Der Name Pipilotti Rist ist weit mehr als nur ein Pseudonym; er ist ein radikales Versprechen an die Freiheit und die Unkonventionalität. Die im Jahr neunzehnhundertzweiundsechzig als Elisabeth Charlotte Rist geborene Schweizer Künstlerin hat eine Identität geschaffen die so bunt und mutig ist wie ihr großes Vorbild aus der Kindheit. Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf diente ihr schon früh als Rollenmodell und prägte die Wahl ihres Künstlernamens maßgeblich. Rist die aus Buchs im Kanton Sankt Gallen stammt wuchs in einer kreativen Umgebung mit drei Schwestern und ihrem Bruder Tom auf der ebenfalls als Künstler tätig ist. Sie ist der Inbegriff eines Freigeistes für den die herkömmliche Schweizer Mentalität bald zu eng wurde. Pipilotti Rist hat die Videokunst aus den dunklen Kellern der Avantgarde geholt und sie in eine Welt voller Farben und Sinnlichkeit sowie Humor überführt. Heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig gilt sie als eine der weltweit einflussreichsten Persönlichkeiten der Gegenwartskunst deren Werke die Grenzen der Wahrnehmung immer wieder aufs Neue verschieben.
Die akademische Ausbildung zwischen Wien und Basel
Nach ihrem Abitur zog es Elisabeth Rist in die österreichische Hauptstadt um an der Wiener Hochschule für Angewandte Kunst zu studieren. Dort belegte sie zunächst die Fächer Gebrauchs und Illustrations sowie Fotografik was ihren Blick für die Komposition und die visuelle Kommunikation schärfte. Doch der Reiz des bewegten Bildes war stärker und so wechselte sie nach Basel an die Schule für Gestaltung um die Videoklasse für Audiovisuelle Kommunikation zu besuchen. In dieser Zeit begann sie die technischen Möglichkeiten des Mediums Video systematisch zu erforschen. Erste praktische Erfahrungen sammelte sie bei der Produktion von Lehrfilmen und Werbefilmen für Großunternehmen wo sie lernte wie man Bilder manipuliert um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Parallel dazu arbeitete sie erfolgreich als Grafikdesignerin was ihre Fähigkeit zur klaren Formgebung und zur Nutzung technischer Effekte weiter festigte. Diese Kombination aus handwerklichem Können und künstlerischem Drang legte den Grundstein für ihre spätere Karriere als Videokünstlerin und Computerkünstlerin die die Technologie nicht als Zweck sondern als Werkzeug der Verführung nutzt.
Musikalische Rebellion und die Gruppe Les Reines Prochaines
Ein wesentlicher Aspekt ihrer künstlerischen Entwicklung war ihre Zeit als Musikerin in der Frauen Performance Band Les Reines Prochaines. Sechs Jahre lang war Pipilotti Rist ein aktives Mitglied dieser Gruppe die für ihre unkonventionellen Auftritte und ihre kritischen Texte bekannt war. Die Band veröffentlichte mehrere Schallplatten und bot Rist eine Plattform um die Verbindung von Klang und Körper sowie Performance zu erproben. Diese Erfahrung im kollektiven kreativen Prozess und die Unmittelbarkeit der Bühne beeinflussten ihre späteren Videoinstallationen zutiefst. Sie lernte dass die Akustik ebenso wichtig ist wie das Bild um eine totale Sinneswahrnehmung beim Publikum zu erzeugen. In ihren Arbeiten stehen diese Sinneswahrnehmungen stets im Vordergrund sei es durch eine extreme Farbintensität oder durch eingebaute akustische Signale und haptische Elemente. Rist schafft Räume in denen man die Kunst nicht nur sieht sondern in denen man förmlich in ihr badet und sie mit allen Sinnen aufsaugt.
Pickelporno und die künstlerische Erforschung der Lust
Der internationale Durchbruch gelang Pipilotti Rist im Jahr zweiundneunzig mit ihrem Video Pickelporno. In diesem Werk setzte sie sich auf eine vollkommen neue Weise mit der Darstellung von Sexualität und Sinnlichkeit auseinander. Das Video arbeitet mit extremen Nahaufnahmen und sinnlich verfremdeten Körperformen die den Betrachter zunächst irritieren können. Es entsteht phasenweise der Eindruck eines Kriminalfilms doch das eigentliche Anliegen war die Suche nach einer künstlerischen Sprache für die weibliche Lust jenseits der klischeehaften Darstellungen der Pornoindustrie. Pickelporno zeigte Rists Meisterschaft in der Bildmontage und im Einsatz von ungewöhnlichen Kameraperspektiven. Sie machte den menschlichen Körper zu einer fremden und doch vertrauten Landschaft die es neu zu entdecken galt. Diese Arbeit markierte den Beginn einer Reihe von experimentellen Filmen und Computerkunst Projekten die ihren Ruf als provokante und zugleich tiefgründige Videokünstlerin festigten.
Die Provokation als Methode und der Triumph in Venedig
Im Jahr neunzehnhundertsiebenundneunzig erhielt Pipilotti Rist für ihre Arbeit den Premio 2000 auf der Biennale in Venedig was die erste von vielen bedeutenden internationalen Auszeichnungen war. Ihr Ruf als Künstlerin die Tabus bricht und die Sehgewohnheiten herausfordert eilte ihr voraus. In Werken wie I am not the girl who misses much arbeitete sie bereits früh mit Verfremdungen und Unschärfen sowie mit verschiedenen Filmgeschwindigkeiten und Collagen. Sie thematisierte konsequent die Geschlechterunterschiede und das Bild das die Gesellschaft vom weiblichen Körper zeichnet. Rist nutzt die Irritation der Sinne ganz gezielt um die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Thema zu lenken. Ein bekanntes Beispiel ist ihr Tanz zu Songs der Beatles bei dem die Musik deutlich schneller läuft als ihre Bewegungen was eine seltsame Distanz und Reflexion erzeugt. Sie übernahm zudem die künstlerische Leitung der Schweizer Landesausstellung Expo.01 wo sie ihre Vision einer multimedialen Kunstlandschaft in einem gewaltigen Maßstab realisieren konnte.
Pepperminta und das dauerhafte Erbe in Zürich
Zwischen den Jahren zweitausendfünf und zweitausendneun wagte Pipilotti Rist den Sprung zum Langfilm und drehte den Spielfilm Pepperminta. Dieser Film ist eine farbenfrohe und fantastische Reise die ganz dem Geist ihrer bisherigen Videoinstallationen entspricht. Er feiert die Phantasie und die Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen durch die Kraft der Farbe und der Sinnlichkeit. Heute blickt die Künstlerin auf eine beeindruckende Karriere zurück die von Museen auf der ganzen Welt gewürdigt wird. Bedeutende Institutionen haben ihre Fotoarbeiten und Installationen sowie ihre Videokunst angekauft um sie für die Nachwelt zu bewahren. Pipilotti Rist lebt und arbeitet heute in Zürich von wo aus sie weiterhin neue Projekte entwickelt die das Publikum verzaubern und herausfordern. Sie bleibt die Pippi Langstrumpf der Kunstwelt die uns zeigt dass die Welt viel schöner und aufregender sein kann wenn wir bereit sind sie durch eine bunte Linse zu betrachten. Ihr Vermächtnis ist eine Kunst der Lebensfreude und der radikalen Subjektivität die auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren hat.
Mehr Informationen unter: http://pipilottirist.net
Signums sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler unserer Zeit vor. Als Galerie für zeitgenössische Kunst fördern und publizieren wir Künstler aus allen Bereichen modernen Schaffens.
