Die zeitgenössische Kunstwelt des einundzwanzigsten Jahrhunderts hat in Theaster Gates eine Figur gefunden die weit über die Grenzen herkömmlicher Galerien und Museen hinausstrahlt und die Architektur der Stadtplanung mit der spirituellen Kraft der Gemeinschaft verknüpft. Der im Jahr eintausendneunhundertdreiundsiebzig in Chicago geborene Installationskünstler ist ein moderner Alchemist der nicht nur unedle Metalle in Gold verwandelt sondern verlassene Gebäude und vernachlässigte Stadtteile in pulsierende Zentren der Kultur und des Austauschs transformiert. Gates ist ein Künstler der die Sprache der Stadtplanung ebenso fließend spricht wie die Dialekte der Keramik und der Religionslehre was seinem Werk eine außergewöhnliche Tiefe und eine moralische Integrität verleiht. In Chicago wo er bis heute lebt und arbeitet hat er die South Side zu seinem eigentlichen Atelier gemacht und bewiesen dass Kunst eine treibende Kraft für gesellschaftliche Gerechtigkeit und urbane Erneuerung sein kann. Sein Wirken ist eine radikale Absage an die Vorstellung dass Kunst nur in weißen kühlen Räumen stattfinden darf. Stattdessen platziert er seine Inhalte dort wo sie am dringendsten benötigt werden nämlich im Herzen der Nachbarschaften die von der Geschichte und der Politik allzu oft vergessen wurden. Theaster Gates ist ein Visionär der das Materielle mit dem Metaphysischen verbindet und uns zeigt dass die Rettung eines Gebäudes gleichzeitig die Heilung einer Gemeinschaft bedeuten kann.
Von Iowa nach Kapstadt die akademische Grundlegung eines Grenzgängers
Die akademische Laufbahn von Theaster Gates legte bereits früh den Grundstein für seine spätere Weigerung sich in eine einzige künstlerische Schublade stecken zu lassen. Er begann seinen Weg mit einem Studium der Stadtplanung an der Iowa State University das er im Jahr eintausendneunhundertsechsundneunzig mit einem Bachelor of Science abschloss. Diese Ausbildung gab ihm das Verständnis für die strukturellen Probleme amerikanischer Metropolen und die Mechanismen der Segregation und des Verfalls. Doch bereits während dieser Zeit suchte er nach einer tieferen Bedeutung jenseits von nackten Zahlen und Bauplänen. Sein Interesse an der Kunst Japans und die intensive Beschäftigung mit dem Thema Religion führten ihn schließlich nach Südafrika. An der University of Cape Town absolvierte er seinen Master in Bildender Kunst und Religionslehre eine Kombination die auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen mag aber den Kern seines gesamten Schaffens bildet. In Kapstadt lernte er wie man spirituelle Konzepte in materielle Formen übersetzt und wie der Glaube eine Gemeinschaft in Zeiten der Unterdrückung stützen kann. Diese Erfahrungen integrierte er später in seine Kunst indem er die Inhalte der Stadtplanung als gesellschaftliche Probleme in seinen Installationen inszenierte. Seit dem Jahr zweitausendelf fungiert er als Direktor der Arts and Public Life Initiative an der University of Chicago und leitet zudem das Place Lab. Dieses Projekt das aus einer Partnerschaft mit der Harris School of Public Policy entstand widmet sich der Entwicklung völlig neuer Ansätze der Stadtplanung bei denen die Kunst nicht als bloßes Ornament sondern als zentrales Element der Stadtentwicklung begriffen wird.
Plate Convergence und die Kraft der fiktiven Erzählung als sozialer Klebstoff
Ein bedeutender Wendepunkt in der Karriere von Theaster Gates war die Ausstellung Plate Convergence im Jahr zweitausendsieben im Hyde Park Art Center. Hier bewies er sein außergewöhnliches Talent konzeptuelle Kunst mit einer packenden Erzählweise zu verweben um Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Gates erfand für diese Ausstellung die bewegende Hintergrundgeschichte von Shoji Yamaguchi einem japanischen Töpfer der nach dem Zweiten Weltkrieg in die Vereinigten Staaten auswanderte und sich im rassistisch geprägten Mississippi niederließ. Dort heiratete er eine schwarze Bürgerrechtlerin und entwarf einen speziellen Teller der explizit für die Küche und die Bedürfnisse der schwarzen Gemeinschaft konzipiert war. In der Ausstellung selbst inszenierte Gates diese Keramikplatten in hängender Form und schuf eine Atmosphäre die gleichzeitig an ein Archiv und an einen heiligen Raum erinnerte. Doch der eigentliche Kern des Werkes lag in der sozialen Interaktion. Gates organisierte spezielle Tabledinner für die er die Teilnehmer sorgfältig auswählte und dokumentierte diese Zusammenkünfte auf Video. Die Besucher der Ausstellung konnten diese Aufnahmen betrachten während sie an den gedeckten Tischen standen was das gemeinsame Essen zur Basis neuer und oft unerwarteter Freundschaften machte. Mit diesem Projekt thematisierte er nicht nur die Verbindung von schwarzer und japanischer Kulturtradition sondern auch die fundamentale Bedeutung des Teilens von Speisen als Akt der Versöhnung und der Gemeinschaftsbildung. Es war ein früher Beleg für sein Credo dass Kunst dort am stärksten ist wo sie reale menschliche Beziehungen stiftet.
Die South Side als Leinwand für radikale Stadterneuerung und Inklusion
Theaster Gates ist seiner Herkunft in Chicago stets treu geblieben und hat sich insbesondere für die South Side engagiert die als eine der verlassensten und am stärksten vernachlässigten Gegenden der Weltstadt gilt. Anstatt die Region zu verlassen um in den glitzernden Kunstzentren der Welt Karriere zu machen nutzt er seinen Erfolg um ehemals ungenutzte Gebäude aufzukaufen und sie in Begegnungsstätten für die Community zu verwandeln. Sein Engagement ist getrieben von der Überzeugung dass jeder Mensch unabhängig von seinem Einkommen oder seinem sozialen Status einen Zugang zu Kunst und Musik verdient hat. Ein ikonisches Beispiel für diese Form der sozialen Plastik ist die Rettung der Stony Island Bank im Jahr zweitausendzwölf. Das gewaltige Gebäude stand nach dreißig Jahren Leerstand kurz vor dem Abriss durch die Stadt als Gates einschritt. Er kaufte das Mammutgebäude für den symbolischen Preis von nur einem Dollar und investierte anschließend Millionen von Dollar die er durch den Verkauf seiner Kunstwerke auf dem internationalen Markt erzielt hatte um daraus die heutige Artsbank entstehen zu lassen. Heute ist die Stony Island Arts Bank ein pulsierendes Zentrum das zahlreiche Ausstellungen beherbergt eine eigene Bibliothek mit bedeutenden Sammlungen zur afroamerikanischen Kultur besitzt und regelmäßige Events veranstaltet. Es ist einer der begegnungsstärksten Orte Chicagos geworden an dem die Geschichte des Viertels gewürdigt und die Zukunft der schwarzen Kreativität aktiv gestaltet wird. Damit hat Gates ein Denkmal gesetzt das zeigt wie privates Engagement und künstlerische Vision den Verfall einer Stadt aufhalten können.
Die Documenta und das Erbe der materiellen Geschichte auf der Weltbühne
Die internationale Anerkennung ließ nicht lange auf sich warten und erreichte im Jahr zweitausendzwölf einen Höhepunkt als Theaster Gates zur Teilnahme an der Documenta dreizehn in Kassel eingeladen wurde. Auf dieser weltweit bedeutendsten Ausstellung für zeitgenössische Kunst präsentierte er Projekte die seine Arbeit in Chicago in einen globalen Kontext stellten. Er thematisierte die Materialität von Arbeit und die Würde des Handwerks indem er oft recycelte Materialien wie alte Feuerwehrschläuche oder Teerpappen verwendete die auf die industrielle Geschichte und die sozialen Kämpfe der afroamerikanischen Bevölkerung verwiesen. Sein Auftritt in Kassel festigte seinen Ruf als einer der wichtigsten Vertreter der sogenannten Social Practice Kunst einer Richtung die die ästhetische Produktion untrennbar mit sozialen Prozessen verknüpft. Gates nutzt seine Position auf der Weltbühne nicht zur Selbstdarstellung sondern um auf die strukturellen Ungerechtigkeiten in den Städten weltweit aufmerksam zu machen. Er ist ein Meister darin die Sprache des Marktes zu nutzen um Ressourcen in Projekte zu lenken die keinen unmittelbaren finanziellen Profit versprechen aber einen unschätzbaren kulturellen Wert für die Menschen vor Ort besitzen. Seine Anwesenheit in Kassel war ein Weckruf für die Kunstwelt dass die Zeit der isolierten Kunstwerke in Galerien vorbei ist und dass die Kunst sich wieder mit den harten Realitäten des urbanen Lebens auseinandersetzen muss.
Öffentliche Räume als Denkmale der Gemeinschaft das Projekt 95th Street
Im Jahr zweitausendvierzehn realisierte Theaster Gates eines seiner bisher ehrgeizigsten und teuersten Projekte im öffentlichen Raum Chicagos. Er plante und errichtete eine eine Million Dollar teure Installation für die U Bahnhaltestelle fünfundneunzigste Straße in der South Side. Dies ist bis heute das größte und kostspieligste öffentliche Kunstprojekt in der Geschichte der Chicago Transit Authority. Mit dieser Installation gab er einem oft anonymen und funktionalen Ort eine Seele und eine ästhetische Bedeutung die den Pendlern des Viertels Respekt zollt. Das Projekt war mehr als nur eine dekorative Verschönerung; es war ein Bekenntnis der Stadt zum Wert dieses Stadtteils und seiner Bewohner. Gates nutzt solche Projekte um die Sichtbarkeit der South Side zu erhöhen und um zu zeigen dass exzellente Kunst nicht nur in den schicken Vierteln von Downtown Chicago existieren sollte. Die Installation an der U Bahnstation ist ein täglicher Begleiter für tausende von Menschen und erinnert sie daran dass ihre Umgebung und ihre Wege durch die Stadt es wert sind künstlerisch gewürdigt zu werden. Diese Arbeit zeigt auch das diplomatische Geschick von Gates der es versteht mit staatlichen Institutionen und Verkehrsbehörden zusammenzuarbeiten um seine Visionen von einer schöneren und gerechteren Stadt Wirklichkeit werden zu lassen.
Place Lab und die Erfindung einer neuen urbanen Theorie
Seine Rolle an der University of Chicago erlaubt es Theaster Gates seine praktischen Erfahrungen in eine theoretische Form zu gießen und neue Ansätze für die Stadtplanung der Zukunft zu entwickeln. Als Leiter von Place Lab arbeitet er an der Schnittstelle von Kunst und Politikberatung. Das Ziel ist es Städten Werkzeuge an die Hand zu geben wie sie durch kulturelle Investitionen eine nachhaltige Entwicklung fördern können ohne die ursprünglichen Bewohner zu verdrängen. Gates ist sich der Gefahren der Gentrifizierung sehr bewusst und setzt ihr ein Modell der Community basierten Erneuerung entgegen. Das Place Lab erfindet neue Wege wie Gebäude genutzt und Räume geteilt werden können. Es geht darum die kulturelle DNA eines Ortes zu bewahren und sie als Treibstoff für die Zukunft zu nutzen. Für Gates ist Stadtplanung kein technokratischer Prozess sondern eine Form der Choreografie bei der es darum geht wie Menschen sich begegnen und wie sie sich in ihrer Umgebung zu Hause fühlen können. Diese Arbeit an der Universität ist die notwendige Ergänzung zu seinem praktischen Wirken auf den Straßen Chicagos und macht ihn zu einem der wichtigsten Vordenker für die Stadt von morgen.
Die spirituelle Dimension der Materie und das Erbe von Shoji Yamaguchi
Wenn man das Werk von Theaster Gates verstehen will muss man immer wieder auf seine Anfänge als Töpfer und sein Studium der Religionslehre zurückkommen. Die Arbeit mit dem Ton ist für ihn eine meditative Praxis die ihn mit der Erde und der Geschichte der Menschheit verbindet. In seinen Keramiken findet er eine Ruhe und eine Konzentration die er in seine großen urbanen Projekte übersetzt. Die Geschichte von Shoji Yamaguchi die er so meisterhaft erfand ist ein Gleichnis für seine eigene Identität als Brückenbauer zwischen den Kulturen. Er zeigt uns dass wir durch das Handwerk und das gemeinsame Handeln die Wunden der Vergangenheit überwinden können. Gates sieht in der Schönheit kein Privileg der Reichen sondern ein Grundbedürfnis jedes Menschen. Sein Kampf um die Stony Island Bank oder die U Bahnhaltestelle ist im Kern ein spiritueller Kampf um die Würde des Individuums in der Masse. Er nutzt die Kunst um das Heilige im Alltäglichen sichtbar zu machen und um uns daran zu erinnern dass wir alle die Verantwortung tragen die Räume in denen wir leben mit Sinn und Schönheit zu füllen. Sein Weg von Chicago nach Kapstadt und zurück in die South Side ist eine Reise zu den Quellen der Kreativität die niemals versiegt solange man bereit ist für die Gemeinschaft zu arbeiten.
Theaster Gates bleibt im Jahr zweitausendsechsundzwanzig eine mahnende und zugleich inspirierende Stimme die uns zeigt dass der Künstler von heute ein Stadtplaner ein Priester und ein Nachbar sein muss um wirklich etwas zu bewegen. Er hat bewiesen dass man mit einem Dollar und einer großen Vision die Welt verändern kann wenn man bereit ist sein Leben und seine Kunst in den Dienst einer größeren Sache zu stellen. Sein Vermächtnis liegt in den Steinen der Artsbank in den Gesichtern der Menschen bei seinen Dinnerpartys und in der Hoffnung die er in die verlassensten Winkel seiner Heimatstadt getragen hat. Er ist der Beweis dafür dass die Kunst die Welt vielleicht nicht allein retten kann aber dass sie der Ort ist an dem wir lernen sie jeden Tag ein Stück besser zu machen.
Mehr Informationen unter: https://en.wikipedia.org/wiki/Theaster_Gates
Signums sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler unserer Zeit vor. Als Galerie für zeitgenössische Kunst fördern und publizieren wir Künstler aus allen Bereichen modernen Schaffens.
