Der im Jahr 1968 in Weinfelden in der Schweiz geborene Hans Ulrich Obrist stellt eine Figur dar, die in der zeitgenössischen Kunstwelt ihresgleichen sucht. Er ist weit mehr als ein herkömmlicher Kurator, der Ausstellungen in Museen organisiert. Obrist ist vielmehr ein rastloser Vermittler, ein intellektueller Marathonmann und eine nimmersatte Netzwerkmaschine, die das Gefüge der globalen Kunstszene seit den 1990er Jahren maßgeblich mitgeformt hat. Heute leitet er als künstlerischer Direktor die Serpentine Galleries in London, eine der einflussreichsten Institutionen für moderne Kunst weltweit. Doch sein Weg dorthin war kein klassischer akademischer Aufstieg, sondern eine Odyssee des Enthusiasmus. Obrist ist ein Mann, der das Netzwerken nicht nur als Mittel zum Zweck begreift, sondern als eine eigenständige Kunstform praktiziert. Er ist ein Kurator, der nicht darauf wartet, dass die Kunst zu ihm kommt, sondern der sich unermüdlich zu ihr begibt. In seinen frühen Jahren war er berühmt dafür, Künstler kreuz und quer durch Europa mit dem Nachtzug zu besuchen, getrieben von einem schier unendlichen Wissensdurst und dem Wunsch, jeden bedeutenden Akteur des Kulturbetriebs persönlich kennenzulernen. Es gibt heute kaum einen namhaften Kunstschaffenden, den er nicht interviewt, ausgestellt oder in sein gigantisches globales Beziehungsgeflecht integriert hat. Seine Leidenschaft für die Kunst ist so absolut, dass sie sein gesamtes Leben durchdringt und ihn zu einem der mächtigsten und zugleich präsentesten Akteure der Gegenwart macht.
Die Genese einer Netzwerkmaschine zwischen Nachtzügen und Küchentischen
Der Weg von Hans Ulrich Obrist in die Kunstwelt begann nicht in den heiligen Hallen einer Akademie, sondern auf den Schienen des europäischen Eisenbahnnetzes. Ursprünglich studierte er Wirtschaft und Politik und belegte lediglich einige Semester Kunstgeschichte, da ihn das klassische Schulsystem und die universitäre Starre eher langweilten. Sein Herz gehörte jedoch bereits als Teenager der Kunst. Sein großes Vorbild war der legendäre Kurator Harald Szeemann, dessen Visionen eines Gesamtkunstwerkes Obrist tief beeindruckten. Es wird erzählt, dass er Szeemanns berühmte Zürcher Schau über dessen private Mythen und Visionen insgesamt 41 Mal besuchte, eine Zahl, die seine obsessive Hingabe an das Sehen und Verstehen bereits früh verdeutlichte. Man könnte sagen, Obrist stalkte seine Idole regelrecht, er war der ultimative Fan, der durch Penetranz und echtes Interesse schließlich selbst zum Insider wurde. Er suchte die Nähe zu den großen Denkern und Machern seiner Zeit, um von ihnen zu lernen, wie man Räume öffnet und Diskurse initiiert.
Seine erste eigene Ausstellung veranstaltete der damals erst 23-jährige Autodidakt im Jahr 1991 in der Küche seiner Studentenwohnung in St. Gallen. Unter dem Titel World Soup präsentierten Künstler wie das Duo Fischli & Weiss, Hans Peter Feldmann oder Roman Signer ihre Werke zwischen dem Kühlschrank, dem Spülbecken und den Vorratsschränken. In der damals bereits hochgradig professionalisierten Kunstwelt galt dieses Experiment als kleiner Meilenstein der Institutionskritik. Obrist schaffte es, die Grenze zwischen der sakralen Aura des Museums und der Banalität des Alltags radikal zu verschieben. Auch wenn zu dieser Schau lediglich 29 Besucher kamen, wie er heute schmunzelnd zugibt, war der Grundstein für seine kuratorische Philosophie gelegt: Kunst muss dort stattfinden, wo das Leben ist. Sie darf sich nicht in Elfenbeintürmen isolieren, sondern muss in den direkten Dialog mit der unmittelbaren Umgebung treten. Diese Küchenausstellung war der Startschuss für eine Karriere, die ihn über Stationen in Wien und Paris schließlich nach London führen sollte, wo er 2006 von Julia Peyton Jones als Co-Direktor an die Serpentine Gallery geholt wurde.
Harald Szeemann und die Obsession des Sehens als Initialzündung
Die Beziehung zu Harald Szeemann war für Obrist prägend, da er in ihm einen Kurator fand, der das Ausstellen als einen poetischen und zugleich hochpolitischen Akt begriff. Szeemann hatte mit seiner documenta 5 im Jahr 1972 das Bild des Kurators als Ausstellungsmacher und Autor revolutioniert. Obrist übernahm diesen Staffelstab und trieb ihn in das Zeitalter der globalen Vernetzung. Sein Wissenshunger ist eines seiner berühmtesten Merkmale; sein natürlicher Aggregatzustand gleicht dem eines neugierigen und staunenden Kindes, das unaufhörlich Fragen stellt. Obrist geht es in seiner Arbeit primär um die Intention der Künstler. Er will wissen, was sie antreibt, welche Probleme sie lösen wollen und wie sie die Welt sehen. Diese Einstellung bringt ihn ständig mit interessanten Personen in Kontakt, wobei sein Interesse weit über die bildende Kunst hinausgeht. Er sucht das Gespräch mit Wissenschaftlern, Architekten, Literaten und Musikern, um die Kunst in einen größeren gesellschaftlichen Kontext einzubetten.
In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung betonte er einmal, dass es ihm zutiefst unangenehm sei, wenn Menschen nicht miteinander ins Gespräch kommen. Aus diesem Grund fungiert er oft als eine Art diplomatischer Vermittler. Er stellt Künstler gegenseitig vor, arrangiert Abendessen und Diskussionsrunden, nur damit neue Netzwerke gesponnen werden können. Obrist begreift sich als Kurator im ursprünglichen Sinne des Wortes: als jemand, der Sorge trägt, nicht nur für die Objekte, sondern vor allem für die Beziehungen zwischen den Subjekten. Seine Fähigkeit, Assoziationen zu knüpfen, ist legendär. Er findet ständig Zusammenhänge zwischen Werken, die zeitlich oder geografisch weit auseinanderliegen, und verwebt diese zu neuen, spannungsvollen Narrativen. Er ist ein Meister darin, das Potenzial einer Idee zu erkennen und sie mit anderen Ideen zu befruchten, wodurch oft Projekte entstehen, die ohne seine vermittelnde Hand niemals das Licht der Welt erblickt hätten.
Die Serpentine Galleries als Epizentrum des kuratorischen Marathons
Seit seinem Amtsantritt in London im Jahr 2006 hat Hans Ulrich Obrist die Serpentine Galleries zu einem Ort gemacht, der niemals stillzustehen scheint. Gemeinsam mit Julia Peyton Jones und später alleine hat er Formate entwickelt, die den traditionellen Ausstellungsbetrieb sprengen. Eines der bekanntesten Beispiele sind die Serpentine Marathons, bei denen über 24 Stunden hinweg hunderte von Künstlern, Wissenschaftlern und Denkern zu einem bestimmten Thema referieren, performen und diskutieren. Diese Veranstaltungen sind der Inbegriff seines Arbeitsethos: Es geht um Ausdauer, um die Fülle der Informationen und um die radikale Verdichtung von Wissen. Obrist moderiert diese Marathons oft selbst mit einer Energie, die seine Mitmenschen gleichermaßen fasziniert wie erschöpft. Er ist ein wahrer Workaholic, der idealerweise rund um die Uhr arbeiten möchte. Da er international agiert, überschneiden sich in seinem Alltag die Zeitzonen der Welt.
Seine Arbeitsweise ist so extrem, dass er früher versuchte, einen polyphasischen Schlafrythmus zu etablieren, bei dem er alle paar Stunden nur für einige Minuten schlief, um faktisch den gesamten Tag über erreichbar zu sein. Dieser Lifestyle, kombiniert mit dem Konsum von bis zu 14 Tassen Kaffee täglich, forderte jedoch seinen Preis. Nach einem körperlichen Kollaps im Jahr 2006 war er gezwungen, sein Leben radikal umzustellen. Er ersetzte den Kaffee durch grünen Tee und integrierte gelegentlichen Sport in seinen straffen Zeitplan. Dennoch hat er seinen Anspruch auf permanente Verfügbarkeit nicht aufgegeben. Um auch nachts handlungsfähig zu bleiben und keine globale Entwicklung zu verpassen, hat er nun eine Person eingestellt, die ihn während seiner Schlafenszeit vertritt und dringende Angelegenheiten bearbeitet oder wichtige Informationen sichtet. Dies verdeutlicht die Radikalität, mit der Obrist sein Leben der Kunst und dem Netzwerk unterordnet. Er ist ein Mensch, der die Trennung zwischen Privatleben und Arbeit nicht akzeptiert; für ihn ist die Existenz selbst ein fortwährender kuratorischer Prozess.
Der Kurator als Multiversum: Sprachen, Assoziationen und die Ablehnung des White Cube
Hans Ulrich Obrist gilt als eine multiversierte Persönlichkeit, die sich für sämtliche Vorgänge und Prozesse des menschlichen Geistes interessiert. Er spricht sechs Sprachen fließend, was es ihm ermöglicht, in den meisten Ländern der Welt ohne Barrieren mit Künstlern und Denkern zu kommunizieren. Er bildet sich permanent fort und ist für seine Liebe zu Projekten bekannt, die aus dem Rahmen fallen. Er hält sehr wenig von der Tradition des White Cube, bei der Bilder einfach nur isoliert an eine weiße Wand gehängt werden. Der Kurator ist der festen Überzeugung, dass man Kunst erleben muss, um sie wirklich zu verstehen. Viele seiner Ausstellungen sind daher prozessorientiert, interaktiv oder finden an ungewöhnlichen Orten statt. Er fordert die Kunstschaffenden dazu auf, über ihre Disziplingrenzen hinaus zu denken und neue Formate zu entwickeln.
Ein prominentes Beispiel für sein innovatives Denken ist das Projekt Do It, bei dem Künstler Anleitungen für Werke verfassten, die von den Besuchern selbst ausgeführt werden konnten. Damit dezentralisierte er die Autorschaft und machte die Kunst zu einem globalen Mitmach-Experiment. Obrist sucht ständig nach Wegen, das Museum zu einem Ort der Produktion und nicht nur der Konsumtion zu machen. Sein Wissenshunger treibt ihn dazu, immer neue Felder zu erschließen, sei es die Ökologie, die Künstliche Intelligenz oder die Architektur. Er ist ein Gründergeist, was sich unter anderem in der Gründung des Museums Robert Walser zeigt, und er engagiert sich in zahlreichen Gremien, wie dem Kuratorium der Kunststiftung der Allianz oder als Gründungsmitglied der Akademie der Künste. Seine Auszeichnungen durch das Magazin ArtReview als einflussreichster Akteur des Kunstbetriebs in den Jahren 2009 und 2015 sind lediglich die äußeren Zeichen einer Macht, die auf Wissen und Vernetzung basiert.
Der körperliche Preis der Omnipräsenz und die Wandlung zum Teetrinker
Die Transformation von Hans Ulrich Obrist vom kaffeesüchtigen Nachtzugpassagier zum teetrinkenden Global Player mit Nachtvertretung ist eine Geschichte der Anpassung an die Anforderungen einer beschleunigten Welt. Seine Biografie zeigt, dass man in der heutigen Kunstwelt nur dann an der Spitze bleiben kann, wenn man bereit ist, sich selbst als Infrastruktur zu begreifen. Obrist ist eine menschliche Schnittstelle, die ständig Daten empfängt, verarbeitet und neu verknüpft. Er ist der Architekt einer Welt, in der Information die wichtigste Währung ist. Sein Assoziationsvermögen erlaubt es ihm, Trends vorherzusehen, bevor sie im Mainstream ankommen. Er sieht Zusammenhänge im Geschehen, die anderen verborgen bleiben, weil er die Welt als ein großes, zusammenhängendes Ganzes betrachtet.
Sein unermüdlicher Einsatz für die Kunst hat ihn zu einem Vorbild für eine ganze Generation von Kuratoren gemacht, die in ihm den Beweis sehen, dass man durch Leidenschaft und unermüdliche Arbeit die Welt verändern kann. Er hat bewiesen, dass ein Kurator mehr sein kann als ein Verwalter von Beständen: Er kann ein Visionär sein, der die großen Fragen der Zeit stellt. Obrist ist ein Mahner gegen die Sprachlosigkeit und ein Kämpfer für den Dialog. In einer Zeit, in der sich viele Menschen in ihren digitalen Blasen isolieren, setzt er auf die physische Begegnung und das Gespräch. Dass er dafür einen hohen persönlichen Preis zahlt und sein Leben einer strengen Disziplin unterwirft, ist Teil seines Mythos. Er bleibt der Marathonmann, der niemals aufhört zu rennen, immer auf der Suche nach der nächsten großen Idee, dem nächsten Gespräch und der nächsten Verbindung, die die Kunstwelt ein Stück weiterbringt.
Das Interview als Archiv der Zukunft und die Macht der Vernetzung
Ein wesentlicher Teil seines Schaffens ist das Interviewprojekt. Seit Jahrzehnten führt Obrist Gespräche mit den bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Zeit und zeichnet diese auf. Es ist ein gigantisches Archiv des Wissens entstanden, das mittlerweile hunderte von Stunden an Ton- und Bildmaterial umfasst. Obrist begreift diese Gespräche als ein Archiv der Zukunft. Er will das Wissen derer bewahren, die die Welt geprägt haben, um es für kommende Generationen zugänglich zu machen. Seine Interviewtechnik ist dabei geprägt von Empathie und einer tiefen Vorbereitung. Er stellt oft die Frage nach den unrealisierten Projekten, nach jenen Träumen, die Künstler aufgrund von Geldmangel oder Zensur nicht verwirklichen konnten. Damit öffnet er einen Raum für das Mögliche und regt dazu an, über die Grenzen des Bestehenden hinaus zu denken.
Diese Sammelwut von Gedanken und Ideen macht ihn zu einem Chronisten der Zeitgeschichte. Hans Ulrich Obrist ist kein Sammler von Objekten, sondern ein Sammler von Geistesblitzen. Die Macht, die er im Kunstbetrieb ausübt, ist eine weiche Macht. Sie basiert nicht auf dem Besitz von Kapital, sondern auf dem Zugang zu Information und Menschen. Wer von Obrist interviewt wird, gehört zum Kanon. Er ist der Türöffner und der Weichensteller. Seine Arbeit in London an den Serpentine Galleries ist nur die Spitze des Eisbergs; sein eigentliches Werk findet in den unzähligen Gesprächen statt, die er täglich führt. Er ist der lebende Beweis dafür, dass Neugier die stärkste Kraft in der Kunst ist. Solange Hans Ulrich Obrist Fragen stellt, wird der Dialog in der Kunstwelt nicht verstummen. Er bleibt der staunende Beobachter, der uns alle dazu einlädt, die Welt mit seinen Augen zu sehen: als ein unendliches Netzwerk voller Möglichkeiten und Wunder.
Obrists Einfluss auf die Biennale-Kultur ist ebenfalls nicht zu unterschätzen. Er hat zahlreiche Biennalen weltweit organisiert und dabei stets darauf geachtet, lokale Traditionen mit globalen Diskursen zu verknüpfen. Er sieht die Biennale nicht als eine reine Leistungsschau, sondern als ein temporäres Museum, das in der Lage ist, die Identität einer Region neu zu definieren. Sein Engagement für die Kunststiftung der Allianz zeigt zudem sein Interesse an der Förderung junger Talente und der langfristigen Sicherung kultureller Infrastrukturen. Er ist ein strategischer Denker, der weiß, dass Kunst Freiheit braucht, aber auch solide Netzwerke, um wirken zu können.
Blickt man auf die Karriere von Hans Ulrich Obrist, so erkennt man ein Muster der permanenten Grenzüberschreitung. Von der Küche in St. Gallen bis zum Hyde Park in London hat er bewiesen, dass die Größe einer Idee nicht vom Ort ihrer Präsentation abhängt, sondern von der Intensität, mit der sie verfolgt wird. Er bleibt eine Ausnahmeerscheinung, ein Mensch, der die Kunst mehr liebt als seinen Schlaf und der bereit ist, alles zu tun, um den Dialog am Laufen zu halten. Seine Geschichte ist noch lange nicht zu Ende geschrieben, denn für einen Marathonmann wie Obrist ist das Ziel immer nur der Anfang einer neuen Runde im globalen Zirkus der Ideen. Er wird weiterhin Sprachen lernen, Länder bereisen und Menschen zusammenbringen, getrieben von jenem neugierigen Kind in ihm, das niemals aufhört, nach dem Warum zu fragen.
Mehr Informationen unter: https://sz-magazin.sueddeutsche.de/kunst/dauerbrenner-81137
Signums sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler unserer Zeit vor. Als Galerie für zeitgenössische Kunst fördern und publizieren wir Künstler aus allen Bereichen modernen Schaffens.
