Weiße Leinwand mit dem Namen David Zwirner in schwarzer Pinselschrift über einer Holzbank

Die Galerie David Zwirner und die Kunst der genauen Beziehungen

Auf einer dunklen Leinwand steht ein Datum. Mehr scheint zunächst nicht erforderlich, um den Tag festzuhalten. Dann beginnt die eigentliche Schwierigkeit: Was genau wurde hier bewahrt? Eine Zahl, ein Zeitraum, die Tatsache eines gelebten Tages? Wer das Werk von On Kawara betrachtet, merkt schnell, wie wenig eine klare Form mit einer einfachen Bedeutung zu tun haben muss. Für das Verständnis der Galerie David Zwirner ist diese Erfahrung ein guter Ausgangspunkt. Ihr Programm verbindet sehr unterschiedliche Künstler, deren Arbeiten eine präzise Erscheinung besitzen und dem schnellen Einverständnis dennoch entkommen.

Der Name David Zwirner bezeichnet sowohl einen Galeristen als auch ein international tätiges Galerieunternehmen. Die Biografie des Gründers wird im Porträt über David Zwirner behandelt. Der Blick auf die Galerie führt zu einer anderen Frage: Wie entwickelt sich über Jahrzehnte ein Programm, das einzelne künstlerische Sprachen stärkt und zwischen ihnen zugleich Beziehungen entstehen lässt? Die Antwort liegt weniger in einer großen Selbstbeschreibung als in der konkreten Nachbarschaft von Malerei, Fotografie, Skulptur und konzeptueller Arbeit.

Die Galerie David Zwirner beginnt mit einer offenen Form

1993 eröffnete die Galerie an der Greene Street im New Yorker Viertel SoHo. Die erste Ausstellung galt Franz West. Schon dieser Anfang ist aufschlussreich. Wests Kunst macht aus Skulptur eine Angelegenheit von Haltung, Gebrauch, körperlicher Vorstellung und gelegentlich ziemlich unfeiner Komik. Eine Form kann bedeutend sein, ohne sich bedeutungsschwer zu benehmen. Dass ein solches Werk am Beginn der Galeriegeschichte steht, liefert keine vollständige Erklärung für alles Folgende. Es erinnert aber daran, wie viel Beweglichkeit ein ernsthaftes Kunstverständnis vertragen kann.

2002 zog die Galerie nach Chelsea. Später kamen weitere Standorte hinzu, darunter London, Paris, Hongkong und Los Angeles. Die internationale Entwicklung vergrößerte die Möglichkeiten, Werke in verschiedenen Zusammenhängen zu zeigen. Interessanter als eine bloße Landkarte ist jedoch die Frage nach der Kontinuität. Ein Programm gewinnt an Profil, wenn seine Künstler nicht nur nacheinander auftreten, sondern über längere Zeit begleitet werden. Veränderungen im Werk werden dann sichtbar, ohne dass jede neue Ausstellung als vollständige Neuerfindung verkauft werden müsste.

On Kawara: Ein Datum ist keine kleine Sache

On Kawara gehört seit 1999 zur Geschichte der Galerie. Seine Date Paintings aus der Serie Today führen eine alltägliche Ordnungsform in die Malerei ein. Das Datum ist lesbar, die Zeit selbst bleibt ungreifbar. Ein einzelnes Bild bezeichnet einen bestimmten Tag und macht zugleich bewusst, wie wenig eine solche Bezeichnung über dessen Erfahrung mitteilt. Die nüchterne Oberfläche trägt eine erstaunliche Spannung zwischen überprüfbarer Angabe und persönlicher Unzugänglichkeit. Man kann alles lesen und trotzdem an einer Grenze stehen.

Für eine Galerie bedeutet die Präsentation solcher Arbeiten eine Entscheidung über Rhythmus. Ein einzelnes Datum behauptet eine andere Präsenz als eine Folge mehrerer Bilder. Abstände und Wiederholungen lassen die Dauer einer künstlerischen Praxis hervortreten. Das Archiv der Galerie dokumentiert beispielsweise die Ausstellung Date Painting(s) in New York and 136 Other Cities von 2012. An solchen historischen Präsentationen lässt sich nachvollziehen, wie aus einer vermeintlich kleinen bildnerischen Setzung ein weitreichender Zusammenhang von Orten, Regeln und vergehender Zeit entsteht.

Luc Tuymans und die Unzuverlässigkeit vertrauter Bilder

Eine andere Art von Zurückhaltung kennzeichnet die Malerei von Luc Tuymans, dessen Zusammenarbeit mit der Galerie 1994 begann. Seine Bilder greifen auf bereits vorhandene Bildquellen zurück. Die gedämpfte Farbigkeit kann auf den ersten Blick beinahe beiläufig wirken. Doch gerade diese scheinbare Distanz macht die Frage nach dem Vorwissen dringlich. Was wurde aus welchem Zusammenhang herausgenommen? Welche Bedeutung schleicht sich in eine unscheinbare Ansicht ein? Die Malerei hält Informationen zurück und macht dieses Zurückhalten zum Gegenstand der Aufmerksamkeit.

Zwischen Tuymans und Kawara besteht keine stilistische Verwandtschaft, die man mit einem Etikett erledigen könnte. Interessant ist ihre unterschiedliche Behandlung von Gewissheit. Bei Kawara scheint die Angabe festzustehen, während ihre menschliche Bedeutung offenbleibt. Bei Tuymans ist selbst das Erkennen eines Motivs kein sicherer Weg zu dessen Geschichte. In einem Galerieprogramm können solche Unterschiede den Blick beweglich halten. Man lernt, einer klaren Oberfläche ebenso wenig automatisch zu vertrauen wie einem erzählerisch aufgeladenen Bild. Die Kunst verlangt eine genaue Unterscheidung ihrer Mittel.

Wolfgang Tillmans und die Freiheit der Anordnung

Die Fotografie von Wolfgang Tillmans erweitert diesen Zusammenhang um eine andere Form der Offenheit. Seine Arbeit macht die fotografische Aufnahme und ihre Präsentation gleichermaßen interessant. Ein Bild besitzt einen Ausschnitt, eine Größe, eine Oberfläche und einen Platz unter anderen Bildern. Diese Entscheidungen bestimmen mit, welche Beziehungen das Publikum herstellen kann. Ein Motiv steht nicht außerhalb seiner materiellen Erscheinung. Schon ein veränderter Abstand kann aus einer scheinbar selbstverständlichen Nachbarschaft eine neue Frage machen.

Für Sammler ist dieser Gedanke besonders fruchtbar. Ein Werk wird häufig als einzelnes Gegenüber kennengelernt, hat aber eine Geschichte innerhalb einer Praxis. Die Ausstellung kann diese Geschichte zumindest teilweise sichtbar machen. Sie zeigt, was eine Auswahl betont, welche Unterschiede sie bestehen lässt und wie sich Bedeutungen im Zusammenspiel verändern. Das schließt die Eigenständigkeit des einzelnen Bildes keineswegs aus. Es schützt sie vielmehr vor der bequemen Annahme, ein Kunstwerk ließe sich mit seinem Motiv oder seinem berühmten Urheber vollständig beschreiben.

Ambiguitätstoleranz ist eine Form von Genauigkeit

Für diesen Blick eignet sich das Wort Ambiguitätstoleranz: die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit auszuhalten. Im Kunstbetrieb wird Offenheit gelegentlich wie ein besonders vornehmer Freibrief verwendet. Alles darf alles bedeuten, und niemand muss mehr genau hinschauen. Die hier interessanten Arbeiten verlangen das Gegenteil. Ihre Mehrdeutigkeit entsteht aus bestimmten Entscheidungen. Eine Farbe ist gewählt, ein Format gesetzt, ein Bezug hergestellt. Wer diese Entscheidungen ernst nimmt, kann verschiedene Lesarten prüfen und trotzdem zu einem begründeten Urteil gelangen.

Das Programm einer Galerie besitzt dann Qualität, wenn es eine solche Betrachtung ermöglicht. Es muss die Arbeiten weder auf einen gemeinsamen Lehrsatz reduzieren noch ihre Unterschiede als beliebige Vielfalt ausstellen. Bei David Zwirner lässt sich studieren, wie konzeptuelle Strenge und sinnliche Erfahrung einander anregen können. Die Klarheit der Präsentation ist dabei ein Angebot. Sie sollte nicht als Versicherung missverstanden werden, dass jedes Werk angenehm zugänglich sei. Gerade die gut lesbare Form kann eine besonders hartnäckige Frage enthalten.

Wie bewusst das Haus auch unterschiedliche Arten des Schreibens einbezieht, zeigt die Buchreihe ekphrasis von David Zwirner Books. Sie erschließt seltenere und wiederentdeckte Texte über Kunst. Das ist ein sinnvolles Gegenüber zum Ausstellungskatalog: Eine ältere Beobachtung kann überraschend gegenwärtig werden, ein literarischer Blick andere Einzelheiten bemerken als eine kunsthistorische Einordnung. Das Werk bleibt dasselbe, während seine sprachlichen Nachbarschaften wechseln.

Für die Beschäftigung mit einem Galerieprogramm ist diese Mehrstimmigkeit ein Gewinn. Sie schützt davor, die jeweilige Selbstdarstellung des Hauses bereits für das letzte Wort zu halten. Man kann eine Arbeit durch verschiedene Texte sehen und anschließend zum Bild zurückkehren. Dabei zeigt sich mitunter, dass eine besonders elegante Erklärung an einer kleinen sichtbaren Einzelheit scheitert. Kunstkritik muss dieses Vergnügen zulassen. Andernfalls wäre sie bloß eine außerordentlich kultivierte Form der Verpackung.

Ausstellungen brauchen ein Gedächtnis

Eine wichtige Ergänzung bildet die publizistische Arbeit von David Zwirner Books. Bücher und dokumentierte Ausstellungen erlauben es, Entwicklungen über längere Zeiträume zu verfolgen. Ein Werkverzeichnis kann zeigen, wie sich eine Fragestellung verändert, obwohl einzelne Bilder zunächst ähnlich erscheinen. Ein Gespräch kann eine Entscheidung verständlicher machen, ohne die Betrachtung zu ersetzen. Besonders wertvoll sind solche Materialien, wenn sie den Unterschied zwischen der Selbstauskunft eines Künstlers, historischen Umständen und einer späteren Interpretation sichtbar halten. Kunst gewinnt durch Kontext, solange der Kontext sie nicht bevormundet.

Ein Sammler, der sich mit der Galerie beschäftigt, kann deshalb zwei Bewegungen miteinander verbinden: die intensive Begegnung mit einzelnen Werken und das Nachvollziehen eines über Jahre entwickelten Programms. Man wird dabei keineswegs jede Position gleichermaßen schätzen. Gerade eine begründete Abneigung kann den eigenen Blick genauer machen. Die Galerie David Zwirner verdient Aufmerksamkeit, weil ihre Geschichte und ihre Künstler zahlreiche solcher Unterscheidungen ermöglichen. Das ist ein anspruchsvolleres Vergnügen als die bloße Wiedererkennung bekannter Namen. Es hält deutlich länger vor.

Zur Geschichte des Hauses und zu seinem internationalen Programm informiert die offizielle Vorstellung der Galerie David Zwirner.