Susan Hiller und die parakonzeptuelle Erforschung des Verborgenen

In der heutigen Kunstlandschaft des Jahres zweitausendsechsundzwanzig bleibt das Wirken von Susan Hiller ein leuchtendes Beispiel für die Verbindung von scharfem Intellekt und tief empfundener Menschlichkeit. Ihr umfassendes Gesamtwerk das sowohl vielseitig als auch progressiv ist fordert die Betrachter noch immer dazu auf die Grenzen zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren neu zu verhandeln. Geboren wurde Susan Hiller am siebten März neunzehnhundertvierzig in Tallahassee in Florida und sie verstarb am achtundzwanzigsten Januar zweitausendneunzehn in London. Ihr Weg von der akademischen Anthropologie zur freien Kunst ist eine der faszinierendsten Metamorphosen der modernen Kulturgeschichte. Sie war eine Visionärin die den Einsatz von Multimedia-Technologien entscheidend vorangetrieben hat und als eine der wichtigsten Vorkämpferinnen der Video- sowie Installationskunst gilt. Hiller war niemals nur eine Produzentin von Objekten; sie war eine Forscherin die das kulturelle Gedächtnis der Menschheit nach den Stimmen absuchte die normalerweise im Lärm der Mehrheitsgesellschaft untergehen.

Von der Anthropologie zur radikalen Kunstpraxis

Die frühen Jahre von Susan Hiller waren geprägt von einem unbändigen Wissensdurst und einer tiefen Neugier auf die Strukturen menschlichen Zusammenlebens. Ihre Kindheit verbrachte sie in der Umgebung von Cleveland in Ohio bevor sie im Jahr neunzehnhundertzweiundfünfzig nach Florida zurückkehrte. Nach ihrem Highschool-Abschluss im Jahr neunzehnhundertsiebenundfünfzig zog es sie an das renommierte Smith College in Northampton. Ihre akademische Laufbahn war beeindruckend und vielseitig; sie erwarb einen Bachelor für Fotografie und Film bei Cooper Union for the Advancement of Science and Art und widmete sich am New Yorker Hunter College dem Studium der Linguistik und Archäologie. Schließlich promovierte sie im Jahr neunzehnhundertfünfundsechzig an der Tulane University in New Orleans zum Doctor of Philosophy im Fach Anthropologie. Diese wissenschaftliche Grundlegung sollte das Fundament für ihre spätere künstlerische Arbeit bilden die sie selbst als parakonzeptuell bezeichnete. Ihre Feldforschungen führten sie in entlegene Regionen von Belize sowie Mexiko und Guatemala wo sie sich intensiv mit den dortigen Kulturen auseinandersetzte. Doch genau diese Arbeit führte zu einer tiefen Krise in ihrem Verständnis von Wissenschaft. Sie begann die objektivierende Methodik der anthropologischen Forschung massiv zu kritisieren da sie das Gefühl hatte dass die Distanz des Beobachters die lebendige Wahrheit der Menschen eher verschleiert als erhellt.

Der endgültige Bruch mit der Wissenschaft erfolgte nach einer Vorlesung zum Thema Kunst in Afrika die in ihr den Entschluss reifen ließ selbst eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen. Hiller erkannte dass die Kunst Wege der Erkenntnis bietet die der Wissenschaft verschlossen bleiben da sie Raum für das Subjektive und das Geheimnisvolle lässt — eine Überzeugung die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Wissenschaft berührt. Um diesen neuen Weg konsequent zu verfolgen zog sie nach London das fortan ihr Lebensmittelpunkt und der Ausgangspunkt ihrer internationalen Karriere werden sollte. In der britischen Hauptstadt fand sie die Freiheit ihre anthropologische Vorbildung mit einer radikalen ästhetischen Praxis zu verschmelzen. Sie wurde zu einer Pionierin die keine Angst davor hatte die Werkzeuge der Technologie zu nutzen um die tiefsten menschlichen Erfahrungen zu dokumentieren. Ihr Werk wurde zu einem Ort an dem die Wissenschaft auf die Poesie traf und an dem die Realität durch die Linse der Träume neu betrachtet wurde.

Die Magie des Alltäglichen und das Übernatürliche

Susan Hillers künstlerische Arbeit zeichnete sich durch eine enorme thematische Breite aus. Sie untersuchte verschiedene Aspekte der Kultur unter besonderer Beachtung marginalisierter oder unterdrückter Strömungen. Dabei schreckte sie auch vor Themen nicht zurück die in der rationalen Welt oft als esoterisch oder paranormal abgetan werden. Von der Telekinese bis hin zu übernatürlichen Begegnungen untersuchte sie wie Menschen diese Phänomene erleben und wie diese Erfahrungen ihr Weltbild formen. Sie verarbeitete Alltagsmaterialien wie Tapeten und Postkarten und verwandelte diese banalen Objekte in Träger von Geschichte und Bedeutung. Hiller sah in der Tapete eines Kinderzimmers oder in einer alten Ansichtskarte ebenso viel kulturelle Information wie in einem archäologischen Fundstück. In dieser Archäologie des Alltäglichen steht sie neben Annette Messager, die in ihren Sammelalben ebenfalls das Unscheinbare — Kochrezepte, Schönheitstipps, Zeitungsausschnitte — zum Material der Kunst erhob, und neben Christian Boltanski, der mit seinen Archiven der Erinnerung eine verwandte Obsession für die Spuren des gelebten Lebens pflegte. Ihre Werke waren oft von einer technischen Eleganz und einer konzeptionellen Klarheit geprägt die den Betrachter sofort in ihren Bann zog.

Ein besonderes Beispiel für ihre visionäre Praxis war ihre Auseinandersetzung mit der Sprache und den Träumen. In ihren großformatigen Werken schuf sie Räume in denen die Stimmen der Vergangenheit und die Visionen der Zukunft aufeinanderprallten. Sie dokumentierte tiefgreifende persönliche Erfahrungen und gab ihnen eine Form die sowohl intellektuell herausfordernd als auch ästhetisch ansprechend war. Ihre Arbeiten waren niemals nur Dokumentationen; sie waren Transformationen die das Publikum dazu einluden die eigene Wahrnehmung der Realität zu hinterfragen. Hillers parakonzeptueller Ansatz bedeutete dass sie die Konzepte der Kunst zwar nutzte sie aber gleichzeitig durch die Einbeziehung des Irrationalen und des Unbewussten transzendierte. Sie zeigte uns dass das was wir als Realität bezeichnen oft nur eine dünne Schicht über einem tiefen Ozean aus Mythen und Träumen ist.

Visionäre Praxis und internationale Meilensteine

Die Bedeutung von Susan Hiller spiegelte sich in zahlreichen international beachteten Ausstellungen wider. Bereits im Jahr neunzehnhundertvierundneunzig sorgte ihre Arbeit im Londoner Sigmund Freud Museum für Aufsehen wo sie sich direkt mit den Wurzeln der Psychoanalyse und der Erforschung des Unbewussten auseinandersetzte. Im Jahr zweitausend folgte die europäische Wanderausstellung Silent Witnesses die ihren Ruf als eine der führenden Installationskünstlerinnen festigte. Ein weiteres herausragendes Projekt war The J. Street Project das zwischen zweitausendzwei und zweitausendfünf entstand. In dieser Arbeit dokumentierte sie alle Straßennamen in Deutschland die das Wort „Jude“ enthielten und schuf so ein erschütterndes Mahnmal für die Abwesenheit und das kulturelle Gedächtnis. Diese Arbeit zeigte ihre Fähigkeit historische Traumata mit einer fast schon klinischen Präzision und einer tiefen emotionalen Wucht zu verhandeln — eine Methode die an Walid Raads fiktive Archive erinnert, die ebenfalls die Lücken der offiziellen Geschichtsschreibung zum Thema machen.

Ihre Teilnahme an der Documenta in Kassel in den Jahren zweitausendzwölf und zweitausendsiebzehn sowie ihre mehrfachen Einladungen zur Sydney Biennale unterstreichen ihren Rang als eine der einflussreichsten Künstlerinnen der Gegenwart. Große Einzelausstellungen in Städten wie Miami sowie Vancouver und Turin machten ihr Werk einem weltweiten Publikum zugänglich. Ein besonderer Höhepunkt war die bedeutende Retrospektive in der Londoner Tate Gallery of British Art im Jahr zweitausendelf. Anlässlich ihres Todes im Jahr zweitausendneunzehn würdigte die Kuratorin Ann Gallagher die immense Bedeutung von Hiller und betonte ihren wachsenden Einfluss auf die moderne Malerei sowie die Objektkunst und die zeitgenössische Fotografie.

Das pädagogische Vermächtnis und die Zukunft der Kunst

Neben ihrer eigenen künstlerischen Produktion war Susan Hiller eine leidenschaftliche Lehrerin die zahlreiche junge Künstlerinnen und Künstler unterstützte und prägte. Sie lehrte Kunst in Städten wie London sowie Belfast und Los Angeles sowie in Newcastle. Ihr Wissen über die Anthropologie und die Linguistik sowie ihre technologische Kompetenz gab sie großzügig an ihre Studenten weiter. Sie ermutigte sie dazu über die Grenzen der eigenen Disziplin hinauszuschauen und die Kunst als ein Werkzeug der sozialen und kulturellen Analyse zu begreifen — eine Haltung die auch das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft insgesamt berührt. Für Hiller war die Lehre eine Fortsetzung ihrer künstlerischen Praxis; es ging darum neue Räume für das Denken und das Fühlen zu öffnen.

Heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig sehen wir wie aktuell ihre Themen geblieben sind. Die Untersuchung marginalisierter Stimmen und die Auseinandersetzung mit dem technologischen Wandel sowie die Erforschung des Unbewussten sind heute zentraler denn je. Susan Hiller hat uns gelehrt dass die Kunst die Kraft besitzt das Verborgene sichtbar zu machen und dass wir keine Angst vor den dunklen Ecken unserer Kultur haben müssen. Ihr Werk bleibt eine ständige Quelle der Inspiration für alle die daran glauben dass die Kunst eine Form der Forschung ist die uns hilft die Komplexität unserer Existenz besser zu verstehen. Sie verstarb im Alter von achtundsiebzig Jahren nach einer kurzen und schweren Krankheit doch ihr Geist lebt in ihren visionären Werken weiter die uns auch in Zukunft immer wieder dazu auffordern werden die Welt mit neuen Augen zu sehen.

Susan Hiller bleibt eine unverzichtbare Stimme der Moderne die uns zeigt dass der scharfe Verstand und das offene Herz keine Gegensätze sind sondern die notwendigen Bedingungen für eine wahrhaftige Kunstproduktion. Ihr Vermächtnis ist eine parakonzeptuelle Schule des Sehens die uns lehrt dass hinter jeder Postkarte und jedem Traum eine ganze Welt darauf wartet entdeckt zu werden. Sie war die Architektin der feinen Zwischentöne und die Chronistin des Übersehenen deren Einfluss auf die kommenden Generationen von Kunstschaffenden stetig wachsen wird.

Mehr Informationen unter: http://www.susanhiller.org

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die das Verborgene sichtbar machen — von Dark Ages bis Dramaturgien des Zwischenraums.