KW Institute for Contemporary Art — Auguststraße Berlin

KW Institute for Contemporary Art — Auguststraße Berlin

Es gibt in Berlin-Mitte eine Adresse, an der sich die zeitgenössische Kunst seit über dreißig Jahren so verlässlich hinter einer schmalen Toreinfahrt versteckt, dass man beinahe daran vorbeigeht: Auguststraße 69. Dahinter öffnet sich einer der schönsten Innenhöfe Berlins, in dessen Mitte das Café Bravo steht, ein Pavillon aus Glas und Spiegeln, den Dan Graham 1999 gemeinsam mit der Architektin Johanne Nalbach entworfen hat. Die Fassade zur Straße hin gehört zu einem Vorderhaus aus dem späten 18. Jahrhundert. Dahinter, in einer ehemaligen Margarinefabrik aus den 1870er Jahren, arbeiten die KW Institute for Contemporary Art an einer Frage, die einfacher zu stellen als zu beantworten ist: Was kann Kunst heute leisten?

Die KW sind kein Museum. Sie besitzen keine Sammlung. Sie hängen keine Klassiker der Moderne an ihre Wände. Was sie tun, ist im heutigen Kunstbetrieb selten geworden: Sie zeigen, was gerade entsteht, und sie tun das in einer Konsequenz, die Berlin nach dem Fall der Mauer zu einem der wichtigsten Zentren zeitgenössischer Kunst weltweit hat werden lassen.

Die Gründung der KW Institute for Contemporary Art in der ehemaligen Margarinefabrik

Die Geschichte der KW ist die Geschichte des Berlins, das nach dem Fall der Mauer entstand. Anfang der neunziger Jahre gründeten Klaus Biesenbach, Alexandra Binswanger, Clemens Homburger, Philipp von Doering und Alfonso Rutigliano in einer leerstehenden Industriefabrik in Berlin-Mitte den Kunst-Werke Berlin e. V. Die Räume waren improvisiert, ungeheizt, staubig, voller Möglichkeiten. Was heute eine der etabliertesten Institutionen der Stadt ist, begann als das, was Berlin damals überall war: ein leerer Raum, in den man eine Idee stellen konnte.

Klaus Biesenbach, der später als Direktor des MoMA PS1 in New York und in leitender Position am Museum of Modern Art die internationale Kunstszene mitprägen sollte, verstand früh, dass die Nachwendezeit in Berlin einen historischen Sonderfall bot. Nirgendwo sonst in Europa war die Distanz zwischen leerstehender Industrie und internationaler Kunstszene so kurz. 1995 erwarb die LOTTO-Stiftung Berlin das denkmalgeschützte Vorderhaus und das Fabrikgebäude und stellte den Komplex dem Trägerverein zur kulturellen Nutzung zur Verfügung. Es folgte eine mehrjährige Sanierung, gefördert vom Nationalen Programm für städtebaulichen Denkmalschutz und der Stiftung Denkmalschutz Berlin. Mit der Wiedereröffnung im Herbst 1999 verfügten die KW über 2.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche auf fünf Etagen, dazu Büros, Ateliers, den Innenhof und das Café Bravo. Damit war die Grundstruktur geschaffen, die bis heute Bestand hat.

Ein Gebäude als Programm

Wer die KW verstehen will, muss über das Gebäude sprechen. Anders als die meisten großen Kunstinstitutionen sind die Räume in der Auguststraße keine neutrale Hülle für wechselnde Ausstellungen. Sie sind selbst Teil der kuratorischen Arbeit. Die alte Fabrikstruktur bleibt in jedem Winkel sichtbar. Die groben Wände, die hohen Decken, die schmalen Treppenhäuser und die unterschiedlichen Raumhöhen auf den fünf Etagen bilden ein Ensemble, das jede Ausstellung mitprägt. Kein weißer Kubus, sondern ein Ort mit Geschichte, der sich der Kunst nicht unterordnet, sondern mit ihr in Dialog tritt.

Das Café Bravo im Innenhof gehört zu den kunsthistorisch relevantesten Beispielen für die Verbindung von Kunst und Architektur in Berlin. Dan Graham, der amerikanische Konzeptkünstler und Pionier der spiegelnden Pavillon-Skulpturen, hat hier eines seiner wenigen realisierten Bauwerke im öffentlichen Raum Europas geschaffen. Der Pavillon ist zugleich funktionierendes Café und begehbare Skulptur, die die Grenzen zwischen Kunstwerk, Architektur und Alltagsraum programmatisch auflöst. Wer im Innenhof der KW einen Kaffee trinkt, sitzt in einem Werk zeitgenössischer Kunst, ohne es zu bemerken. Genau das ist die Pointe.

Die Berlin Biennale und die Schwesterinstitution der KW

Ein Jahr vor der Sanierung, im Jahr 1996, riefen Eberhard Mayntz und Klaus Biesenbach die Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst ins Leben. Die Biennale wurde als Schwesterinstitution der KW konzipiert und bespielt seit 1998 im Zweijahresrhythmus die Ausstellungsräume in der Auguststraße. Seit 2004 wird sie exklusiv von der Kulturstiftung des Bundes gefördert und gehört heute neben der documenta in Kassel und der Biennale di Venezia zu den wichtigsten Plattformen für zeitgenössische Kunst im deutschsprachigen Raum. Wer die KW versteht, muss die Berlin Biennale mitdenken. Beide gehören strukturell zusammen und speisen sich aus derselben kuratorischen Haltung: dass Kunst nicht die Illustration bestehender Diskurse ist, sondern deren Produktion.

2016 wurde der Trägerverein neu strukturiert. Die KW Institute for Contemporary Art und die Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst wurden als zwei getrennte institutionelle Bereiche etabliert, blieben aber unter dem Dach des Kunst-Werke Berlin e. V. verbunden. Gabriele Horn, seit 2004 Direktorin beider Institutionen und Nachfolgerin des Gründungsdirektors Biesenbach, blieb Leiterin der Berlin Biennale, während Krist Gruijthuijsen zum Direktor der KW berufen wurde. Später übernahm Emma Enderby die Direktion der KW, während die Berlin Biennale nach dem Ruhestand von Gabriele Horn von Axel Wieder geleitet wird.

Ausstellungen, die den internationalen Kunstdiskurs geprägt haben

Die Liste der Künstlerinnen und Künstler, die in den KW eine ihrer ersten Einzelausstellungen oder wichtige Werkschauen gezeigt haben, liest sich wie ein Verzeichnis dessen, was in den letzten drei Jahrzehnten kunsthistorisch relevant war. Kader Attia, Ceal Floyer, Cyprien Gaillard, Judith Hopf, Hiwa K, Lynn Hershman Leeson, Michel Majerus, Mika Rottenberg, Christoph Schlingensief, Santiago Sierra, Sung Tieu und Ryan Trecartin sind nur einige Namen aus dieser Reihe. Wer die Kunstgeschichte der 2000er und 2010er Jahre schreibt, kommt an diesen Räumen nicht vorbei.

Auch bei den thematischen Gruppenausstellungen haben die KW immer wieder Maßstäbe gesetzt. Die 1992 in den Räumen gezeigte Schau 37 Räume gilt heute als eine der Gründungsgesten der Berliner Kunstszene nach der Wende. Zur Vorstellung des Terrors, die 2005 die Ikonografie der RAF verhandelte, löste eine gesellschaftliche Debatte aus, die weit über den Kunstbetrieb hinausreichte. History Will Repeat Itself von 2007 wurde zur Referenz für die kuratorische Beschäftigung mit Reenactment-Strategien. Fire and Forget aus dem Jahr 2015 stellte die Frage nach der Kunst in Zeiten globaler Gewalt.

Die Programmatik einer Institution ohne Sammlung

Der Verzicht auf eine ständige Sammlung ist bei den KW keine Sparmaßnahme, sondern eine programmatische Entscheidung. Institutionen mit Sammlung müssen ihre Bestände pflegen, historisieren und in immer neue Erzählungen einbetten. Institutionen ohne Sammlung sind frei, sich vollständig auf die Gegenwart zu konzentrieren. Sie können auf gesellschaftliche Verschiebungen reagieren, ohne Rücksicht auf einen bereits vorhandenen Kanon nehmen zu müssen. Sie können mit Künstlerinnen und Künstlern zusammenarbeiten, deren Werk sich gerade erst formt. Und sie können scheitern, ohne dass ein millionenschwerer Bestand darunter leidet.

Diese Offenheit ist die eigentliche Leistung der KW. Sie erlaubt eine transdisziplinäre und transgenerationale Programmatik, die verstorbene Pioniere neben mittleren und ganz jungen Positionen zeigen kann. Sie erlaubt Kooperationen mit Institutionen aus dem globalen Süden und aus Regionen, die in westlichen Sammlungen nur am Rand vorkommen. Und sie erlaubt eine Auseinandersetzung mit den drängenden Fragen der Gegenwart, die in klassischen Museumsstrukturen oft an bürokratischen Trägheiten scheitert. Ohne Sammlung zu arbeiten bedeutet nicht, ohne Gedächtnis zu arbeiten. Das Archiv der KW umfasst inzwischen dreißig Jahre kuratorischer Praxis und ist selbst zu einem Kunstwerk geworden, das sich immer wieder neu befragen lässt.

Die Rolle der KW in der Berliner Kunstszene

Die KW liegen in einem Umkreis, der die dichteste Konzentration zeitgenössischer Kunst in Berlin bildet. Innerhalb weniger Gehminuten reihen sich Galerien, Off-Spaces und Institutionen aneinander. Wer die Berliner Galerienszene erkunden will, findet in der Auguststraße und den umliegenden Straßen einen guten Anfangspunkt. Die räumliche Nähe ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis einer Entwicklung, die die KW selbst wesentlich mit angestoßen haben. Als sich in den frühen neunziger Jahren die ersten Galerien in Berlin-Mitte niederließen, war die Auguststraße einer ihrer Kristallisationspunkte.

Diese Verbindung von Institution und Szene macht die KW zu einem Ort, der über sein eigenes Programm hinauswirkt. Wer in Berlin über zeitgenössische Kunst spricht, spricht immer auch über die KW. Sie sind der Referenzpunkt, an dem sich messen lässt, was in dieser Stadt möglich ist. Als unabhängige Institution ohne kommerzielle Verpflichtungen können sie sich auf das konzentrieren, was in der Verwertungslogik des Kunstmarkts oft zu kurz kommt: die Frage nach Bedeutung, nach Kontext, nach der Verantwortung der Kunst gegenüber der Gesellschaft, in der sie entsteht. Diese Haltung teilen die KW mit einer kleinen Gruppe von Institutionen weltweit, zu denen unter anderem das Institute of Contemporary Arts in London und der Kunst-Werke-Vorbild PS1 in New York gehören.

Ein Ort für zeitgenössische Kunst in Berlin

Wer die KW zum ersten Mal besucht, sollte einen ganzen Nachmittag einplanen und sich Zeit lassen. Fünf Etagen, oft mehrere parallele Ausstellungen, dazu Veranstaltungen, Vermittlungsformate und ein regelmäßiges Filmprogramm. Für den Kontext lohnt sich der Blick auf die eigenen Ausstellungen von Signum Sine Tinnitu, die auf ihre eigene Weise die Frage nach der Rolle unabhängiger Räume in einer zunehmend kommerzialisierten Kunstwelt verhandeln.

Die KW Institute for Contemporary Art sind nach über dreißig Jahren, was sie von Anfang an sein wollten: ein Ort, an dem zeitgenössische Kunst nicht historisiert, sondern verhandelt wird. Wer wissen will, was in den kommenden Jahren wichtig sein wird, findet dort einen guten Anfang.

Mehr Informationen zum aktuellen Programm, zu Öffnungszeiten und Tickets finden Sie unter: https://www.kw-berlin.de/