unsagbare in Bilder übersetzen.

Der Souveräne Wald und die Suche nach einer reicheren Realität

Eines seiner ehrgeizigsten Projekte trägt den Titel Sovereign Forest welcher erstmals im Jahr zweitausendzwölf auf der Documenta dreizehn in Kassel präsentiert wurde. In dieser Arbeit die als ein wachsendes Archiv konzipiert ist setzt sich Kanwar mit dem Landraub und der Zerstörung von Lebensgrundlagen in der indischen Region Odisha auseinander. Er sammelt dort tatsächliche Spuren wie etwa Samen und Briefe sowie Gerichtsdokumente und Filme um sie in einer Installation zusammenzuführen. In dieser Verbindung von Kunst und Wissenschaft — der Sicherung von Beweismaterial als ästhetischer und zugleich rechtlicher Akt — berührt sich Kanwars Arbeit mit der von Doris Salcedo, deren mit Zement gefüllte Möbel ebenfalls als Denkmäler gegen das Vergessen politischer Gewalt fungieren. Der Souveräne Wald ist ein Ort an dem die Kunst zur rechtlichen Instanz wird.

Ein globales Echo von Kassel bis New York

Die internationale Anerkennung für das Schaffen von Amar Kanwar ist beeindruckend. Er gehört zu den wenigen Künstlern die an insgesamt vier aufeinanderfolgenden Documenta-Ausstellungen in Kassel teilgenommen haben. Seine Einzelausstellungen führten ihn in die renommiertesten Häuser der Welt von der Tate Modern in London über das Art Institute of Chicago bis hin zum Museo Nacional Thyssen-Bornemisza in Madrid. In dieser Verbindung von poetischer Dokumentation und politischem Aktivismus steht Kanwar neben Shirin Neshat, deren Videoinstallationen ebenfalls die Verwundungen politischer Gewalt in eine lyrische Bildsprache übersetzen, und neben Steve McQueen, der die Grenze zwischen Dokumentarfilm und Kunst ebenfalls radikal aufhebt.

Die Ästhetik der Stille und die Politik der Gerechtigkeit

Amar Kanwar erinnert uns daran dass die Kunst eine moralische Verpflichtung hat sich den schwierigen Fragen unserer Existenz zu stellen. Er nutzt die Stille als ein politisches Werkzeug um dem Lärm der Unterdrückung etwas entgegenzusetzen. In seinen Installationen wird der Betrachter zum Mitwisser und zum Teil einer Gemeinschaft die sich gegen das Vergessen wehrt. Er hat die Poesie als eine Form des Überlebens rehabilitiert und bewiesen dass ein schöner Film auch ein schmerzhafter Film sein kann. Sein Vermächtnis liegt in der unermüdlichen Suche nach einer Sprache die in der Lage ist das Unsagbare auszusprechen und den Opfern der Geschichte ihren rechtmäßigen Platz im Bewusstsein der Welt zurückzugeben.

Amar Kanwar ist der visuelle Poet der Unterdrückten dessen Bilder uns daran erinnern dass die Hoffnung nur dort wachsen kann wo die Wahrheit ausgesprochen wird. Er bleibt der stille Beobachter aus Neu-Delhi dessen Werk uns zeigt dass die Kunst die stärkste Waffe gegen die Gleichgültigkeit ist.

Mehr Informationen unter: https://www.nyuad-artgallery.org/en_US/our-exhibitions/main-gallery/amar-kanwar/

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die Wahrheit und Poesie verbinden — von Dark Ages bis Handle als wäre Rettung möglich.